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Religiöse Erziehung

Religiöse Erziehung orientiert sich an gewachsenen religiösen Praktiken und Vollzügen. Sie vollzieht sich, indem Eltern und Erzieher*innen Heranwachsende in Familie und in primären und sekundären (Bildungs-)Einrichtungen erziehen, d.h. begleiten und unterstützen. Religiöse Erziehung strebt keine dogmatische Bindung, sondern einen mündigen Umgang mit religiösen Traditionen an. Sie setzt Freiheit voraus.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Begrifflichkeiten
    1. 2.1 Erziehung, Sozialisation und Bildung – Abgrenzungen
    2. 2.2 Religiöse Erziehung
    3. 2.3 Akteure der religiösen Erziehung
    4. 2.4 Orte religiöser Erziehung
  3. 3 Perspektiven und Dimensionen
    1. 3.1 Der Umgang mit religiösen Traditionen
    2. 3.2 Religiöse Erziehungsstile
    3. 3.3 Religiöse Erziehungskonzepte?
  4. 4 Kritische Würdigung
  5. 5 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Religiöse Erziehung ist von (religiöser) Sozialisation und Bildung zu unterscheiden. Sie betrifft intentionale Prozesse, in denen Eltern und Erzieher*innen Heranwachsende bei der Entfaltung ihrer religiösen Persönlichkeit unterstützen. Indem sie ihnen religiöse Praktiken und Vollzüge nahe legen, achten sie zugleich deren religiöse Bedürfnisse.

Während Eltern – vor dem Hintergrund eigener familialer Prägungen sowie sozialer Erwartungen des Umfeldes, in dem sie und ihre Kinder den Alltag verbringen – darüber entscheiden, ob ihre Kinder religiös erzogen werden, sind professionelle Erzieher*innen und Lehrkräfte in staatlichen und privaten Institutionen von Staat und Religionsgemeinschaften mit der Unterstützung von religiöser Erziehung betraut. In religionspädagogischen Aus- und Fortbildungsmaßnahmen sensibilisieren sie sich für die alters- und entwicklungsgerechten religiösen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen, befassen sich aber auch mit religiösen Einflüssen in einer multikulturellen und religiös pluralen Gesellschaft.

Religiöse Erziehungsansätze bilden keine religiösen Erziehungsmodelle aus, sondern machen auf die Notwendigkeit aufmerksam, unterschiedliche Erziehungsstile ggf. kritisch zu bedenken. Ihre Chancen und Grenzen werden in der Religionspädagogik reflektiert, die religiöse Erziehung neben religiöser Bildung und Sozialisation als eines ihrer Teilgebiete ausweist.

2 Begrifflichkeiten

2.1 Erziehung, Sozialisation und Bildung – Abgrenzungen

Im Allgemeinen Sprachgebrauch beschreibt Erziehung Vorgänge, durch die einer nachwachsenden Generation Wertvorstellungen und Verhaltensweisen einer Gesellschaft vermittelt werden. In einem wissenschaftlichen Verständnis bezieht sich Erziehung – ähnlich wie Sozialisation und Bildung – auf Dimensionen menschlicher Entwicklung und Reifung.

Während unter Sozialisation tendenziell die Anpassung von Kindern und Jugendlichen an einen lebensweltlich vorgegebenen Bedingungsrahmen verstanden wird, ist Bildung eine Aktivität, mit der sich Heranwachsende ihre Umwelt eigenständig aneignen. Sie avisiert die subjektive Fähigkeit des Menschen, sich in ein Verhältnis zu sich selbst, der Mit- und Umwelt zu setzen und hebt langfristig auf Haltungen ab, die weniger durch absichtsvolle Handlungen als vielmehr durch implizite Erfahrungen beeinflusst werden (Schröder 2012, Domsgen 2019).

Eine genaue Trennung der Bereiche von Erziehung und Bildung ist nicht immer möglich. Es wird daher vorgeschlagen, von Bildung als „Ermöglichungsgrund der Subjektwerdung des Menschen“ und von Erziehung als „Verwirklichungszusammenhang vo[n] gelingende[m] Leben in der Gesellschaft“ (Lindner 2009, S. 422) zu sprechen. Während Bildungsprozesse die Entfaltung der inneren Kräfte der Menschen avisieren, wirken Erziehungsprozesse von außen auf die zu Erziehenden ein.

Ist der Blick auf die zu Erziehenden gerichtet, geht es primär um intentionale Einwirkungen auf den Erziehungsprozess. Die intentionalen Einwirkungen von Eltern und Erzieher*innen sind von den funktionalen Einwirkungen – etwa der sozialen Welt – zu unterscheiden (Lindner 2009, S. 423). Das Ziel der Erziehung ist nicht auf ein bestimmtes Bild vom Menschen gerichtet, sondern „besteht in der Vermittlung bestimmter partieller Funktions- oder Verhaltensweisen“. Erziehung zielt also nicht „auf das Wesen des Menschen als ein Ganzes, sondern auf bestimmte konkrete Funktionen“ (Fraas 1993, S. 35).

Reduziert man Erziehung auf Anpassungsleistungen an eine bestehende Gesellschaftsordnung oder auf die Übertragung einer sozialen Ordnung, besteht die Gefahr, die Freiheit von Heranwachsenden – etwa zugunsten von politischen oder religiösen Zwecken – zu beschneiden oder zurückzudrängen. Die individuellen Möglichkeiten von Kindern oder Jugendlichen geraten aus dem Blick. Es ist daher wichtig, soziale wie individuelle Aspekte in der Erziehung zu bedenken und in ein dynamisches Gleichgewicht zu bringen (Miedema 2009).

2.2 Religiöse Erziehung

Religiöse Erziehung kann wie die allgemeine Erziehung als Verwirklichungszusammenhang von gelingendem Leben beschrieben werden: Es geht ihr um die Vermittlung religiöser Praktiken und Vollzüge. Sie teilt mit der allgemeinen Erziehung die Vorstellung einer spezifischen Funktionalität, die sie auf in einem Milieu oder in einer Gesellschaft vorfindliche religiöse Traditionen bezieht. Religiöse Erziehung unterstützt die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit, „die sich bejaht weiß und deshalb frei entfalten kann“ (Domsgen 2019, S. 400).

Religiöse Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen sind nicht zu missachten. Minderjährige, die das 12. Lebensalter erreicht haben, kann man nicht gegen ihren Willen zwingen, die Religion oder Konfession zu wechseln. Ab einem Alter von vierzehn Jahren sind Jugendliche religionsmündig. Sie haben das Recht, ihr Religionsbekenntnis frei zu wählen.

2.3 Akteure der religiösen Erziehung

Religiöse Erziehung teilt mit der allgemeinen Erziehung die Vorstellung, dass die Akteure der Erziehung Personen sind, die gegenüber den zu Erziehenden einen gewissen Erfahrungsvorsprung haben (Lindner 2009). Eltern, Großeltern und andere Familienangehörigen widmen sich der religiösen Erziehung im Privatbereich, Erzieher*innen in kirchlich, religiös oder weltanschaulich gebundenen Einrichtungen integrieren religiöse Erziehung in des Alltagsleben. Lehrkräfte, Teamer*innen, aber auch u.a. Diakon*innen und Pastor*innen wirken entsprechend im öffentlichen Bereich.

Eltern entscheiden über die Frage, ob Kinder religiös erzogen werden. Bei ihrer Entscheidung müssen sie sich der Verantwortung für ihr Kind bewusst sein und sein Selbstbestimmungsrecht achten. Eltern haben dafür Sorge zu tragen, dass ihr Kind Zuversicht und Vertrauen zu sich selbst und seiner Mit- und Umwelt aufbauen kann. Dem Kind darf keine bestimmte Haltung aufgezwungen werden, auch sollten keine Ängste geweckt werden. In der Regel sind Eltern wichtige Vorbilder für ihre Kinder auch in religiösen Fragen. Dieser Rolle sollten sie sich bewusst sein. Religiöse Erziehung darf nicht dazu dienen, die Autorität der Eltern zu stärken. Von der Entscheidung der Eltern zugunsten einer religiösen Erziehung hängt u.a. der Kontakt zu Vertreter*innen anderer, nicht familialer Bezugspersonen ab.

Professionelle Erzieher*innen in Kindertagesstätten oder Lehrkräfte in den primären und sekundären Bildungseinrichtungen werden von Staat, Religionsgemeinschaften oder weltanschaulich gebundenen Gemeinschaften (u.a. der Christengemeinschaft) mit der religiösen Erziehung der Heranwachsenden betraut. Dieser Personenkreis ist dazu angehalten, die religiösen Bedürfnisse und Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen in Entsprechung zu ihrer kognitiven, emotionalen und volitiven Entwicklung zu unterstützen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Fähigkeiten des Kindes wachsen und es allmählich eine eigene Haltung zu religiösen Fragen ausbildet. Lehrkräfte, Teamer*innen und Vertreter*innen religiöser Gemeinschaften haben sich religionspädagogischen Aus- und Fortbildungsmaßnahmen zu unterziehen, deren Gütestandards und Qualitätskriterien staatlicher und kirchlicher bzw. religionsgemeinschaftlicher Kontrolle unterliegen (Gatzweiler 2011).

2.4 Orte religiöser Erziehung

Religiöse Erziehung findet überwiegend in familialen Strukturen statt, in denen erste Erfahrungen mit Religion gesammelt werden. Im Zuge einer sich in religiöser Hinsicht plural und heterogen ausdifferenzierenden Gesellschaft kann eine Familie einweisend, hinweisend oder optional religiös erziehen. Eine einweisende religiöse Erziehung fördert bestimmte Grundorientierungen. Sie wird in Familien gewählt, die von der Angemessenheit bzw. Richtigkeit ihrer religiösen Position(en) überzeugt sind. Eine hinweisende religiöse Erziehung relativiert die eigene Glaubenshaltung. Sie setzt voraus, dass zwar die eigene Religion wichtig ist, dass es aber auch Aspekte und Elemente in anderen Lebens- und Alltagszusammenhängen gibt, die zentrale Impulse für die religiöse Entwicklung geben (Domsgen 2019, S. 127 und 403). Die optionale Haltung geht von der Gleichberechtigung aller in einer Gesellschaft vorhandenen Religionen aus. Sie wird u.a. in dem Moment relevant, indem Eltern verschiedenen Glaubensbekenntnissen oder Religionen angehören oder Kinder und Jugendliche in interreligiösen Kontexten aufwachsen.

Je nach Bundesland gibt es für Kindertagesstätten unterschiedliche Bestimmungen, die den Umgang mit religiösen Inhalten in eigenen Bildungsplänen festhalten. Religiöse Kindertagesstätten – etwa 50 % aller Kindertagesstätten sind in kirchlicher Trägerschaft – scheinen mit den Anforderungen besser klar zu kommen als nicht-religiöse Einrichtungen (Gatzweiler 2011). Pastorinnen und Pastoren, aber auch pädagogische Kräfte nicht-christlichen Bekenntnisses ermöglichen den Kindern besondere Zugänge zu der eigenen Religion. Mit Blick auf religiöse Gebräuche und Rituale – wie etwa (Tisch-)Gebete – stellt sich das grundsätzliche Problem möglicher Ausgrenzungserfahrung von Kindern, die einer anderen Religion angehören. Auf diese Gefahr ist pädagogisch sensibel zu reagieren (Stockinger 2017).

Ob ein Kind religiös erzogen wird, ist nicht nur eine Frage der persönlichen Einstellung der Elternschaft, sondern ergibt sich auch aus dem (religiösen) Selbstverständnis sowie den sozialen Erwartungen des Milieus, in dem Kinder und Jugendliche ihren Alltag verbringen. In Form einer Förderung von religiöser Entwicklung und religiösem Lernen findet religiöse Erziehung in öffentlichen und privaten Schulen, in der öffentlichen Praxis von Religionsgemeinschaften (Kinder- und Jugendgottesdiensten) sowie in der von Arbeit von Kirchengemeinden (Konfirmandenarbeit, Projektarbeit, schulnahe Bildungsarbeit) statt. Insbesondere in der Schule, aber auch an anderen Orten ist die negative Religionsfreiheit (Art. 7 Abs. 3 GG) zu beachten. Niemand darf zur Teilnahme an religiösen Praktiken und Vollzügen gezwungen werden (Domsgen 2019).

3 Perspektiven und Dimensionen

3.1 Der Umgang mit religiösen Traditionen

Begegnungen mit Religion finden in verschiedenen Situationen des Alltagslebens statt. Bereits der Weg zur Kindertagesstätte kann an einer Kirche, einer Synagoge oder an einer Moschee vorbeiführen. Die verschiedenen religiösen Feste sind im Alltagsleben der Menschen fest verankert. Dies gilt zunächst für christliche Feste wie Weihnachten oder Ostern, lässt sich aber auch auf Feste anderer Religionen – wie u.a. Chanukka oder das Opferfest – übertragen. Hinzu kommen mediale Formen, Kinder- und Jugendbibeln, Kinderkoran sowie filmische Umsetzungen religiöser Erzählungen aus Bibel und Koran.

Religiöse Begegnungen in (Alltags-)Situationen lösen insbesondere bei Kindern konkretes Nachfragen, aber auch die Beschäftigung mit sog. großen Fragen – u.a. nach dem Sinn des Lebens, der eigenen Herkunft, dem Ende des Lebens – aus, auf die sich Erzieher*innen möglichst angemessen vorbereiten (Kammeyer 2009).

Monotheistische Religionen – das Judentum, das Christentum und der Islam – kommen nicht ohne eine einweisende religiöse Erziehung aus, die sich auf religiöse Praktiken und Vollzüge sowie den Umgang mit Heiligen Schriften bezieht. Gilt in der jüdischen Erziehung u.a. die Beachtung spezifischer Vorschriften ebenso wie die Einweisung in das Lesen der Tora als zentral, so geht es in der christlichen Erziehung u.a. um die allmähliche Orientierung an Grundsätzen wie der Nächsten- und Feindesliebe, aber auch der Erfahrung eines unbedingten Angenommenseins. Die islamische Erziehung orientiert sich u.a. am Koran, der die Achtung des Anderen auf Gottes Barmherzigkeit zurückführt (Harz 2014).

Insgesamt ist dafür zu sensibilisieren, wie Heranwachsende Angehörigen anderer Religionen und Weltanschauungen begegnen. Der religiösen Erziehung sollte eine „Kultur der Anerkennung“ zugrunde liegen (Krobath et al. 2013).

3.2 Religiöse Erziehungsstile

Das spezifische Erziehungsverhalten von Eltern wird in der Pädagogik als Erziehungsstil bestimmt. Dies meint „die beobachtbaren und verhältnismäßig überdauernden tatsächlichen Praktiken der Eltern […], mit ihren Kindern umzugehen“ (Hurrelmann 2006, S. 157). Der Begriff Erziehungsstil umfasst vornehmlich die Rolle des Erziehenden, Führenden oder Unterrichtenden.

Während der autoritäre Erziehungsstil bedingungslosen Gehorsam des Kindes verlangt und mit Lohn und Strafen operiert, überlässt der Laissez-faire-Führungsstil das Kind vornehmlich sich selbst und greift in die Entscheidungen des Kindes nicht reglementierend ein. Einen autoritären Erziehungsstil weisen nicht selten sog. Helikopter-Eltern auf. Der kooperative oder auch sozial-integrative Erziehungsstil bemüht sich um eine Beziehung zum Kind und gibt vielfältige Anregungen. Er setzt aber dort Grenzen, wo das Handeln des Kindes zu Schädigungen führt, die es selbst nicht antizipieren kann (Stangl 2019).

Im Rahmen explizit einweisender wie auch implizit hinweisender Erziehung stellt sich die Frage, in welchem Maße religiöse Praktiken und Vollzüge zum Tragen kommen. Sollten Kinder ein Minimum an religiösen Bräuchen und Glaubensvorstellungen erlernen, um nicht von den Verhaltensweisen anderer Kinder abzuweichen und ggf. zu Außenseitern zu werden? Oder sollten Kinder von vornherein so erzogen werden, dass sie sich bewusst zu Religion, d.h. zustimmend ebenso wie ablehnend, verhalten können?

Eine verstärkte Kommunikation über geistig-religiöse Dimensionen erlaubt es Eltern, die über ein höheres Bildungsniveau verfügen, eigene (religiöse) Werte einfacher weiterzugeben. Dabei ist es nicht die aktive religiöse Erziehung, die Auswirkungen auf die religiösen Praktiken der Kinder hat, sondern „die eigene ‚vor‘-gelebte religiöse Praxis“ (Ateş 2014, S. 108). Umgekehrt spricht Einiges dafür, dass sich Kinder von der Religion ihrer Eltern abwenden, wenn diese ihnen erklären, dass Religion von hoher Bedeutung ist, sie aber selbst die Vorgaben ihrer Religion nicht befolgen (Stein 2015; Stein 2018). Eine Studie unter Berufsschüler*innen ergab zudem, dass Jugendliche, die ihren eigenen Kindern beziehungsförderliche Werte vermitteln wollen, deutlich religiöser geprägt sind als Jugendliche, die sie nach materialistischen Werten erziehen möchten (Feige und Gennerich 2008).

Verschiedene neuere Studien haben darauf hingewiesen, dass nicht jede Form von religiöser Erziehung die Fähigkeit erhöht, „Probleme und Konflikte auf der Grundlage von universellen Moralprinzipien durch Denken und Diskussion zu lösen“ (Lind 2015, 53). Eine dogmatisch religiöse Erziehung, die Verhaltensweisen durch religiös gegründete Ge- und Verbote vorgibt, führt offensichtlich dazu, dass nur in einem geringen Umfang moralische Kompetenz ausgebildet wird, die sich im Umgang mit konkurrierenden Alternativen oder mehrdeutigen Situationen äußert. Insbesondere die frühkindliche religiöse Erziehung scheint dabei einen Einfluss zu haben. Die Fähigkeit von Eltern, mit ihren Kindern über Probleme zu diskutieren, wirkt sich offensichtlich prägend auf deren späteres Diskussionsverhalten aus. Religiös dogmatisch gegründete, d.h. autoritäre Erziehungsmethoden wirken sich auf die moralische Kompetenz entwicklungshemmend aus, ohne dass allerdings bestimmt werden könnte, welche Faktoren als entwicklungsförderlich anzusehen sind (Akin 2018, S. 39).

3.3 Religiöse Erziehungskonzepte?

Religiöse Erziehungskonzepte im eigentlichen Sinn gibt es offensichtlich nur um den Preis von dogmatisch-autoritären Verhaltensstrukturen, die wegen erwartbarer Folgeschäden für jede Form von Erziehung kritisch zu diskutieren sind (Lindner 2009, Akin 2018).

Der Versuch einer geschichtlichen Rekonstruktion von (christlich-)religiösen Erziehungskonzepten scheint ebenfalls zu scheitern. Neuere Gesamtdarstellungen greifen demgegenüber auf die Darstellung von religiösen Erziehungs- und Bildungskonzepten zurück. So folgt etwa auf das altkirchliche Katechumenat, die mittelalterliche Enkulturation, reformatorische Instruktion und neuzeitliche Bildung (Schröder 2012, S. 163). 

In der Konsequenz erscheinen religiöse Erziehungsansätze nicht als eigenständige Modelle, sondern konzentrieren sich darauf, altersspezifische Einstellungen und Verhaltensweisen zu beschreiben, um eine sensible Begleitung zu ermöglichen:

Jüngere Kinder zwischen drei und sechs Jahren bilden im Rahmen eines artifiziellen Denkens die Vorstellung aus, dass Gott in der Welt durch Dinge handelt. Dem entspricht in religiöser Hinsicht die Überlegung, dass Gott helfend eingreifen wird, wenn man ihn darum bittet. Religiöse Erziehung hat darauf zu achten, dass sich die magische Vorstellung weiterentwickelt.

Das logische Denken nimmt zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr deutlich zu. Das Kind versteht den Zusammenhang zwischen Gott und (seinen) verborgenen Geheimnissen in der Welt. Diese Erkenntnis lässt sich in Worten ausdrücken und als Erinnerung teilen. Religiöse Erziehung hat die Aufgabe, das Kind darin zu unterstützen, erste spirituelle Ansätze weiterzuentwickeln.

Zwischen elf und zwölf Jahren wird Kindern deutlich, dass auch der Mensch selbst etwas zur Veränderung seiner eigenen Situation beitragen kann. Gott handelt nicht belohnend oder bestrafend, sondern ist an einer freien Entscheidung der Menschen interessiert. Indem religiöse Erziehung die Werte einer materialistischen Konsumhaltung oder einer konkurrierenden Leistungsorientierung problematisiert, kann sie helfen, eine verlässliche Grundlage für das eigene Leben zu entwickeln (Fraas 1993).

4 Kritische Würdigung

Religiöse Erziehung ordnet sich in den Kontext von allgemeiner Erziehung und konkreten religiösen Praktiken und Vorzügen ein. Sie denkt den Bedingungen nach, unter denen religiöse Akteure, d.h. Eltern und Erzieher*innen an verschiedenen Orten erzieherisch tätig werden. Im Fokus steht die behutsame Einweisung in religiöse Traditionen, die in Familie, Milieu und Gesellschaft geschichtlich gewachsen sind und die die Erziehenden für sich als hilfreich empfinden (Domsgen 2019).

Religiöse Erziehung avisiert einen kleinen Ausschnitt aus dem größeren Gebiet der Religionspädagogik. Auf einer professionellen Ebene befasst sie sich mit Funktionen, die die religiöse Erziehung bestimmen und versucht, möglichen Unsicherheiten durch Beschreibung der religiösen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen vorzubeugen. Sie strebt im Rahmen staatlich und kirchlich – bzw. von entsprechenden, z.T. freien religiösen Gemeinschaften her – kontrollierter Aus- und Fortbildung die Einrichtung von stabilen Strukturen und (Frei-)Räumen an, in denen sich erzieherische (Gestaltungs-)Freiheit in Fragen von Religion ereignen kann (Lindner 2009).

5 Quellenangaben

Akin, Asli, 2018. Religiöse Erziehung und Moralentwicklung: Der Einfluss einer religiös geprägten Kindheit auf die moralische Orientierung und Kompetenz. In: Ethics in Progress. 9(2), S. 27–43. ISSN 2084-9257

Ateş, Gülay, 2014. Religiöse Praktiken bei muslimischen Familien: Kontinuität und Wandel in Österreich. In: Hildegard Weiss, Philipp Schnell und Gülay Ateş, Hrsg. Zwischen den Generationen: Transmissionsprozesse in Familien mit Migrationshintergrund. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 95–102. ISBN 978-3-658-03122-0 [Rezension bei socialnet]

Domsgen, Michael, 2019. Religionspädagogik. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt. ISBN 978-3-374-05490-9 [Rezension bei socialnet]

Feige, Andreas und Carsten Gennerich, 2008. Lebensorientierungen Jugendlicher: Alltagsethik, Moral und Religion in der Wahrnehmung von Berufsschülerinnen und -schülern in Deutschland. Münster: Waxmann. ISBN 978-3-830-91941-4

Fraas, Hans-Jürgen, 1993. Die Religiosität des Menschen: ein Grundriss der Religionspsychologie. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. ISBN 978-3-8252-1578-1

Gatzweiler, Werner, 2011. Religiöse Erziehung und Bildung in Kindertageseinrichtungen. Religionspädagogische Anfragen. In: Stimmen der Zeit. 136(11) S. 732–742. ISSN 0039-1492

Harz, Frieder, 2014. Interreligiöse Erziehung und Bildung in Kitas. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-70154-6

Hurrelmann, Klaus, 2006. Einführung in die Sozialisationstheorie. 9. Auflage. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-407-25440-5 [Rezension bei socialnet]

Kammeyer, Katharina, 2009. „Lieber Gott, Amen!“ Theologische und empirische Studien zum Gebet im Horizont theologischer Gespräche mit Vorschulkindern. Stuttgart: Calwer Verlag. ISBN 978-3-7668-4098-1

Krobath, Thomas, Andrea Lehner-Hartmann und Regina Polak, Hrsg., 2013. Anerkennung in religiösen Bildungsprozessen: Interdisziplinäre Perspektiven. Göttingen: Vienna University Press. ISBN 978-3-8471-0202-1

Lind, Georg, 2015. Moral ist lehrbar: Wie man moralisch-demokratische Kompetenz fördern und damit Gewalt, Betrug und Macht mindern kann. Berlin: Logos. ISBN 978-3-832-54123-1

Lindner, Heike, 2009. Bildung, Erziehung und Religion in Europa: Politische, rechtshermeneutische und pädagogische Untersuchungen zum europäischen Bildungsauftrag. Berlin/New York: De Gruyter. ISBN 978-3-11-020921-1

Miedema, Siebren, 2009. Subjekt und – oder – statt Institutionen? H.-G. Heimbrocks Lebenswelt-Konzeption und religiöse Erziehung. In: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie. 62(3), S. 205–214. ISSN 1437-7160

Schröder, Bernd, 2012. Religionspädagogik. Tübingen: Siebeck Mohr. ISBN 978-3-161-50979-7

Stangl, Werner, 2019. Erziehungsstil [online]. Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Emmendingen: best.management [Zugriff am: 03.05.2020]. Verfügbar unter: https://lexikon.stangl.eu/2072/erziehungsstil/

Stein, Margit, 2016. Wertebildung in der Familie: Primäre Sozialisationsinstanz mit besonderen Herausforderungen. In: Bertelsmann Stiftung, Hrsg. Werte lernen und leben: Theorie und Praxis der Wertebildung in Deutschland. Gütersloh: Bertelsmann Verlagshaus, S. 61–82. ISBN 978-3-867-93727-6

Stein, Margit, 2018. Zur Pluralität (religiöser) Erziehung: Erkenntnisse aus dem Zusammenhang zwischen (religiösen) Erziehungszielen im Elternhaus mit eigenen religiösen und Werteorientierungen und eigenen Erziehungszielen. In: Theo Web. Zeitschrift für Religionspädagogik [online]. 17(2), S. 263–284 [Zugriff am: 06.06.2020]. Verfügbar unter: https://www.theo-web.de/ausgaben/2018/17-jahrgang-2018-heft-2/

Stockinger, Helena, 2017. Umgang mit religiöser Differenz im Kindergarten: Eine ethnographische Studie an Einrichtungen in katholischer und islamischer Trägerschaft in Wien. Münster/New York: Waxmann. ISBN 978-3-830-93648-0

Autorin
Prof. Dr. Antje Roggenkamp
Seminar für Praktische Theologie und Religionspädagogik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
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Zitiervorschlag
Roggenkamp, Antje, 2020. Religiöse Erziehung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 29.06.2020 [Zugriff am: 11.07.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Religioese-Erziehung

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Prof. Dr. Antje Roggenkamp
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veröffentlicht am 29.06.2020

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