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Psychosozial hochbelastete Familie

Ähnliche Begriffe: Erschöpfte Familie, Multiproblemfamilie

Dauerhafte Belastungen durch Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung machen müde und können sich in familiären Strukturen zur Erschöpfung verdichten. Dies wird zum einen darin deutlich, dass Familien sich mit der eigenen Lage arrangieren, zum anderen kann es zu einer Veränderung der Elternfunktionen führen und somit die Chancen der Kinder beeinträchtigen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Einleitung
  3. 3 Ausmaß und Folgen von Armut
  4. 4 Belastete und verwundbare Familien
  5. 5 Erschöpfte Familien
  6. 6 Fazit
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Langfristige Armut und Ausgrenzung können müde machen, was sich vor allem auch in Familien in Formen vielfältiger Erschöpfung und Resignation zeigt. Mit den Begriffen „Belastete Familien“ oder „Erschöpfte Familien“, die den schwierigen Begriff „Multiproblemfamilien“ ersetzen sollen, wird erörtert, dass eine unaufhörliche Auseinandersetzung mit erlebter Armut und Ausgrenzung auf Dauer erschöpfend sein kann. Familien verfügen über zunehmend weniger Energie für die Gestaltung ihres Alltags, was Auswirkungen auf Kinder hat. Familiale Erschöpfung kann zur „Spätfolge“ von Armut und Ausgrenzung werden, die durch dauerhafte Belastung entsteht und den Alltag in den Familien zunehmend strukturiert und Zugangs- und Teilhabemöglichkeiten von Kindern einengt.

2 Einleitung

Armut als extreme Form sozialer Ungleichheit, die als Folge einer stetig wachsenden Umverteilung von unten nach oben und einer sich verfestigenden sozialen Spaltung zu verstehen ist, hat vielfältige Folgen (Butterwegge 2019). Dauerhafte ökonomische und soziale Belastungen können dabei die Betroffenen müde machen, was sich in Familien in Formen von Erschöpfung und Resignation zeigen kann (Lutz 2010, 2012, 2017). Im Alltagsleben wird vieles zur Last, familiäre Funktionen wie die Erziehungs- oder Freizeitfunktion können sich abschwächen, wodurch sich die Teilhabechancen von Kindern vermindern. Bisher wurde dieses Phänomen unter den unzureichenden Begriffen „Multiproblemfamilie“ bzw. „Psychosozial belastete Familien“ diskutiert, die beide nicht zielführend sind. An dieser Stelle soll stattdessen von „belasteten“ und schließlich „erschöpften Familien“ gesprochen werden – Begriffe, die sich seit 2009 in der Literatur identifizieren lassen.

3 Ausmaß und Folgen von Armut

Armutsberichte des Paritätischen Gesamtverbands (2018, 2019) belegen seit Jahren, dass immer mehr Menschen arm sind; die Quote befand sich 2018 mit 15,5 % auf einem nach wie vor hohen Niveau. Eine differenzierte Betrachtung offenbart, dass es vor allem Arbeitslose, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Migrant*innen und Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen sind. Familien und insbesondere Alleinerziehende sowie Familien mit mehreren Kindern sind insgesamt am stärksten betroffen. In die hohe Armutsquote von Familien sind auch Kinder unter 15 Jahren einbezogen, deren Quote sich ebenfalls seit Jahren mit ca. 20 % auf einem hohen Niveau bewegt. Dabei gilt: Je jünger die Kinder, desto größer ist ihr Armutsrisiko. Viele werden inzwischen in Armut geboren und leben über immer längere Zeiträume darin.

Bereits als Kind zusammen mit der Familie arm zu sein, kann langfristig zur Benachteiligung in erheblichem Umfang führen und Teilhabechancen massiv einengen. Armut hat in den Familien „Entbehrungen“ zur Folge (Tophoven et al. 2017):

  • es bestehen kaum finanzielle Rücklagen für Notfälle
  • fast drei Viertel der Familien können nichts sparen
  • vielen sind Urlaube nicht möglich
  • Kino und Besuche von Sportveranstaltungen sind eingeschränkt
  • oftmals fehlt ein Internetanschluss
  • Kinder können kaum Freund*innen zum Essen einladen.

Die psychischen Belastungen von Armutsbetroffenen sind zudem deutlich höher als bei Nicht-Armen (Paritätischer Gesamtverband 2018). Betroffene Familien leiden an starken Anspannungen, an Isolation und an dem Gefühl, allmählich die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Resignation breitet sich aus, es entstehen Ängste um die Zukunft der eigenen Kinder. Armut ist als eine Belastung zu verstehen, die den Alltag der Familie und somit das Heranwachsen der Kinder massiv beeinflussen und verändern kann. Je länger Armut dauert, desto massiver werden elterliche Sorgen, da den Kindern immer weniger „ein verlässliches Zuhause und gute Entwicklungschancen“ geboten werden können, obwohl den Eltern das Wohl der Kinder viel bedeutet (Institut für Demoskopie Allensbach 2018, S. 62 f.).

Mit Armut verbundene Segregationsprozesse in Städten haben zudem Folgen, die nicht zu unterschätzen sind (Bertram 2017). Stadtviertel, in denen Kinder erleben, dass ihre Familien fast völlig von staatlichen Leistungen leben, vermitteln mitunter ein Zukunftsbild sozialer Abhängigkeit statt sozialer Selbstständigkeit; diese gelebte „soziale Exklusion“ kann Kindern vermitteln, dass ihre Eltern und sie selbst letztlich nicht zu dieser Gesellschaft gehören, weil ihre Teilhabe massiv eingeschränkt ist. Dabei wollen Eltern ihren Kindern doch eigentlich ein Vorbild sein, was allerdings mit wachsender Dauer der Armut schwieriger wird. Zum einen ist arm sein kein wirkliches Vorbild, da vieles zum Problem wird; zum anderen erleben die Eltern, wie Kinder immer mehr unter der Situation leiden. Dies wird verstärkt, wenn Eltern die subjektive Erfahrung machen, sie und ihre Kinder werden von der „anderen Welt“ ausgeschlossen oder ob ihrer Armut missachtet.

Der Alltag armer Familien unterscheidet sich zunächst zwar nicht von anderen Familien, trotz vielfältiger Probleme, die sich aus den Zwängen, Belastungen und Folgen sozialer und ökonomischer Ungleichverteilung von Ressourcen und Gütern ergeben. Länger dauernde Armut kann aber den Familienalltag verändern und die soziale sowie kulturelle Teilhabe erschweren. Möglichkeiten, ein selbstbestimmtes Leben nach den eigenen Vorstellungen eines guten Lebens zu führen, werden allmählich eingeschränkt. Lange Armutsphasen verringern zudem die erzieherischen Funktionen von Familien, die in einer individualisierten Gesellschaft bedeutsam sind (Reckwitz 2017).

Um diese Auswirkungen von Armut zu verstehen und Wirkungen auf Kinder zu reflektieren, soll der Blick auf Familien gerichtet werden, die langfristig mit Ausgrenzungserfahrungen konfrontiert und dadurch belasteter sind als andere. Armut kann verwundbarer machen und schließlich Erschöpfung zur Folge haben. Erkennbar wird ein Prozess, der Familien immer mehr an den Rand drängt; aus Mangel an anderen Perspektiven beginnen sie, sich „einzurichten“, um einigermaßen würdevoll zu leben.

4 Belastete und verwundbare Familien

Es findet sich inzwischen eine große Vielfalt an Familienformen, die sich an unterschiedlichen Positionen in der Sozialstruktur verorten lassen (Nave-Herz 2013). Einige dieser Familienformen sind in einer Gesellschaft, die von starker Ungleichheit geprägt ist, von besonderen sozialen und ökonomischen Belastungen bedroht; dazu zählen vor allem Ein-Eltern-Familien, Familie mit Migrationshintergrund oder Familien, die über längere Zeiträume von Transferleistungen leben müssen (Butterwegge 2019). Das beeinflusst auch das Heranwachsen der Kinder; schon länger spricht die Armutsforschung deshalb von einer „gespaltenen und zerklüfteten Kindheit“, die sich zwischen Reichtum und Armut unterschiedlich gestalte (Lutz und Rehklau 2016). Die Folgen von Armut in Familien sind als ein Prozess zu skizzieren, der mit höheren Belastungen beginnt, verwundbarer macht und schließlich in Erschöpfung kumulieren kann (Lutz 2012, 2014).

Der aktuelle ökonomische, soziale und kulturelle Wandel, der auch als die Erfahrung einer erlebten Beschleunigung der Verhältnisse diskutiert wird (Rosa 2005, 2016), zeigt sich u.a. in Arbeitszeitverdichtungen, Intensivierungen und Rationalisierungen, überbordender Bürokratie, Digitalisierungsprozessen, die das Leben völlig verändern, immer rascher auftretenden Innovationen und Moden, permanenter Verfügbarkeit durch das Netz, Abbau der Normalerwerbsbiografie, Zunahme an zeitlich befristeten und flexiblen Arbeitsverhältnissen sowie in der Ausweitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse.

In dieser individualisierten und zugleich beschleunigten Gesellschaft können Subjekte, aufgrund ungleicher sozialer Lagen und ungleich verteilter Ressourcen, nicht mithalten bzw. die darin liegenden Anforderungen kaum noch bewältigen. Die neoliberale Ökonomie und die Beschleunigung der Verhältnisse überfordern und drängen sie entweder in prekäre Beschäftigung oder in Armut (Butterwegge 2019). Sie erfahren dabei immer stärker Missachtung und Ausgrenzung, da sie den gültigen Normen eines individuellen Erfolgs und einer individuellen Gestaltung des Lebenslaufs nicht mehr entsprechen können. Diese Belastungen können langfristig Leben und Alltag verändern und beeinflussen (Lutz 2014; Butterwegge 2019). Niedriglöhne, Arbeitslosigkeit, niedriger Bildungsstatus, Erkrankungen, fehlende soziale Unterstützung, Dauerhaftigkeit der Erfahrung von Ausgrenzung, Verfestigung von Perspektivlosigkeit, familiäre Konflikte, unzureichende Wohnverhältnisse, fehlende Ressourcen aber auch Migrations- und Fluchterfahrungen machen Menschen verwundbarer.

Diese höhere Verwundbarkeit kann zu einer Einschränkung familiärer Funktionen führen. Für Kinder kann dies eine Reduktion von Teilhabe sowie eine Schwächung der Ausbildung von Resilienz und Autonomie bedeuten. Mit Resilienz wird eine in der gegenwärtigen Gesellschaft erforderliche und zugleich erwartete Fähigkeit beschrieben, sich selbstbewusst der Autonomieerwartung moderner und individualisierter Gesellschaft zu stellen und erfolgreich zu agieren. Es ist eine individuelle Fähigkeit, Widerstand und Stärke zu entfalten sowie situationsgerechte Lösungen zu finden (Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse 2015). Ihre Ausbildung kann zu einer Linderung der Folgen von Armut beitragen und wird mitunter als ein Weg aus der Armut erörtert (Zander 2010; Lutz 2015a). Zu den Ressourcen von Familien gehört aber auch Autonomie, damit wird der Blick auf Bewältigungsmuster familiärer Armut gerichtet. Die Armutsforschung hat schon länger herausgearbeitet, dass die Bewältigung (als Elternfunktion) auch von sozialen Netzwerken und dem jeweiligen Bildungsgrad abhängig ist: je intensiver Unterstützung durch Netzwerke und je höher der Bildungsgrad, desto eigenständiger können Familien ihre soziale Lage bearbeiten (Chassé et al. 2010; Lutz 2014). Daraus können Schlüsse für präventive Maßnahmen gezogen werden (Lutz 2015a).

Der Aufbau von Resilienz und somit Autonomie ist bei Kindern abhängig von Bildungsprozessen innerhalb und außerhalb der Familie; diese können aber, insbesondere in den frühen Jahren, durch Armut massiv eingeschränkt sein. Mit der Debatte über Resilienz rückt auch die Bedeutsamkeit der frühen Jahre in den Blick. Herkunft bedeutet noch immer Zukunft, die frühen Jahre können dabei als „Schicksalsjahre“ verstanden werden. Aus der Bildungsforschung wissen wir, dass in den frühen Jahren Grundlagen – bspw. über Vorlesen und Bilderbetrachtungen, aber auch über Spiele und Spielzeuge – vermittelt werden, die bei einem Leben in Armut und Ausgrenzung eventuell nicht jene „Qualität“ erreichen können, die vom Bildungssystem erwartet wird (Lutz und Rehklau 2016).

Alltägliche Belastungen und eine höhere Verwundbarkeit können folglich Faktoren des Bildungserfolges, die in den frühen Jahren vermittelt werden, beeinträchtigen und deren Aufbau verhindern. Mitunter lässt auch die ökonomische Lage der Familien den Gedanken an eine weiterführende schulische Ausbildung der Kinder gar nicht zu, da zum einen das vorhandene Geld fehlt und sie sich zum anderen selbst als ausgegrenzt empfinden, sich somit kaum vorstellen können, dass ihre Kinder überhaupt Chancen hätten. Eltern sind zwar grundsätzlich darum bemüht, ihre Kinder zu fördern, doch Armut zu erklären, kann eine Herausforderung sein; Bildung kann zudem ein hohes, aber zugleich auch fernes Gut werden – trotz des Wunsches, den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen (Andresen und Galic 2015).

Als Komplex

  • ökonomischer Ungleichverteilung von Gütern
  • einer sich vertiefenden Spaltung der Sozialstruktur in ressourcenstarke und ressourcenschwache Gruppen
  • einer dadurch hervorgerufenen höheren sozialen Belastung und Verwundbarkeit

kann Armut in ihren Folgen zu einer familiären Situation führen, die schon seit 2009 in Absetzung vom Begriff „Multiproblemfamilien“ als der Alltag „erschöpfter Familien“ diskutiert wird (Lutz 2009, 2010, 2012, 2014, 2015b, 2017). Damit richtet sich der Fokus auf arme Familien, die sich am vorläufigen Ende des Prozesses sozialer Ausgrenzung durch langfristige Armut befinden.

5 Erschöpfte Familien

Erschöpfung ist ein Modell, das vielfältige und insbesondere individuelle Folgen von Beschleunigung und sozialem Wandel reflektiert. Es soll hier als „soziale Erschöpfung“ auf Familien angewandt werden, die mit der Dauer ihrer Armut und erlebter Ausgrenzung immer mehr daran leiden und deren Alltag sich dadurch ändert (Lutz 2014). Entbehrungen, Sorgen und geringere Chancen für die eigenen Kinder können langfristig zu einer „familiären Erschöpfung“ führen, die durch dauerhafte ökonomische und soziale Belastungen entsteht.

Begriffe wie „Multiproblemfamilien“ oder „vielfach belastete Familien“ betrachten in der sozialarbeiterischen Literatur schon länger bestimmte Familien (Lutz 2014). Dies sind allerdings deskriptive und moralische Beschreibungen, die auf kumulative Effekte sozialer Benachteiligung hinweisen. Darin verdichtet sich ein Bild von Familien, in denen Armut die Lebensführung beeinträchtigt und sich in einer Vielfalt an Symptomen darstellt, u.a. Partnerkonflikte, psychosomatische Erkrankungen oder Probleme mit den Kindern.

Das Lebensgefühl dieser Familien zeichne sich, so die Interpretationen, durch Resignation aus, für deren Bewältigung eigene Ressourcen fehlten. Die Familien werden in diesem „Bild“ bzw. Narrativ aber als eher passive entworfen, die nur noch reagieren. Ihre Handlungsunfähigkeit sowie ein „unzulässiges Verhalten“, bis hin zum sogenannten „Erschleichen von Leistungen“, wird dabei vor dem Hintergrund normativer Familienentwürfe kritisiert. Diese implizite Moralisierung zeigt besonders das Narrativ „verwahrloste Familien“, das sich immer wieder als Beschreibung in der Presse, aber mitunter auch in sozialarbeiterischer Literatur findet (Klug 2006). Hier wird schon im Begriff eine moralische Abwertung transportiert (Uhlendorff et al. 2013).

Mit dem Begriff „erschöpfte Familien“ soll hingegen erörtert werden, dass Familien immer aktiv Gestaltende sind. Doch durch ihre unaufhörliche und schwierige Auseinandersetzung mit erlebter Armut werden sie müde und erschöpfen sich. Sie besitzen immer weniger Energie für die Gestaltung ihres Alltags und tun insofern nur noch das, was unter gegebenen Bedingungen möglich bleibt und ein wenig Stolz vermittelt. Dies orientiert sich nicht am normativen Entwurf einer richtigen Lebensführung, denn das Konzept stellt lediglich fest, dass manchen Familien eine nach ihren eigenen Vorstellungen gelingende Lebensführung immer weniger möglich scheint. Es wird auf einen Prozess und auf Lebensumstände hingewiesen, die Erschöpfung und dementsprechende Handlungsmuster verursachen. Viele Familien sind nicht nur materiell unterversorgt, sie sind zudem mit sozialen Überforderungen und Belastungen, auch aufgrund höherer Verwundbarkeit, konfrontiert, die ab einem bestimmten Zeitpunkt kaum noch zu bewältigen sind (Lutz 2014).

Uta Meier-Gräwe berichtete schon 2003 von „erschöpften Einzelkämpferinnen“, die in einer belastenden Auseinandersetzung mit ihren sozioökonomischen Lebensumständen in ihrer alltäglichen Lebensführung allmählich ermüdeten (Meier et al. 2003). Mit dieser Studie wurde erstmalig auf die Lebenslage aufmerksam gemacht, in der Armut zu Erschöpfung führen kann. Die als „erschöpft“ beschriebenen „Einzelkämpferinnen“ hatten vielfältige und negative Erfahrungen aus ihrer Lebenslage heraus, ihr Alltag wurde immer mehr von Fatalismus, Resignation und fehlenden Perspektiven geprägt. Sie verfügten über vergleichsweise niedrige Alltagskompetenzen und eine geringe Erwerbsorientierung, die Zeitstrukturen begannen zu „entgleiten“, sie waren kaum noch in der Lage zu planen. Als Eltern waren sie immer weniger sowohl mental als auch alltagspraktisch fähig, ihren Kindern Kompetenzen wie Bindungs- und Konfliktfähigkeit aber auch Durchhaltevermögen und emotionale Stabilität (Resilienz) zu vermitteln. Ihre haushälterischen Kompetenzen erschöpften sich allmählich. Insgesamt zeigte sich eine ausgeprägte Hilflosigkeit.

Eine Studie aus Jena zeigte 10 Jahre später, dass Empfänger*innen von Hartz IV sich nicht nur ständig mit knappen finanziellen Mitteln auseinandersetzen und Lösungen finden müssen, sondern auch immer mehr eine gesellschaftliche Stigmatisierung erleben und sich an Vorurteilen zerreiben (Dörre et al. 2013). Die meisten, die sich über sieben Jahre im Sample der Forschenden befanden, konnten in dieser Zeit ihre Situation kaum ändern, Wege aus dem Bezug heraus wurden immer mehr verbaut, vor allem, da eine Integration in Beschäftigung zunehmend schwerer fiel. Die Hartz-IV-Logik produziert das Gegenteil von dem, was sie leisten soll: Sie erzeugt Passivität, wo sie Aktivierung vorgibt und erwartet. Die große Mehrheit war über den langen Zeitraum der Studie bemüht, die eigene Lage zu verändern. Immerhin ca. zehn Prozent der Bezieher*innen von Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch Zweites Buch (SGB II) hatten sich sogar aufgegeben und waren nicht mehr an einer Arbeitsaufnahme, also an einer Veränderung ihrer Lage, orientiert. Diese eher kleine Gruppe konnte und wollte auch nicht mehr.

Die Situation armer Familien wird von sozialen und ökonomischen Bedingungen geprägt, die sie nicht selbst zu verantworten haben, an denen sie aber immer mehr scheitern. Ihr Alltag wird von vielfältigen Belastungen und auch Überforderungen überfrachtet, was es ihnen schwieriger macht, einen Haushalt zu gestalten. Allmählich kann dies auch zu einer Veränderung der Erziehungsfunktion führen. Fürsorgliche Beziehungen werden immer schwieriger, als Eltern sind sie immer eingeschränkter in der Lage, die erwartete Verantwortung zu übernehmen. „Erschöpfte Familien“ sind mit sich selbst beschäftigt und können ohne Hilfe von außen kaum noch erforderlichen Anforderungen gerecht werden. Teilnahmslosigkeit gegenüber Kindern können die Folgen sein, aber auch aggressive Auseinandersetzungen in der Familie sowie unberechenbare Erziehungsstile und häufiger Kontrollverlust im Alltag.

Die Folgen elterlicher Überforderung sind insgesamt vielfältig und können die Teilhabechancen der Kinder beeinträchtigen: Vernachlässigungen sowie Beeinträchtigungen der körperlichen, gesundheitlichen, psychischen, kognitiven, schulischen, sozialen und emotionalen Entwicklung der Kinder; aber auch Auffälligkeiten im Verhalten wie Ängste, Depression, Rückzug, Selbstwertprobleme, Aggressivität, Unruhe, Konzentrationsstörungen, Dauerinfektionen, chronische Erkrankungen, Mangelerkrankungen und frühe Suchterkrankungen.

Zweifellos versuchen arme Eltern notwendige Einsparungen überwiegend so zu gestalten, dass sie zunächst nicht die Kinder betreffen (Andresen und Galic 2015). Doch dies lässt sich nicht immer konsequent durchhalten und je erschöpfter die Eltern sind, desto schwieriger wird dies und desto eher wird auch bei den Kindern gespart. Je mehr Beeinträchtigungen das Kind in der Unterstützungs-, Ermöglichungs- und Vermittlungsfunktion seiner Eltern erfährt, desto schwieriger wird der Zugang zu kulturellen und sozialen Ressourcen und Teilhabechancen. Je länger zudem die Familie von Armut betroffen ist, desto größer sind die psychischen wie auch physischen Belastungen der betroffenen Personen und vor allem auch der Kinder. Je länger Kinder dabei einer Erschöpfungssituation ausgesetzt sind, desto geringer wird ihre Möglichkeit, mögliche Potenziale und Kompetenzen auszubilden und Zukunftschancen zu bewahren.

Hilfe muss deshalb, wie es inzwischen auch vielfach geschieht, als Unterstützung im Alltag organisiert werden, die es Familien ermöglicht ihre Situation wieder eigenständiger zu bewältigen (Lutz 2015b). Eine bedeutsame Form dieser Unterstützung bei familiärer Erschöpfung sind aufsuchende und begleitend Hilfen sowie Präventionsnetze, wie es sie in einigen Kommunen schon länger gibt (Lutz 2017). So helfen ehrenamtliche Familien- oder Sozialpat*innen in der Organisation des Haushalts und leisten Unterstützung in alltäglichen Angelegenheiten. Andere Kommunen haben Wahrnehmungs- und Präventionsketten eingerichtet, die Familien manchmal vom Beginn der Schwangerschaft bis hin zum Schulaustritt der Kinder begleiten.

6 Fazit

Nicht jede arme Familie ist auch gleich erschöpft, sie kann es aber werden; insbesondere, wenn sie allein gelassen wird. Die nötigen Bewältigungsstrategien, um die Folgen von Armut eigenständig zu bearbeiten und die Teilhabechancen der Kinder hoch zu halten, sind vom Grad der Verwundbarkeit sowie von unterstützenden Netzwerken abhängig – und somit auch von den Möglichkeiten und Interventionen der sozialpädagogischen Familienhilfe. Erschöpft sind zumeist Familien, die schon lange allein gelassen wurden, obwohl sie einen hohen Unterstützungsbedarf haben. Es sind mitunter Eltern, die selbst Leid erfuhren. Ihnen fehlen Netzwerke, sie erhalten kaum Unterstützung bei der Bewältigung von Krisen, sie verfügen über kein Brückenkapital, das Beziehungen über ihre eigene soziale Lage hinaus organisiert – Beziehungen, die wichtig sind, um Unterstützung und Förderung zu erhalten. In diesen Familien verfestigen und tradieren sich schließlich fatale Muster, wie man sich in Armut und Benachteiligung einrichten kann.

7 Quellenangaben

Andresen, Sabine und Danijela Galic, 2015. Kinder – Armut – Familie: Alltagsbewältigung und Wege zu wirksamer Unterstützung. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. 2. Auflage. ISBN 978-3-86793-657-6

Bertram, Hans, Hrsg., 2017. Zukunft mit Kindern, Zukunft für Kinder: Der UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland im europäischen Kontext. Leverkusen: Verlag Barbara Budrich. ISBN 978-3-8474-0551-1 [Rezension bei socialnet]

Butterwegge, Christoph, 2019. Die zerrissene Republik: Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-5414-9

Chassé, Karl-August, Margherita Zander und Konstanze Rasch, 2010. Meine Familie ist arm: Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. 4. Auflage. Springer: Wiesbaden. ISBN 978-3-531-17214-9

Dörre, Klaus, Karin Scherschel, Melanie Booth, Tine Haubner, Kai Marquardsen und Karen Schierhorn, 2013. Bewährungsproben für die Unterschicht? Soziale Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik. Frankfurt am Main: Campus. ISBN 978-3-593-39797-9

Fröhlich-Gildhoff, Klaus und Maike Rönnau-Böse, 2015. Resilienz. Stuttgart: UTB. ISBN 978-3-8252-3613-7

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Klug, Karl, 2006. Die Arbeit mit „verwahrlosten“ Familien [online]. Ein integrativer Ansatz aus Familientherapie, Systemtherapie und Psychoanalyse [Masterarbeit]. Graz: Interuniversitäres Kolleg für Gesundheit und Entwicklung [Zugriff am: 25.02.2020]. Verfügbar unter: https://www.inter-uni.net/static/​download/​publication/​masterthesen/​T_Klug_www.pdf

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Lutz, Ronald, 2015b. Den Teufelskreis durchbrechen. Quartiersbezogene Hilfen für erschöpfte Familien. In: Blätter der Wohlfahrtspflege: deutsche Zeitschrift für soziale Arbeit. 6, S. 223–225. ISSN 0340-8574

Lutz, Ronald, 2017. Kinder im Fokus. Zur Kritik der Familienpolitik. In: Seniorenreport. (22)4, S. 4–14. ISSN 2364-9860

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Paritätischer Gesamtverband, 2019. 30 Jahre Mauerfall – Ein viergeteiltes Deutschland. Der Paritätische Armutsbericht 2019. Berlin: Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband Gesamtverband e.V.

Reckwitz, Andreas, 2017. Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-58706-5 [Rezension bei socialnet]

Rosa, Hartmut, 2005. Beschleunigung: Die Veränderung von Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-29360-7

Rosa, Hartmut, 2016. Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-58626-6 [Rezension bei socialnet]

Tophoven, Silke, Torsten Lietzmann, Sabrina Reiter und Claudia Wenzig, 2017. Armutsmuster in Kindheit und Jugend, Längsschnittbetrachtungen von Kinderarmut. Gütersloh: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit und Bertelsmann Stiftung

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8 Literaturhinweise

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Autor
Prof. em. Dr. phil. Ronald Lutz
Fachhochschule Erfurt
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Zitiervorschlag
Lutz, Ronald, 2020. Psychosozial hochbelastete Familie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 19.03.2020 [Zugriff am: 05.04.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Psychosozial-hochbelastete-Familie

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Prof. em. Dr. phil. Ronald Lutz
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veröffentlicht am 19.03.2020

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