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Restorative Justice

Abkürzung: RJ

Etymologie: eng. to restore wiederherstellen; justice Gerechtigkeit, Justiz

Als Restorative Justice (RJ) wird ein die traditionelle Vergeltungslogik (retributive justice) und Strafphilosophien überwindendes Gerechtigkeitskonzept bezeichnet. Danach soll das aus der Begehung von Unrecht erfahrene Leid soweit wie möglich ausgeglichen (Wiedergutmachung) und die als gerecht akzeptierte Ordnung in einer sozialen Gemeinschaft (wieder) hergestellt werden (to restore justice).

Überblick

  1. 1 Wesenselemente von Restorative Justice
  2. 2 Restorative Justice in Deutschland
  3. 3 Kriminalpolitische Perspektiven
  4. 4 Quellenangaben
  5. 5 Informationen im Internet

Innerhalb dieses auf Ausgleich und Wiedergutmachung gerichteten Ansatzes findet sich eine Vielfalt von Theorie- und Praxismodellen unterschiedlicher Reichweite (ausführlich hierzu Domenig 2012, S. 1; Pelikan und Trenczek 2006, S. 63 ff.; Trenczek 2014, S. 194 ff.). Der Ansatz der Restorative Justice knüpft zum Teil an uralte sowie indigene Konfliktregelungs- und Vermittlungsverfahren an (Trenczek 2013, 268 f.; ders. 2014, S. 201 ff., Trenczek und Hartmann 2018). Im Hinblick auf eine neuzeitliche Reform bzw. Überwindung des strafrechtlichen Vergeltungsansatzes waren vor allem die Arbeiten von Nils Christie (1977) und Howard Zehr (1985) besonders einflussreich. Allerdings ist der RJ-Ansatz nicht auf strafrechtlich relevantes Verhalten begrenzt (Cornel und Trenczek 2019, S. 154 ff.), sondern umfasst alle mit Unrecht und persönlichem Leid verbundene Störungen von Beziehungen bzw. des Gemeinwesens. RJ-Verfahren werden international nicht nur in strafrechtlich relevanten, sondern vor allem auch bei Konflikten am Arbeitsplatz, im Schulbereich und öffentlichen Einrichtungen sowie in der Nachbarschaft bzw. im sozialen Nahraum (Community) angewandt.

1 Wesenselemente von Restorative Justice

Das RJ-Konzept basiert im Wesentlichen auf drei Säulen (Pelikan und Trenczek 2006, S. 65; Trenczek 2014, S. 198 ff.; Zehr 1985):

  • Verantwortungsübernahme durch Wiedergutmachung des erlittenen Leids
  • aktive Teilhabe (Partizipation) der Betroffenen
  • Einbeziehung des Gemeinwesens

Ausgangspunkt für die Entwicklung der Idee der Restorative Justice war eine differenzierte Wahrnehmung und „Neu-Definition“ von Unrechts- und Straftaten. Anders als nach dem „modernen“ Strafrechtsverständnis westlicher Staaten, nachdem es sich bei einer Straftat (normativ) um die Verletzung einer strafrechtlichen Rechtsnorm handelt und der Staat allein für die strafrechtliche Sozialkontrolle verantwortlich ist (staatliches Gewaltmonopol), platziert RJ das geschädigte Opfer in das Zentrum des Geschehens und definiert Unrecht nicht nur als Normbruch, sondern (phänomenologisch) als Verletzung des Rechtsträgers und legt den Fokus dabei auf das erlittene Leid und dessen Wiedergutmachung. Aus dieser Sicht bezeichnen Straftaten nicht nur abstrakt-normative Rechtsverletzungen, sondern zunächst und vor allem eine konkrete emotionale oder materielle Verletzung eines Menschen.

Der RJ geht es aber nicht nur um die materielle Wiedergutmachung, vielmehr beinhaltet der Begriff auch eine interaktionistische Komponente. Hierauf hat vor allem Nils Christie (1977) in seinem berühmten Aufsatz „Conflicts as Property“ hingewiesen. Straftaten können nach dieser Sichtweise mithin nur dann angemessen bewältigt werden, wenn die konkret am Geschehen Beteiligten, Opfer und VerursacherInnen (beschuldigte TäterInnen), an der Aufarbeitung beteiligt werden. Im Alltag äußerst sich Kriminalität für die Betroffenen zuvorderst als Ärgernisse und Lebenskatastrophen (Hanak et al. 1989). Straftaten sind deshalb nichts anderes als Ursache, Ausdruck und Folge von menschlichen Konflikten, die zu weiteren Konflikten und Eskalationen führen (können), wenn sie nicht angemessen bearbeitet werden.

Wesentlich für die Bewältigung einer Unrechts- und Straftat ist deshalb die Partizipation (aktive Mitwirkung) der Betroffenen. Im Hinblick auf das Verfahren und methodische Interventionen ist das RJ-Konzept in Europa und Deutschland deshalb eng mit der Mediation als Konfliktlösungsverfahren verknüpft. Demgegenüber werden in angelsächsischen Staaten neben der Mediation auch andere Verfahren durchgeführt, insbesondere das sogenannte Conferencing (Versammlung bzw. Familienrat), die das soziale Umfeld und das Gemeinwesen noch stärker einbeziehen (Trenczek 2014, S. 203 ff.)

Im Rahmen von RJ geht es nicht nur um die (bilaterale) Konfliktklärung und den individuellen Ausgleich zwischen den unmittelbaren Konfliktbeteiligten, sondern auch um die Berücksichtigung der Interessen und Bedürfnisse der gegebenenfalls mittelbar betroffenen Personen, insbesondere der PartnerInnen und Angehörigen auf beiden Seiten, sowie den Ausgleich der Störungen des Zusammenlebens in der sozialen Gemeinschaft. RJ wird deshalb häufig als gemeinwesenorientierter Konfliktregelungsansatz („Community“-Gedanke) bezeichnet.

2 Restorative Justice in Deutschland

In der deutschen Sprache hat sich – nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlichen Theorie- und Praxisansätze – ein Begriff, der Inhalt und Konzeption von RJ entsprechen würde (z.B. „ausgleichende bzw. wiederherstellende Gerechtigkeit“, „ausgleichsorientierte Justiz“), bislang nicht durchgesetzt. Der außergerichtliche Tat- bzw. sog. Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) bezieht sich lediglich auf einen Teilausschnitt der RJ-Idee und ist zudem zu unterscheiden von der für den RJ-Ansatz wesentlichen Konfliktvermittlung Mediation. Mit Blick auf das (deutsche) Mediationsgesetz kann mit TOA nur die strafrechtliche Entscheidung (Rechtsfolge bzw. ein Kriterium der Strafzumessung) bezeichnet werden, während Mediation das Verfahren und methodische Vorgehen der Konfliktbearbeitung beschreibt (ausführlich Hartmann und Trenczek 2016, S. 325 ff.).

3 Kriminalpolitische Perspektiven

Im Zusammenhang mit RJ wird mitunter von einem neuen „Konfliktregelungsparadigma“ gesprochen (Zehr 1985, S. 4; Sessar et al. 1986, S. 86). Ob man tatsächlich von einem neuen „Paradigma“ (Kuhn 1970) sprechen kann, sei einmal dahingestellt (Scheerer 1986, S. 9; Trenczek 2015). Es lassen sich aber deutliche Unterschiede zwischen dem herkömmlichen in das Justizsystem implementierten Reaktionsschema und RJ feststellen. Im Wesentlichen geht es RJ nicht um vergangenheitsorientierte wie individualisierende Schuldzuschreibungen, sondern um zukunftsgerichtete, ganzheitliche Konfliktlösungen. Der RJ-Idee gelingt es, zwei unterschiedliche Perspektiven miteinander zu verknüpfen. Zum einen geht es um (viktimologisch begründete) Forderungen der Opferbewegung, zum anderen um strafrechtskritische Ansätze, die im Hinblick auf die Prävention sozialschädlichen Verhaltens eine Alternative zu den traditionellen Sanktionen (Diversion) oder gar zum Strafrecht als solchem (Abolitionismus) propagieren. Der Fokus auf das Leid der von Unrecht betroffenen Opfer und die Stärkung der Opferrolle im Verfahren müssen nicht mit einer Verschärfung des Strafrechts und einem Abbau rechtsstaatlicher Beschuldigtenrechte einhergehen (Blad et al. 2013). Anders als bei der staatlichen Sanktion liegt in der Übernahme der Wiedergutmachungsverantwortung keine Übelszufügung. Während Strafe zur sozialen Ausgrenzung führt, zielt RJ auf die soziale (Re)Integration sowohl von Opfern als auch TäterInnen, in die Gesellschaft bzw. soziale Gemeinschaft.

4 Quellenangaben

Blad, John, David J. Cornwell und Martin Wright, Hrsg., 2013. Civilizing Criminal Justice. Hook/Hampshire: Waterside Press. ISBN 978-1-904380-04-7

Christie, Nils, 1977. Conflicts as Property. In: British Journal of Criminology. 17(1), S. 1–15. ISSN 0007-0955

Cornel, Heinz und Thomas Trenczek, 2019. Strafrecht und Soziale Arbeit. Baden-Baden: Nomos. ISBN 978-3-8487-5574-5

Domenig, Claudio, 2013. Restorative Justice – vom marginalen Verfahrensmodell zum integralen Lebensentwurf. In: DBH, Fachverband für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik e.V., Hrsg. Restorative Justice – Der Versuch, das Unübersetzbare in Worte zu fassen. DBH-Materialien Nr. 71. Köln: DBH, S. 8–23. ISBN 978-3-924570-33-0

Hanak, Gerhard, Johannes Stehr und Heinz Steinert, 1989. Ärgernisse und Lebenskatastrophen. Über den alltäglichen Umgang mit Kriminalität. Bielefeld: AJZ-Druck und Verlag. ISBN 978-3-921680-78-0

Hartmann, Arthur und Thomas Trenczek, 2016. Vermittlung in strafrechtlich relevanten Konflikten – Fachliche Standards unter Berücksichtigung des Mediationsgesetzes und der EU-Opferschutzrichtlinie. In: Neue Justiz. 70(8), S. 325–333. ISSN 0028-3231

Kuhn, Thomas S., 1970. The Structure of Scientific Revolutions. 2. Auflage. Chicago: University of Chicago. ISBN 978-0-226-45808-3

Pelikan, Christa und Thomas Trenczek, 2006. Victim Offender Mediation and Restorative Justice – the European landscape. In: Dennis Sullivan und Larry Tifft, Hrsg. Handbook of Restorative Justice: A Global Perspective. London: Routledge, S. 63–90. ISBN 978-0-415-44724-9

Scheerer, Sebastian, 1986. Towards Abolitionism – Contemporary Crises. In: Law, Crime and Social Policy. 10(1), S. 5–20. ISSN 0378-1100

Sessar, Klaus, Andreas Beurskens und Klaus Boers, 1986. Wiedergutmachung als Konfliktregelungsparadigma? In: Kriminologisches Journal. 18(2), S. 86–104. ISSN 0341-1966

Trenczek, Thomas, 2013. Restorative Justice in Neuseeland – Conferencing im Rahmen des strafrechtlichen Verfahrens zwischen Tradition und Moderne. In: Neue Kriminalpolitik. 25(3), S. 268–287. ISSN 0934-9200

Trenczek, Thomas, 2014. Restorative Justice – (strafrechtliche) Konflikte und ihre Regelung. In: Arbeitskreis der Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen Kriminologie/Straffälligenhilfe in der Sozialen Arbeit, Hrsg. Kriminologie und Soziale Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa, S. 194 ff. ISBN 978-3-7799-2924-6 [Rezension bei socialnet]

Trenczek, Thomas, 2015. Restorative justice: new paradigm, sensitising theory or even practice? In: Restorative Justice: An International Journal; special book review forum – A tribute to Howard Zehr, Routledge. 3(3), S. 453–459. ISSN 2050-4721

Trenczek, Thomas und Arthur Hartmann, 2018. Kriminalprävention durch Restorative Justice – Evidenz aus der empirischen Forschung. In: Maria Walsh, Benjamin Pniewski, Marcus Kober und Andreas Armborst, Hrsg. Evidenzorientierte Kriminalprävention in Deutschland: ein Leitfaden für Politik und Praxis. Wiesbaden: Springer VS, S. 859–886. ISBN 978-3-658-20505-8

Zehr, Howard, 1985. Retributive Justice – Restorative Justice. Elkart: Mennonite Central Committee

5 Informationen im Internet

Autor
Prof. Dr. Thomas Trenczek
M.A.
eingetragener Mediator (BMJ, Wien; NMAS); Lehrtrainer (BMWA), SIMK Hannover
Website
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Es gibt 4 Lexikonartikel von Thomas Trenczek.


Zitiervorschlag
Trenczek, Thomas, 2019. Restorative Justice [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 08.07.2019 [Zugriff am: 19.07.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Restorative-Justice

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Autor

Prof. Dr. Thomas Trenczek
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veröffentlicht am 08.07.2019

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