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Social Design

Synonyme: nutzerorientierter Entwurf, bedürfnisgerechte Gestaltung

Verwechselungsgefahr mit: Social Media Design

Social Design bezeichnet eine Gestaltung von Dingen und Umwelten, die auf die Bedürfnisse der NutzerInnen bezogen ist.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Ansätze
  3. 3 Erweiterung des Konzepts auf gesellschaftliche Zusammenhänge
  4. 4 Quellenangaben
  5. 5 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Ausgangspunkt war die Kritik an einer ästhetisch-formalistischen Architektur gewesen, bei der die Perspektive auf die Bedürfnisse der NutzerInnen gefehlt hat. Dem Formalistic Design hat Robert Sommer das Social Design gegenübergestellt, dessen Ziel es ist, eine gebaute Umwelt mit Blick auf die künftigen NutzerInnen zu schaffen. Inzwischen wird der Begriff des Social Designs sehr weit gefasst. Außer auf Bauwerke kann sich eine nutzerorientierte Gestaltung auf Einheiten unterschiedlicher Größenordnung wie Objekte, Gebäude bis hin zu Umwelten sowie auf unterschiedliche Lebensbereiche und Sachverhalte beziehen.

2 Ansätze

Zur Entwicklung des Konzepts des Social Designs haben ArchitektInnen und DesignerInnen sowie UmweltpsychologInnen, d.h. PraktikerInnen und Forschende, beigetragen. Ein erster dokumentierter Ansatz stammt vom römischen Architekten Vitruv. Er verstand unter Architektur die Kunst und Fertigkeit des planvollen Entwurfs und Herstellens von den Menschen dienenden Räumen. Kunst steht für eine ästhetisch ansprechende Gestaltung, Fertigkeit für Funktionalität, wie es Vitruv bereits vor rund 2.000 Jahren in seinem Lehrbuch „De architectura“ geschildert hat. Bei einem gelungenen Bauwerk sind Ästhetik und Funktionalität im Einklang. Sie sind es nicht, wenn die Nutzbarkeit von Bauwerken nicht ausreichend beachtet wird.

Robert Gifford (2007) hat Robert Sommer (1983) als Pionier des Social Design-Konzepts bezeichnet Sommer hat durch Auflistung von Merkmalen und durch Gegenüberstellung mit dem Gegenteil, dem Formalistic Design, verdeutlicht, was unter einem Social Design zu verstehen ist. Im formal-ästhetischen Entwurf ist die Frage, ob das Bauwerk mit den Bedürfnissen und Interessen der NutzerInnen übereinstimmt, nachrangig; es kommt vor allem auf die kunstvolle Gestaltung an. Die Menschen sind, wenn es um Kunst geht, in erster Linie Betrachtende der Kunst und keine aktiven NutzerInnen, die möglicherweise durch Gebrauch das Kunstwerk verschandeln könnten. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass das Formalistic Design ein Top Down-, das Social Design ein partizipatorisch angelegter Bottom Up Gestaltungsansatz ist.
Top Down heißt wörtlich von oben nach unten, Bottom Up von unten nach oben. Im ersten Fall entscheiden die Fachleute, im zweiten Fall die (künftigen) NutzerInnen darüber, wie die Umwelt gestaltet werden soll.

Die Bedürfnisse der NutzerInnen, auf die das Social Design abzielt, umfassen ein weites Spektrum. Dieses reicht von den körperlich-physiologischen und den Sicherheitsbedürfnissen über die sozialen und die Ich-Bedürfnisse bis hin zu den Bedürfnissen nach Selbstwirksamkeit und Umweltaneignung. Ziel des Social Designs ist, zu den Bedürfnissen und Aktivitäten der Menschen passende bzw. kongruente Umwelten zu entwerfen und herzustellen. So soll die gestaltete Umwelt zu den körperlichen Maßen und Bewegungsabläufen passen, das Gefühl von Sicherheit vermitteln und Privatheit und Umweltaneignung ermöglichen.

Methodische Ansätze, um die Vorstellungen der GestalterInnen und die menschlichen Bedürfnisse in Einklang zu bringen, sind die nutzerorientierte Programm-Entwicklung, bei der in der Entwurfsphase eine Bedürfnisanalyse erfolgt und Funktions- und Raumprogramm aufeinander abgestimmt werden (Dieckmann 1998). Ein weiterer Ansatz ist die Evaluation fertig gestellter Umwelten nach ihrer Ingebrauchnahme (post-occupancy evaluation), die erkennen lässt, was gelungen und was nicht kongruent ist, wobei die gewonnenen Erkenntnisse in die folgenden Vorhaben einfließen (Bell et al. 2001).

Eine mangelnde Berücksichtigung der Nutzerbedürfnisse schlägt besonders zu Buche, wenn es sich um Kinder und alte Menschen handelt, die ungünstigen Umweltbedingungen weniger ausweichen können. Social Design bezogen auf Kinder bedeutet die Gestaltung von Dingen und Umwelten, die eine optimale Entwicklung gewährleisten (Chawla 2002). Mit den Bedürfnissen alter Menschen bei der Wohnbauplanung hat sich Narten (1999) befasst und dem Social Design entsprechende Entwürfe vorgelegt.

3 Erweiterung des Konzepts auf gesellschaftliche Zusammenhänge

Das Social Design geht über eine Anpassungsplanung hinaus, indem es den Menschen als einen aktiv Handelnden versteht, der seine Umwelt mitgestaltet. Die zugrunde liegende Planungsphilosophie haben Saegert und Winkel (1990) als opportunity structure paradigm (Gelegenheitsstrukturmodell) bezeichnet und dem adaptation paradigm (Anpassungsmodell) gegenübergestellt. Partizipation bzw. ein Mitgestalten setzt Gelegenheiten und Handlungsspielräume voraus. Diesen Aspekt hat auch Sommer betont: „Social design is working with people rather than for them“ (Sommer 1983, S. 7).

Mitwirkung ist auch der zentrale Leitgedanke einer Ausstellung „Social Design“ im Museum für Gestaltung in Zürich. Die ausgestellten 25 internationalen Projekte kreisen um die Themen Partizipation sowie Empowerment im Sinne eines eigenständigen Aufbaus einer tragfähigen Existenzgrundlage. Sie sind den Kategorien Urbaner Raum und Landschaft, Wohnen, Bildung, Arbeit, Produktion, Migration, Netzwerke und Umwelt zugeordnet (Museum für Gestaltung Zürich 2018). Verglichen mit dem Ansatz von Sommer, der die Architektur in den Blickpunkt des Social Design-Konzepts gerückt hatte, ist es eine enorme inhaltliche Ausweitung. Social Design wird hier zu einem allumfassenden Globalbegriff, der die gesellschaftlichen Probleme der Welt und zwar insbesondere des globalen Südens aufgreift und sie durch Gestaltung einer sozialen Kultur zu lösen versucht (Sachs 2018). Ein Beispiel ist das Projekt „Design with social impact“, das auf der Prämisse beruht, dass gesellschaftliche Zustände durch Gestaltung verbessert werden können, weil durch Design nicht nur Objekte und Umwelten, sondern auch Beziehungen beeinflusst werden. Kernelement ist nach wie vor die Beteiligung der NutzerInnen an Gestaltungsprojekten. Das beinhaltet, dass der oder die DesignerIn die Kontrolle über das Ergebnis sowie auch seine Autorenschaft zugunsten der Mitwirkenden abgibt (Krohn 2018).

Die Grundidee stammt von dem Designer Victor Papanek: „Alle Menschen sind Gestalter. Fast alles, was wir tun, ist Design, ist Gestaltung, denn das ist die Grundlage jeder menschlichen Tätigkeit. Das Planen und Konzipieren von Handlungen auf ein erwünschtes Ziel hin nennt man Gestaltungsprozess“ (Papanek 2009, S. 20).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Begriff des Social Designs, wie ihn Robert Sommer einmal definiert hat als „creating buildings with people in mind“, um eine gesellschaftspolitische Dimension erweitert wurde. Ziel ist nicht mehr nur eine bessere Passung zwischen gestalteter Umwelt und individuellen Bedürfnissen; angestrebt werden gesellschaftliche Entwicklungen in Richtung eines Empowerments, die durch Design initiiert und gefördert werden sollen.

4 Quellenangaben

Bell, Paul A., Thomas C Greene, Jeffery D Fisher und Andrew Baum. 2001. Environmental psychology. 5. Auflage. Fort Worth: Harcourt College Publishers. ISBN 978-0-8058-6088-7

Chawla, Louise.2002. Towards better cities for children and youth. In: Louise Chawla Hrsg. Growing up in an urbanising world. London: Earthscan Publications, S. 2019–242. ISBN 978-1-85383-827-9

Dieckmann, Friedrich 1998. Nutzerorientierte Programmentwicklung. In: Friedrich Dieckmann, Antje Flade, Rudolph Schuemer, Gerhard Ströhlein und Rotraut Walden, Hrsg. Psychologie und gebaute Umwelt: Konzepte, Methoden, Anwendungsbeispiele. Darmstadt: Institut Wohnen und Umwelt, S. 117–143. ISBN 978-3-932074-23-3

Gifford, Robert 2007. Environmental psychology: Principles and practice. 4. Auflage. Colville: Optimal Books. ISBN 978-0-9688543-1-0

Krohn, Michael 2018. Social Design in Lehre und Forschung. In: Museum für Gestaltung Zürich. Hrsg. Social Design: Partizipation und Empowerment. Zürich: Lars Müller Publishers, S. 130–135. ISBN 978-3-03778-571-3

Museum für Gestaltung Zürich, Hrsg., 2018. Social Design: Partizipation und Empowerment. Zürich: Lars Müller Publishers. ISBN 978-3-03778-571-3

Narten, Renate, 1999. Alte Menschen in ihrer Wohnung: Sichtweise der Architektursoziologie. In: Hans-Werner Wahl, Heidrun Mollenkopf und Frank Oswald, Hrsg. Alte Menschen in ihrer Umwelt. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 82–96. ISBN 978-3-322-90684-7

Papanek, Victor, 2009. Design für die reale Welt. Wien/New York: Springer. ISBN 978-3-211-78892-9 [Originalausgabe Papanek, Victor 1971. Design for the Real World: Human Ecology and Social Change. New York, Pantheon Books. ISBN 978-0-394-47036-8]

Sachs, Angeli, 2018. Social Design – Geschichte und Gegenwart. In: Museum für Gestaltung Zürich, Hrsg. Social Design: Partizipation und Empowerment Zürich: Lars Müller Publishers, S. 21–29. ISBN 978-3-03778-571-3

Saegert, Susan und Gary. H. Winkel, 1990. Environmental psychology. In: Annual Review of Psychology. 41, S. 441–477. ISSN 0066-4308

Sommer, Robert, 1983. Social Design: Creating buildings with people in mind. Englewood Cliffs, N. J.: Prentice Hall. ISBN 978-0-13-815951-1

Vitruvius, 1996. De architectura. Libri Decem. Zehn Bücher über Architektur. Übersetzt von C. Fensterbusch. Darmstadt: Primus Verlag. ISBN 978-3-89678-005-8

5 Literaturhinweise

Flade, Antje, 2008. Architektur psychologisch betrachtet. Bern: Hans Huber Verlag. ISBN 978-3-456-84612-5

Gifford, Robert 2007. Environmental psychology: Principles and practice. 4. Auflage. Colville: Optimal Books. ISBN 978-0-9688543-1-0
darin: Kapitel 15: Designing more fitting environments

Autorin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Flade, Antje, 2019. Social Design [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 28.06.2019 [Zugriff am: 22.10.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Social-Design

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Dr. Antje Flade
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veröffentlicht am 28.06.2019

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