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Situationsorientierter Ansatz

Abkürzung: S.o.A.

Verwechselungsgefahr mit: Situationsansatz

Der Situationsorientierte Ansatz (S.o.A.) ist ein frühpädagogisches Handlungskonzept, das Mitte der 1980er-Jahre von Armin Krenz am Kieler „Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik“ erarbeitet wurde. Dieser Ansatz wird häufig mit dem Situationsansatz verwechselt oder als situatives Arbeiten mit Kindern eingeordnet. Krenz wollte elementarpädagogische Fachkräfte befähigen, die aktuelle Lebenswelt von Kindern ernst zu nehmen und Lerngelegenheiten im Alltag der Kita zu erkennen, um diese dann zum Ausgangspunkt von Projekten zu machen. Im Unterschied zu Themenvorgaben sollten Erzieherinnen und Erzieher die Ausdrucksmöglichkeiten des Kindes als Bildungsanlass nutzen und die Entwicklung des Kindes aktiv begleiten. Keineswegs sollte das pädagogische Konzept zu einer Pädagogisierung der Kindheit beitragen (Krenz 2005, S. 14). Der S.o.A. wirkt über die pädagogische Beziehung und begreift Erziehung, Bildung und Betreuung als einen psychodynamischen Interaktionsprozess.

Überblick

  1. 1 Entstehungsgeschichte
  2. 2 Das Bild vom Kind
  3. 3 Pädagogische Grundannahmen
  4. 4 Voraussetzungen zum „Situationsorientierten Arbeiten“ und Verbreitung
  5. 5 Quellenangaben

1 Entstehungsgeschichte

Armin Krenz
Abbildung 1: Armin Krenz (Privatbesitz Krenz)

Der S.o.A. entstand Mitte der 1980er-Jahre vor allem in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Situationsansatz, der von Jürgen Zimmer in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe am Deutschen Jugendinstitut (DJI) entwickelt worden war. Einerseits waren viele Fachkräfte mit diesen Anforderungen überfordert und andererseits kritisierte Krenz, wie viele andere auch, die damals üblichen pädagogischen, formalisierten und funktionsorientiert gestalteten Umgangsweisen in Kitas. Häufig interpretierten Fachkräfte den frühpädagogischen Erziehungs- und Bildungsauftrag im Sinne einer vorschulischen Pädagogik. Ihrer Ansicht nach sollten die Kinder bereits im Kindergarten auf die Anforderungen in der Schule vorbereitet werden. Die meisten Kinder waren drei Jahre alt und blieben bis zum Mittag in der „Vorschule“. Viele Kitas hatten keine eigene Konzeption. Elternarbeit wurde noch nicht als Erziehungspartnerschaft aufgefasst. Die Kindergruppe, von zwei Fachkräften geleitet, verbrachte viel Zeit im Gruppenraum. Die Fachkräfte machten Bastel-, Mal-, Erzähl- oder Spielangebote. So wurden früh Verhaltensweisen eingeübt, die das Einhalten von Regeln betrafen, die Einordnung in die Gruppe und die Grob- und Feinmotorik wurden trainiert. Beim sogenannten Freispiel konnten Kinder auch im Außenbereich der Kita sein oder sich spielend im Raum beschäftigen. Der Tagesablauf war strukturiert und individuelle Interessen von Kindern wurden allenfalls dann aufgegriffen, wenn sie mit der Gruppe zu realisieren waren (Krenz 2005, S. 41 ff.). Im Elementarbereich, so Krenz, stand „eine Erneuerung, ein Überdenken bisheriger Arbeit und ein Planen neuer Perspektiven an“ (Krenz 2005, S. 74).

In den 1970er-Jahren hatte der Deutsche Bildungsrat eine Bildungsreform für den Kindergarten angestoßen. In diesem Kontext entwickelte sich in München der sogenannte Situationsansatz, der bis heute weiterentwickelt wird (Kobelt-Neuhaus et al. 2018). Im Situationsansatz sah Krenz allerdings noch keinen Weg, Kindern pädagogisch gerecht zu werden. Fachkräfte waren zunächst mit dem Curriculum zur elementaren Sozialerziehung und den thematischen Einheiten überfrachtet worden und zugleich überfordert. „Hier wurde wieder einmal für Kinder gedacht“, schreibt Krenz in seiner Begründung des S.o.A. „Erwachsene glaubten, individuelle Wünsche, Bedürfnisse und Interessen von Kindern verallgemeinern zu können und Themenbereiche bis in alle Kleinigkeiten und Feinheiten festlegen zu dürfen, um Arbeitsvorhaben anzubieten“ (Krenz 2005, S. 75–76). Krenz erlebte verunsicherte und suchende Erzieherinnen und Erzieher, die Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung begleiten wollten, und führte Mitte der 1980er-Jahre eine empirische Befragung von Fachkräften zu ihrem beruflichen Selbstverständnis durch. Bei der Ausarbeitung seines S.o.A. berücksichtigte er die Kita als eine pädagogische Organisation, die einen Sozialisationsauftrag hat und forderte, das Kind und seine Lebenswelt viel stärker als bisher pädagogisch zu reflektieren. In den 1990er-Jahren bis 2014 wirkte Krenz als Fortbildner für den S.o.A. Der Ansatz wurde durch die Kenntnisse, die er durch die zahlreichen Fachgespräche mit sozialpädagogischen Fachkräften in Kitas gewonnen hatte, immer klarer (Krenz 1997; 2014). Der S.o.A. entstand durch den Prozess, die Erfahrungen mit Kindern und Fachkräften sowie die Reflexion zum Umgang mit dem Konzept innerhalb der Organisation.

2 Das Bild vom Kind

Armin Krenz sieht in den Kindern Menschen, die sich sozialkognitiv durch Emotionen geleitet entwickeln und die ein Interesse an Orientierung bietenden Werten haben. Kinder wollen ihre Welt begreifen. Sie drücken sich aus und teilen ihre Bedürfnisse durch ihr Verhalten, ihr Spiel, ihre Bewegungen, ihre Erzählungen, Träume und Bilder mit. Um sich gesund zu entwickeln, brauchen Kinder Erwachsene, die ihre Grundbedürfnisse nach Sicherheit, nach Anerkennung und Versorgung befriedigen und ihnen Zeit zum Spielen geben. Kinder eignen sich ihre Welt selbsttätig an und sie lernen beim Spielen und durch die Bewegung. Erwachsene bieten den Rahmen und im Idealfall helfen sie, die Bedürfnisse des Kindes nach Ruhe, Rückzug, Anregung zur Selbsttätigkeit, Beziehung, Spielen, Bewegung und Wertschätzung zu regulieren und ihre Gefühle auszuhalten (Krenz 2005, S. 70–71). Krenz begreift Kindheit als eine eigenständige Entwicklungsphase. Orientiert an der Jungschen Psychoanalyse, geht er davon aus, dass Kleinkinder in den ersten Lebensjahren Grundmuster des Handelns (den Lebensplan) entwickeln. Bei der Verarbeitung von Erlebnissen und Emotionen brauchen sie Unterstützung (Krenz 2018). Beim S.o.A. lernen Fachkräfte, die Lebensereignisse von Kindern zu verstehen und im Anschluss daran in pädagogische Impulse zu transformieren, um sie bei der Verarbeitung der erlebten Situationen im Alltag zu begleiten (Krenz 2005, S. 84; Krenz 2019).

3 Pädagogische Grundannahmen

Krenz geht vom eigenständigen Erziehungs- und Bildungsauftrag einer Kita aus, der im Sozialgesetzbuch festgeschrieben ist. Erziehung wurde als Sozialisation aufgefasst und Bildung, die nicht ohne Erziehung denkbar ist, als selbsttätige Aneignungstätigkeit begriffen. Krenz fordert bis heute, dass Eltern und Fachkräfte Kinder unterstützen, sich die kulturellen Werte und auch religiöse Orientierungen dieser Gesellschaft anzueignen (Krenz 2005, S. 35). Bildung ist für Krenz Selbstbildung im Sinne des ganzheitlichen Lernens. Es gehe, so Krenz, um ein „Erfahrungslernen in realen Sinnzusammenhängen“, das sich im Handeln realisiert (Krenz 2005, S. 37). Das Erfahren von Sinnzusammenhängen findet innerhalb von Situationen statt und ermöglicht Lernen, das wie nebenbei geschieht. Fachkräfte fördern die kindliche Neugierde und Motivation, wobei sie das intrinsische Lernen im Blick haben. Kinder brauchen, so formuliert es Krenz später, Seelenproviant, der durch die Befriedigung sozial-emotionaler, motorischer und kognitiver Grundbedürfnisse entsteht. Projektarbeit sei vor allem dann entwicklungsförderlich, wenn sie sich an den psychischen Bedürfnissen des Kindes orientiert und nicht an dem, was Erwachsene von Kindern fordern (Krenz 2005, S. 99).

Der S.o.A. stellt das Interesse des Kindes und seine Bedürfnisse ins Zentrum der pädagogischen Überlegungen, weniger die gesellschaftlichen, die erst im späteren Lebensalter relevant werden. Pädagogisches Handeln ist für Krenz prozessorientiert. Durch die Beziehung zum Kind, die Interaktionen mit Kindern, die Gespräche mit Eltern und die Beobachtung der Handlungen, die ein Kind macht, wird die Situationsanalyse erstellt, die die Lebenswirklichkeit des Kindes berücksichtigt: das Alter, das Geschlecht, die Herkunft, die aktuellen Ereignisse, die Familie, die Situation in der Kita etc. (Krenz 2010). Folgende Fragen stellen sich:

  • Was beschäftigt das Kind?
  • Welche Entwicklungsschritte macht das Kind?
  • Welche Bedürfnisse und Gefühle zeigt das Kind und wie ist es in der Peergruppe integriert?
  • An welchem Thema ist das Kind interessiert und was könnte sein Interesse erweitern?
  • Was will das Kind durch sein Verhalten mitteilen?

Die Schrittfolge des Ansatzes wurde von Krenz wie folgt beschrieben (Krenz 2005, S. 85):

  1. Vergegenwärtigung der Lebensbereiche der Kinder und ihres Umfeldes
  2. Sammlung von Situationen
  3. Analyse der Situationen und ihrer Zusammenhänge
  4. Auswahl der Situationen
  5. Planung eines Projekts (mit Kindern!)
  6. Gemeinsame Durchführung des Projekts
  7. Auswertung des Projekts

4 Voraussetzungen zum „Situationsorientierten Arbeiten“ und Verbreitung

Die Kita stellt neben der Familie den Rahmen für das Aufwachsen von Kindern her. Das pädagogische Handeln der Fachkräfte orientiert sich am kindlichen Ausdruck und der Lebensrealität der Familie. Der individualpädagogische Blick erfordert, damals wie heute: das Vertrauen in Kinder, die Bereitschaft, sie an allen Entscheidungen über sie zu beteiligen, Alltagsorientierung und Berücksichtigung der Bedürfnisse (nicht die Wünsche) sowie die Zielsetzung der Betreuung, die eine Basis für Entwicklungsbegleitung ist. Flexibilität und Spontanität erleichtert die Arbeit nach dem S.o.A. Die Erstellung einer wegweisenden und verbindlichen Konzeption gehört nicht nur zum Qualitätskriterium eines Bildungsplans, sondern ist das Fundament der pädagogischen Interaktionen. Die Zusammenarbeit mit Eltern richtet sich auf die Erziehung der Kinder und engagierten Begleitung ihrer Entwicklung. Mithilfe der Projektarbeit sollten Kinder Erfahrungen machen und die Öffnung der Kita in den Stadtteil ermöglicht die Vernetzung mit anderen, die für die Erziehung von Kindern hilfreich sein können. Das Rollenverständnis der Fachkräfte im S.o.A. ist insgesamt am sozialpädagogischen Handeln orientiert. Weil Kinder gerade von der Unterschiedlichkeit der Erwachsenen profitieren, ist die Teamarbeit, die von Krenz neu inspiriert wurde, notwendig (Krenz 2005, S. 119 ff.). Folgende Abbildung soll die Grundstruktur des S.o.A. sichtbar machen:

Grundstruktur des S.o.A.
Abbildung 2: Grundstruktur des S.o.A. (eigene Darstellung)

Über die Verbreitung des S.o.A. gibt es keine empirisch gesicherten Daten. Armin Krenz widmet bis heute sein berufliches Engagement der Entwicklung des S.o.A. und unterstützt Einrichtungen, den S.o.A. umzusetzen. Durch zahlreiche Publikationen in hoher Auflage, durch Fortbildungen und Vorträge in Deutschland, Italien, Österreich, Luxemburg und Dänemark aber auch in Übersee ist Krenz bekannt und schulte zahlreiche elementarpädagogische Fachkräfte und Kita-Teams.

5 Quellenangaben

Kobelt-Neuhaus, Daniele, Kathrin Macha und Ludger Pesch, 2018. Der Situationsansatz in der Kita. Freiburg: Herder. ISBN 978-3-451-37677-1

Krenz, Armin, 1997. Der Situationsorientierte Ansatz der 90er Jahre – Grundlage für eine humanistisch geprägte und professionell gestaltete Elementarpädagogik [online]. Berlin: Antje Bostelmann und Martin R. Textor [Zugriff am: 22.09.2019]. Verfügbar unter: https://www.kindergartenpaedagogik.de/596.html

Krenz, Armin, 2001. Qualitätssicherung in Kindertagesstätten: Kieler Instrumentarium für Elementarpädagogik und Leistungsqualität – KIEL. München: E. Reinhardt. ISBN 978-3-497-01582-5

Krenz, Armin, 2005. Der „Situationsorientierte Ansatz“ im Kindergarten: Grundlagen und Praxis. 17. Auflage. Freiburg: Herder. ISBN 978-3-451-26733-8

Krenz, Armin, Hrsg., 2010. Kindorientierte Elementarpädagogik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-70117-1 [Rezension bei socialnet]

Krenz, Armin, 2014. Der situationsorientierte Ansatz – auf einen Blick: konkrete Praxishinweise zur Umsetzung. München: Burckhardthaus-Laetare Verlag. ISBN 978-3-944548-04-3

Krenz, Armin, 2018. Kinderseelen verstehen: Verhaltensauffälligkeiten und ihre Hintergründe. 5. Auflage. München: Kösel Verlag. ISBN 978-3-466-30921-4

Krenz, Armin, 2019. Kinder brauchen Seelenproviant: Was wir ihnen für ein glückliches Leben mitgeben können. 6. Auflage. München: Kösel Verlag. ISBN 978-3-466-30780-7

Autorin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Website

Es gibt 4 Lexikonartikel von Christiane Vetter.


Zitiervorschlag
Vetter, Christiane, 2019. Situationsorientierter Ansatz [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 14.10.2019 [Zugriff am: 22.11.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Situationsorientierter-Ansatz

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Autorin

Prof. Dr. Christiane Vetter
Website

veröffentlicht am 14.10.2019

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