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Sexualisierte Gewalt

Torsten Linke

veröffentlicht am 08.07.2021

Veraltete Bezeichnung: Sexuelle Gewalt

Englisch: sexualized violence

Sexualisierte Gewalt bezeichnet, vor allem im sozialwissenschaftlichen Bereich, sexuelle Übergriffe sowohl körperlicher als auch nicht-körperlicher Art. Der Begriff soll hervorheben, dass es sich in erster Linie um eine Form von Gewalt handelt und Sexualität zur Ausübung der Gewalt funktionalisiert wird.

Überblick

  1. 1 Begriffliche Einordnung und Abgrenzung
  2. 2 Historische Einordnung
  3. 3 Quellenangaben
  4. 4 Literaturhinweise
  5. 5 Informationen im Internet

1 Begriffliche Einordnung und Abgrenzung

Sexualisierte Gewalt versucht als Begriff über die (im Sprachgebrauch teils synonym) verwendeten Begriffe der sexuellen Gewalt und des sexuellen Missbrauchs hinauszugehen und diese mit einzubeziehen. Sexualisierte Gewalt soll als Begriff die unterschiedlichen und komplexen Dimensionen von Gewalt, die sich im Kontext mit Sexualität zeigen können, deutlich machen. Brigitte Halbmayr (2009) definiert den Begriff wie folgt:

„Bei sexualisierter Gewalt geht es nicht um Sexualität im eigentlichen Sinn, sondern um Formen der Gewaltausübung, die auf die Überschreitung der Körper-, Persönlichkeits-, Integritäts- und Schamgrenzen abzielen. Damit wird Gewalt als sexualisiert erlebt. Ich begreife sexualisierte Gewalt weniger als Ausdruck aggressiver (brutaler) Sexualität als vielmehr als sexuell konnotierte Form von Aggression und Machtausübung“ (S. 141).

Der Begriff sexuelle Gewalt beschreibt ebenfalls eine Form von (körperlicher wie nicht-körperlicher) Gewalt, die durch übergriffiges sexuelles Verhalten ausgeübt wird, aber in der Regel auf einer sexuellen Motivation der übergriffigen Person beruht. Sexualisierte Gewalt soll als Begriff die Perspektivenerweiterung deutlich machen, dass Gewalt im Bereich des Sexuellen auch zur Durchsetzung von Machtansprüchen und zur Herstellung und Erhaltung eines Machtverhältnisses erfolgen kann, ohne dass zwingend eine sexuelle (Trieb-)Motivation der übergriffigen Personen(en) vorliegen muss. Sexueller Missbrauch wird als Begriff vor allem in juristischen und medizinischen Bereichen sowie in der Kinder- und Jugendhilfe und der Kinderschutzarbeit verwendet und fokussiert auf den Aspekt sexueller Handlungen mit Minderjährigen. Ebenso eingeschlossen in die juristische und medizinische Betrachtung sind erwachsene schutzbedürftige Personen, die aufgrund ihrer psychischen Reife sexuellen Handlungen nicht selbstbestimmt zustimmen können oder wenn Handlungen gegen ihren Willen ausgeführt werden (hierzu Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Strafgesetzbuch §§ 174–186 StGB; Diagnoseschlüssel ICD-Code T74.2: Sexueller Missbrauch).

2 Historische Einordnung

Der Begriff der sexualisierten Gewalt wurde im Kontext eines wissenschaftlichen Fachdiskurses entwickelt und eingeführt. Verschiedene Gewaltformen und bestehende Machtstrukturen sowie Abhängigkeitsverhältnisse wurden historisch eher getrennt betrachtet bzw. bei der Analyse von Ursachen von Gewalt nicht beachtet. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Begriffsbildung zur Bezeichnung der Phänomene. Bei der Auseinandersetzung mit (sexualisierter) Gewalt zeigt sich bis in die 1970er Jahre eine starke gesellschaftliche Tabuisierung und Bagatellisierung. Ebenso wurde von sexuellen Übergriffen betroffenen Personen oft eine Mitschuld gegeben (Bange 2016, S. 34 ff.; Hagemann-White 2016, S. 14 ff.). Dadurch waren eine angemessene und an den tatsächlichen Bedarfen orientierte Prävention und Intervention sowie eine Aufarbeitung kaum möglich. Dies änderte sich erst mit einer zunehmenden feministischen Kritik. Der männliche Machtanspruch und die bestehende Gewalt im Geschlechterverhältnis wurden stärker in den Blick genommen, hinterfragt und kritisch diskutiert. Nach und nach zeigten sich dadurch auch verschiedene Gewaltformen und Gruppen von Betroffenen. Ausgehend von häuslicher Gewalt im Paarverhältnis, sexueller Gewalt gegen Frauen und körperlicher Züchtigung von Kindern und deren Misshandlung wurden Formen von nicht-körperlicher (sexueller) Gewalt, sexuelle Gewalt gegen Kinder (erst gegen Mädchen, später auch gegen Jungen) und verschiedene Orte, bspw. neben der Familie auch pädagogische Institutionen, in die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt einbezogen und damit die Perspektive in den letzten Jahrzehnten zunehmend erweitert (Künzel 2005, S. 118 ff.; Linke 2018).

3 Quellenangaben

Bange, Dirk, 2016. Geschichte der Erforschung von sexualisierter Gewalt im deutschsprachigen Raum unter methodischer Perspektive. In: Cornelia Helfferich, Barbara Kavemann und Heinz Kindler, Hrsg. Forschungsmanual Gewalt: Grundlagen der empirischen Erhebung von Gewalt in Paarbeziehungen und sexualisierter Gewalt. Wiesbaden: Springer VS, S. 33–49. ISBN 978-3-658-06293-4 [Rezension bei socialnet]

Hagemann-White, Carol, 2016. Grundbegriffe und Fragen der Ethik bei der Forschung über Gewalt im Geschlechterverhältnis. In: Cornelia Helfferich, Barbara Kavemann und Heinz Kindler, Hrsg. Forschungsmanual Gewalt: Grundlagen der empirischen Erhebung von Gewalt in Paarbeziehungen und sexualisierter Gewalt. Wiesbaden: Springer VS, S. 13–31. ISBN 978-3-658-06293-4 [Rezension bei socialnet]

Halbmayr, Brigitte, 2009. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen während der NS-Verfolgung. In: Elke Frietsch und Christina Herkommer, Hrsg. Nationalsozialismus und Geschlecht: Zur Politisierung und Ästhetisierung von Körper, „Rasse“ und Sexualität im „Dritten Reich“ und nach 1945. Bielefeld: transcript, S. 141–155. ISBN 978-3-8394-0854-4

Künzel, Christine, 2005. Gewalt/​Macht. In: Christina von Braun und Inge Stephan, Hrsg. GenderWissen: Ein Handbuch der Gender-Theorien. Köln: Böhlau/UTB, S. 117–138. ISBN 978-3-8385-3926-3

Linke, Torsten, 2018. Sexualisierte Gewalt in der Familie. In: Alexandra Retkowski, Angelika Treibel und Elisabeth Tuider, Hrsg. Handbuch Sexualisierte Gewalt und pädagogische Kontexte: Theorie, Forschung, Praxis. Weinheim: Beltz Juventa, S. 398–406. ISBN 978-3-7799-3131-7 [Rezension bei socialnet]

4 Literaturhinweise

Fobian, Clemens und Rainer Ulfers, Hrsg., 2021. Jungen und Männer als Betroffene sexualisierter Gewalt. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-30378-5

Helfferich, Cornelia, Barbara Kavemann und Heinz Kindler, Hrsg., 2016. Forschungsmanual Gewalt: Grundlagen der empirischen Erhebung von Gewalt in Paarbeziehungen und sexualisierter Gewalt. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-06293-4 [Rezension bei socialnet]

Klees, Esther und Torsten Kettritz, 2018. Sexualisierte Gewalt durch Geschwister: Praxishandbuch für die pädagogische und psychologisch-psychiatrische Arbeit mit sexualisiert übergriffigen Kindern/​Jugendlichen. Lengerich: Pabst-Verlag. ISBN 978-3-95853-342-4

Retkowski, Alexandra, Angelika Treibel und Elisabeth Tuider, Hrsg., 2018. Handbuch Sexualisierte Gewalt und pädagogische Kontexte: Theorie, Forschung, Praxis. Weinheim und Basel: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3131-7 [Rezension bei socialnet]

Wazlawik, Martin, Heinz-Jürgen Voß, Alexandra Retkowski, Anja Henningsen und Arne Dekker, Hrsg., 2019. Sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten: Aktuelle Forschungen und Reflexionen. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-18000-3 [Rezension bei socialnet]

5 Informationen im Internet

Autor
Prof. Dr. Torsten Linke
Hochschule Zittau/Görlitz - Fakultät Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Linke, Torsten, 2021. Sexualisierte Gewalt [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 08.07.2021 [Zugriff am: 23.10.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Sexualisierte-Gewalt

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