Psychose
Prof. Dr. Thomas Bock
veröffentlicht am 21.05.2026
Eine Psychose ist ein Ausnahmezustand von Körper, Geist und Seele, bei dem psychische Funktionen wie Wahrnehmung und Denken oder auch Stimmung und Antrieb wesentlich verändert erscheinen und die gewohnte Abgrenzung zwischen innerer und äußerer Realität nicht mehr vollständig gelingt. Die Ursachen sind vielfältig und können bei unterschiedlichen psychischen oder auch körperlichen Erkrankungen jeweils anders ausgeprägt sein. Eine Psychose ist meist vorübergehend, aber zugleich als Möglichkeit tief im Mensch-Sein verwurzelt.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Anthropologische Perspektive: Psychosen als menschliche Möglichkeit
- 3 Psychosen im medizinischen Kontext
- 4 Verschiedene Formen
- 5 Hintergründe und soziale Kontexte
- 6 Notwendigkeit vielfältiger lebensnahe Hilfen
- 7 Beziehungsorientierung in Psycho‑ und Pharmakotherapie
- 8 Stigma-Risiko und fragwürdige Assoziationen zu Gewalt
- 9 Ringen um Sensibilität und Toleranz, Trialog und Hoffnung
- 10 Quellenangaben
- 11 Literaturhinweise
- 12 Informationen im Internet
1 Zusammenfassung
Psychose wird als zutiefst menschliche Möglichkeit und im Kontext verschiedener psychischer und körperlicher Erkrankungen dargestellt, sodass sich anthropologische und pathologische Sicht gut vergleichen lassen und ergänzen können. Die vielfältige subjektive Bedeutung des Geschehens führt zu verschiedenen Sprachbildern für Psychosen und zur Notwendigkeit des Ringens um eine gemeinsame Sprache, etwa durch Übersetzung psychiatrischer Fachsprache in Alltags‑ bzw. Erfahrenensprache.
Psychosen haben komplexe Hintergründe. Familie kann bedeutender Schutzraum und zugleich Ort für Krisen sein, weitere soziale Orte Räume für Zugehörigkeit und für Konflikte. Der Komplexität von Psychosen mit ihrem Doppelcharakter von Störung und Sinn entspricht die Notwendigkeit entsprechend komplexer Hilfen, die lebensnah, beziehungsorientiert, kooperativ und verbindlich sein sollten. Gesellschaftlich bedeutsam sind Stigmatisierung, fragwürdige Assoziationen zu Gewalt und die Hoffnung durch trialogische Zusammenarbeit.
2 Anthropologische Perspektive: Psychosen als menschliche Möglichkeit
Die Möglichkeit psychotisch zu werden, ist im Menschen angelegt. Menschen sind keine reinen Instinktwesen. Sie können zweifeln und verzweifeln, über sich hinausdenken und sich dabei verlieren. Damit sind Menschen sowohl depressions‑ als auch psychosefähig (AG der Psychoseseminare 2007). In diesem Sinne können alle Menschen psychotisch werden, die Frage ist nur, ab wann, also ab welcher Schwelle von Über‑ oder Unterforderung.
Ab einer extremen traumatischen oder folterähnlichen Erfahrung werden fast alle Menschen aus der Realität aussteigen, sich innerlich wegbeamen – als Ausdruck einer Fähigkeit der menschlichen Seele zum Ausstieg in höchster Not. Auch Extrem-Bergsteiger:innen und Einhand-Segler:innen berichten von ähnlichen Phänomenen. Bei manchen sehr dünnhäutigen oder psychoserfahrenen Menschen reichen weitaus geringere Erfahrungen und Verletzungen, um einen solchen Ausstieg zu provozieren.
Umgekehrt gilt das Gleiche: Bei extremer Reizabschirmung und folterähnlicher Isolation wird fast jeder Mensch irgendwann anfangen zu halluzinieren. Weil Menschen auf Echo und Resonanz existenziell angewiesen sind, wird die Seele bzw. das Gehirn dieses Echo zur größten Not selbst erzeugen. Auch hier gibt es Unterschiede: bei manchen psychoseerfahrenen Menschen bzw. Patient:innen reicht ein langweiliges Wochenende, um die Stimmen zu triggern.
Deutlich wird, was vermutlich für alle psychischen Besonderheiten und Symptome gilt: Sie sind Teil von Störung und gestört-sein, aber auch von Bewältigung und Kompensation. Sie können irritieren und sinnhaft sein. Ähnlich wie Träume sind Psychosen individuell sehr verschieden, können tiefe Wünsche und Ängste, aber auch Tagesreste spiegeln (Bock 2026). Zugleich gibt es auch Gemeinsamkeiten:
Psychotisch zu werden, kann bedeuten
- Wahrnehmungen zu haben, die über die geteilte Realität hinausgehen
- eher assoziativ als logisch zu denken und dabei Vorstellungen zu entwickeln, die für andere schwer nachvollziehbar sind
- hinsichtlich der Grenzen zwischen innerer und äußerer Welt durchlässig zu werden
- sich hinsichtlich Stimmung und Antrieb wesentlich zu verändern, meist als Ausdruck tiefer Erschöpfung
In der Regel geschieht das in existenziellen Krisen und tiefen Umbrüchen, meist vorübergehend und abhängig von deren Bewältigung. In einer seelischen Notlage, die von innen und außen bestimmt sein kann, kann es zum Heraustreten aus der allgemeinen Realität kommen, zum „Wegbeamen“, was zugleich Ausdruck von Störung und Bewältigung sein kann. Fast immer gibt es dabei ein ganzes Konglomerat von Gründen und Hintergründen, Psychosen sind nahezu nie monokausal zu erklären (Bock 2014).
Psychotisch zu werden, erscheint also oft als ein Ausdruck besonderer Durchlässigkeit. Die Grenze zwischen Innen und Außen wird brüchig: Innere Dialoge können nach außen treten und als gehörte Stimmen laut werden. Innere Ambivalenzen und mehr oder weniger bewusste innere Abwägungen können zu externen Diskursen führen. Diese eigensinnigen Wahrnehmungen können auch unabhängig vom Inhalt erheblich irritieren, zumal sie als real erlebt werden. Neurologisch sind in diesem Moment die Sprachzentren aktiv, was die Interpretation als Form des inneren Dialogs medizinisch belegt. Sie können verschiedene Sinne betreffen, also (in absteigender Häufigkeit) akustisch, optisch, haptisch und olfaktorisch sein.
Umgekehrt bedeutet die Durchlässigkeit der eigenen Grenzen, dass äußere Ereignisse filterlos nach Innen dringen, die persönlichen Grenzen überfluten und vorübergehend auch die Handlungsfähigkeit einschränken können. Oft gelingt dann die Unterscheidung von Bedeutungen und Prioritäten, die Balance von Nähe und Distanz oder die Reduktion von Information durch kognitive Muster nicht mehr wie gewohnt.
Dabei ist zu beachten, dass die Überflutung mit Informationen, die Bedrohung von außen durch Umweltzerstörung, Kriegsgefahr und gesellschaftlicher Spannungen sowie die Verwirrung durch Fake News gesellschaftliche Realität sind. Wenn Menschen also in Psychosen durchlässig werden, kann beides bedrohlich werden: der Wahn und die Wirklichkeit, die subjektive und objektive Realität. Die Frage bleibt, wie Schutz gelingen kann und warum dieser zuweilen nicht mehr ausreicht.
3 Psychosen im medizinischen Kontext
Anthropologische und pathologische Betrachtungsweise schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich notwendig. Die anthropologische Sicht sollte das Leiden nicht ignorieren, die pathologische Sicht nicht das Menschsein. Bei Psychosen ist dies besonders wichtig, da sie stark stigmatisiert werden. Der Begriff Psychose steht also in einem Spannungsfeld zwischen Alltagssprache und klinischer Terminologie. Der aus dem Trialog geborene Begriff „Psychose-Erfahrung“ ist ein guter Kompromiss: Er leugnet nicht die Krankheit und erinnert zugleich an „Lebenserfahrung“.
Die oben genannten Phänomene können eine vielfache Eigendynamik entwickeln. Im medizinischen Kontext werden
- die besonderen Wahrnehmungen als Halluzination
- das besondere Denken als formale und/oder inhaltliche Denkstörung
- die Entwicklung besonderer Vorstellungen als Wahn
- die Durchlässigkeit als Verlust von Ich-Grenzen
- die Erschöpfung in und nach Psychosen als Negativsymptomatik
bezeichnet.
Manche dieser Begriffe erscheinen stigmatisierend und fragwürdig. Ob und wann die besondere Sprache der Verständigung dient oder sie stört, ist schwer zu beantworten. Gerechtfertigt sind die Begriffe und entsprechende Diagnosen erst, wenn eine gewisse Dauer, Dysfunktionalität und Beeinträchtigung mit den psychotischen Erfahrungen verbunden sind (Heinz 2015).
Wichtig ist, dass dabei die subjektive Bedeutung, die Funktionalität und der soziale Kontext des Geschehens nicht verloren gehen. In der Fachdiskussion wird betont, dass die Diagnose nicht als alleinige Erklärung der Symptome ausreichen sollte, da sonst die Gefahr besteht, nur noch Diagnosen statt Menschen zu behandeln (Bock 2026).
Der fließende Übergang von dem, was als gesund oder krank gilt, ebenso wie dessen gesellschaftliche und kulturelle Bedingtheit sind wichtig zu beachten. Der Doppelcharakter psychotischer Phänomene zeigt sich an verschiedenen Beispielen:
- Stimmen/​Halluzinationen können Einsamkeit kompensieren, aber auch sehr anstrengend sein (Smith und Coleman 2007).
- Besonderes Denken kann die verwirrende Realität reduzieren oder die besonderen Wahrnehmungen erklären helfen, aber auch einsam machen.
- Wahnhafte Annahmen können als Bedrohung erscheinen oder Bedeutung vermitteln; oft geschieht beides zugleich.
- Öffnung von Grenzen kann als Verunsicherung oder Erweiterung bzw. Zugang zu unbewussten Konflikten empfunden werden (Buck 2023).
- Negativsymptomatik (Rückzug) kann vielfältige Gründe haben: von Erschöpfung und Schutzlosigkeit über Nebenwirkungen von Medikation bis hin zur Kapitulation gegenüber vielfältigen, auch gesellschaftlichen Konflikten und Anforderungen.
Der Übergang zwischen gesund und krank sowie zwischen kompensierbaren und den eigenen persönlichen Rahmen sprengenden Erfahrungen ist fließend. Die besonderen Wahrnehmungen können auch religiöse und spirituelle Bedeutung haben. Nicht logisch, sondern assoziativ zu denken, kann auch Ausdruck von Kreativität sein.
Das Gefühl der Durchlässigkeit spiegelt auch eine gesellschaftliche Entwicklung. Manches Gefühl der Bedrohung wird von der Wirklichkeit eingeholt. Die besonderen Vorstellungen können individuell und einsam entwickelt werden, aber auch kollektiv geschehen und politisch missbraucht werden, etwa in Verschwörungstheorien.
In den internationalen Klassifikationssystemen werden Psychosen vor allem unter F20-F29 (ICD-10) bzw. 6A20-6A2Z (ICD-11) erfasst, wobei die Schizophrenie (F20 bzw. 6A20) die bekannteste Diagnose darstellt. Allerdings: Psychose ist keine einheitliche Krankheit, sondern beschreibt einen Zustand, in dem die Wahrnehmung der Wirklichkeit grundlegend verändert ist. Psychotische Symptome können bei verschiedenen Erkrankungen auftreten – bei affektiven Störungen, organischen Störungen oder durch Substanzen ausgelöst. Die diagnostischen Kriterien erfassen nur einen Teil der subjektiven Erfahrung.
Bei der Verständigung über psychotische Symptome spielt Sprache eine große Rolle. Die psychiatrische Sprache kann im guten Sinne Abstand herstellen oder entfremden, sie kann präzisieren und stigmatisieren. Die eigene Sprache kann „Symptome“ verharmlosen, aber auch entscheidend helfen, die ungewohnten Erfahrungen wieder anzueignen und zu verarbeiten. Das verdeutlicht die nachfolgende Übersetzung der ICD-10-Kriterien für Schizophrenie in die Alltags-Sprache Psychoseerfahrener (Bock, Esterer und Buck 2007)
| ICD-10-Kriterium | Übersetzung in das Erleben von Psychose-Erfahrenen |
|---|---|
| 1. Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung, Gedankenentzug, Gedankenausbreitung | „Inspiration; Stimmen, die von innen kommen; meist sind es eher Bilder und Symbole als abstrakte Gedanken; die innere Welt beansprucht mehr Raum; oft Ausdruck von Einsamkeit; manchmal auch Abwehr von Überflutung durch Sinneseindrücke von außen“. |
| 2. Kontrollwahn, Beeinflussungswahn, Gefühl „gemacht“ zu werden | „Das eigene Unbewusste tritt einem von außen entgegen. Der eigene Wille ist nicht unbedingt ausgeschlossen. Er dominiert nur nicht mehr. Man kann auch vom Instinkt sprechen, der ‚durchbricht‘. Körperteile verselbstständigen sich. Man ist besonders sensibel für alle Formen der Kontrolle“. |
| 3. Kommentierende oder dialogische Stimmen | „Die eigenen Gedanken werden so laut, dass man sich in dem Moment selbst nicht vorstellen kann, sie kommen aus dem eigenen Kopf. Ursprünglich war das Stimmenhören mal eine Form des Denkens. Auch andere sinnliche Erfahrungen (z.B. von Farben oder Musik) werden viel stärker erlebt“. |
| 4. Anhaltender, kulturell unangemessener Wahn (religiöse/politische Persönlichkeit, übermenschliche Kräfte) | „Wunschträume, die sich verselbstständigen, Ausdruck innerer Kraft. Abwehr der alltäglichen Kleinheit bzw. Kleinheitsgefühle. Manchmal werden Potenziale spürbar, die sonst blockiert sind, die vielleicht auch real nie einzusetzen sein werden“. |
| 5. Anhaltende Halluzinationen | „Gegen Gedanken ist es leichter, sich zu wehren. Doch werden sie erst laut, ist es schwer, sich gegen ihre ‚Realität‘ zu behaupten. Ausdruck von Einsamkeit. So könnte das Gefühl, ‚andere wissen, was ich denke‘, ein Versuch sein, dem Alleinsein zu entgehen“. |
| 6. Gedankenabreißen, Zerfahrenheit, Neologismen | „Ideen strömen. Ich weiß in dem Moment viel mehr, als ich sagen kann. Was für andere unverbunden erscheint, ist für mich in diesem Moment wirklich verbunden. Ich habe eine Ahnung vom ‚Eins-sein der Welt‘, für das, was die Welt im Inneren zusammenhält. Assoziatives statt logisches Denken“. |
| 7. Katatone Symptome (Erregung, Haltungsstereotypien, Stupor, Mutismus) | „Eine veränderte Muskelspannung aufgrund innerer Bewegung. Ein symbolisches Handeln mit unbewussten Zugängen. Eine große innerliche Anspannung bei gleichzeitig großer Aufnahmefähigkeit. Ein Zustand der Schwerelosigkeit. Eine Starre des Körpers, wenn der Geist gerade mal davongeflogen ist“. |
| 8. „Negative“ Symptome (Apathie, Sprachverarmung, verflachte Affekte) | „Bestimmte Erlebnisse sind so schlimm, dass das Gefühl auf der Strecke bleibt. Ein Zustand großer Erschöpfung. Rückzug in einen inneren Schutzraum. Die Affekte mögen unverständlich sein, ‚unangemessen‘ ist eher die medizinische Sprache“. |
| 9. Paranoide Symptome (Verfolgungswahn, Beziehungswahn, Sendungswahn) | „Ein verändertes Weltgefühl führt dazu, dass man alles miteinander in Verbindung bringt. Ein tatsächlich bestehender Zusammenhang wird nicht logisch, sondern ganzheitlich erfasst. Selbstbezogenheit bei vielleicht filterloser Wahrnehmung. Beziehungsbewusstsein, dem oft viele andere Erlebnisse folgen“. |
4 Verschiedene Formen
Psychosen sind individuell sehr verschieden, genauso wie Träume. In der Psychiatrie ist Psychose ein Oberbegriff für eine existenzielle Verunsicherung, die unterschiedliche Formen und Schwerpunkte haben kann. Die pathologischen Bezeichnungen für die Erkrankungen setzen wieder wie bei den Symptomen eine gewisse Dauer, Dysfunktionalität und Beeinträchtigung voraus (Heinz 2015).
Besonders ist, dass psychotische Erfahrungen mit verschiedenen psychiatrischen Diagnosen (z.B. Schizophrenie und Affektive Störung inkl. Depression und Manie sowie Borderline-Störung und Sucht-Störung)oder auch somatischen Erkrankungen (z.B. Delir, Fieberwahn, bestimmte Infektionen und Vergiftungen) vorkommen können.
Am Anfang und in einem offensichtlichen Krisen-Kontext sollte der Begriff einer „psychotischen Episode“ im Vordergrund stehen. Bei einem längerfristigen therapeutischen Kontakt werden der Kontext und die Sinnhaftigkeit des Geschehens in der Regel nachvollziehbar sein. Dann bietet sich an, bei dieser Diagnose auch längerfristig zu bleiben. Ansonsten ist folgende Unterscheidung üblich:
- Die existenzielle Verunsicherung kann sich vorrangig auf Wahrnehmung und Denken beziehen in dem Sinne, dass die Wahrnehmung eigensinnig und das Denken assoziativ wird. Das wird oft mit „schizophrene Psychose“ gleichgesetzt; präziser und weniger stigmatisierend ist die Bezeichnung kognitive Psychose. Der Begriff Schizophrenie war in der Nazi-Psychiatrie ein Todesurteil
- Es können aber auch vorrangig Stimmung und Antrieb verändert sein, in dem Sinne, dass sich Verzweiflung, Leere und Euphorie sowie Phasen von großer Verausgabung und starker Lähmung abwechseln. Das kann als Bipolare Störung oder als affektive Psychose bezeichnet werden.
Zu beachten ist, dass Stimmung und Antrieb einerseits sowie Wahrnehmung und Denken andererseits nicht voneinander unabhängig sind, sondern in Wechselwirkung stehen: Wenn die Stimmung im Keller ist, kann die Wahrnehmung eingetrübt und verändert sein; im sprichwörtlichen Sinne sieht man schwarz. Bei übertrieben guter Stimmung schwebt man über allen Wolken. Umgekehrt kann die Überflutung mit Eindrücken oder die Auseinandersetzung mit Halluzinationen zu tiefer Erschöpfung führen.
Die Unterscheidung zwischen schizophrenen/​kognitiven und affektiven Psychosen ist also relativ, aber eben doch wesentlich. Entscheidend ist, welche psychische Funktion vorrangig und über einen längeren Zeitraum existenziell verändert ist.
- Der Begriff der schizoaffektiven Psychose wird inzwischen nur noch verwendet, wenn affektive und kognitive Veränderungen zeitlich unabhängig voneinander auftreten, also Phasen tiefer Stimmungsschwankungen und Halluzinationen nacheinander oder abwechselnd auftreten.
- Auch Drogen oder organische Erkrankungen können psychotische Symptome hervorrufen (z.B. Epilepsie, Delir, Fieberwahn) – in der Regel nur vorübergehend, aber u.U. auch nachhaltig. Dies kann als sog. Flashback verspätet auftreten oder als Auslöser von tiefgreifenden psychischen Veränderungen wirken.
- Der Begriff Drogeninduzierte Psychose ist mit Vorsicht zu gebrauchen. In aller Regel sind die Drogen nicht allein verantwortlich. Sie können z.B. von anderen Menschen mit weniger Risiko konsumiert werden. Und der Konsum kann im präpsychotischen Zustand als Selbst-Medikation auch dem „Abdichten“ dienen. Insofern gilt die Warnung vor monokausalen Theorien auch hier.
- Manchmal wird die „Wahn-Störung“ auch als eigene Diagnose verwandt, z.B. wenn die eigene innere Gedankenwelt sehr dominant ist und alle anderen Symptome dahinter verschwinden. Doch hier lohnt es sich, genau nachzufragen: Nicht selten gab es früher auch Halluzinationen und der Wahn diente erst als Bewältigungsstrategie, also als Erklärungsversuch der ungewohnten Sinneseindrücke. Dann gingen die Halluzinationen z.B. durch Behandlung/​Medikation oder veränderte Lebensumstände verloren, und der Wahn blieb übrig. Oder der Wahn bekommt Eigendynamik, weil er von einer anderen unangenehmen Lebenswirklichlichkeit ablenkt und entsprechende Nachfragen abwehren hilft. Als Gegenmittel helfen Fingerspitzengefühl, Neugier und Beharrlichkeit – sowie realer Raum für Bedeutung.
- Eine gewisse Schnittmenge gibt es mit der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): In aller Regel haben auch psychoseerfahrene Menschen in ihrem (frühen) Leben Erfahrungen gemacht, die das menschliche Fassungsvermögen sprengen können. Re-Traumatisierungen, z.B. im Rahmen von Zwangsbehandlung, können dramatische Wirkung haben. Ein Unterschied zur PTBS-Diagnose mag darin bestehen, dass die extremen Belastungen Teil eines komplexeren Geschehens sind und „subjektiv gebrochen“ erscheinen. Für Geflüchtete hat die traumatische Erfahrung oft mehrere (Zeit-)Ebenen und betrifft z.B. die Kriegserlebnisse im Herkunftsland, die Umstände der Flucht und den erlebten Rassismus im Ankunftsland.
Keine Psychose gleicht einer anderen, so wie auch jeder Traum anders ist als vorherige – eine Analogie, auf die Dorothea Buck (2023) oft hingewiesen hat: Eine Psychose ist nur unter Berücksichtigung der individuellen Biografie und der sozialen Situation, nur unter Hinzuziehung der eigenen subjektiven Bedeutungen zu verstehen. Jede Psychose erzählt eine eigene Geschichte. Und jeder Versuch der therapeutischen Begleitung und Hilfestellung ist ein besonderer Balanceakt zwischen Abstand und Nähe, Autonomie und Abhängigkeit.
4.1 Häufigkeit und Epidemiologie
Die Schätzung der Häufigkeit fällt je nach Kontext, Strenge der Definition und Interessenslage verschieden aus:
- Die Schätzungen für psychotische Erfahrungen außerhalb des Hilfesystems schwanken je nach Schwerpunkt und Art der Selbst‑ oder Fremddefinition zwischen 7 % bei verschiedenen Phänomenen, 13 % beim Stimmenhören (mit erheblichen kulturellen Unterschieden, je nach Stellenwert der Stimmen im religiösen Kontext) und bis zu 30 % bei Verfolgungsvorstellungen (McGranaghan et al. 2021).
- Im klinischen Kontext liegen die epidemiologischen Zahlen für das Lebenszeitrisiko für schizophrene Psychosen/​Schizophrenie zwischen 1 und 3 %. Bei den weiteren Diagnosen Bipolar-1-Störung und Borderline-Störung ist das ähnlich, wobei psychotische Symptome nicht zwingend bzw. nur kurzfristig vorkommen (Bock und Heinz 2016).
4.2 Subjektive Bedeutung psychotischer Erfahrungen
Bei allen Besonderheiten und Symptomen ist nicht nur nach Woher und Warum zu fragen, sondern auch nach Wohin und Wozu.
Oft beginnen psychische Störungen als Bewältigungsstrategie: Ängste können der Vermeidung von Belastung dienen, Zwänge bei der Reduktion von Verunsicherung helfen, Depressionen vor überfordernden Gefühlen und Konflikten schützen, Manien Auswege aus Überanpassung andeuten, Psychosen subjektiv unlösbare Widersprüche aufheben.
Das lässt sich für Psychosen konkretisieren: Halluzinationen können Einsamkeit kompensieren. Die Fähigkeit, sich weg zu beamen oder zu dissoziieren, kann traumatische Erfahrungen abwehren helfen. Bestimmte wahnhafte Vorstellungen können dem Gefühl der Bedeutungslosigkeit entgegenwirken.
Nicht selten kann die folgende psychische, soziale und somatische Eigendynamik diese Erstwirkung verändern: die Einsamkeit triggern, die Sensibilität übersteigern, beschämen und verletzbar machen, sowie den direkten Weg zu Hilfen verbauen. Gerade deshalb hat sich bewährt, die Fragen nach Störung und subjektiver Bedeutung zuzulassen. Diese Haltung fördert die Aneignung der Erfahrung und damit Selbstverantwortung sowie verbessert den Blick auf die Psychoseerfahrung und die Zukunftserwartung (Bock et al. 2014).
Für Psychoseerfahrene kann die Botschaft entlasten: Sie haben Gründe, so zu sein wie sie sind. „Ich möchte in meiner Entwicklung verstanden, in meinem So-Sein akzeptiert und mich in meiner Entwicklung ermutigt fühlen“ (Schulz et al. 2023). Dieses Zitat von Gwen Schulz ist zum Maßstab der Betroffenen-Bewegung für die Qualität von Hilfen geworden – egal welcher Methodik.
4.3 Ringen um eine gemeinsame Sprache
„Ich glaube, dass man auf […] Medikamente verzichten könnte, wenn man die Sprachdimension erweitern würde, also versucht die psychotischen Elemente noch mehr in Sprachen und Bildern rüberzubringen […]. Das Eindimensionale, das halten wir Psychotiker nicht aus! […] Psychiater sollten nicht Manuale lesen, sondern Weltliteratur“ (Bock 2003, S. 229).
Sprache spielt auch ansonsten eine große Rolle (Weinmann und Schulz 2024): Psychotische Wahrnehmungen und Mitteilungen haben oft eine symbolische oder anderweitig versteckte Bedeutung, sind nicht selten zugleich Versteckspiel und Beziehungstest. Zuhören ist entscheidend, weil stärkend und vertrauensbildend, doch verbunden mit persönlicher Präsenz. Das gilt für Psychoseseminare, Gruppen und Einzelkontakte (Bock 2026).
Das wird durch verschiedene Sprachbilder für Psychosen leichter verständlich. Sie erscheinen als:
- Zustand der Durchlässigkeit/​Schutzlosigkeit: Deshalb ist das Ringen um gemeinsame Sprache und eine tragende Beziehung so wichtig.
- Ringen um Selbstverständlichkeit: Gewissheiten stehen auf allen Ebenen infrage – mit entsprechender Verunsicherung, einigen Risiken und späteren Chancen.
- Besondere Form des Eigensinns: Sinne gehen eigene Wege. Das Ringen um Eigenheit und Sinn wird existenziell. Die Erfahrungen haben eine subjektive Bedeutung. Und auch der Eigensinn i.e.S., oft als Noncompliance diskreditiert, erscheint aus der Nähe oft als Selbstschutz (Bock 2021).
- Traum ohne Schutz des Schlafes: Auch Psychosen erlauben Einblick in Wünsche und Ängste. Auch in Träumen verschwimmen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.
5 Hintergründe und soziale Kontexte
5.1 Multifaktorielle Entstehung
Eine komplexe psychische Störung, wie eine Psychose, wird in aller Regel (mit sehr seltenen Ausnahmen) nicht monokausal bedingt sein. Entsprechend wichtig ist die Vielschichtigkeit der Behandlung.
Zum Hintergrund der Entwicklung einer Psychose können gehören:
- eine (epi)genetisch mitbedingte Vulnerabilität (Roth und Heinz 2017)
- langwierige Spannungen und Widersprüche
- Umbruchsituationen und belastende Lebensereignisse
- traumatische Erfahrungen, Isolation
- Mobbing, rassistische Ausgrenzung, Stigmatisierung
- Schlaflosigkeit, Stress
- Drogenkonsum und andere körperliche Belastungen
- äußere Bedrohung, Umweltbelastungen, prekäre Lebensbedingungen (Kamann et al. 2025)
- Veränderungen in der Hirnchemie
In der Regel spielen mehrere Faktoren inkl. deren Wechselwirkung eine Rolle: So haben z.B. die Veränderungen im Hirnstoffwechsel meist nicht ursächlichen, sondern begleitenden Charakter; sie können aber die Reagibilität erhöhen, also immer empfindlicher machen. Spätestens ab diesem Moment können Interventionen, die unsere Filter wieder stärken, also uns wieder abdichten, hilfreich sein. Im medizinischen Kontext kann das die Einnahme von Neuroleptika oder Beruhigungs‑ und Schlafmittel sein (Bock 2021).
Lange vorher setzen Betroffene bewusst oder unbewusst manchmal auch Alkohol oder Cannabis sein, um sich gleichgültiger zu machen oder abzudichten. Fatalerweise funktioniert das im Sinne einer Selbstmedikation zwar zunächst manchmal, kann sich dann aber ins Gegenteil verkehren.
Genauso wichtig kann sein, der Reizüberflutung milieutherapeutisch entgegenzuwirken, durch therapeutische Beziehungskontinuität Sicherheit zu vermitteln, zuhause bzw. im familiären Setting für Entspannung zu sorgen, biografische Konflikte zu klären und Ressourcen zu stärken.
5.2 Bedeutung von Familie und sozialen Beziehungen
Vermutlich wird niemand allein psychotisch, ganz sicher niemand allein wieder gesund oder stabil. Die Familie kann zugleich Ort tief verstörender Erfahrungen und wichtiger Rückhalt sein. Das gilt für alle Beteiligten – vor und nach der Entwicklung psychotischer Erfahrungen, mit und ohne Beteiligung des Hilfesystems. Familienmitglieder und Freund:innen haben für psychisch erkrankte Menschen und hier insbesondere für Psychoseerfahrene in mehrfacher Hinsicht eine besondere Bedeutung. Das gilt für alle Perspektiven (Eltern, Geschwister, Kinder, Partner:innen u.a.), nahe und ferne Kontakte.
- Hinsichtlich der Teilhabe haben Patient:innen mit Anbindung an Familie eine deutlich bessere Prognose. Zugleich kann der Nahbereich auch besondere Risiken wechselseitiger Verletzung bergen.
- Auch sogenannte „schwache Kontakte“ (Zeitungskiosk, Busfahrer u.a.) können Zugehörigkeit signalisieren.
- Die Teilnahme an Interessensgruppen (Sportgruppen, Chor, Bürgerinitiativen) kann über den unmittelbaren Zweck hinaus auch Selbstverständlichkeit und Bedeutung signalisieren.
- Selbsthilfegruppen, Trialog-Foren, aber auch informelle Netzwerke können Teilhabe erleichtern und Selbstakzeptanz fördern (in diesem Zusammenhang wird der Begriff des „ambulanten Ghettos“ inzwischen als fragwürdig und stigmatisierend angesehen).
Psychiatrie und Eingliederungshilfe tun gut daran, Zugehörige angemessen zu respektieren und einzubeziehen. Das gilt natürlich besonders für die Primärfamilie und die Situation des Zusammenlebens. Hier kann auch der indirekte niedrigschwellige Kontakt helfen, den Weg zu Hilfen zu bahnen. Die „Open Dialogue“-Bewegung und deren Forschung haben gezeigt, dass frühzeitige, häusliche und Familien-bezogene Angebote insbesondere bei Ersterkrankten für einen deutlich besseren Verlauf sorgen (Seikkula und Arnkil 2022)
6 Notwendigkeit vielfältiger lebensnahe Hilfen
Die Komplexität des Geschehens, die Vielfalt der Hintergründe sowie die subjektive Bedeutung der Erfahrungen legen nahe, dass Hilfen entsprechend komplex, vielfältig, beziehungsorientiert und ganzheitlich sein müssen. Die Strukturen müssen transparent, überschaubar, flexibel, kontinuierlich und aufsuchend sein. Die Zuständigkeiten müssen verbindlich (nicht nur für Kliniken), die Kooperation verlässlich, multiprofessionell und wertschätzend sein. Die hier skizzierten Strukturen sind geeignet, das Risiko von Zwangsmaßnahmen dramatisch d.h. auf 10 % (Schöttle et al. 2015) zu reduzieren. Die Wirklichkeit ist von den genannten leitliniengemäßen Anforderungen z.T. weit entfernt (s. Leitlinien Schizophrenie, Bipolare Störung und Psychosoziale Therapien).
Folgende Hilfen haben insbesondere bei Psychosen eine besondere Bedeutung:
- Strukturübergreifende multiprofessionelle Teams im Sinne einer Integrierten Versorgung haben in allen Richtlinien höchste Empfehlungen (Schöttle et al. 2015). Wo es sie noch nicht gibt, kann die gemeinschaftliche Betreuung durch Institutsambulanzen, Psychotherapie-Praxen, Eingliederungshilfe und ambulante Pflege als sog. „Komplexleistung“ definierter Netzwerke ein kleiner Schritt in diese Richtung sein (Bock et al. 2021).
- SOTERIA-Stationen: Im stationären Bereich haben milieutherapeutisch geprägte sogenannte SOTERIA-Stationen eine besonders gute Akzeptanz und Wirksamkeit. Kennzeichnende Stichworte sind: Beziehungskonstanz, Tätige Gemeinschaft, Reizabschirmung, vorsichtige Medikation.
- Aufsuchende familienbezogene Hilfen: Im ambulanten Bereich haben diese Hilfen eine große Chance, rechtzeitig, nachhaltig und nebenwirkungsarm zu wirken (Seikkula und Arnkil 2021).
- Genesungsbegleiter:innen haben die Chance zwischen Selbst‑ und Fremdhilfe zu vermitteln, Selbstwirksamkeit zu befördern und den potenziell invasiven Charakter von Hilfen abzumildern (EX-IN Deutschland e.V. 2026).
- Paradigmenwechsel: In großen Teilen der Psychiatrie inkl. Eingliederungshilfe bahnt sich ansatzweise ein Paradigmenwechsel an: Nicht Symptombeseitigung um jeden Preis ist das Ziel, sondern Lebensqualität, Teilhabe, Zufriedenheit. Das hat Einfluss auf den Stellenwert und Umfang der Pharmakotherapie – in dem Sinne, dass mit Verzicht auf allzu hohe Dosen auch die oft quälenden Nebenwirkungen vermieden werden können bzw. sollen.
Außerdem haben Hilfen, die zunächst Grundrechte sichern, große Vorteile gegenüber manchmal zu komplizierten Rehabilitationsprozessen:
- „Housing First“ will garantieren, dass psychisch erkrankte Wohnungslose zunächst mal ein Dach über dem Kopf brauchen, um dann zu sehen, welche Hilfen nötig sind, um es zu behalten.
- „Supported Employment“ will Beschäftigung den unterschiedlichen Möglichkeiten anpassen und trotzdem so weitgehend wie möglich auf dem ersten Arbeitsmarkt stattfinden.
Es wird unmittelbar ersichtlich, dass beide Forderungen weitreichende politische Implikationen haben.
7 Beziehungsorientierung in Psycho‑ und Pharmakotherapie
In doppelter Hinsicht stehen Anspruch und Wirklichkeit im Widerspruch.
Das gilt für Psychotherapie: Alle S3 Leitlinien (z.B. zu Schizophrenie, Bipolare Störungen und Psychosoziale Therapien) empfehlen Psychotherapie als wesentliche Behandlungsleistung. Seit 2014 gilt Psychotherapie (auf Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschuss GBA) als Pflichtleistung der Kassen.
Doch in der Praxis ist das bei weitem nicht selbstverständlich. Viele Psychotherapeut:innen fühlen sich nicht zuständig und/oder nicht ausreichend befähigt. Viele Ausbildungsinstitute vernachlässigen diesen Bereich (Petzold et al. 2025; Schmidt-Hofmann 2021). Der Dachverband für deutschsprachige Psychosenpsychotherapie (DDPP) wirbt für beziehungsorientierte Strategien und eine schulenübergreifende Zusammenarbeit: Gerade, wenn (wie in Psychosen) psychische Funktionen wie Denken, Fühlen und Handeln unkoordiniert erscheinen, lohnt es sich, wenn die jeweiligen Spezialist:innen kooperieren (Website DDPP).
Historisch betrachtet zeigt sich, dass der Umgang mit Psychoseerfahrenen für alle psychotherapeutischen Schulen eine wohltuende Herausforderung in Richtung Beziehungsorientierung ist:
- Die Verhaltenstherapie musste erkennen, dass man Wahn nicht „wegkonditionieren“ kann, das Erkennen kognitiver oder familiärer Muster (Metakognitives Training, Schematherapie) aber den Handlungsspielraum erhöhen kann (Lincoln et al. 2019).
- Die Gesprächstherapie musste erkennen, dass hintergründiges Wohlwollen allein nicht reicht, sondern manchmal auch Präsenz und Klarheit gefordert sind.
- Die Psychoanalyse musste lernen, dass der oder die Analytiker:in nicht ein glatter Spiegel, sondern berührbar sein muss und ein (liegendes) Setting ohne wechselseitige Sichtbarkeit irritierend sein kann.
- Die Systemische Therapie musste lernen, dass Familien mit Psychoseerfahrung nicht aus kühler Distanz zu „managen“ sind, sondern manchmal Nähe und Parteilichkeit erfordern.
- Die Tiefenpsychologie musste lernen, dass neben der Tiefe der biografischen Erfahrung manchmal auch die sehr direkte Auseinandersetzung mit der Gegenwart wichtig ist (Haebler et al. 2022).
Lange Zeit war Enthaltsamkeit ein unhinterfragtes Gebot mehr oder weniger aller psychotherapeutischen Schulen. Gerade im Hinblick auf Psychoseerfahrene wurde sichtbar, dass damit auch ein Machtanspruch zementiert und eine Unnahbarkeit signalisiert werden, die kontraproduktiv sind (Die Subjektive Seite der Schizophrenie 2021).
An dieser Stelle sind die Genesungsbegleiter:innen als neue Berufsgruppe lehrreich: Menschen, die andere auf dem Hintergrund eigener Krisenerfahrung begleiten, vermitteln allein dadurch mehr Selbstwirksamkeit: d.h. mögliche Besserungen werden sich selbst zugeschrieben, nicht anderen. Das ist gerade bei Psychosen ein bedeutsamer Vorteil (EX-IN Deutschland e.V. 2026).
Die offene Haltung, klare Präsenz und Allparteilichkeit der „Open Dialogue“-Bewegung/-Schulungen kann für alle Psychotherapeut:innen, aber auch für alle anderen Berufsgruppen wichtige Anregungen bieten.
Und das gilt für Pharmakotherapie: Psychopharmaka können helfen, der Reizüberflutung, Schlaflosigkeit, Lethargie entgegenzuwirken. In der Regel wirken sie dabei auf ein Botenstoff-System (z.B. Dopamin), das mit Stress assoziiert ist. Nach allgemeinem Verständnis wirken sie dabei nicht ursächlich, können aber günstigenfalls aus quälenden Zuständen herausführen.
Zugleich haben sie fast immer einen hohen Preis in Form von z.T. erheblichen Nebenwirkungen (Bewegungsstörungen, Gewichtszunahme, Libidoverlust, Diabetes, Lebenszeitverkürzung). Insofern ist gerade diese Methodik auf Sorgfalt, Vorsicht, eine gute Beziehungskultur und die Bereitschaft zum Dialog angewiesen. Das erfordert z.B. das gemeinsame Ringen um möglichst geringe Dosierungen, die Vermeidung von unnötigen Kombinationen und die Bereitschaft, Reduktionen zu begleiten (Finzen 2020).
8 Stigma-Risiko und fragwürdige Assoziationen zu Gewalt
Lange galten alle psychischen Störungen im Vergleich mit somatischen Erkrankungen als Stigma-gefährdet. Inzwischen ist das Stigma-Risiko verschiedener Diagnosen deutlich verschieden:
- Burn-Out, Depressionen, Trauma-Erfahrungen, Ängste und Zwänge sind deutlich akzeptierter. Bei ADHS steht der Krankheitsbegriff zugunsten von „Diversität“ infrage.
- Bei Psychosen, Manien und komplexen Suchtstörungen ist das Stigma-Risiko hingegen eher noch gestiegen.
Diese ungleiche Entwicklung lässt sich mit den verschiedenen Verläufen und den konkreten menschlichen Erfahrungen nicht erklären. Bei allen Diagnosen gibt es leichte und schwere Varianten, einmalige und anhaltende Erfahrungen sowie gute und weniger gute Verläufe. Zwei Überlegungen versuchen, das ungleiche Stigma-Risiko zu erklären:
- Möglicherweise spiegelt das ungleiche Stigma die ungleichen Behandlungschancen, die sich in mancher Hinsicht auch noch zunehmend auseinanderentwickeln.
- Möglicherweise hat aber die etwas diffuse Öffnung des Begriffs psychischer Erkrankung dazu beigetragen, dass Menschen, die in akuten Situationen befremdlich und eigensinnig wirken, aus unserem „Verständnis hinausfallen“. (Schomerus et al. 2022)
Fatalerweise trägt die immer weitere Öffnung des Krankheitsbegriffs dazu bei, dass die Behandlungschancen immer ungleicher werden. Insofern brauchen wir einen doppelten kritischen Diskurs:
- Psychische Belastungen sollten nicht zwingend in die Psychiatrie führen. Davor müssen präventive und politische Maßnahmen sowie die Stärkung lebensnaher sozialer Ressourcen stehen (Bock 2025), z.B. auch in Schulen, wie von den Schülerkammern gefordert.
- Auch psychotisch zu werden ist zutiefst menschlich und erfordert vielschichtige Beziehungsorientierte Hilfen.
Das ist eine große Herausforderung für die Antistigmaarbeit (Irre menschlich Hamburg e.V. 2024; Aktionsbündnis Seelische Gesundheit 2026). Auch bei den genannten „riskanten“ Diagnosen (Psychose, Manie, Sucht) gilt, dass die Basis der Antistigmaarbeit funktioniert: Die Begegnung mit realen Menschen und die Annahme eines fließenden Übergangs zwischen gesund und krank trifft auch bei diesen Störungen/​Erfahrungen zu und hat die erwünschte Wirkung in Richtung Sensibilität und Toleranz.
Fragwürdige Assoziationen zu Gewalt: Zuletzt gab es mehrere schreckliche Gewalttaten, die mit psychischer Erkrankung, z.T. auch mit Psychosen in Verbindung gebracht wurden. Vor allem aber gab es eine sehr große, oft auch kurzschlüssige mediale Aufmerksamkeit und politische Reaktionen, die eher der eigenen politischen Agenda dienten als dem Verständnis der Zusammenhänge. Beides potenzierte sich, wenn es neben der psychischen Erkrankung auch noch einen Migrationshintergrund gab. Gerade weil damit in der Bevölkerung viel Angst ausgelöst wurde, sind Klarstellungen nötig (Kröber 2012):
- Psychisch erkrankte (psychotische) Menschen werden in der Regel, d.h. zu 99 % nicht häufiger straffällig/gewalttätig (DGPPN 2025).
- Vor allem Psychoseerfahrene haben ein weitaus höheres Risiko, Opfer zu werden, als zum Täter oder zur Täterin – vor und nach der Erkrankung, innerhalb und außerhalb der Psychiatrie (DGPPN 2025).
- Doch es gibt eine Ausnahme bzw. einen Zusammenhang, der v.a. für Prävention bedeutsam ist: Wenn sich Menschen mit Psychoseerfahrung existenziell bedroht fühlen, kann daraus Gefahr erwachsen – meist für sich, selten aber auch für andere.
Das hat auch mit der oben beschriebenen Durchlässigkeit zu tun: Wenn ich keine Filter, keine Haut, keine Abgrenzungsmöglichkeit mehr habe, kann auch Nähe in einer Beziehung oder eine plötzliche Annäherung bedrohlich erscheinen. Deshalb sind Hilfen für Angehörige bzw. deren Austausch untereinander so wichtig, und deshalb sind auch trialogische Fortbildungen für die Polizei entscheidend, damit die bei Bankräubern üblichen Einsatzregeln nicht zu Katastrophen führen – meistens für die Betroffenen.
Lange Zeit galt die statistisch belegte Überzeugung, dass Übergriffe von Betroffenen vor allem im Nahbereich geschehen. Das hat sich anscheinend geändert: Mehr Gewalttaten von Menschen mit Psychosehintergrund geschehen auch im öffentlichen Raum und betreffen auch ferne und fremde Menschen. Mit Sicherheit wird über diese Ereignisse auch mehr berichtet. Doch möglicherweise ist auch die Bedrohungssituation für Menschen in Psychosen umfassender geworden, sodass auch deren Gefährdungspotenzial öffentlicher ist: z.B. durch unzureichende Behandlungsstrukturen, durch weniger haltende Beziehungen, durch prekäre Lebensbedingungen oder auch durch die rasant häufigere Entlassung in Obdachlosigkeit (TAZ-Interview zum Beispiel der Frau am Hamburger Hauptbahnhof; Faust 2025). Hier muss Behandlung haltefähiger werden, es müssen aber auch politische Weichen gestellt werden, um der existenziellen Bedrohung entgegenzuwirken.
Das Risiko schizophrener Psychosen steigt bei geflüchteten Menschen durch traumatische Erfahrungen. Doch entgegen der meisten Erwartungen überwiegt dabei nicht das Trauma aus Herkunft oder Flucht, sondern das Trauma der Ankunft: Wer im Ankunftsland Resonanz für die eigene Kultur und Sprache nicht vorfindet, hat ein gesteigertes Risiko, sich selbst zu entfremden und darüber psychotisch zu werden – ein gewichtiges Argument für kulturelle Vielfalt und deren entlastende Wirkung für alle.
9 Ringen um Sensibilität und Toleranz, Trialog und Hoffnung
Bereits im Jahre 1989 starteten Dorothea Buck, letzte Überlebende der NS-Psychiatrie, und Thomas Bock, Autor dieses Beitrags, das erste Psychose-Seminar als Keimzelle des Trialogs. Im Unterschied zur damals noch eher orthodoxen Psychoedukation ging und geht es im Trialog um eine Begegnung als Expert:innen (durch die eigene Erfahrung oder durch Ausbildung und Beruf), um wechselseitigen Austausch, um subjektive Erfahrungen und Perspektivwechsel, um die Vielfalt der Erfahrungen und der Behandlung.
Inzwischen haben Trialog und Partizipation auf vielen Ebenen an Bedeutung zugenommen, z.B. in der Lehre, in Verbänden (z.B. DGBS, Netzwerk Stimmenhören), in Büchern (z.B. Stimmenreich, Achterbahn der Gefühle), in der Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Bündnis für Seelische Gesundheit), ansatzweise auch in der Forschung (Trialog Psychoseseminar o.J.).
Die Trialog-Bewegung hat z.B. dazu beigetragen, dass die „Stationsäquivalente Akutbehandlung zuhause“ (StäB) möglich (hier vor allem die Angehörigen) und die Genesungsbegleitung in Deutschland etabliert wurde (EU-Antrag für EX-IN-Ausbildung). Beim Hamburger Psychiatrieplan spielte die trialogische Beteiligung eine wichtige Rolle. Könnten Behandler:innen, Krisen-erfahrene Menschen und ihre Angehörigen auch eine politische Macht entfalten, um Sensibilität und Toleranz zu fördern – als Basis von Prävention und gutem Zusammenleben?
10 Quellenangaben
Aktionsbündnis Seelische Gesundheit, 2026. Für Akzeptanz, gegen Ausgrenzung [online]. Berlin: Aktionsbündnis Seelische Gesundheit [Zugriff am: 09.04.2026]. Verfügbar unter: https://www.seelischegesundheit.net/
Arbeitsgemeinschaft der Psychoseseminare, 2007. Es ist normal, verschieden zu sein – Verständnis und Behandlung von Psychosen. Trialogische Blaue Broschüre
Bock, Thomas, 2001. Lichtjahre – Psychosen ohne Psychiatrie. Köln: Psychiatrieverlag. ISBN 978-3-88414-609-5
Bock, Thomas, 2014. Wird die Menschheit kränker oder die Krankheit menschlicher. In: Psychiatrische Praxis. 41(03), S. 121–123. ISSN 0303-4259
Bock, Thomas, 2021. Psychose und Eigensinn: Noncompliance als Chance. Köln: Psychiatrieverlag. ISBN 978-3-96605-177-4 [Rezension bei socialnet]
Bock, Thomas, 2025. Zuviel des Guten, zu wenig des Notwendigen? In: Psychiatrische Praxis. 52(02), S. 63–65. ISSN 0303-4259
Bock, Thomas, 2026 [im Erscheinen]. Praxiswissen Psychose. Köln: Psychiatrieverlag
Bock, Thomas und Andreas Heinz, 2016. Psychose: Ringen um Selbstverständlichkeit. Köln: Psychiatrieverlag. ISBN 978-3-88414-602-6 [Rezension bei socialnet]
Bock, Thomas, Dorothea Buck und Ingeborg Esterer, 2007. Es wird Zeit, dass bald mal wieder ein Erzengel vorbeikommt – Übersetzung der Symptome von Schizophrenen Psychosen im ICD-10 in Alltagssprache. In: Thomas Bock, Dorothea Buck, Ingeborg Esterer. Stimmenreich. Köln: Psychiatrieverlag, S. 151–158. ISBN 978-3-86739-013-2
Bock, Thomas, Roswitha Hurtz, Stefan Klingberg, Andreas Bechdolf und Dorothea von Haebler, 2021. Komplizierter Streit um Komplexleistungen für psychisch erkrankte Menschen – Innovativer Aufbruch oder einseitiger Rückschritt? In: Psychiatrische Praxis. 48(1), S. 51–54. ISSN 0303-4259
Buck, Dorothea, 2023. Auf der Spur des Morgensterns: Psychose als Selbstfindung. Köln: Paranus im Psychiatrie Verlag. ISBN 978-3-96605-217-7
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN), 2025. Prävention von Gewalttaten [online]. Positionspapier. Berlin: DGPPN, Juni 2025 [Zugriff am: 29.04.2026]. Verfügbar unter: https://www.dgppn.de/_Resources/​Persistent/​4a43e25e5cbbd478eabca991860146cdb4c501e5/​DGPPN_Positionspapier_Pr%C3 %A4vention%20von%20Gewalttaten_05022026_web.pdf
Die Subjektive Seite der Schizophrenie, 2021. 19 Demut+Solidarität [online]. In: YouTube. 26.02.2021 [Zugriff am: 09.04.2026]. Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=oKhsq5zBoJY
EX-IN Deutschland e.V., 2026. EX-IN: Experten durch Erfahrung in der Psychiatrie [online]. Karlsbad: EX-IN Deutschland e.V [Zugriff am: 09.04.2026]. Verfügbar unter: https://ex-in.de/
Faust, Luisa, 2025. „Der Vorfall war nicht vorhersagbar“. In: TAZ [online]. 30.5.2025 [Zugriff am: 12.05.2026]. Verfügbar unter: https://taz.de/Psychologe-ueber-Hamburger-Messerangriff/!6090880/
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11 Literaturhinweise
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Roth, Gerhard und Andreas Heinz, 2017. Das Gehirn selbst nimmt sich nicht wahr: Hirnforschung und Psychotherapie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-45193-9
12 Informationen im Internet
- Eigensinn und Psychose – 40 Jahre lang
Prof. Dr. Thomas Bock, Darja Simon
Aus anthropologischer Sicht bedeuten Psychosen ein existenzielles Ringen um Eigenheit und Sinn. Die Sinne gehen eigene Wege. Nicht nur die psychotischen Symptome/​Erfahrungen können einen eigenen Sinn haben, auch der besondere Eigensinn hat eine subjektive Bedeutung. https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/v/33646 - Psychose – eine besondere Form der Dünnhäutigkeit
Prof. Dr. Thomas Bock, Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz, Gwen Schulz
Unsere Haut kann durchlässig werden, sodass innere Dialoge zu äußeren werden und reale Bedrohungen/​Informationen uns filterlos (be)treffen. So reagieren wir in Psychosen oft schneller nicht nur auf vermeintliche, sondern auch auf reale Gefahren – fast wie Seismographen. Was bedeutet das angesichts der aktuellen Bedrohung der Welt? Zugleich erscheinen Psychosen wie ein Ringen um Selbstverständlichkeit und wie ein Zustand, in dem plötzliche Nähe und Enge bedrohlich wirken kann. Wir brauchen dann für unsere existenzielle Versicherung ein Gegenüber, brauchen Beziehungen, die uns spiegeln, halten, zugleich Raum für Autonomie und ein konstruktives therapeutisches Milieu. Wie schaffen wir eine Beziehungs‑ und Behandlungskultur, die weniger Angst macht, weniger Stigma fördert, Eigen-sein sichert, ohne Schutz zu vernachlässigen? Egal in welchem Setting – ambulant, stationär und aufsuchend zuhause? Welchen besonderen Stellenwert haben Psychotherapie und Genesungsbegleitung?
https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/v/65034 - Inflation der Verschwörungstheorien – wer schwört wem?
Prof. Dr. Thomas Bock, Prof. Dr. Michael Butter
Verschwörungstheorien scheinen Konjunktur zu haben. Spielen die Angst vor dem unsichtbaren Feind (Corona) oder die Folgen einer gespaltenen Gesellschaft (USA) eine wesentliche Rolle? Wer neigt zu Verschwörungstheorien und warum? Gibt es aus historischer Perspektive eine Zunahme oder doch eher das Gegenteil? Nutzt der Vergleich mit Wahn? Was hilft, um diesem Phänomen zu begegnen – gesellschaftlich, politisch, wissenschaftlich, aber auch in der ganz persönlichen/​familiären Auseinandersetzung? Der Dialog zwischen Thomas Bock und dem Spezialisten Prof. Michael Butter führt zu hoffnungsvollen Schlussfolgerungen, u.a. zu Aufträgen an Politik und Wissenschaft …
https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/v/46798
Verfasst von
Prof. Dr. Thomas Bock
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