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Psychomotorik

Stefanie Kuhlenkamp

veröffentlicht am 11.06.2021

Unter dem Begriff Psychomotorik werden in Deutschland Ansätze einer ganzheitlichen Persönlichkeitsförderung und Entwicklungsbegleitung über die Lebensspanne gefasst, die die Wechselwirkung von Bewegen, Wahrnehmen, Denken und Erleben in sozialen Bezügen in den Mittelpunkt der Arbeit stellen (Krus 2015, S. 53; Eggert und Lütje-Klose 2008, S. 22; Kuhlenkamp 2017, S. 22 ff.).

Überblick

  1. 1 Entwicklung und Verbreitung der Psychomotorik in Deutschland
  2. 2 Handlungsprinzipien der Psychomotorik
  3. 3 Aus- und Weiterbildung in Deutschland
  4. 4 Quellenangaben
  5. 5 Informationen im Internet

1 Entwicklung und Verbreitung der Psychomotorik in Deutschland

Der Artist und Sportlehrer Ernst „Jonny“ Kiphard (1923–2010) gilt als die zentrale Gründungsperson der deutschen Psychomotorik. Ab Mitte der 1950er entwickelte Kiphard im Rahmen seiner Tätigkeit in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie das Konzept der Psychomotorischen Übungsbehandlung. In dieser führte er Ideen u.a. aus dem Turnen, der Gymnastik, der Sinneserziehung, der Rhythmik und der Leibeserziehung zusammen und adaptierte diese für seine praktische Arbeit. Die psychomotorische Praxis sowie die Begriffs- und Theoriebildung wurden seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Psychomotorik wird an Universitäten, Hochschulen und Fachschulen gelehrt. Darüber hinaus existieren zahlreiche Angebote der psychomotorischen Fort- und Weiterbildung. Hieraus resultiert, dass Psychomotorik durch unterschiedliche Berufsgruppen ausgeübt und für unterschiedliche Adressat*innengruppen konzipiert wird. Aktuell versammeln sich daher unter dem Begriff Psychomotorik verschiedene Theorie- und Praxisansätze, die unterschiedliche Schwerpunkte in Theorie und Praxis setzen.

Psychomotorisches Arbeiten hat Einzug gehalten in viele Handlungsfelder der Pädagogik, Bildung, Therapie und Gesundheitsförderung. Stark verbreitet ist die Psychomotorik im frühpädagogischen Bereich z.B. in Kindertageseinrichtungen (Zimmer 2020). Hier wird sie im Rahmen der allgemeinen Bewegungsförderung eingesetzt (Kuhlenkamp und Schlesinger 2021). In heilpädagogischen Kontexten hat sich Psychomotorik als Methode der Entwicklungsförderung für Kinder und Jugendliche etabliert. Exemplarisch hierfür können die Frühförderung und heilpädagogische Maßnahmen im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe oder auch die stationäre Jugendhilfe genannt werden (Hammer 2015). Im Rahmen der Gesundheitsförderung wird Psychomotorik zum Beispiel in den Frühen Hilfen, aber auch in der Arbeit mit Erwachsenen eingesetzt (Haas 2015; Haas, Golmert und Kühn 2014). Mit der Motogeragogik hat sich ein Konzept der Psychomotorik entwickelt, das sich an Menschen, die in Einrichtungen der stationären Altenhilfe leben, und an demenziell veränderte Menschen richtet (Eisenburger 2015).

2 Handlungsprinzipien der Psychomotorik

Das humanistische Menschenbild sowie die Einheit von körperlichen und seelischen Prozessen bilden das grundlegende Verständnis psychomotorischen Arbeitens. Über den Körper und die Bewegung gewonnene Erfahrungen werden als Fundament von Lernprozessen, Persönlichkeitsentwicklung, Identitätsbildung und Beziehungsgestaltung über die gesamte Lebensspanne betrachtet.

In der psychomotorischen Arbeit wird Bewegung als Ausgangs- und Ansatzpunkt für soziales, emotionales und kognitives Handeln betrachtet. Bewegung dient dem Ausdruck, der Mitteilung und dem Erfahrungsgewinn (Kuhlenkamp 2017, S. 121). Das Bewegungsverständnis geht also über die bloße körperliche Aktivität und ein Beüben motorischer Funktionen hinaus. Bewegung erhält in der Psychomotorik eine kontextbezogene, individuelle, sinngebende Bedeutung.

Die grundlegenden Handlungsprinzipien der Psychomotorik werden u.a. von Kiphard (1989, S. 50) mit folgenden Begriffen umrissen und kontrastiert:

  • Erlebnis- und Persönlichkeitsorientierung anstelle von Leistungsorientierung
  • Individuumsorientierung anstelle einer Normorientierung
  • Prozessorientierung anstelle von Produktorientierung
  • freie Handlungsmöglichkeiten in offenen Bewegungssituationen anstelle des ausschließlichen Nachvollziehens genormter Bewegungsabläufe
  • Selbstbestimmung und Freiwilligkeit anstelle von Fremdbestimmung

Ergänzt werden diese Handlungsprinzipien um folgende Orientierungen (Kuhlenkamp 2017, S. 124–149):

3 Aus- und Weiterbildung in Deutschland

Hochschulische Ausbildungsmöglichkeiten:

  • Master „Motologie“, Phillips Universität Marburg
  • Ausbildungsintegrierter Bachelor-Studiengang „Interdisziplinäre Physiotherapie-Motologie-Ergotherapie“, Hochschule Emden
  • Verschiedene Studiengänge mit psychomotorischer Profilbildung (u.a. im Studiengang Soziale Arbeit an der HS Darmstadt)

Fachschulische Ausbildungsmöglichkeit:

  • „Motopädie“ an Fachschulen für Motopädie in Nordrhein-Westfalen

Fort- und Weiterbildungsangebote:

  • Deutsche Akademie – Aktionskreis Psychomotorik e.V. (dakp), bundesweites Fort- und Weiterbildungsangebote u.a. Berufsqualifikation Psychomotorik, psychomotorische Fachqualifikationen, Lehrqualifikation Psychomotorik, Fortbildungskurse
  • Rheinische Akademie im Förderverein Psychomotorik e.V. Bonn, u.a. Zusatzqualifikation Psychomotorik, Tagesfortbildung
  • Institut für Bewegungsbildung und Psychomotorik (IBP), Gröbenzell, u.a. Zusatzqualifikation Psychomotorik, Zertifikatsweiterbildung PsychomotorikerIn (IBP)

4 Quellenangaben

Eggert, Dietrich und Birgit Lütje-Klose, 2008. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung. Textband. 7. Auflage. Dortmund: Borgmann. ISBN 978-3-86145-302-4

Eisenburger, Marianne, 2015. Motogeragogik: Psychomotorik im Alter. In: Astrid Krus und Christina Jasmund, Hrsg. Psychomotorik in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Stuttgart: Kohlhammer, S. 225–239. ISBN 978-3-17-022684-5 [Rezension bei socialnet]

Haas, Ruth, 2015. Belastungen und Ressourcen im Gleichgewicht – Psychomotorische Perspektiven auf betriebliche Gesundheitsförderung im Kontext der Sozialen Arbeit. In: Astrid Krus und Christina Jasmund, Hrsg. Psychomotorik in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Stuttgart: Kohlhammer, S. 162–185. ISBN 978-3-17-022684-5 [Rezension bei socialnet]

Haas, Ruth, Corinna Golmert und Claudia Kühn, Hrsg., 2014. Psychomotorische Gesundheitsförderung in der Praxis: Spiel- und Dialogräume für Erwachsene. Schorndorf: Hofmann. ISBN 978-3-7780-7031-4

Hammer, Richard, 2015. Psychomotorik in der Kinder- und Jugendhilfe. In: Astrid Krus und Christina Jasmund, Hrsg. Psychomotorik in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Stuttgart: Kohlhammer, S. 133–145. ISBN 978-3-17-022684-5 [Rezension bei socialnet]

Kiphard, Ernst J., 1989. Psychomotorik in Praxis und Theorie. Dortmund: Verlag modernes lernen. ISBN 978-3-87231-046-0

Krus, Astrid, 2015. Psychomotorik – Gegenstandsbestimmung. In: Astrid Krus und Christina Jasmund, Hrsg. Psychomotorik in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Stuttgart: Kohlhammer, S. 36–56. ISBN 978-3-17-022684-5 [Rezension bei socialnet]

Kuhlenkamp, Stefanie, 2017. Lehrbuch Psychomotorik. München: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-8252-8717-7 [Rezension bei socialnet]

Kuhlenkamp, Stefanie und Gisela Schlesinger, 2021. Bewegungsförderung in Kindertageseinrichtungen: Frühe Bildung in Bewegung. München: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-497-03033-0

Zimmer, Renate, 2020. Handbuch der Bewegungserziehung. Freiburg im Breisgau: Herder, ISBN 978-3-451-38602-2

5 Informationen im Internet

Verbände:

Autorin
Prof.in Dr. Stefanie Kuhlenkamp
lehrt im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund mit dem Schwerpunkt Soziale Teilhabe und Inklusion. Mehrjährige Tätigkeit als Lehrende an einer Fachschule für Motopädie sowie im Lehrgebiet Bewegungserziehung und -therapie der TU Dortmund. Sie leitet den Förderverein Bewegungsambulatorium an der Universität Dortmund e. V. und arbeitet hier auch psychomotorisch mit Kindern und Jugendlichen.
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Zitiervorschlag
Kuhlenkamp, Stefanie, 2021. Psychomotorik [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 11.06.2021 [Zugriff am: 20.06.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Psychomotorik

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