socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft
socialnet Lexikon [Work in Progress]
erweiterte Suche
Suche nach Begriff, AutorIn, Schlagwort

Ressourcenorientierte Beobachtung

Ressourcenorientierte Beobachtungen sind auf die Entdeckung von Ressourcen, d.h. Kompetenzen, Potenziale und Interessen – von Kindern und Jugendlichen – gerichtet. Ob es um individuelle Förderung in Schule oder Kindertagesstätte und/oder die Ermittlung sonderpädagogischen Förderbedarfs geht: am Anfang steht die genaue Beobachtung des Kindes in seinem Umfeld in der Schule oder der Kindertagesstätte. In dem Beobachtungsverfahren, welches durch einen positiven Blick und eine wertschätzende Haltung gegenüber den Kindern geprägt ist, geht es nicht nur um genaues Beobachten und Beschreiben, sondern auch darum, das Wohlbefinden und die Engagiertheit des Kindes in seinem Handeln wahrzunehmen.

Überblick

  1. 1 Bedeutung
  2. 2 Ressourcenorientiert beobachten bedeutet Wertschätzung
  3. 3 Stärkung des Selbstvertrauens
  4. 4 „Handwerkszeug“ und Reflexivität
  5. 5 Beobachtungsverfahren
  6. 6 Das Entstehen eines positiven Blicks
  7. 7 Der positive Blick: eine „rosarote Brille“?
  8. 8 Quellenangaben
  9. 9 Informationen im Internet

1 Bedeutung

Die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen in ihrer individuellen Entwicklung beginnt damit, dass darauf geschaut wird, was diese bereits tun und können. Auch die jeweiligen Förderpläne in Schulen und Kindertagesstätten in den Bundesländern haben dies aufgegriffen. Gemeinsam ist diesen die Abkehr von einer defizitorientierten Wahrnehmung hin zu einer Kompetenz- und Bedürfnisorientierung (Kiso, Lotze und Behrensen 2014). Dazu gehört die Erkenntnis, dass Lern- und Entwicklungsschritte nur auf der Grundlage beschreibbarer individueller Ressourcen voraus gedacht werden können. Dies gilt für den Bereich Inklusion wie auch individuelle Förderplanungen in der Schule. Die Bedeutung ressourcenorientierter Beobachtungen geht allerdings darüber hinaus. So machen die Bildungspläne und -programme der Länder für den Elementarbereich deutlich, dass ressourcenorientiertes Beobachten heute zum fachlichen Standard guter pädagogischer Arbeit gehört. Die Beobachtung und Dokumentation der kindlichen Bildungsprozesse stehen dabei im Zentrum.

2 Ressourcenorientiert beobachten bedeutet Wertschätzung

In der alltäglichen pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind ressourcenorientierte Beobachtungen nicht reduziert auf Förderdiagnostik oder die Ausgestaltung eines Lern- und Entwicklungsplanes. Sie sind vielmehr wesentliches Element einer Praxis, die alle Kinder gleichermaßen in den Blick nimmt. Im Zentrum steht jedes einzelne Kind und das, was es kann und tut. Dabei geht es darum, den Blick zu schärfen und genau hinzuschauen. Das Kind ist hier jedoch nicht einfach „Objekt“ der Beobachtungen. Ressourcenorientierte Beobachtungen bedeuten für die Kinder eine hohe Wertschätzung. Sie fühlen sich gesehen und ernst genommen. Und sie sind Kooperationspartner in einem Prozess, in dem aus den Beobachtungen heraus pädagogische Angebote entwickelt werden, die wiederum für das Kind wie für die Eltern dokumentiert werden.

3 Stärkung des Selbstvertrauens

Wer die Erfahrung macht, positiv und in seinen Stärken und Potenzialen wahrgenommen zu werden, die/der traut sich auch mehr zu und gewinnt an Selbstvertrauen. In ihrer Selbstbestimmungstheorie der Motivation weisen Deci und Ryan das Streben nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit als menschliche Grundbedürfnisse nach. Kinder, die darin gestärkt werden, haben gute Voraussetzungen, eine intrinsische Motivation und eine starke Lernbereitschaft auszubilden (Deci und Ryan 1993).

4 „Handwerkszeug“ und Reflexivität

Pädagogische Fachkräfte brauchen „Handwerkszeug“, um Kinder zu beobachten, diese Beobachtungen zu dokumentieren und mit anderen gemeinsam auszuwerten und zu reflektieren (Hebenstreit-Müller und Mohn 2007).

Dies setzt Reflexivität ebenso voraus wie das Verfügen über geeignete methodische Instrumente, die fall- und situationsbezogen eingesetzt werden können. Aber nicht alle Beobachtungsinstrumente sind dafür geeignet, gerade auch solche, die sich für wissenschaftliche Zwecke als nützlich erwiesen haben. Sie müssen aus der Praxis heraus angepasst oder neu entwickelt werden. „Handwerkszeug“ heißt deshalb vor allem, über Standards und Arbeitsweisen zu verfügen, welche die eigenen Beobachtungsfähigkeiten stetig verbessern helfen. Beobachtungsinstrumente und -verfahren können immer nur Hilfsmittel sein, um Kinder besser zu verstehen und ihre Interessen und Bedürfnisse im pädagogischen Alltag aufzugreifen. Sie in der Praxis anzuwenden setzt eine hohe Reflexivität seitens der pädagogischen Fachkräfte und einen regelmäßigen Austausch im Team voraus.

5 Beobachtungsverfahren

Um Ressourcen des Kindes, seine Kompetenzen, Interessen und Potenziale wahrnehmen zu können, brauchen pädagogische Fachkräfte Fähigkeiten wie:

  • genau beschreiben können, was das Kind tut, ohne gleich zu interpretieren und zu bewerten
  • darauf achten können, ob das Kind sich wohl fühlt
  • wahrnehmen können, ob das Kind engagiert mit dem beschäftigt ist, was es tut.

Ein genaues Beobachten und Beschreiben hilft dabei, sich in das Kind hinein zu versetzen, seine Interessen und Bedürfnisse wahrzunehmen. Wir sind gewohnt, Verhalten gleich zu interpretieren und zu deuten. Erst wenn ich beides unterscheide – das, was ich beobachten kann und wie ich es üblicherweise deute – öffnet sich mein Blick auch für ganz andere und bisher nicht gesehene Seiten des Kindes (Hebenstreit-Müller und Müller 2012).

Bei „Wohlbefinden“ und „Engagiertheit“ entsprechend der Leuvener Engagiertheitsskala handelt es sich um heuristische Kategorien, über die die Eigeninteressen der Kinder erschlossen werden sollen. Angenommen wird, dass Handlungen, bei denen es Kindern gut geht und die sie engagiert verfolgen, wichtige Anlässe für nachhaltiges Lernen bieten (Heylen und Laevers 2016, Laevers 2015, Hebenstreit-Müller 2014 und 2016). Wohlbefinden und Engagiertheit sind Prozessvariablen, d.h. auf die Beobachtung in konkreten Situationen bezogen. Beides hängt eng zusammen. Kinder, die sich wohl fühlen, begegnen ihrer Umwelt offener und mit mehr Neugier und Aufgeschlossenheit. D.h., wer gelernt hat, darauf zu achten, ob Kinder sich wohl fühlen und engagiert bei der Sache sind, kann Rückschlüsse darauf ziehen, ob sie sich bilden. Die Leuvener Engagiertheitsskala kann deshalb als eine wichtige Basis für ressourcenorientiertes Beobachten gelten, die zweifelsohne ergänzt werden kann durch weitere Beobachtungsmethoden, beispielsweise den Blick auf Schemata (Wilke 2004, Arnold and the Pen Green Team 2010 und Hebenstreit-Müller 2013a) oder die Bildungs- und Lerngeschichten (Leu u.a. 2007).

6 Das Entstehen eines positiven Blicks

Ressourcenorientierte Beobachtungen können ein wesentlicher Schlüssel sein zum Entstehen einer anderen Haltung, dem „positiven Blick“, der darauf zielt, Kinder – wie Erwachsene – in ihren individuellen Fähigkeiten zu stärken und zu unterstützen (Hebenstreit-Müller und Lepenies 2007). Pädagogische Fachkräfte, die gelernt haben, die Stärken von Kindern in den Fokus zu nehmen, nehmen nicht nur diese anders wahr. Der so entstehende positive Blick bleibt nicht auf die Kinder eingegrenzt, sondern zu einer Haltung, die Eltern wie auch KollegInnen miteinschließt (Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße 2013). Eine wertschätzend positive Haltung ist nicht nur Bedingung, sondern zugleich Resultat einer ressourcenorientierten Perspektive auf Kinder. Eine solche pädagogische Grundhaltung (Viernickel und Völkel 2005) bewirkt, dass Kinder sich wohl fühlen und in ihrem Bildungsprozess gestärkt werden.

7 Der positive Blick: eine „rosarote Brille“?

Stärken, Interessen und Potenziale von Kindern in den Blick zu nehmen, darf nicht bedeuten, auszublenden, wenn Kompetenzen und Fähigkeiten noch nicht so weit entwickelt sind (Hebenstreit-Müller 2013b). Kinder genau wahrzunehmen bedeutet auch, sie mit all dem wahrzunehmen, was sie tun und können und was sie eben noch nicht können. Nur so lässt sich feststellen, ob das Kind womöglich einen zusätzlichen Förderbedarf hat. Wer Kinder ganzheitlich in ihrer Entwicklung und ihren Bildungsprozessen unterstützen will, setzt keine die Sicht verblendende „rosarote Brille“ auf. Vielmehr kommt es darauf an, Aufmerksamkeit zu entwickeln auch für Fähigkeiten, die bislang schwach ausgebildet sind. Eine gezielte individuelle Förderung kann wiederum dann am ehesten gelingen, wenn angeknüpft werden kann an vorhandene Kompetenzen und Potenziale des Kindes.

8 Quellenangaben

Arnold, Cath and the Pen Green Team, 2010. Understanding schemas and emotion in early childhood. London: Sage Publications. ISBN 978-1-84920-165-0

Deci, Edward und Richard M. Ryan, 1993. Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. In: Zeitschrift für Pädagogik. 39(2), S. 223-238. ISSN 0044-3247

Hebenstreit-Müller, Sabine, 2012: Kita-Pädagogik und Kamera-Ethnografie- Erkundungen einer Kooperation. In: Sabine Hebenstreit-Müller und Burkhard Müller, Hrsg. Beobachten in der Frühpädagogik. Praxis – Forschung – Kamera. Berlin: Verlag das netz. ISBN 978-3-86892-054-3 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine, 2013. Beobachten lernen – das Early-Excellence-Konzept. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-26-7 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine, 2013b. Positiver Blick oder rosarote Brille: Beobachtung in einer Integrationskita. In: Sabine Hebenstreit-Müller. Beobachten lernen – Das Early Excellence Konzept. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-26-7 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine und Annette Lepenies, Hrsg., 2007. Early Excellence – Der positive Blick auf Kinder, Eltern und Erzieherinnen. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-06-9 [Rezension bei socialnet]

Hebenstreit-Müller, Sabine und Bina Mohn, 2007. Kindern auf der Spur: Kita-Pädagogik als Blickschule. Kamera-Ethnographische Studien des Pestalozzi-Fröbel-Hauses, DVD 1. Göttingen: Institut für Visuelle Ethnographie (IVE).

Hebenstreit-Müller, Sabine und Bina E. Mohn, 2014. Engagiertheit und Wohlbefinden – Übungsszenen aus Kita und Grundschule, DVD mit einem Begleitheft. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-30-4

Hebenstreit-Müller, Sabine und Burkhard Müller, Hrsg., 2012. Beobachten in der Frühpädagogik. Praxis – Forschung – Kamera. Berlin: Verlag das netz. ISBN 978-3-86892-054-3 [Rezension bei socialnet]

Heylen, Ludo und Ferre Laevers, 2016. Die Bedeutung von Wohlbefinden und Engagiertheit. In: Sabine Hebenstreit-Müller, Hrsg. Beobachten und Talente entdecken – Die Bedeutung von Wohlbefinden und Engagiertheit in der pädagogischen Arbeit mit Kindern in der Grundschule. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-38-0 [Rezension bei socialnet]

Kiso, Carolin, Miriam Lotze und Birgit Behrensen, 2014. Ressourcenorientierung in Kita und Grundschule [online]. Osnabrück: Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) [Zugriff am 08.02.2018]. PDF e-Book. ISBN 978-3-943677-23-2. Verfügbar unter https://www.nifbe.de/images/nifbe/Infoservice/Downloads/Themenhefte/Ressourcen_online.pdf

Hebenstreit-Müller, Sabine, Hrsg., 2016. Beobachten und Talente entdecken – Die Bedeutung von Wohlbefinden und Engagiertheit in der pädagogischen Arbeit mit Kindern in der Grundschule. dohrmannVerlag, Berlin. ISBN 978-3-938620-26-7 [Rezension bei socialnet]

Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße, 2013. Wie eine andere Haltung entsteht: Beobachtung und ihre Wirkung – ein Beitrag des Kinder- und Familienzentrums Schillerstraße. In: Sabine Hebenstreit-Müller. Beobachten lernen – Das Early Excellence Konzept. Berlin: dohrmannVerlag. ISBN 978-3-938620-26-7 [Rezension bei socialnet]

Laevers, Ferre, Hrsg., 2015. Mein Portrait. Ressourcenorientiert beobachten in der Kita. Berlin: Cornelsen Verlag. ISBN 978-3-589-24622-9 [Rezension bei socialnet]

Leu, Hans R., Katja Flämig, Yvonne Frankenstein, Sandra Koch und Irene Pack, 2007. Bildungs- und Lerngeschichten. Bildungsprozesse in früher Kindheit beobachten, dokumentieren und unterstützen. Berlin: Verlag das netz. ISBN 978-3-937785-67-7 [Rezension bei socialnet]

Viernickel, Susanne und Petra Völkel, Hrsg., 2005. Beobachtungen als pädagogische Grundhaltung im Alltag. Freiburg im Breisgau: Herder Verlag. ISBN 3-451-28421-9

9 Informationen im Internet

Autorin
Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller
Honorarprofessorin an der Universität Halle-Wittenberg, Diplompädagogin, derzeit tätig als Organisationsberaterin, Evaluatorin, Weiterbildnerin;
bis Juli 2017 Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin;
davor tätig als Leiterin des Amtes für Soziale Dienste Ost und Jugendamtsleiterin in Bremen; Leiterin des Bereichs Familie im Forschungsinstitut Frau und Gesellschaft in Hannover; Lehrerin an Grund- und Hauptschulen mit dem Schwerpunkt Kunsterziehung
Website
Mailformular

Es gibt 3 Lexikonartikel von Sabine Hebenstreit-Müller.


Zitiervorschlag
Hebenstreit-Müller, Sabine, 2018. Ressourcenorientierte Beobachtung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 09.02.2018 [Zugriff am: 15.08.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Ressourcenorientierte-Beobachtung

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Autorin

Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller
Website
Mailformular

veröffentlicht am 09.02.2018

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!