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Sorge

Weitere Bedeutungen: Fürsorge, Obsorge, Sorgerecht, Sorgfaltspflicht, Versorgung

Englisch: care

Das Wort „Sorge“ meint sowohl die Befindlichkeit des Sorge-Habens (sich sorgen) als auch die Tätigkeit des Sorge-Tragens (für jemanden oder etwas sorgen).

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Aspekte der Sorge
  3. 3 Synonyma von „Sorge“
  4. 4 Gegenstände der Sorge
  5. 5 Sorge als Thema
  6. 6 Sorge als Hilfe
  7. 7 Sorge als Fürsorge
  8. 8 Sorge in Achtsamkeit
  9. 9 Fürsorge als soziales Thema: Sozialarbeitswissenschaft
  10. 10 Fürsorge als moralisches Thema: Entwicklungspsychologie und Ethik
  11. 11 Fürsorge als sozioökonomisches Thema: Volkswirtschaftslehre und Familiensoziologie
  12. 12 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

„Sorge“ ist kein Fachbegriff. Es ist ein alltägliches und als solches mehrdeutiges Wort. Es hat – von noch zu erwähnenden Ausnahmen abgesehen – in seiner Bedeutung als Tätigkeit der „Fürsorge“ das Interesse der Wissenschaft, insbesondere von Wissenschaftlerinnen, auf sich gezogen. Ansonsten findet es in der Regel entweder nur als Bestimmungswort von Komposita (z.B. „Sorgearbeit“) oder im Genitiv (z.B. „Ethik der Sorge“) Verwendung, damit bloß als zusätzliche Spezifikation.

2 Aspekte der Sorge

„Sorge“, ein Verbalsubstantiv aus „sorgen“, hat seit langer Zeit, belegbar schon mit den ersten deutschsprachigen Schriften, zwei Hauptbedeutungen. Auf der einen Seite meint es eine Befindlichkeit: einen inneren Zustand des Besorgtseins, auch „Besorgnis“ genannt. Auf der anderen Seite verweist das Wort „Sorge“ auf eine Tätigkeit: ein nach außen gerichtetes Geschehen. Beide Bedeutungen gelten auch für das Verb „sorgen“. Der reflexive Gebrauch des Verbs, das Sich-Sorgen, deutet dabei auf die Befindlichkeit, seine transitive Verwendung, das Sorgen, auf die Tätigkeit hin. Auch in verbalen Wendungen mit dem Substantiv „Sorge“ findet sich diese Differenz: „in/voller Sorge sein, Sorge haben, sich Sorgen machen“ steht für den inneren, „Sorge tragen“ für den äußeren Aspekt der Sorge. Die Befindlichkeit ist ihre passive Seite, da sie uns mehr oder minder widerfährt, die Tätigkeit dagegen ihre aktive.

Die Sorge als Zustand und Befindlichkeit, also als Besorgnis, ist ein innerer Zustand der Unruhe, der von kreisenden, oft quälenden Gedanken und nagenden, mitunter drückenden Gefühlen geprägt ist. Da sich die Gedanken und Gefühle in diesen Momenten vervielfältigen und gegenseitig verstärken, ist oft auch im Plural von „Sorgen“ die Rede. Das Gefühl der Sorge ist eng mit dem der Angst verbunden: mit der Angst um ein bedrohtes Gut, anders gewendet mit der Angst vor einem drohenden Übel. Das Wort „Bangigkeit“ trifft dabei das Gefühl der Sorge vielleicht besser.

Die Sorge als Geschehen und Tätigkeit lässt sich als Ausrichtung auf das für jemanden oder etwas Gute verstehen. Bei Personen spricht man von deren „Wohl“. Diese Sorge wird sprachlich nur im Singular ausgedrückt. Das Verb „sorgen“ hat hier eine Reihe von Ergänzungen gefunden: das Vor- und Nachsorgen in zeitlicher Hinsicht (Vor- und Nachsorge), das Besorgen in sachlicher, das Versorgen und Umsorgen, kurz das Fürsorgen (Fürsorge, auch veraltet Obsorge), in personaler Hinsicht. Zu „Hege/n, Pflege/n, Warten/​Wartung“ bestehen traditionell, neuerdings auch zu „Betreuen/​Betreuung“ semantische Ähnlichkeiten.

Beides, die Befindlichkeit der Sorge und die Tätigkeit des Sorgens, hängen selbstverständlich eng zusammen. Darum kann man sie auch als Aspekte eines Phänomens verstehen. Die Tätigkeit erfolgt im Regelfall aus der Befindlichkeit heraus und wird von ihr begleitet. So ist die Befindlichkeit auch etymologisch der ältere Bedeutungsaspekt. Wenn beide miteinander einhergehen, wird das Sorgen selbst oder die sorgende Person einschließlich ihrer Haltung als „sorgsam“ oder „sorgfältig“ (auch „achtsam“), gegenüber anderen Personen als „fürsorglich“ (auch „verantwortungsvoll“) bezeichnet. Trotzdem sind beide Aspekte der Sorge insofern analytisch zu trennen, als es im Einzelfall auch als Befindlichkeit ohne entsprechende Tätigkeit eine tatenlose Sorge und als Tätigkeit ohne entsprechende Befindlichkeit ein unbeteiligtes Sorgen gibt.

3 Synonyma von „Sorge“

Innerhalb der deutschen Sprache gibt es nur für das Verb „sorgen“ ein Synonym, nicht für das Substantiv „Sorge“. „Kümmern“ weist eine „sorgen“ vergleichbare Doppeldeutigkeit aufweist: die Befindlichkeit der Bekümmernis bzw. des Kummers und die Tätigkeit des Sich-Kümmerns. Und Kummer ist die etymologisch älteste Bedeutung von „Sorge“. Sie hat sich im sprachlich verwandten englischen „sorrow“ erhalten. Dem Substantiv „Sorge“ mit beiden Grundbedeutungen entspricht ansonsten das eng verwandte niederländische „zorg“.

Im Lateinischen, in anderen germanischen und in romanischen Sprachen drücken Übersetzungen jeweils nur oder mehr eine der beiden Grundbedeutungen von „Sorge“ aus. Im Lateinischen stehen sich für die Sorge als Befindlichkeit und als Tätigkeit „sollicitudo“ und „cura“ (vgl. „kurieren, kurativ; Kur, Kurator“) gegenüber, im Englischen „solicitude“ (auch „worry“) und „care“, im Französischen „sollicitude“ und „souci“ (Kranz 1995, S. 1086), im Schwedischen „bekymmer“ und „omsorg“.

Das englische Substantiv „care“ bzw. „caring“ eröffnet einen immerhin – wie auch „cura“ – vergleichbaren Bedeutungshorizont. Es deckt sich in etwa, was die Tätigkeit betrifft, mit „Sorge“. Dieses Wort betont aber sehr viel stärker als das englische „care“ auch die Sorge als Befindlichkeit, obwohl „care“ in literarischen Zusammenhängen, dort häufig im Plural „cares“, durchaus auch einmal die Sorge als Befindlichkeit meinen kann. Das englische „care“ hat dagegen zusätzliche Bedeutungen, die für das deutsche „Sorge“ so nicht unmittelbar gegeben sind: Es kann z.B. auch die Eigenschaften der Sorgsamkeit und Fürsorglichkeit, das Verhalten der Vorsicht und auch eine Tätigkeit gegenüber Dingen meinen, nämlich deren Pflege und Wartung. Die Haltung der Sorgsamkeit, die besser mit „Achtsamkeit(Conradi 1999) zu übersetzen wäre, stellt wie schon gesagt das Bindeglied zwischen der Befindlichkeit und Tätigkeit dar.

4 Gegenstände der Sorge

Beide Bedeutungen des Wortes „Sorge“ können sich sowohl auf Lebewesen als auch auf Dinge beziehen. Zu den Lebewesen zählen neben den Menschen die Tiere und auch die Pflanzen. Gemeint ist auch die Natur insgesamt im Sinne des Lebens an sich. Man kann sich also genauso um und für jemanden sorgen, wie man es um oder für etwas tun kann. Nach Martin Heidegger kann man das Sorgen für jemanden „Fürsorge“ und das Sorgen für etwas „Besorgen“ nennen. Die Fürsorge erfordert mit seinen Worten „Nachsicht und Rücksicht“, das Besorgen „Umsicht“ (Heidegger 1941, S. 121). Zu ergänzen wäre wohl noch die Vorsicht. Die Fürsorge als Sorgen für jemanden kann sich wiederum als Für-sich-Sorgen auch auf die Person des Sorgenden selbst beziehen und nicht nur auf andere Personen. Hier kann man also Fürsorge im Sinne der Fremdsorge von der Selbstsorge unterscheiden.

5 Sorge als Thema

Zum Gegenstand von Philosophie und Wissenschaften ist die Sorge namentlich nur im Sinne der Tätigkeit, nicht als Befindlichkeit geworden. Als Tätigkeit ist es insbesondere die Sorge als Fürsorge, die in den Fachdiskursen das größte Interesse auf sich gezogen hat. Nur in der (deutschsprachigen) Philosophie, genauer der philosophischen Anthropologie, und nur bei Martin Heidegger (1941), am Rande auch bei Hans Blumenberg (1987), wird noch die ganze Breite sorgender Tätigkeit vom Besorgen bis zur Fürsorge und noch vor dem Hintergrund der sorgenden Befindlichkeit zum Thema. Daher bleibt es beim Wort „Sorge“ ohne Zusatz. Die Selbstsorge (Schmid 1995) als reflexive Fürsorge wird wiederum nur in der Philosophie, genauer der Ethik als Philosophie der Lebenskunst (Schmid 1998), und auch da nur bei einem französischen Autor, nämlich Michel Foucault (1986, Schmid 1991), aufgegriffen. In einem ähnlichen thematischen Feld bewegt sich der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt (z.B. 2005) mit seinem Begriff „care“.

Die Sorge als Fürsorge ist in Philosophie und Wissenschaften sodann vor allem von Frauen und in Verbindung mit der Frauenbewegung zum Thema erklärt worden: namentlich Anfang des 20. Jahrhunderts für die soziale Arbeit und – in Übersetzung des englischen „care“ – gegen Ende des Jahrhunderts für Moral und Ökonomie.

6 Sorge als Hilfe

Fürsorgen heißt zunächst und ganz allgemein, für jemanden zu seinem Wohl etwas zu besorgen. Damit umfasst Fürsorge mehr oder minder „sowohl Beziehungsaspekte als auch materiale, sachbezogene Aspekte“ (Schnabl 2005, S. 64) Die Präposition „für“ hat hier mindestens zwei Bedeutungen: dass sich die Sorge erstens auf jemand anderen bezieht und zweitens ihm zugunsten erfolgt bzw. „auf das Wohlergehen anderer ausgerichtet ist“ (Schnabl 2005, S. 59). Diese Definition verbleibt sprachlich noch innerhalb des Wortes „Sorge“, indem sie die personenbezogene „Fürsorge“ mit dem sachbezogenen „Besorgen“ verknüpft. Vom Wort losgelöst kann man aber auch davon sprechen, Angelegenheiten zu erledigen, einschließlich Mittel zu beschaffen. Fürsorge hieße dann für jemanden seine Angelegenheiten zu seinem Wohl zu erledigen. Diese Angelegenheiten können die Person selbst oder ihre Sachen betreffen, rechtlich ausgedrückt der „Personensorge“ oder „Vermögenssorge“ (§ 1626 Abs. 1 BGB) gelten.

Diese noch sehr weite Definition würde in etwa wohl auch auf den Begriff der Hilfe zutreffen, einerlei ob sie materiell über Dinge oder Geld oder persönlich über Taten oder Worte erfolgt (auch Scherpner 1962, S. 122). Damit könnten die Wörter „Fürsorge“ und „Hilfe“ synonym verwendet werden. Da „Fürsorge“ aber konnotativ eine stärkere bzw. dichtere Bedeutung zu haben scheint und damit eine besondere Art der Hilfe darstellen würde, sollte man auch eine Fürsorge im engeren Sinne von der im weiteren Sinne bzw. der Hilfe unterscheiden. Es sind drei Merkmale, die Fürsorge innerhalb von Hilfe charakterisieren: die Dauer und relative Allgemeinheit der Art von Hilfe, die Bedürftigkeit aufseiten der EmpfängerInnen und die Verantwortung auf derjenigen der Gebenden.

Das insbesondere rechtlich bedeutsame Wort „Betreuung“, das seit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990 neben Erziehung und Bildung dort eine dritte Aufgabe von Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege ins Wort setzt und seit dem Betreuungsgesetz von 1992 auch auf bedürftige Volljährige bezogen wird, kann mehr oder minder synonym mit „Fürsorge“ verwendet werden.

7 Sorge als Fürsorge

Fürsorge ist keine zeitlich punktuelle und auf ein ganz bestimmtes Anliegen konzentrierte Hilfeleistung, sondern erstreckt sich kontinuierlich, aber durchaus auch mit Unterbrechungen, über einen mehr oder minder langen Zeitraum und umfasst ein mehr oder minder weites Spektrum an Angelegenheiten, mindestens persönlicher und wirtschaftlicher Art. Im Extrem erfolgt sie lebenslang und betrifft alle Angelegenheiten bzw. die ganze Breite des Lebens. Die entsprechende Präzisierung der Definition würde lauten: Fürsorge heißt für jemanden zu seinem Wohl die Angelegenheiten, im Einzelfall alle Angelegenheiten seines Lebens zu besorgen.

Fürsorge setzt aufseiten der EmpfängerInnen eine Bedürftigkeit und damit Abhängigkeit von anderen Menschen voraus. In diesem Sinne ist sie reaktive Nothilfe und keine proaktive, also nicht veranlasste Förderung als bloß nützliche Hilfe. Die Nothilfe hat Heidegger „einspringende“, die Nutzenmehrung „vorausspringende Fürsorge“ genannt (Heidegger 1927, S. 122) und damit auf den Zeitbezug verwiesen. Nothilfe ist gegenwarts-, Förderung zukunftsorientiert. Fürsorge reagiert auf ein Fehlen oder einen Mangel an Möglichkeiten seitens der EmpfängerIn. Die Personen, für die jemand sorgt, können ihre Angelegenheiten aus personalen oder situativen Gründen vorübergehend noch nicht oder nicht mehr oder dauerhaft nicht besorgen. Es sind Kinder und akut kranke, es sind behinderte, chronisch kranke und gebrechliche, es sind arme und verwahrloste bzw. nicht zugehörige Menschen. Dadurch, dass die Gebenden über die kompensierenden Möglichkeiten verfügen, besteht zwischen GeberInnen und EmpfängerInnen eine Asymmetrie. Diese Asymmetrie kann nur aktuell oder auch prinzipiell bestehen.

Die der Bedürftigkeit angepasste Definition wäre hier: Fürsorge heißt für jemanden, der seine Angelegenheiten vorübergehend oder grundsätzlich nicht selbst besorgen kann, zu seinem Wohl diese Angelegenheiten zu besorgen. Eine der wenigen Definitionen für den Begriff der Fürsorge hebt auf das Merkmal der Bedürftigkeit ab: „Unter Fürsorge wird ein […] zwischenmenschliches Tun verstanden, das die unabweisbare Abhängigkeit und Verletzbarkeit von Menschen anerkennt und prima facie einseitig, asymmetrisch auf das Wohlergehen anderer ausgerichtet ist“ (Schnabl 2005, S. 59).

Fürsorge setzt aufseiten der Gebenden eine soziale Zuständigkeit voraus, eine „Verantwortung für Zu-Tuendes“ bzw. „Pflicht der Macht“ (Jonas 1979, S. 174). Diese verantwortliche Fürsorge erfolgt nicht-reziprok, d.h. ohne Gegenleistung bzw. nicht im Tausch gegen Leistungen, Güter oder Geld. Die Verantwortung bzw. Pflicht kann wie z.B. im Falle von Eltern und LehrerInnen, ArbeitgeberInnen und Dienstherren als sogenannte Fürsorgepflicht gesetzlich und damit eine Rechtspflicht sein. Die der Verantwortung angepasste Definition wäre hier: Fürsorge heißt für jemanden zu seinem Wohl aus einer Verantwortlichkeit heraus seine Angelegenheiten zu besorgen.

Die rechtlich sogenannte elterliche Sorge erfüllt alle drei Merkmale: Sie ist dauerhaft und allgemein, reagiert auf die Bedürftigkeit von Kindern und basiert auf einer grundlegenden Verantwortung für die eigenen Kinder. Auch aus diesem Grunde korrespondiert die Pflicht zur Sorge auch mit dem entsprechenden Recht.

8 Sorge in Achtsamkeit

Eine gute Fürsorge setzt aufseiten der GeberInnen eine Haltung der Achtsamkeit voraus, die sich aus Gewahrsein, Mitgefühl und Wohlwollen zusammensetzt und als Fürsorglichkeit (Schnabl 2005, 59) auf die Person und die Fürsorgehandlungen abfärben kann. Fürsorge bleibt damit, normativ gesehen, nicht auf bloße Wohltätigkeit beschränkt. Dadurch kann Fürsorge immer nur persönlich und nie nur technisch erbracht werden. Die entsprechende Präzisierung der Definition würde lauten: Fürsorge heißt für jemanden zu seinem Wohl und in achtsamer Weise Angelegenheiten zu besorgen.

9 Fürsorge als soziales Thema: Sozialarbeitswissenschaft

„Fürsorge“ (Scherpner 1962) war von Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er-Jahre hinein die zentrale Bezeichnung sowohl für öffentliche Sozialleistungen einschließlich der entsprechenden Geld- und Dienstleistungen als auch für das System dieser Leistungen, manchmal genauer „Fürsorgewesen“ genannt. Die entsprechende Reflexion hieß auch „Fürsorgewissenschaft“ (Arlt 1958). Diese Bezeichnungen wurden ab den 1960er-Jahren Zug um Zug durch „Sozialhilfe“, „Sozialarbeit“, „Sozialwesen“ und „Sozialarbeitswissenschaft“ abgelöst.

Die Fürsorge in diesem öffentlichen Sinne, die mit dem späteren und weiteren Wort „Hilfe“ besser gekennzeichnet ist, ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts sowohl eine Berufstätigkeit als auch wissenschaftliches Thema, umfasst aber einerseits mehr, andererseits nur einen Teil der Fürsorge als Tätigkeit. Sie schließt neben der Handlungs- auch die Systemebene, neben den Dienst- auch die Geldleistungen mit ein, bezieht sich aber auf der Handlungsebene nur auf die öffentlich bereitgestellten, beruflichen und sozialen Leistungen.

10 Fürsorge als moralisches Thema: Entwicklungspsychologie und Ethik

1982 erschien in den USA das Buch „In a different voice. Psychological Theory and Women’s Development“ der amerikanischen (Entwicklungs-) Psychologin Carol Gilligan (*1936), das 1984 unter dem Titel „Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau“ ins Deutsche übersetzt wurde. Mit diesem Buch und seinem zentralen Ausdruck „care“ wurde die Frage aufgeworfen, ob es neben der bekannten Ethik der Gerechtigkeit – in deontologischer oder utilitaristischer Variante – eine eher weibliche als männliche Ethik der Fürsorge bzw. Care Ethics gibt und geben sollte (z.B. Horster 1998). Sie wird in Deutschland inzwischen auch „Ethik der Achtsamkeit“ (Conradi 1999) genannt und wurde in gewisser Weise schon 1979 von Hans Jonas in seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“ aufgegriffen.

11 Fürsorge als sozioökonomisches Thema: Volkswirtschaftslehre und Familiensoziologie

Das zweite wissenschaftliche Feld neben der Philosophie, in dem die Sorge eine Rolle spielt, ist die Volkswirtschaftslehre, ursprünglich und oft kombiniert mit der Geschlechterforschung (gender studies), in diesem Fall der Frauenforschung (Brückner 2010).

Innerhalb der Volkswirtschaftslehre wurde, wieder in den USA und wohl im Anschluss an Carol Gilligan, der Ausdruck „Care Work“ geprägt, in Deutschland oft als „Care-Arbeit“ oder „Sorgearbeit“ übersetzt (z.B. Moser und Pinhard 2010; Aulenbacher 2014). Das geschah wohl erstmals 1990 im Buch „Circles of Care Work and Identity in Women's Lives“ von Emily K. Abel und Margaret K. Nelson. Mit diesem feministischen Diskurs wurden zunächst die Leistungen der Fürsorge in Familien (Familienarbeit) ins rechte Licht gerückt, die angesichts einer betriebswirtschaftlich und männlich verengten Volkswirtschaftslehre bisher weitgehend im Schatten geblieben waren. Gemeint waren und sind die „familialen Aktivitäten“ (Hegner 1982) der mehrheitlich von Frauen erbrachten Betreuung von Kindern, Pflege von kranken und alten Angehörigen und der Beziehungen untereinander und zum näheren Umfeld.

Inzwischen ist der Kreis der Tätigkeiten, die als Sorgearbeit gelten, erstens um unbezahlte, bedarfsorientierte Sorgetätigkeiten außerhalb der privaten Haushalte und der Familien (in der Selbsthilfeökonomie z.B. der Nachbarschaftshilfe, des Ehrenamts) und um bezahlte, erwerbswirtschaftliche innerhalb und außerhalb der Haushalte und Familien (als häusliche Dienstleistungen der formellen Ökonomie und der Schattenwirtschaft und als institutionelle Betreuung und Pflege) erweitert worden. Ebenso kann man neben der direkten Sorgearbeit der personenbezogenen Fürsorge einschließlich der Familienarbeit auch die indirekte des sachbezogenen Be- und Versorgens einschließlich der Hausarbeit mit einbeziehen, insoweit sie, wenn auch nicht mit anderen, so doch für andere Personen erbracht wird: die „ökonomischen Aktivitäten“ (Hegner 1982) des Einkaufens und Kochens, Putzens, Spülens und Waschens. Zusammen gehören sie zu der Form des tätigen Lebens, die Hanna Arendt „Arbeit“ (griech. „pónos“, lat. „labor“) genannt und vom „Herstellen“ (griech. „poíesis“, lat. „productio“) und „Handeln“ (griech. „pr?xis“, lat. „actio“) unterschieden hatte (Arendt 1981) und die als Haushaltswirtschaft (Richarz 1991) vornehmlich in den privaten Haushalten und den Familien anfällt (Hegner 1982) und nach wie vor hauptsächlich von Frauen erbracht wird.

12 Quellenangaben

Abel, Emily K. und Margaret K. Nelson, 1990. Circles of Care: Work and Identity in Women’s Lives. New York: State University of New York Press. ISBN 978-0-7914-0264-1

Arendt, Hannah,1981. Vita activa oder vom tätigen Leben [The Human Condition 1958]. 2. Auflage. München: Piper. ISBN 978-3-492-00517-3

Arlt, Ilse, 1958. Wege zu einer Fürsorgewissenschaft. Wien: Verlag Notring der Wissenschaftlichen Verbände Österreichs

Aulenbacher, Brigitte und Maria Dammayr, Hrsg., 2014. Für sich und andere sorgen: Krise und Zukunft von Care in der modernen Gesellschaft. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3042-6 [Rezension bei socialnet]

Blumenberg, Hans, 1987. Die Sorge geht über den Fluss. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-01965-8

Brückner, Margrit, 2010. Entwicklungen der Care-Debatte: Wurzeln und Begrifflichkeiten. In: Ursula Apitzsch und Marianne Schmidbaur, Hrsg. Care und Migration: Die Ent-Sorgung menschlicher Reproduktionsarbeit entlang von Geschlechter- und Armutsgrenzen. Opladen: Budrich, S. 43–58. ISBN 978-3-86649-326-1 [Rezension bei socialnet]

Conradi, Elisabeth, 1999. Take care: Grundlagen einer Ethik der Achtsamkeit. Frankfurt a.M. und New York: Campus. ISBN 978-3-593-36760-6

Foucault, Michel, 1986. Die Sorge um sich [Souci de soi, 1984] (Geschichte der Sexualität, Bd. 3). Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-28318-9

Frankfurt, Harry, 2005. Gründe der Liebe [Reasons of Love, 2004]. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-58426-2

Gilligan, Carol, 1984. Die andere Stimme: Lebenskonflikte und Moral der Frau [In a different voice: Psychological Theory and Women’s Development, 1982]. München und Zürich: Piper. ISBN 978-3-492-02852-3

Hegner, Friedhart, 1982: Haushaltsfamilie und Familienhaushalt. Vorüberlegungen zu einer Typologie der Verknüpfung familialer und ökonomischer Aktivitäten. In: Franz-Xaver Kaufmann, Hrsg. Staatliche Sozialpolitik und Familie. München: Oldenbourg, S. 23–47. ISBN 978-3-486-50651-8

Heidegger, Martin, 1941 [1927]. Sein und Zeit. 5., unveränd. Auflage. Halle: Niemeyer

Horster, Detlev, Hrsg., 1998. Weibliche Moral – ein Mythos? Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-28976-1

Jonas, Hans, 1984 [1979]. Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-37585-3

Kranz, Margarita, 1995. Sorge. In: Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Hrsg. Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 9, Basel: Schwabe & Co, S. 1086–1090. ISBN 978-3-534-27212-9

Moser, Vera und Inga Pinhard, Hrsg., 2010. Care – wer sorgt für wen? Opladen: Budrich. ISBN 978-3-86649-323-0 [Rezension bei socialnet]

Richarz, Irmintraut, 1991. Oikos, Haus und Haushalt: Ursprung und Geschichte der Haushaltsökonomik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-13218-0

Scherpner, Hans, 1962. Theorie der Fürsorge: Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht

Schmid, Wilhelm, 1991. Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst: Die Frage nach dem Grund und die Neubegründung der Ethik bei Foucault. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-58082-0

Schmid, Wilhelm, 1995. Selbstsorge: Zur Biografie eines Begriffs. In: Martin Endress, Hrsg. Zur Grundlegung einer integrativen Ethik. Für Hans Krämer. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 98–129. ISBN 978-3-518-28805-4

Schmid, Wilhelm, 1998. Philosophie der Lebenskunst: Eine Grundlegung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-28985-3

Schnabl, Christa, 2005. Gerecht sorgen: Grundlagen einer sozialethischen Theorie der Fürsorge. Freiburg: Herder. ISBN 978-3-451-28906-4

Autor
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
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Zitiervorschlag
Papenkort, Ulrich, 2020. Sorge [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 20.04.2020 [Zugriff am: 12.08.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Sorge

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veröffentlicht am 20.04.2020

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