socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Selbstmanagement

Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz

veröffentlicht am 06.12.2021

Englisch: self-management

Geltungsbereich: Personalwesen, Arbeits- und Organisationspsychologie

Unter Selbstmanagement wird die Steuerung kognitiver, motivationaler und emotionaler Prozesse einer Person zur Erreichung persönlicher Leistungsziele in Arbeits- und Lernkontexten verstanden.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Bedeutungskontext, Basisprozesse und verwandte Begriffe
  3. 3 Das Konzept der Selbstführung
  4. 4 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Prozesse des Selbstmanagements richten sich auf die Optimierung von Handlungsabläufen einer Person. Voraussetzung für ein effektives Selbstmanagement ist das Wissen um die eigenen Ziele, die Fähigkeit zur systematischen Förderung der Eigenmotivation, eine realistische Selbsteinschätzung und die Fähigkeit zur Aktivierung von persönlichen und sozialen Ressourcen. In diesem Sinn handelt es sich um eine Metakompetenz, die sich durch die Anwendung von Erkenntnissen aus der Lern-, Motivations-, Emotions- und der kognitiven Psychologie trainieren lässt. Der Begriff Selbstmanagement wird anders als die verwandten Begriffe der Selbststeuerung, der Selbstkontrolle und der Selbstregulation insbesondere im beruflichen Handeln von Fach- und Führungskräften angewandt.

2 Bedeutungskontext, Basisprozesse und verwandte Begriffe

Die Selbstorganisation erhält ihre zunehmende Bedeutung für den Schulbesuch, die Berufsausbildung, das Studium und die Erwerbsarbeit über die Individualisierung von biografischen Prozessen im Kontext marktorientierter Leistungsgesellschaften. Dem einzelnen Menschen ist in unserer Gesellschaft eine Vielzahl von Entwicklungsoptionen und ein vergrößerter Entscheidungsspielraum über die persönliche und berufliche Entwicklung gegeben. Damit verbunden ist die Individualisierung von Risiken und die Verantwortungszuweisung im Fall des Scheiterns. Dieses Spannungsfeld hat der Soziologe Ulrich Beck in seinem 1986 erschienenen Standardwerk Risikogesellschaft differenziert beschrieben und damit eine Begründung für die zunehmende Bedeutung von Prozessen des Selbstmanagements geliefert.

Basisprozesse für das Selbstmanagement und kontextunabhängig bedeutsam sind die Selbststeuerung, die Selbstbeherrschung bzw. Selbstkontrolle. Dabei geht es im Spannungsfeld von Impulsivität und bewusstem kontrollierten Handeln um die Form der Selbstregulation. Storch und Krause (2017, S. 121 f.) sehen darin ein dynamisches Wechselspiel zwischen den unbewussten Persönlichkeitsanteilen, Erfahrungsinhalten und den bewussten Verstandesprozessen, in dem beide Systeme in mehreren Rückkopplungsschleifen (im Erfolgsfall) auf das gleiche Ziel hin ausgerichtet werden. Die Autor*innen haben diese Erkenntnisse im „Züricher Ressourcen Modell“ systematisiert und dazu ein verhaltensorientiertes Trainingsmanual entwickelt (Storch und Krause 2017).

Oft haben Menschen gute Vorsätze, aber dann kommt es doch anders. Diese Alltagserfahrung wirft ein Licht darauf, dass die Vorsatzbildung nicht sicher zu entsprechenden Handlungen und dem gewünschten Ergebnis führt. Das Rubikon-Modell von Heckhausen (1989) systematisiert die Prozessschritte vom Bedürfnis über die Intentionsbildung bis zur Handlungsausführung und gibt so eine motivationspsychologisch fundierte Erklärung der notwendigen Teilschritte bis zur Umsetzung einer Handlung. Das Modell fand eine Weiterentwicklung durch Gollwitzer (1991) und Grawe (1998), der sich insbesondere für die Herkunft der in der Psychotherapie wichtigen unbewussten Bedürfnisse interessierte.

Selbstmanagement wird vornehmlich mit der beruflichen Aufgabe von Führungskräften assoziiert. In diesem Sinn ist es als ein System der Steuerung von kognitiven, motivationalen und emotionalen Prozessen zu beschreiben. Führungskräfte müssen Arbeitsabläufe planen und strukturieren, diese auf äußere Vorgaben und institutionelle Bedingungen abstimmen, den Verlauf überwachen und evaluieren. Mit diesen Prozessen beschäftigen sich insbesondere die Betriebswirtschaftslehre (Graf 2012) und die Arbeits- und Organisationspsychologie (Nerdinger, Blickle und Schaper 2014).

3 Das Konzept der Selbstführung

Ein weiteres Konzept im Kontext erfolgreicher Verhaltenssteuerung von Führungskräften ist die Selbstführung (Manz 1986; 2015). Im Unterschied zum Selbstmanagement, das stärker auf die (technisch-methodische) Optimierung von Arbeitsabläufen gerichtet ist, zielt Selbstführung auf die der Persönlichkeit entsprechende Ausgestaltung und Weiterentwicklung der Arbeitstätigkeit gemäß eigener Ziele, Visionen und persönlicher Voraussetzungen (Müller und Braun 2009). Angestrebt wird dabei eine vergrößerte Identifikation mit den Arbeitsinhalten, die Erhöhung der beruflichen Vitalität und der Arbeitszufriedenheit. Selbstführung geht in diesem Sinn über das Selbstmanagement hinaus (Müller, Sauerland und Raab 2018).

Ihre theoretische Basis und konzeptionelle Begründung findet die Selbstführung in der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1988), dem Rubikon-Modell von Heckhausen (1986; Heckhausen und Heckhausen 2010) und der Sozial-kognitiven Theorie von Bandura (1986). Die Selbstbestimmungstheorie zielt auf die Erklärung der Herausbildung und Aufrechterhaltung von intrinsischer Motivation, das Rubikon-Modell auf die Beschreibung der relevanten Prozessschritte von der Intentionsbildung bis zur Umsetzung der Handlungen und die Sozial-kognitive Theorie erklärt die für eine dauerhafte Verhaltensänderung bedeutsamen Lern-, Denk- und Verstärkerprozesse (zur Vertiefung der theoretischen Grundlagen sei auf Furtner und Baldegger 2016 verwiesen).

Auf Albert Bandura geht auch das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung zurück, einer für die Aktivierung der Handlungsausführung wichtigen individuellen und situationsspezifischen Einschätzung der eigenen Wirksamkeit.

Neben der bewussten reflektierten Selbstführung sind Anteile der unbewussten (latenten) Selbstführung bedeutsam (Müller et al. 2018, S. 8 ff.). Zu den unbewussten Anteilen gehören körperliche Prozesse, die die Vitalfunktionen aufrechterhalten, neuronale Mechanismen der Wahrnehmung und des Denkens, Gewohnheiten und routinisierte Verhaltensabläufe. Die bewusste oder reflektierte Selbstführung umfasst verhaltensorientierte, motivationale und kognitive Elemente. Als Teilprozesse hebt Müller (2004) hervor:

  • die Selbstbeobachtung,
  • die Willenssteuerung,
  • die Gefühlsregulation,
  • die Selbstmotivierung,
  • die Entwicklung einer proaktiven Denkhaltung.

Den Ausgangspunkt der Selbstführung bildet die Selbstbeobachtung. Angestrebt wird eine möglichst vorurteilsfreie Betrachtung der tatsächlichen eigenen Leistungsmöglichkeiten, eigener Bedürfnisse und Verhaltensgewohnheiten (Müller 2004, S. 32 f.), der Berufsinhalte, -anforderungen, der eigenen Leistungsfähigkeit, des Selbstverständnisses und der eigenen Berufsrolle (siehe auch Furtner und Baldegger 2016, S. 74 ff.).

Die Willenssteuerung richtet sich auf die Fokussierung und Verstärkung der Vorsatzbildung, das Setzen von Prioritäten, die systematische Handlungsplanung und den Abbau von Überkontrolle (Müller et al. 2018, S. 42 ff.). Die Vorsatzbildung wird durch das Festlegen der Umsetzungsschritte verstärkt (Fragen: wie, wann, wo und mit wessen Unterstützung wird ein Vorhaben realisiert?).

Zur emotionalen Selbstführung bzw. Gefühlsregulation sind Strategien der Umbewertung von als aversiv erlebten beruflichen Situationen und die rückwirkende Beeinflussung der Emotionen durch den Körperausdruck zu rechnen (Furtner und Baldegger 2016, S. 86 f.).

Basis der Selbstmotivierung bildet eine möglichst realistische, gleichzeitig anspruchsvolle (da motivierende) und präzise Zielformulierung. Die so erzeugten Zielvorgaben, die Teil- und Endziele einschließen, ermöglichen eine durch die Person eigenständige Erfolgsmessung. Bei der Selbstführung übernimmt die Person dann selbst die Leistungsbeurteilung durch Leistungsanreize und natürliche Belohnungsstrategien in ihrer Arbeitsausführung. Bei komplexeren und längerfristigen Prozessen kann auch eine biografisch ausgerichtete Perspektive der Betrachtung eigener Wünsche und Visionen hilfreich sein.

Für die in der Selbstführung relevanten Kognitionen gilt es, eine proaktive Denkhaltung zu stärken. Damit ist insbesondere das für die Selbstführung günstige Chancen-Denken bezeichnet, d.h. dass Personen neue Aufgaben „als Herausforderung betrachten, über optimistischere Grundhaltungen verfügen, eigenen Fähigkeiten vertrauen, Veränderungen zu meistern, Hindernisse als überwindbar betrachten und überzeugt sind, aus Fehlern zu lernen(Müller 2004, S. 38).

Zur Weiterentwicklung der eigenen Selbstführungskompetenz liegen Trainingskonzepte vor. Furtner und Baldegger (2016, S. 90 ff.) verweisen auf Studien, die belegen, dass Trainingsgruppen eine Steigerung der mentalen und geistigen Leistungsfähigkeit, positiver Emotionen, der Arbeitszufriedenheit und der Selbstwirksamkeit erbringen. Trainingsteilnehmer*innen nannten als in ihrer beruflichen Praxis häufig angewandte Methoden natürliche Selbstbelohnungsstrategien, das Imaginieren erfolgreicher eigener Leistungen, die Selbsterinnerung und das Selbstgespräch.

Selbstmanagementkompetenzen sind im Kontext sozialer Berufe von großer Bedeutung, da in der Berufsausübung von Mitarbeitenden ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Verantwortlichkeit in der Arbeit mit den Klientinnen und Klienten, ihren Angehörigen und in der Kooperation mit anderen Fachstellen erforderlich sind.

4 Quellenangaben

Bandura, Albert, 1986. Social foundations of thought and action: A social cognitive theory. Englewood Cliffs: Prentice-Hall. ISBN 978-0-13-815614-5

Beck, Ulrich, 1986. Risikogesellschaft. Berlin: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-11365-3

Deci, Eduard L. und Richard M. Ryan, 1988. The support of autonomy and control of behavior. In: Journal of Personality and Social Psychology. 53(1), S. 1024–1037. ISSN 0022-3514

Furtner, Marco und Urs Baldegger, 2016. Self-Leadership und Führung. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer. ISBN 978-3-8349-3403-1

Gollwitzer, Peter M., 1991. Abwägen und Planen: Bewußtseinslagen in verschiedenen Handlungsphasen. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-0380-6

Graf, Anita, 2012. Selbstmanagement-Kompetenz in Unternehmen nachhaltig sichern. Wiesbaden: Springer. ISBN 978-3-8349-2952-5

Grawe, Klaus, 1998. Psychologische Psychotherapie. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-1369-0

Heckhausen, Heinz, 1989. Motivation und Handeln. Berlin: Springer. 2., völlig überarb. u. erg. Auflage. ISBN 978-3-540-50746-8

Heckhausen, Jutta und Heinz Heckhausen, Hrsg., 2010. Motivation und Handlung. 4. Auflage. Berlin: Springer. ISBN 978-3-642-12692-5

Manz, Charles C., 1986. Self-leadership: Toward an expanded theory of self-influence processes in organizations. In: Academy of Management Review [online]. 11(3), S. 585–600 [Zugriff am: 29.11.2021]. ISSN 1930-3807. Verfügbar unter: doi:10.5465/amr.1986.4306232

Manz, Charles C., 2015. Taking the self-leadership high road: Smooth surface or potholes ahead? In: The Academy of Management Perspectives [online]. 29(1), S. 132–151 [Zugriff am: 29.11.2021]. ISSN 1943-4529. Verfügbar unter: doi:10.5465/amp.2013.0060

Müller, Günter F., 2004. Die Kunst sich selbst zu führen. In: Personalführung. 37(11), S. 30–43. ISSN 0723-3868

Müller, Günter F. und Walter Braun, 2009. Selbstführung: Wege zu einem erfolgreichen und erfüllten Berufs- und Arbeitsleben. Bern: Huber. ISBN 978-3-456-84683-5 [Rezension bei socialnet]

Müller, Günter F., Martin Sauerland und Gerhard Raab, 2018. Mehr ICH wagen! Selbstführung am Arbeitsplatz und in der Organisation. Hamburg: Windmühle. ISBN 978-3-86451-050-2

Nerdinger, Friedemann W., Gerhard Blickle und Niclas Schaper, 2014. Arbeits- und Organisationspsychologie. 3. Auflage. Berlin: Springer. ISBN 978-3-642-41129-8 [Rezension bei socialnet]

Storch, Maja und Frank Krause, 2017. Selbstmanagement – ressourcenorientiert: Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell (ZRM). 6. überarb. Auflage. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-456-85818-0 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Mailformular

Es gibt 4 Lexikonartikel von Hans-Jürgen Balz.

Zitiervorschlag
Balz, Hans-Jürgen, 2021. Selbstmanagement [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 06.12.2021 [Zugriff am: 13.08.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Selbstmanagement

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.