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Sexueller Missbrauch

Ariane Schlicher

veröffentlicht am 13.09.2021

Englisch: sexual abuse

ICD-10: T74.2

Unter sexuellem Missbrauch werden generell alle sexuellen Handlungen verstanden, die die sexuelle Selbstbestimmung eines Menschen verletzen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Sexueller Missbrauch als Thema in der Jugendhilfe
  3. 3 Häufigkeiten
  4. 4 Strafrechtliche Einordnung
  5. 5 Typische Konstellationen
  6. 6 Täter und Täterstrategien
  7. 7 Folgesymptome bei den Betroffenen
  8. 8 Empfehlungen zum Umgang mit einem Verdacht
  9. 9 Unterstützungsangebote für betroffene Kinder und ihre Eltern
  10. 10 Quellenangaben
  11. 11 Literaturhinweise
  12. 12 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Von sexuellem Missbrauch wird im Strafgesetzbuch dann gesprochen, wenn die sexuelle Selbstbestimmung von vornherein und grundsätzlich ausgeschlossen wird: dies gilt allgemein für Kinder und Jugendliche, und unabhängig von dieser Altersbeschränkung auch für Schutzbefohlene (Schüler*innen, Student*innen, Auszubildende) und für „Gefangene, behördlich Verwahrte oder Kranke und Hilfsbedürftige in Einrichtungen“ (§ 174 StGB), also alle Menschen mit Behinderung.

Bei einem sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen geht es um sexuelle Handlungen von Erwachsenen an, mit oder vor einem Kind (bis unter 14 Jahren) oder Jugendlichen (14–18 Jahren).

Es ist ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Handlungen und umfasst neben sexuellen Berührungen eines Kindes (z.B. Zungenküsse, Manipulation an Genitalien) einerseits sexuelle Praktiken, die mit oralem, analem oder genitalem Eindringen in den Körper des Kindes verbunden sind (hands-on), und andererseits auch eine Vielzahl von so genannten „hands-off“-Taten ohne körperlichen Kontakt:

  • Zeigen/​gemeinsames Anschauen von sexualisierten Fotos oder Filmen
  • Versenden von pornografischen Aufnahmen über digitale Medien an Kinder und Jugendliche
  • Zugänglichmachen pornografischer Inhalte
  • Aussetzung von Kindern und Jugendlichen gegenüber sexuellen Aktivitäten von Erwachsenen
  • Exhibitionismus
  • Herstellung von Fotos und Filmaufnahmen von Kindern in sexueller Pose
  • Herstellung, Nutzung und Verbreitung von Kinderpornografie
  • Kinderprostitution

Sexueller Missbrauch kommt als einmaliger Übergriff vor oder als fortgesetzter sexueller Missbrauch über lange Zeiträume.

In der Fachliteratur finden sich anstelle des Begriffs des sexuellen Missbrauchs auch Bezeichnungen wie sexuelle Misshandlung oder sexualisierte Gewalt.

Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist ein anhaltend aktuelles Thema in der Kinder- und Jugendhilfe, und zwar mit dem Auftrag von Kinderschutz und Unterstützung. Zu den jährlich ca. 14.000 bis 15.000 polizeilich angezeigten Fällen in Deutschland wird zusätzlich ein großes Dunkelfeld von nicht offenbarten Missbrauchstaten vermutet (Bundeskriminalamt 2020). Das hat u.a. damit zu tun, dass die Taten mehrheitlich von Vertrauenspersonen aus dem Bekanntenkreis oder aus der eigenen Familie begangen werden, wodurch die Offenlegung erschwert ist.

Sexueller Missbrauch ist eine Straftat, und für jeden Einzelfall ist jeweils zu prüfen, ob und wann eine Strafanzeige erfolgen soll. Unterstützende Maßnahmen und Hilfen sind unabhängig davon möglich.

Für betroffene Kinder und Jugendliche kann die Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs sehr schwere und langanhaltende Folgen haben, das Ausmaß ist unterschiedlich und abhängig von verschiedenen Tatmerkmalen und Resilienzfaktoren. Es gibt kein einheitliches „Missbrauchssyndrom“, und nicht jede Missbrauchserfahrung führt zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung. In leichteren Fällen reichen stabilisierende Maßnahmen aus. Für eine gute Bewältigung ist in jedem Fall eine Unterstützung durch Bezugspersonen ein wichtiger Schutzfaktor. Der begleitenden Beratung der Eltern von betroffenen Kindern kommt deshalb eine große Bedeutung zu.

Nach Empfehlungen zur Vorgehensweise bei einem Verdacht werden abschließend die Unterstützungsangebote von Beratungsstellen und dem Jugendamt erläutert.

2 Sexueller Missbrauch als Thema in der Jugendhilfe

Während es für Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht um strafrechtliche Ermittlungen und eine Verurteilung der Täter oder Täterinnen geht, geht es für die Fachkräfte in der Jugendhilfe um den Schutz und die Unterstützung betroffener Kinder und ihrer Eltern nach einem erfolgten sexuellen Missbrauch.

Neben spezialisierten Fachberatungsstellen bieten auch Erziehungs- und Familienberatungsstellen stabilisierende Beratungsgespräche an. Der Allgemeine Soziale Dienst des Jugendamtes kann zusammen mit den Eltern einen Schutzplan erarbeiten und, soweit erforderlich, eine vorübergehende Fremdunterbringung des Kindes organisieren.

Alle pädagogischen Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten – in Kindertagesstätten, Schulen, Freizeiteinrichtungen, Vereinen oder in Heimen – sollten über ein Grundwissen über sexuellen Missbrauch verfügen, damit sie entsprechend hilfreich reagieren können, wenn ein Kind sich ihnen anvertraut.

In Institutionen, in denen Kinder betreut werden, sollen Schutzkonzepte erarbeitet werden, die durch strukturelle Maßnahmen wie z.B. Verhaltensregeln für die Betreuenden einerseits einen größeren Schutz für die Kinder gewährleisten und andererseits z.B. durch Beschwerdemöglichkeiten und Einbeziehung externer Fachberatung eine schnelle Beendigung eines Missbrauchs und eine konstruktive Aufarbeitung ermöglichen sollen.

3 Häufigkeiten

Es gibt keine verlässlichen Zahlen zur Häufigkeit, da viele Missbrauchstaten nicht offenbart werden. Die in der Fachliteratur angegebenen Häufigkeiten sind Ergebnisse von Prävalenzstudien, also anonymen Befragungen von heute Erwachsenen, ob sie in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren haben. Für Deutschland werden dabei Schätzungen zwischen 10 % bis 30 % angegeben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen jedes Jahr aus (Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs 2021c). Die Kriminalstatistik, in der alle Strafanzeigen erfasst werden, beziffert zwischen 14.000 und zuletzt über 15.000 angezeigte Fälle jährlich in Deutschland, mit steigender Tendenz, d.h. es werden zunehmend mehr Missbrauchstaten angezeigt (Bundeskriminalamt 2020).

Zahlenangeben zur Häufigkeit variieren in der Fachliteratur darüber hinaus je nachdem, ob als sexueller Missbrauch nur „hands-on“-Taten gezählt werden oder auch die „hands-off“-Taten, und ob auch jugendliche Opfer (14–18 Jahre) dazugezählt werden. Bei den in der Polizeilichen Kriminalstatistik (Bundeskriminalamt 2020) kriminalstatistisch erfassten Fällen gibt es in den letzten Jahren einen großen Anstieg bei Fällen von sexueller Gewalt im digitalen Netz, also Kinder- und Jugendpornografie. Dies ist auf vermehrte Fahndungserfolge der Polizei in diesem Bereich zurückzuführen.

Täter*innen nutzen zunehmend häufig die digitalen Medien zur von Eltern unbemerkten Kontaktaufnahme mit Kindern und Jugendlichen. Auch sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen finden häufig und häufig unbemerkt in den digitalen sozialen Netzwerken statt (Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs 2021a).

Kinderschutzmaßnahmen müssen sich deshalb auch auf den digitalen Raum erstrecken und Prävention muss auch Medienerziehung beinhalten.

Es wird in jedem Fall von einer hohen Dunkelziffer, also vielen nicht offenbarten Taten ausgegangen, insbesondere bei sexuellem Missbrauch innerhalb der Familie oder durch andere nahe Vertrauenspersonen.

4 Strafrechtliche Einordnung

Sexueller Missbrauch ist eine Straftat. Sobald die Polizei von einem Verdacht auf einen sexuellen Missbrauch erfährt, muss sie die Ermittlungen aufnehmen. Für Fachkräfte besteht keine Anzeigepflicht.

Die Frage, ob und wann eine Strafanzeige gestellt wird, ist in jedem Einzelfall sorgfältig zu prüfen und bleibt den Betroffenen bzw. den Personensorgeberechtigten der betroffenen Kinder überlassen.

Der Gesetzgeber will betroffenen Kindern und Jugendlichen bewusst die Möglichkeit der Inanspruchnahme von Hilfen ermöglichen, ohne dass mit einer Offenlegung sofort die strafrechtlichen Ermittlungen erfolgen. Die Verjährungsfrist, innerhalb der eine Strafanzeige erfolgen kann, beginnt erst, wenn das Opfer 30 Jahre alt ist. Für den Kindesmissbrauch kommen Fristen zwischen 5 und 20 Jahren in Betracht, je nach Schwere der Tat.

Strafrechtlich wird ein sexueller Missbrauch dann als schwerer sexueller Missbrauch mit entsprechend höherem Strafmaß und längeren Verjährungsfristen gewertet, wenn bestimmte Tatbestandsmerkmale vorliegen: Eindringen in den Körper, Gemeinschaftstat, schwere Gesundheitsgefährdung, zeitgleiche Bedrohung/​Misshandlung, Todesgefahr für das Opfer. Dies gilt auch, wenn der Missbrauch gefilmt wird mit dem Vorsatz, die Aufnahmen für weitere sexuelle Ausbeutung zu verbreiten.

Für Institutionen, in denen der Verdacht eines sexuellen Missbrauchs durch einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin aufkommt, sind vom Bundesjustizministerium Leitlinien zur Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden erarbeitet worden (Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz 2020 2020).

Sexueller Missbrauch an Kindern unter 14 Jahren ist generell immer strafbar, daran ändert auch ein gegebenes oder vermeintliches Einverständnis des Kindes nichts. Die Verantwortung trägt allein der Erwachsene.

Die Strafmündigkeit beginnt mit 14 Jahren, d.h. Täter oder Täterinnen können erst ab einem Alter von 14 Jahren strafrechtlich belangt werden.

Es gibt also Fälle von sexuellem Missbrauch, die strafrechtlich nicht erfasst werden können, weil entweder

  1. keine Anzeige erfolgt oder
  2. das betroffene Kind zu jung ist für eine Aussage oder
  3. weil der Täter oder die Täterin jünger als 14 Jahre alt ist.

Darüber hinaus enden viele Verfahren wegen mangelnder Beweise mit einem Freispruch.

Nicht jeder sexuelle Missbrauch lässt sich aufgrund von Indizien beweisen. Wenn es kein Geständnis des Täters oder der Täterin gibt, keine Spuren medizinisch nachweisbar sind, oder Filmaufnahmen des Missbrauchs, ist die Einschätzung der Glaubhaftigkeit der Aussage des betroffenen Kindes entscheidend. Hierzu wird im Rahmen des Strafverfahrens ein Gutachten in Auftrag gegeben.

Kinderschutzmaßnahmen müssen auf jeden Fall unabhängig von einem strafrechtlichen Nachweis geprüft werden.

5 Typische Konstellationen

Jeder Fall ist ein Einzelfall. Es lassen sich aber typische Konstellationen voneinander unterscheiden, die jeweils ein unterschiedliches Vorgehen in Beratung und Therapie erfordern:

  1. Sexueller Missbrauch innerhalb der eigenen Familie
    1. durch einen Erwachsenen (Vater, Stiefvater, Großvater, Onkel, auch Mutter, Großmutter, Tante)
    2. durch Geschwister (auch Halb-, Adoptiv- und Stiefgeschwister)
  2. Sexueller Missbrauch durch persönlich bekannte Vertrauenspersonen
    1. im privaten Bereich durch Nachbarn oder Freunde der Eltern
    2. in einer Institution durch einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin (in Kita, Schule, Kirche, Verein, Klinik, Heim)
  3. Sexuelle Übergriffe unter Kindern bzw. Jugendlichen und an Kindern durch Jugendliche, im privaten Bereich oder in Institutionen
  4. Sexueller Missbrauch durch einen Fremdtäter.

Sexueller Missbrauch durch eine vertraute Bindungsperson (1–3) ist besonders belastend, weil der Vertrauensmissbrauch insbesondere für kleine Kinder sehr verwirrend ist. Sie fühlen sich verstrickt und schrecken oft lange vor einer Offenlegung zurück, wodurch der Missbrauch sich über lange Zeiträume, manchmal Jahre erstrecken kann. Die positiven Bindungsgefühle erschweren oft auch nach einer Aufdeckung die emotionale Distanzierung vom Täter oder von der Täterin.

6 Täter und Täterstrategien

Die Täter sind überwiegend männlich (75–90 %), aber es gibt auch weibliche (Mit-)Täterinnen (Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs 2021b). Sie kommen aus allen Altersgruppen und allen gesellschaftlichen Schichten, und es gibt sie in der ganzen Welt. Überwiegend sind die Täter oder Täterinnen ganz „normale“ Persönlichkeiten und weder krank noch gestört. Es gibt kein Persönlichkeitsmerkmal, das ihnen allen gemeinsam wäre und anhand dessen man sie diagnostizieren könnte. Nur ein geringer Teil von ihnen ist pädophil veranlagt, also sexuell nur durch Kinder zu erregen (Kuhle 2015, S. 12–20 %).

Mehrheitlich wird sexueller Missbrauch also von nach außen hin nicht erkennbar gestörten, sondern „ganz normalen“ Tätern oder Täterinnen verübt. Es ist wichtig, die Präferenzstörung „Pädophilie“ nicht gleichzusetzen mit „Pädosexualität“ oder gar mit „Missbrauchstäter“.

Der Begriff der Pädophilie bezeichnet die Neigung, sich sexuell zu Kindern hingezogen zu fühlen; aus dieser Präferenz müssen sich aber nicht zwangsläufig auch sexuelle Handlungen ergeben.

Für die meisten innerfamiliären Missbrauchshandlungen liegen die Ursachen nicht in einer abartigen Persönlichkeit, sondern z.B. auch in grenzenlosen Vernachlässigungsstrukturen in der Familie. Dies ist ein wichtiger Aspekt sowohl für die Aufarbeitung als auch für die Prävention.

Als grobe Häufigkeitsschätzung werden folgende Zahlen genannt (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2016; Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung o.J.):

Der Anteil der Fremdtäter wird mit etwa 25 % als relativ niedrig angegeben. Weitere 25 % sind Familienangehörige, und 50 % Bekannte aus dem sozialen Nahraum. Täter oder Täterin und Opfer kennen sich also meistens vorher.

Dass der Anteil der „Bekannten“ so hoch ist, liegt auch daran, dass es zu den Täterstrategien gehört, sich dem Kind zunächst auf eine scheinbar freundlich-wohlwollende Art zu nähern, um so das Vertrauen des Kindes und auch seiner Eltern zu gewinnen.

Unter dem Stichwort „Täterstrategien“ werden verschiedene Handlungen von Tätern und Täterinnen zusammengefasst, die einen sexuellen Missbrauch vorbereiten. Dazu zählen folgende Schritte:

  • Auswahl des Opfers im Hinblick auf Gelegenheit zu unbeaufsichtigten Begegnungsoptionen
  • Beziehungsangebot, Zuwendung, Geschenke
  • Annäherung an die Aufsichtspersonen, Gewinnung des Vertrauens der Bezugspersonen
  • „Vernebelung“: Manipulation der Wahrnehmung des Kindes
  • zunächst nur wie zufällige Ausrutscher anmutende sexuelle Berührungen, schleichende Intensivierung der Missbrauchshandlungen
  • dann Erpressung mit Vorwurf einer Mitschuld, Geheimnisdruck, Drohungen

Um viele Kontaktmöglichkeiten zu Kindern zu haben, suchen sich tatgeneigte Personen oft gezielt entsprechende berufliche Tätigkeiten (z.B. in Kindertagesstätten) oder Freizeitaktivitäten (z.B. im Sportverein oder als Betreuer*innen von Kinderfreizeiten) oder auch gezielt als Partnerin eine alleinerziehende Mutter mit Kind.

Für Institutionen wie Kindertagesstätten und Schulen sind deshalb Schutzkonzepte von großer Bedeutung.

7 Folgesymptome bei den Betroffenen

Es gibt kein typisches „Missbrauchssyndrom“. Die Folgen bei den Betroffenen sind unterschiedlich und abhängig von

  • der Art, Schwere und Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs
  • dem Ausmaß der Gewaltanwendung
  • der Beziehung zum Täter oder zur Täterin
  • dem Vorliegen von Schutzfaktoren, wie z.B. Bewältigungskompetenzen des Kindes und Unterstützung durch Bezugspersonen und Fachkräfte.

Aus dem Vorliegen einer bestimmten Symptomatik lassen sich keine Rückschlüsse darauf ziehen, welches Ereignis diese Symptome verursacht hat. Alle bei Missbrauchsopfern möglicherweise später auftretenden Auffälligkeiten wie Borderline-Störungen, Depressionen, psychosomatische Belastungen treten auch aus anderen Gründen auf.

Verhaltensauffälligkeiten sind demnach kein „Beweis“ für eine bestimmte Ursache, dennoch sollten sie, insbesondere wenn sie anhaltend auftreten, als Hinweiszeichen aufmerksam beachtet werden: auch wenn die Ursache (noch) nicht bekannt ist, ist es wichtig, auf die Belastungssymptome des Kindes zu reagieren.

Die Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs kann sehr schwerwiegende und langanhaltende Folgen für die Betroffenen haben. Sie ist aber nicht zwangsläufig in jedem Fall ein traumatisches Erlebnis für das Kind und führt auch nicht zwangsläufig zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Eine PTBS wird erst dann als solche diagnostiziert, wenn die Belastungssymptomatik mindestens 8 Wochen anhält. Zu den „Schutzfaktoren“, die eine gute Bewältigung ohne chronische Folgestörungen gewährleisten, gehören unterstützende Beziehungen durch Familienangehörige ebenso wie durch Fachkräfte.

Eine Unterstützung im Sinne einer Stabilisierung sollte so früh wie möglich erfolgen.

8 Empfehlungen zum Umgang mit einem Verdacht

Ein sexueller Missbrauch lässt sich also nicht anhand von Symptomen beweisen, und Aussagen insbesondere von kleinen Kindern sind oft sehr vieldeutig. In allen Fällen mit einer noch sehr vagen Vermutung gilt:

  • Aufmerksam zuhören, ggf. nachfragen, aber nicht ausfragen
  • Dranbleiben! Vertrauensbeziehung aufbauen und halten
  • Präventive Maßnahmen treffen: Schutz, Stabilisierung, Stärkung

Unbedingt vermeiden:

  • suggestive Fragen
  • Drama, Panik, Entsetzen
  • „verdeckt ermitteln“, das Kind untersuchen
  • voreilige Konfrontation des vermeintlichen Täters oder der vermeintlichen Täterin

Wenn die Vermutung sich erhärtet hat (nicht unbedingt schon erwiesen ist), ist es wichtig, möglichst schnell Maßnahmen zum Schutz des Kindes einzuleiten. Dies hat Vorrang vor jeder weiteren Ermittlungsarbeit und muss unbedingt vor einer Konfrontation des/der als Tatverdächtigten und vor Einschaltung der Polizei geschehen.

Für Institutionen greifen dann die Vorgehensweisen, wie sie im jeweiligen Schutzkonzept zum Umgang mit Fällen von Kindeswohlgefährdung vorgesehen sind. Die Einbeziehung einer Fachberatungsstelle oder einer „insoweit erfahrenen Fachkraft“ gem. § 8a, b SGB VIII gehört ebenso dazu wie die Entscheidung über interne arbeitsrechtliche Maßnahmen gegenüber dem verdächtigten Mitarbeiter oder der verdächtigten Mitarbeiterin und über die Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden.

Wenn Fachkräfte in Kindergarten oder Schule von einem sexuellen Missbrauch erfahren, der außerhalb ihrer Institution stattgefunden hat, also innerfamiliär oder im sozialen Nahbereich der Familie, sind folgende Schritte zu prüfen:

  • Elterngespräch: Verhaltensauffälligkeiten und Äußerungen des Kindes benennen, die den Verdacht begründen; Vereinbarung über weiteres Vorgehen (wer kann wie für den Schutz des Kindes sorgen?)
  • Pädagogische Schutzmaßnahmen, Beratungsangebote durch eine Fachberatungsstelle
  • Fachliche Beratung durch eine „insoweit erfahrene Fachkraft“
  • Meldung an das zuständige Jugendamt wegen Verdachts auf Kindeswohlgefährdung; dort wird der Verdacht geprüft und ggf. ein Schutzplan erstellt, erforderlichenfalls das Familiengericht einbezogen.

Die Einbeziehung der Personensorgeberechtigten ist nach § 8a SGB VIII zwingend vorgeschrieben. Fachkräfte aus Kindertagesstätten und Schulen dürfen also nicht ohne deren Wissen eine Meldung wegen Kindeswohlgefährdung an das Jugendamt weiterleiten. Eine Ausnahme von dieser Verpflichtung ist nur dann zulässig, wenn die vermutete Gefährdung von den Eltern oder einem Elternteil selbst ausgeht: dann ist es zum Schutz des Kindes erlaubt, auf ihre Einbeziehung zu verzichten.

Fachkräfte aus Kitas und Schulen haben gegenüber dem örtlichen Jugendamt einen Anspruch auf Beratung durch eine „insoweit erfahrene Fachkraft“ gem. § 8a, b SGB VIII, mit der sie sich vor der Einschaltung des Jugendamts bezüglich des Vorgehens ausführlich besprechen können.

Es besteht keine Anzeigepflicht bei der Polizei, weder für die Fachkräfte in Kita/Schule o.a. noch für die Fachkräfte in den Beratungsstellen und im Jugendamt.

9 Unterstützungsangebote für betroffene Kinder und ihre Eltern

Stabilisierende Beratungsgespräche sind für alle von einem sexuellen Missbrauch betroffenen Kinder hilfreich und sollten so früh wie möglich angeboten werden. Diese Unterstützung darf und sollte auch dann genutzt werden, wenn es noch keinen strafrechtlichen Nachweis für eine Missbrauchstat gibt. Denn vorrangig geht es um den Kinderschutz. Darauf zu achten und dafür Sorge zu tragen, dass ein Kind zukünftig vor möglichen sexuellen Übergriffen geschützt wird, ist zunächst die Aufgabe der Eltern. Der Elternberatung kommt deshalb gerade auch in den vagen Verdachtsfällen eine große Bedeutung zu. In vielen Fällen gelingt es Eltern oder einzelnen Elternteilen, für ausreichenden Schutz des Kindes zu sorgen – ganz ohne Jugendamt und ohne Polizei.

Die Erziehungs- und Familienberatungsstellen bieten bundesweit ein flächendeckendes Netz mit ihrem kostenlosen Beratungsangebot. Sie sind alle spezialisiert für die Beratung von Kindern, Jugendlichen und Eltern, einige haben auch ein spezialisiertes Angebot für betroffene Kinder, Jugendliche und deren Eltern nach sexuellem Missbrauch. Daneben gibt es spezialisierte Fachberatungsstellen für Opfer sexuellen Missbrauchs.

Zu den grundlegenden Interventionen, die in Fachberatungsstellen zur Bewältigung und Stabilisierung von betroffenen Kindern und Jugendlichen angeboten werden können, gehören folgende Maßnahmen (die gleichzeitig auch Inhalte der begleitenden Elternberatung sind):

  • Psychoedukation: Erklärung von physiologischen Stressreaktionen
  • Erziehung zur emotionalen Kompetenz, Anleitung zur Bewältigung von emotionalen Krisen
  • Förderung kreativer und aktiver Bewältigungsmechanismen: malen, schreiben, musizieren, basteln, werken
  • Stärkung von Körpergefühl, Körperbeherrschung und Kraft: Sport, Tanz, rhythmische Bewegung
  • Stärkung des Selbstwertgefühls auf mehreren Ebenen, auch durch Übertragung von Verantwortung
    (Eckardt 2005, S. 39–81).

Weitere Schutzmaßnahmen des Allgemeine Dienstes des Jugendamts sind unter bestimmten Voraussetzungen notwendig. Dies kann insbesondere bei einem akuten Verdacht der Fall sein, bei dem der Missbrauch noch nicht beendet ist und das Kind schnell in Obhut genommen werden muss. Auch wenn es um einen Verdacht gegen Mitarbeitende einer Institution geht und deshalb mehrere Kinder betroffen sein könnten, ist die Einschaltung des Jugendamts erforderlich. Über das örtliche Jugendamt können vorab auch jeweils Adressen von spezialisierten Fachberatungsstellen erfragt werden sowie die Kontaktdaten der zuständigen „insoweit erfahrenen Fachkraft“.

Eine unterstützende Beratung kann und sollte immer angeboten werden, die Einschaltung des Jugendamts muss aber nicht in jedem Fall erfolgen. Beide Dienste können auch parallel, mit oder ohne Kooperation, unterstützend tätig werden. Die Fachkräfte in Beratungsstellen unterliegen der Schweigepflicht, es erfolgt also von dort keine automatische Information an das Jugendamt. Dies darf nur mit Wissen der Betroffenen geschehen.

Für einige Kinder und Jugendliche reicht eine stabilisierende Beratung nicht aus, sie benötigen dann je nach ihrer Symptomatik eine längerfristige Begleitung durch Psychotherapeut*innen oder Kinder- und Jugendpsychiater*innen. Eltern von betroffenen Kindern können sich selbst oder über ihre Hausärzt*in oder ihre Krankenkasse direkt um einen Therapieplatz bemühen, die Weitervermittlung dorthin kann aber auch über die Beratungsstelle erfolgen.

10 Quellenangaben

Bundeskriminalamt, 2020. Polizeiliche Kriminalstatistik 2020 [online]. Wiesbaden: Bundeskriminalamt [Zugriff am: 08.09.2021]. Verfügbar unter: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/​StatistikenLagebilder/​PolizeilicheKriminalstatistik/​PKS2020/​pks2020_node.html

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, 2020. Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch in einer Einrichtung: Was ist zu tun? Fragen und Antworten zu den Leitlinien zur Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden [online]. Berlin: Bundesministerium der Justiz und für den Verbraucherschutz [Zugriff am: 25.08.2021]. Verfügbar unter: https://www.bmjv.de/SharedDocs/​Publikationen/DE/Verdacht_Kindesmissbrauch_Einrichtung.pdf?__blob=publicationFile&v=18

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2016. Respekt! Schulen als ideale Orte der Prävention von sexualisierter Gewalt – Sammelband für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte an Schulen [online]. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung [Zugriff am: 08.09.2021]. PDF e-Book. ISBN 978-3-946692-16-4. Verfügbar unter: https://www.bzga.de/infomaterialien/​praevention-des-sexuellen-kindesmissbrauchs/​respekt-schulen-als-ideale-orte-der-praevention-von-sexualisierter-gewalt-eine-handreichung-fuer-di/

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, [ohne Jahr]. Trau dich! Initiative gegen sexuellen Kindesmissbrauch [online]. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung [Zugriff am: 08.09.2021]. Verfügbar unter: https://www.trau-dich.de

Eckardt, Jo, 2005. Kinder und Trauma: Was Kinder brauchen, die einen Unfall, einen Todesfall, eine Katastrophe, Trennung, Missbrauch oder Mobbing erlebt haben. Göttingen. Vandenhoeck&Ruprecht. ISBN 978-3-525-46225-6 [Rezension bei socialnet]

Kuhle, Laura F., Dorit Grundmann, und Klaus M. Beier, 2015. Sexueller Missbrauch von Kindern: Ursachen und Verursacher. In: Jörg M. Fegert, Ulrike Hoffmann, Elisa König, Johanna Niehues und Hubert Liebhardt, Hrsg. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen: Ein Handbuch zur Prävention und Intervention für Fachkräfte im medizinischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Bereich. Berlin: Springer, S. 109–130. ISBN 978-3-662-44243-2 [Rezension bei socialnet]

Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, 2021a. Sexuelle Gewalt mittels digitaler Medien [online]. Berlin: Arbeitsstab des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs [Zugriff am: 13.09.2021]. Verfügbar unter: https://beauftragter-missbrauch.de/praevention/​sexuelle-gewalt-mittels-digitaler-medien

Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, 2021b. Täter und Täterinnen [online]. Berlin: Arbeitsstab des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs [Zugriff am: 13.09.2021]. Verfügbar unter: https://beauftragter-missbrauch.de/praevention/​was-ist-sexueller-missbrauch/​taeter-und-taeterinnen

Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, 2021c. Zur Häufigkeit von sexuellem Missbrauch [online]. Berlin: Arbeitsstab des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs [Zugriff am: 13.09.2021]. Verfügbar unter: https://beauftragter-missbrauch.de/praevention/​was-ist-sexueller-missbrauch/​zur-haeufigkeit-von-sexuellem-missbrauch

11 Literaturhinweise

Schlicher, Ariane 2020. Sexueller Missbrauch – Beratung und Prävention. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-6232-8 [Rezension bei socialnet]

12 Informationen im Internet

Autorin
Ariane Schlicher
Diplom-Psychologin und jahrelange Leiterin einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle im Landkreis Heilbronn, die mit der Fachstelle JuMäX ein spezialisiertes Angebot der Beratung nach sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen vorhält.
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Zitiervorschlag
Schlicher, Ariane, 2021. Sexueller Missbrauch [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 13.09.2021 [Zugriff am: 17.09.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Sexueller-Missbrauch

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