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Segmentierfähigkeit

Synonym: Segmentierungsfähigkeit

Der Begriff Segmentierfähigkeit bezeichnet die Fähigkeit, größere sprachliche Einheiten in ihre kleineren Bestandteile zu zerlegen. Auf Textebene bezieht sich die Segmentierfähigkeit auf Sätze und Phrasen, auf Satzebene auf Satzteile und einzelne Wörter, auf Wortebene auf Morpheme, Silben und einzelne Laute (Lautanalyse).

Abbildung 1: Sprachliche Zeichen und Möglichkeiten ihrer Segmentierung bzw. Kombination
Abbildung 1: Sprachliche Zeichen und Möglichkeiten ihrer Segmentierung bzw. Kombination

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Prosodische Segmentierfähigkeit
  3. 3 Segmentierfähigkeit als Prädiktor des Spracherwerbs
  4. 4 Segmentierfähigkeit als metalinguistische Kompetenz und Prädiktor des Schriftspracherwerbs
  5. 5 Segmentierungstrainings auf morphematischer Basis
  6. 6 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Die prosodische Segmentierfähigkeit ermöglicht einen impliziten Einstieg in den Spracherwerb. Ab dem späten Vorschulalter wird das Segmentieren dann allerdings als Bestandteil der metalinguistischen Bewusstheit insbesondere in Bezug auf die phonologische Bewusstheit (Segmentieren von Wörtern in Einzellaute oder Phoneme) und die Wortbewusstheit (Segmentieren von Phrasen und Sätzen in Wörter) erwähnt (Schnitzler 2008). Darüber hinaus findet auch das Konzept der morphematischen Bewusstheit (Segmentieren von Wörtern in Morpheme) in der Rechtschreibförderung zunehmend Beachtung (Kargl und Purgstaller 2010).

2 Prosodische Segmentierfähigkeit

Bereits in einem sehr frühen Stadium seiner kognitiv-konzeptuellen und seiner Sprachentwicklung besteht die Aufgabe des Kindes darin, den Sprachstrom der Umweltsprache sowie relevante Merkmale der Situationen, in denen Sprache geäußert wird, zu verarbeiten und in sprachrelevante Einheiten zu untergliedern (Grimm 2012; Jungmann und Albers 2013). Der Fokus der Sprachwahrnehmung im ersten Lebensjahr liegt auf der Verarbeitung prosodischer Merkmale der Umgebungssprache, also Sprachrhythmus, Betonung, Intonationskontur und Pausensetzung an Phrasenstrukturgrenzen (suprasegmentale Komponente), und ermöglicht einen Einstieg in den Spracherwerb. Somit stellt der zunächst implizite Erwerb der Segmentierfähigkeit eine Voraussetzung für die Ableitung der zugrunde liegenden phonologischen, morphologischen und syntaktischen Sprachregeln in der Sprachentwicklung dar.

3 Segmentierfähigkeit als Prädiktor des Spracherwerbs

Die Studienlage zu der Frage, inwiefern frühe prosodische Verarbeitungsfähigkeiten Prädiktoren für den Verlauf des späteren Spracherwerbs und das Auftreten von Spracherwerbsstörungen sind, kann derzeit als unklar eingeschätzt werden. In der Studie von Schröder und Höhle (2011) führte die Unfähigkeit zur Segmentierung des Sprachstroms im Alter von sieben bis 12 Monaten nicht zwingend zu Sprachverzögerungen oder -auffälligkeiten im Alter von vier bis sechs Jahren. Es stellt sich die Frage, ob und wenn ja, bis zu welchem Alter Kinder die Segmentierungsfähigkeit erwerben müssen, ohne dass es zu Auswirkungen auf die weitere Entwicklung kommt. Es wäre auch denkbar, dass die Kinder andere Erwerbsstrategien zur lexikalischen Segmentierung nutzen. Ob dies tatsächlich so ist und welche Mechanismen infrage kommen, bleibt ebenfalls Gegenstand weiterer Subgruppenuntersuchungen.

4 Segmentierfähigkeit als metalinguistische Kompetenz und Prädiktor des Schriftspracherwerbs

Nach Rosebrock, Nix, Rieckmann und Gold (2011, S. 16 ff.) gehört die prosodische Segmentierfähigkeit auf Satzebene – neben der Lesegenauigkeit, dem Automatisierungsgrad des Dekodierens auf Wortebene (schnelle Zuordnung von Wortform und -bedeutung) und der Lesegeschwindigkeit – zu den wichtigsten Komponenten der Leseflüssigkeit. Wer einen Text angemessen betont, fasst sinngemäß die zueinander gehörenden Satzteile zusammen.

Obwohl die deutsche Schriftsprache nicht lauttreu, sondern lautorientiert ist, sind die Lautstrukturanalyse eines Wortes sowie die Zuordnung der Grapheme „zu einer bestimmten Bandbreite“ von Phonemen (phonologische Bewusstheit) auch die Voraussetzung für eine schrittweise Annäherung an die normgerechte Schreibweise (Forster und Martschinke 2012, S. 49; Schnitzler 2008).

Neben dem Phonem als kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit stellt das Morphem als kleinste Bedeutung tragende Einheit der Sprache eine didaktisch relevante Einheit für den späteren Schriftspracherwerb dar. Morpheme werden in Hauptmorpheme und funktionale Morpheme unterschieden. Hauptmorpheme bestimmen die Wortbedeutung, funktionale Morpheme sind z.B. Präfixe (Anfangsmorphem) oder Suffixe (Endmorphem), die diese Bedeutung modifizieren oder näher bestimmen (z.B. in be/wohn/en oder ver/such/en mit den Hauptmorphemen /wohn/ und /such/) und den funktionalen Morphemen (z.B. /be/ /ver/ /en/) oder in dem Wort /Hund/ /e/ mit dem Hauptmorphem /Hund/ und dem Pluralmorphem /e/.

Bestimmte orthografische Phänomene, wie z.B. die Schreibung des Umlautes „ä“ lassen sich nur erschließen, wenn man weiß, von welchem Hauptmorphem sie abgeleitet wurden (z.B. Zahl – zählen). Doppelkonsonanten oder Dreifachkonsonanten an der Morphemgrenze setzen die Fähigkeit voraus, das Wort in die einzelnen morphematischen Bausteine zu segmentieren und so zur korrekten Schreibung zu gelangen (z.B. Fahr + Rad = Fahrrad bzw. Schiff + Fahrt = Schifffahrt). Auch schwierige Laut-Buchstaben-Zuordnungen haben ihre Ursache oftmals in der Wortverwandtschaft. Die Schreibung des Wortes „Schiedsrichter“ kann erschlossen werden, wenn der Bezug zum Grundwort „entscheiden“ bzw. „entschied“ erkannt wurde. Schreibende, die eine phonetische Strategie verwenden, produzieren dagegen oftmals Fehlschreibungen nach dem Muster „Schizrichter“ oder „Schitzrichter“ (May et al. 2000).

5 Segmentierungstrainings auf morphematischer Basis

Zahlreiche nationale und internationale Studien zeigen, dass Fördermaßnahmen auf Morphembasis sich dazu eignen, die Segmentierfähigkeit auf morphologischer Ebene allein durch ihre strukturellen Vorgaben (induktives Vorgehen) bei der Zielgruppe erfolgreich anzubahnen (für eine Übersicht vgl. Walter o.J.).

Ein effektives und ökonomisches Verfahren zum Aufbau eines altersgemäßen Rechtschreibwortschatzes für SchülerInnen der Sekundarstufe ist z.B. das morphemunterstütze Grundwortschatz-Segmentierungstraining MORPHEUS (Kargl und Purgstaller 2010), in dessen Zentrum die häufigsten Wortstämme und Vorsilben des Deutschen stehen, deren Schreibung auf die gesamte Wortfamilie generalisiert werden soll. Über die morphematische Bewusstheit hinaus kann dadurch auch ein umfassender orthographischer Schreibwortschatz aufgebaut werden.

6 Quellenangaben

Forster, Maria und Sabine Martschinke, 2012. Diagnose und Förderung im Schriftspracherwerb. 2. Leichter lesen und schreiben lernen mit der Hexe Susi. 9. Auflage. Donauwörth:Auer. ISBN 978-3-403-03483-4

Grimm, Hannelore, 2012. Störungen der Sprachentwicklung. 3., überarb. Auflage. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-2443-6

Jungmann, Tanja und Timm Albers, 2013. Frühe sprachliche Bildung und Förderung. München: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-497-02399-8 [Rezension bei socialnet]

Kargl, Reinhard und Christian Purgstaller, 2010. Morpheus: morphemunterstütztes Grundwortschatz-Segmentierungstraining. Göttingen: Hogrefe

May, Peter, Ulrich Vieluf und Volkmar Malitzky, 2000. Hamburger Schreibprobe – Diagnose orthographischer Kompetenz. Hamburg: Verlag für pädagogische Medien

Rosebrock, Cornelia, Daniel Nix, Carola Rieckmann und Andreas Gold, 2011. Leseflüssigkeit fördern: Lautleseverfahren für die Primar- und Sekundarstufe. Seelze: Kallmeyer. ISBN 978-3-7800-1073-5

Schnitzler, Carola, 2008. Phonologische Bewusstheit und Schriftspracherwerb. Stuttgart: Thieme. ISBN 978-3-13-138221-4

Schröder, Caroline und Barbara Höhle, 2011. Prosodische Wahrnehmung im frühen Spracherwerb. In: Sprache – Stimme – Gehör. 35(2), S. 91–98. ISSN 0342-0477

Walter, Jürgen, [kein Datum]. Handbuch zum morphemorientierten Rechtschreib- und Sprachtraining: Grundlegung – Diagnostik – Praxis [online]. Kiel: Institut für Heilpädagogik, Abteilung Lernbehinderten- und Förderpädagogik. [Zugriff am: 05.05.2019]. Verfügbar unter: http://193.174.11.180/foenet/REMOPDF/REMO_Handbuch.pdf

Autorin
Prof. Dr. Tanja Jungmann
Universität Siegen, Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Förderpädagogik
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Es gibt 11 Lexikonartikel von Tanja Jungmann.


Zitiervorschlag
Jungmann, Tanja, 2019. Segmentierfähigkeit [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 07.05.2019 [Zugriff am: 21.11.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Segmentierfaehigkeit

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Autorin

Prof. Dr. Tanja Jungmann
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veröffentlicht am 07.05.2019

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