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Singen

Singen ist eine vokale Äußerungsform, die vielfältige Erscheinungsformen annehmen kann. Singen ist außerdem eine Form aktiven Musizierens. Da beim Singen der eigene Körper als Instrument verwendet wird und keine Hilfsmittel notwendig sind, kann immer und überall gesungen werden. Singen eignet sich somit ausgesprochen gut als Musizierform im Rahmen von Musik in der Sozialen Arbeit. Darüber hinaus können sich beim Singen verschiedene außermusikalische Transfereffekte ergeben, die sich zum einen mit den Zielen der Sozialen Arbeit decken und zum anderen zum Wohlbefinden der Singenden beitragen können.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Erscheinungsformen des Singens
  3. 3 Tonproduktion
  4. 4 Singen als Teilbereich von Musik in der Sozialen Arbeit
  5. 5 Besonderheiten des Singens im Kontext von Sozialer Arbeit
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise
  8. 8 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

„Instrumentalspiel und Gesang hält geistig und körperlich fit, fördert die Gesundheit und kann sehr glücklich machen. Sänger und Spieler erfahren das leibliche Selbst intensiv und das soziale Selbst beim gemeinsamen Musizieren“ (Rüdiger 2018, S. 15).

Singen im engeren Sinn ist zunächst eine Form des (menschlichen) Musizierens. Im Kontext von Sozialer Arbeit findet Singen insbesondere als eine Ausprägungsform von Musik in der Sozialen Arbeit statt.

Grundsätzlich umfasst Singen vielfältige Erscheinungsformen vokaler Äußerungen. Ob eine vokale Äußerung Singen genannt werden kann, hängt insbesondere von den eigenen kulturell erlernten Kategorien ab (Seibt und Hamsch 2017, S. 62). Die Tonproduktion erfolgt beim Singen mittels des eigenen Körpers.

Innerhalb der Sozialen Arbeit ist Singen insbesondere als eine Musizierform von Musik in der Sozialen Arbeit zu finden. Musik in der Sozialen Arbeit wiederum stellt einen Teilbereich einer ästhetischen oder künstlerisch-ästhetischen Praxis dar. Singen hat im Rahmen von Sozialer Arbeit zahlreiche Einsatzmöglichkeiten für verschiedene Zielgruppen und ist somit hervorragend für Musik in der Sozialen Arbeit geeignet.

2 Erscheinungsformen des Singens

Singen ist die wahrscheinlich älteste, natürlichste und unmittelbarste musikalische Ausdrucksform der Menschen. Dem Klang der menschlichen Stimme und ihren Ausdrucksformen wurden zahlreiche Instrumente nachgebildet (Rüdiger 2018, S. 7).

Heute ist Singen ein Sammelbegriff für die vielfältige Erscheinungsformen vokaler Äußerungen, die in ihrem klanglichen Endprodukt erheblich voneinander abweichen. Gemeint sein kann beispielsweise das sogenannte „klassische“ Singen, Pop-Gesang, Musical-Gesang (einschließlich der spezifischen Technik des „Belten“), chorisches Singen, Obertongesang oder der sogenannte „Schreigesang“ im Heavy Metal.

Diese vokalen Äußerungsformen lassen sich kaum durch einheitliche, verbindliche Kategorien erfassen. Ob eine vokale Äußerung als Singen verstanden wird, ist somit insbesondere von den individuellen kulturell erlernten Kategorien abhängig (Seibt und Hamsch 2017, S. 62).

Immer aber handelt es sich beim Singen um eine Form des Musizierens. Unter „Musizieren“ kann die Aneinanderreihung verschiedener Schallerzeugnisse unter ästhetischen Gesichtspunkten verstanden werden.

Die Sängerin und Gesangspädagogin Inka Neus unterscheidet des Weiteren zwischen Singen und Gesang. Während Singen ihr zufolge eine „ursprüngliche und natürliche Ausdrucksform, Ausdrucks- und Kommunikationsmittel“ darstellt, erhebt Gesang für sie einen (Aus-)Bildungsanspruch (Neus 2017).

3 Tonproduktion

Singen erfolgt ohne externe Hilfsmittel. Der eigene Körper wird zum Instrument indem anatomische Bereiche zur Lautproduktion verwendet werden, die ansonsten Vitalfunktionen erfüllen (Vormann-Sauer 2017, S. 17). Hierbei sind insbesondere der Kehlkopf mit den Stimmlippen, Luftröhre, Lunge und das Zwerchfell beteiligt. Der Atem wird unter Zuhilfenahme des Zwerchfells kontrolliert durch die Luftröhre in den Kehlkopf abgegeben, wo er die Stimmlippen in Schwingung versetzt. Durch die Öffnungs- und Schließbewegung der Stimmlippen entstehen Töne, durch die Variation der Stimmlippenlänge unter Zuhilfenahme verschiedener Knorpel im Kehlkopf kann die Tonhöhe verändert werden.

In der Regel wird beim Singen textierte Musik musiziert. Die Gestaltung (Interpretation) der Texte ist ein Merkmal des Singens und beeinflusst das klangliche Ergebnis in hohem Maß: Der emotionale Ausdruck bei der Zeile „Hit me, Baby, one more time“ (komponiert von Max Martin, bekannt durch die Interpretin Britney Spears) wird vermutlich vom emotionalen Ausdruck bei „Es war, als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst“ (komponiert von Robert Schumann zu einem Text von Joseph von Eichendorff) abweichen und es entsteht somit ein erheblicher klanglicher Unterschied.

4 Singen als Teilbereich von Musik in der Sozialen Arbeit

Musik ist fester Bestandteil einer künstlerisch-ästhetischen Praxis in der Sozialen Arbeit. Musik wird hierbei als Medium verwendet, um die Ziele Sozialer Arbeit (besser) erreichen zu können. Musik in der Sozialen Arbeit stellt hierbei einen Oberbegriff dar. Unter anderem kann vokales Musizieren – das Singen – in seinen verschiedenen Erscheinungsformen Teil von Musik in der Sozialen Arbeit sein.

Analog zu dem niederschwelligen Musikbegriff von Musik in der Sozialer Arbeit, bei dem jeder Mensch entsprechend seiner/ihrer individuellen Möglichkeiten als musikalisch begriffen wird (Hartogh und Wickel 2004, S. 45), wird auch Singen als eine individuelle, persönliche Ausdrucksform verstanden, zu der alle Menschen fähig sind. Es kann also einerseits jeder Mensch als singfähig verstanden werden und andererseits kann jede vokale Äußerungsform Singen sein, wenn sie durch den/die Singende/n als Singen gedacht wird und/oder von den Zuhörenden als Singen aufgefasst wird.

Im Übrigen gelten für das Singen im Rahmen von Sozialer Arbeit die gleichen Richtlinien wie für andere Formen des Musizierens: Singangebote finden voraussetzungsfrei statt, sodass alle Menschen unabhängig von ihrem Unterstützungsbedarf teilnehmen können. Statt einer Produktorientierung steht Prozessorientierung im Vordergrund, die Singangebote finden in einer wohlwollenden und wertschätzenden Atmosphäre statt und es wird gemeinsam mit einer sowohl stimmlich als auch sozialarbeiterisch geschulten Person musiziert, die sensibel zwischen Künsten und individuellen Möglichkeiten vermitteln kann, selbst motivierend mitmusizieren kann und den künstlerisch-ästhetischen Prozess engagiert anleiten kann.

5 Besonderheiten des Singens im Kontext von Sozialer Arbeit

Singen hat im Kontext von Sozialer Arbeit große Vorteile: Es ist immer und überall möglich, fast ausnahmslos alle Menschen verfügen über die grundsätzliche Möglichkeit, mit ihren Stimmlippen unter Zuhilfenahme der Atmung Töne zu produzieren und somit zu singen. In der Regel werden außer dem eigenen Körper keine zusätzlichen Materialien benötigt.

Musik im Allgemeinen und Singen als eine Form des Musizierens werden Transfereffekte in außermusikalische Bereichen zugesprochen. Beispiele hierfür sind eine Steigerung des Wohlbefindens und des Selbstbewusstseins, eine Verbesserung sozialer Kompetenzen. Diese Transfereffekte werden als hilfreich für die Umsetzung sozialarbeiterischer Ziele betrachtet (Maier 2018, S. 10).

Insbesondere das Singen beinhaltet weitere Möglichkeiten: Der Klang einer (Sing-)Stimme ist ausgesprochen eng mit dem persönlichen Befinden verknüpft. Bei Glücksgefühlen, Schlafmangel, Unlust, Überanstrengung oder ähnlichem verändert sich der Stimmklang in hohen Maß (Maier 2017, S. 263). Der Klang einer (Sing-)Stimme weist somit deutlicher auf das individuelle Befinden hin als zum Beispiel das Spiel auf einem Klavier oder einer E-Gitarre. Im Umkehrschluss kann davon ausgegangen werden, dass auch eine Beeinflussung des Stimmklangs wie sie beim gemeinsamen Musizieren erfolgen kann, einen Einfluss auf das individuelle Befinden hat.

Singen leistet außerdem Beiträge zu körperlichem Wohlbefinden und zu körperlicher Gesundheit: Die für das Singen notwendige Tiefenatmung kann beispielsweise entspannend und befreiend wirken. Singen wirkt sich außerdem positiv auf Körperhaltung, auf Herz- und Immunsystem aus (Kreutz 2014, S. 106), verlangsamt altersbedingte Veränderungen an Kehlkopf und Stimmlippen und stärkt bzw. erhält die Lungenfunktion (Kreutz 2014, S. 130).

Aufgrund der Möglichkeiten, mit dem eigenen Körper zu musizieren und der beim Singen möglichen Transfereffekte lässt sich Singen hervorragend im Kontext Sozialer Arbeit praktizieren: Es kann beispielsweise bei einer Familienberatung mit (werdenden) Eltern gesungen werden, es kann mit Kindergarten- und Schulkindern gemeinsam mit Gleichaltrigen chorisch gesungen werden, mit Jugendlichen kann Karaoke-Gesang praktiziert werden und somit an ihre Erfahrungswelt angeknüpft werden, junge und ältere Erwachsene können chorische Angebote oder Singkreise wahrnehmen und Menschen im vierten Lebensalter erinnern sich durch ihr eigenes Singen oder durch Vorgesungenes an Stationen ihres Lebens. Singen kann außerdem eine Brücke der Kommunikation darstellen: Selbst bei dementiell veränderten Menschen kann Singen als immer noch mögliche Kommunikationsstrategie fungieren, wenn Kommunikation über das Medium Sprache aufgrund der Demenzerkrankung bereits nicht mehr gelingen kann (Gembris 2017, S. 13).

6 Quellenangaben

Hartogh, Theo und Hans Hermann Wickel, 2004. Musik und Musikalität: Zu der Begrifflichkeit und den (sozial-)pädagogischen und therapeutischen Implikationen, in: Theo Hartogh und Hans Hermann Wickel, Hrsg. Handbuch Musik in der Sozialen Arbeit. Weinheim und München: Juventa, S. 45–56. ISBN 978-3-7799-0787-9

Kreutz, Gunter, 2014. Warum Singen glücklich macht. Gießen: Psychosozial. ISBN 978-3-8379-2395-7 [Rezension bei socialnet]

Maier, Raika Simone, 2017. „Lernen, Singen und Lehren“: Lula Mysz-Gmeiner (1876-1948) Mezzosopranistin und Gesangspädagogin. Neumünster: von Bockel. ISBN 978-3-95675-015-1

Maier, Raika Simone, 2018. Zwischen Musikpädagogik und Musiktherapie? Musik und Gesang in der Sozialen Arbeit. In: Vox Humana. 14, S. 8–11. ISSN 1861-065X

Neus, Inka, 2017. Singen: Zentrale Begriffe, psychosoziale Wirkfunktionen und musikpädagogische Handlungsfelder. Berlin: LIT.​ ISBN 978-3-643-13625-1 [Rezension bei socialnet]

Rüdiger, Wolfgang, 2018. Vielfalt und Einheit: Zur Fragestellung des Symposiums und zu den Beiträgen dieses Bandes. In: Wolfgang Rüdiger, Hrsg. Instrumentalpädagogik – wie und wozu? Entwicklungsstand und Perspektiven. Mainz: SCHOTT, S. 7–19. ISBN 978-3-7957-1496-3

Seibt, Oliver und Sebastian Ferdinand Hamsch, 2017. Warum die Musikethnologie die Suche nach dem singenden Menschen mittlerweile eingestellt hat. In: Andreas Lehmann-Wermser und Anne Niessen, Hrsg. Aspekte des Singens: Ein Studienbuch. Augsburg: Wißner, S. 50–64. ISBN 978-3-95786-065-1 [Rezension bei socialnet]

7 Literaturhinweise

Adamek, Karl, 2008. Singen als Lebenshilfe: Zu Empirie und Theorie von Alltagsbewältigung. 4. Auflage. Münster: Waxmann. ISBN 978-3-8309-1960-5

Minkenberg, Hubert, 2004. Singen. In: Theo Hartogh und Hans Hermann Wickel, Hrsg. Handbuch Musik in der Sozialen Arbeit. Weinheim und München: Juventa, S. 103–113. ISBN 978-3-7799-0787-9

Rittelmeyer, Christian, 2017. Warum und wozu ästhetische Bildung? Über Transferwirkungen künstlerischer Tätigkeiten. Ein Forschungsüberblick. 3. Auflage. Oberhausen: Athena. ISBN 978-3-89896-674-0

Wickel, Hans Herrmann, 2018. Musik in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Münster und New York: utb. ISBN 987-3-8252-4944-1

8 Informationen im Internet

  • Singen innerhalb der Sozialen Arbeit – Wirkweisen, Umsetzungsformen, Möglichkeiten, in: https://www.kubi-online.dePublikation in Vorbereitung

Autorin
Dr. Raika Lätzer
Historische Musikwissenschaften, M.A.(Musikwissenschaften), Diplom-KA Künstlerische Ausbildung Gesang), Diplom-GP (Gesangspädagogik), B.Mus.(Gesang) Frühere Rezensionen siehe Raika Maier
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Raika Lätzer.


Zitiervorschlag
Lätzer, Raika, 2019. Singen [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 18.02.2019 [Zugriff am: 14.10.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Singen

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Autorin

Dr. Raika Lätzer
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veröffentlicht am 18.02.2019

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