Soziale Gerontologie
Prof.in Dr. habil. Kirsten Aner
veröffentlicht am 09.09.2025
Soziale Gerontologie ist das Wissenschaftsfeld, in dem sich mehrere Disziplinen mit dem Altern als Prozess und dem Alter als Lebensphase befassen.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Zur historischen Entwicklung der Sozialen Gerontologie
- 3 Aktuelle Gerontologie als dynamisches Wissenschaftsfeld
- 4 Kritische Gerontologie
- 5 Quellenangaben
- 6 Literaturhinweise
1 Zusammenfassung
Soziale Gerontologie ist ein Wissenschaftsfeld, in dem sich mehrere Disziplinen mit dem Thema Alter befassen. Diese Multidisziplinarität bedeutet für die Forschung eine große Vielfalt an erkenntnistheoretischen Prämissen, Fragestellungen, theoretischen und methodischen Zugriffen. Daraus ergibt sich zugleich ein facettenreiches Bild des Alters.
Die Dynamik der gerontologischen Disziplinen sowie der (fach-)öffentlichen und sozialpolitischen Aufmerksamkeit für ihre jeweiligen Ergebnisse tragen im Gegenzug nicht unwesentlich zu den Lebensbedingungen älterer Menschen wie auch zur Konstruktion dessen bei, was unter Alter verstanden wird.
Im Folgenden wird deshalb zunächst die historische Entwicklung der Sozialen Gerontologie im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen beschrieben und im Anschluss die aktuelle Dynamik der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Alter knapp skizziert. Abschließend wird die Kritische Gerontologie als aktuelle und zukünftige Option reflexiver Altersforschung vorgestellt.
2 Zur historischen Entwicklung der Sozialen Gerontologie
Die Bestimmung eines Gegenstandes ist von der Denkweise der bestimmenden Person bzw. Personengruppe nicht zu trennen (Fleck 1935). Epistemologisch (erkenntnistheoretisch) bezieht sich die hier vorliegende Definition von Sozialer Gerontologie auf den historischen Materialismus, der Phänomene in ihrem Werden, als Verhältnisse und dialektisch (Gegensätze grundsätzlich mitdenkend) erfasst. Mithin ist die Gerontologie zunächst in ihrer Entstehung und Entwicklung zu betrachten. Im Folgenden wird deshalb knapp skizziert, ob und ggf. in welchem Maße, von wem und mit welchem Interesse im Laufe der Zeit in Deutschland Altersforschung betrieben wurde (zur internationalen Entwicklung: Kondratowitz 2020).
Die Entwicklung der Gerontologie als Wissenschaft vom Alter lässt sich als Teil eines Prozesses beschreiben, der am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert einsetzte, als sich Wissenschaften mit sehr langer Tradition, von der Philosophie über Ökonomie bis hin zu Biologie und Medizin auszudifferenzieren begannen, und neue Erkenntnisweisen und Methoden hervorbrachten (Kondratowitz 2015). In der Folgezeit war die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Alter von – auch zeitgeschichtlich bedingten – Konjunkturen gekennzeichnet.
Die ökonomischen und politischen Verhältnisse, nicht zuletzt die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert, bestimmten wesentlich, ob und ggf. in welchem Maße, von wem und mit welchem Interesse Altersforschung überhaupt betrieben wurde. In der Bundesrepublik konkretisiert die Forschungsförderung den Rahmen und die mehr oder weniger anspruchsvolle Ausgestaltung der Gerontologie (Aner und Kricheldorff 2016).
Lange Zeit blieb die Medizin zentral für die Befassung mit dem menschlichen Altern. Allerdings war diese für heutige Verhältnisse zunächst erstaunlich offen gegenüber sozialen Aspekten von (altersassoziierten) Krankheiten und Gebrechen. In den 1920er-Jahren war ein komplexer Blick auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung medizinisch dominant. Sozial, bürgerlich-liberal, teilweise auch sozialistisch gesinnte Mediziner:innen orientierten sich an der sich rasant entwickelnden Bakteriologie und Virologie, an Hygiene und Sozialhygiene. Dabei kam auch der Zusammenhang zwischen allgemeinen Lebensbedingungen und (Bevölkerungs-)Gesundheit in den Blick.
Damit konkurrierten schon vor der Jahrhundertwende entstandene sozialdarwinistische und erbbiologische Vorstellungen, die in der Zeit des deutschen Faschismus das Denken gänzlich bestimmten und politisch konkretisiert wurden. Der bevölkerungspolitische Diskurs dieser Jahre, der zwischen nützlichen, unnützen und schädlichen Teilen eines „Volksköpers“ unterschied, fokussierte auch das wissenschaftliche Interesse am Alter auf die „Leistungsfähigkeit“, wenngleich auch unter dieser menschenverachtenden Prämisse konkurrierende Diskurse um die Bewertung des Lebens bzw. der „Leistung“ alter Menschen existierten.
Auch die Entwicklung der Sozialen Gerontologie in der Nachkriegszeit kann hier nur angedeutet werden: Seit Anfang der 1950er-Jahre fanden die als „Altersnot“ bezeichneten sozialen Probleme die Aufmerksamkeit im Rahmen der Weiterentwicklung der Sozialversicherung und flossen schließlich auch in das Bundessozialhilfegesetz ein. Auch Wohlfahrtsverbände und Sozialarbeit entdeckten die Alten, sodass die bundesdeutsche Altersforschung in ihren Anfängen sozialpolitisch-soziologisch inspiriert war.
In den 1980er-Jahren war der wachsende Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung nicht mehr zu übersehen und Sozialpolitik für alte Menschen wurde zu einem Politikfeld mit größerer Relevanz, klareren Konturen. Spätestens durch den Bericht der Enquetekommission „Demografischer Wandel“ (2000) nahm die lebenslagen- und lebenslauforientierte (Ressort-)Forschung einen deutlichen Aufschwung, ergänzt um sozialarbeiterische Zugänge (Aner 2020).
Die sozialpolitisch-soziologische Perspektive auf das Alter konkurrierte jedoch mit der individuumszentrierten (Interventions-)Gerontologie. Diese ist eng mit der Psychologin Ursula Lehr verknüpft, die als CDU-Bundesfamilienministerin (1988 bis 1991) und in weiteren politischen Funktionen für deren institutionelle und somit auch finanzielle Förderung sorgte. Diese beiden disziplinären Entwicklungslinien und ihre Verknüpfungen sind in Deutschland unter dem Begriff der sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Gerontologie etabliert (Tesch-Römer und Motel-Klingebiel 2020).
3 Aktuelle Gerontologie als dynamisches Wissenschaftsfeld
Werke wie „Das Alter“ von Simone de Beauvoir (1978) oder die sozioökonomisch fundierte Diskursgeschichte des Alters von Göckenjan (2000) führten und führen in der Gerontologie ein Schattendasein. Dasselbe gilt für sozialgeschichtliche Beiträge etwa von Ehmer (1990) und Borscheid (1995). Karl (2023) kann anhand einer Metaanalyse prominenter deutscher Studien empirisch nachweisen, dass die Gerontologie ihren Gegenstand bislang überwiegend losgelöst von den zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen betrachtet und auf dieser Basis Theorien entwickelt hat, die immer noch Verwendung finden.
Hingegen ist die kulturwissenschaftliche Wende weiter Teile der Geisteswissenschaften mittlerweile in der Gerontologie angekommen. Wesentliche wissenschaftliche Anregungen kamen „von außen“ aus den Cultural Studies (exemplarisch: Breinbauer et al. 2010) aber auch aus der sozialwissenschaftlichen Gerontologie selbst – etwa über die Beschäftigung mit den Theorien von Pierre Bourdieu (Schroeter 2007) oder die Befassung mit Altersgrenzen (Künemund 2005).
Inzwischen liegen umfangreiche Ergebnisse dieses erweiterten Forschungsprogramms vor und verdeutlichen, wie Diskurse und Praktiken zur „Konstruktion“ einer Altersphase im Lebenslauf wie auch des „Alters“ selbst beitragen (exemplarisch: Kolland und Gallistl 2022). Noch ist offen, ob es sich um eine Ergänzung der Altersforschung oder eine Verschiebung des Fokus von kollektiven Lebenslagen, Lebensläufen und individuellen Handlungsoptionen bzw. -restriktionen hin zur angesagten „kulturellen Vielfalt“ handelt.
4 Kritische Gerontologie
Die Bedeutung von Paradigmen, erkenntnistheoretischen Prämissen, Fragestellungen, Theorien und Methoden der Wissenschaft Gerontologie für die alten Menschen selbst ist Gegenstand der Kritischen Gerontologie. Sie folgt dem Diktum Horkheimers (1988), sich des eigenen sozialen Entstehungszusammenhangs wie auch des praktischen Verwendungszusammenhangs permanent zu vergewissern, statt bloße Tatsachenforschung zu betreiben. Darüber hinaus sei die gesellschaftliche Realität des Alters nicht nur zu analysieren, sondern der Versuch zu unternehmen, diese zum Besseren zu wenden.
„Die“ Kritische Gerontologie gibt es allerdings nicht, sondern Ansätze, die sich an der Kritischen Theorie orientieren, sich aber aus sehr unterschiedlichen Wissenschaftstraditionen speisen (Baars 1991). Grundsätzlich erheben alle Ansätze den Anspruch, Macht- und Herrschaftsverhältnisse wie auch den eigenen Beitrag dazu zu analysieren und die Möglichkeiten der Befreiung älterer Menschen von diesen Verhältnissen auszuloten.
Die Gesellschaftskritik der Ansätze unterscheidet sich jedoch in ihrer Radikalität deutlich. Insbesondere bleibt die Frage offen, ob und ggf. wie Wissenschaft auch eine Verbindung mit sozialen Kämpfen eingehen soll (für einen Überblick: Aner und Schroeter 2021, zur Kritik der Kritik: Amrhein 2024). Von allen Ansätzen, die sich selbst als kritisch verstehen oder als solche verstanden werden, ist die political economy of aging im Anschluss an Estes et al. (1996) besonders gut geeignet:
- über Arbeits- und daraus abgeleitete Einkommen und Vermögen eine analytische und empirische Verbindung zu den Produktionsverhältnissen herzustellen, die Herrschaftsverhältnissen zugrunde liegen und gerade im Alter entscheidende Differenzen in den Handlungsspielräumen begründen und
- eine Gemeinsamkeit offenzulegen, die alle Menschen jedweder Generation, Herkunft, Hautfarbe, Weltanschauung, jedweden Geschlechts, sexuellen Begehrens und schließlich Alters vereint, sofern sie nicht über Produktionsmittel verfügen und deshalb auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind: die ökonomische Ausbeutung und Unterdrückung durch die kapitalistische Wirtschaftsweise (Aner und Dosch 2023).
5 Quellenangaben
Aner, Kirsten, 2020. Soziale Altenhilfe als Aufgabe Sozialer (Alten-)Arbeit. In: Kirsten Aner und Ute Karl, Hrsg. Handbuch Soziale Arbeit und Alter. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 29–54. ISBN 978-3-658-26623-3 [Rezension bei socialnet]
Aner, Kirsten und Erna Dosch, 2023. Lebenslagen oder Intersektionalität? Gerontologie aus kritisch feministischer Perspektive. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie [online]. 56(1), S. 9–12 [Zugriff am: 24.07.2025]. ISSN 1435-1269. doi:10.1007/s00391-022-02149-w
Aner, Kirsten und Cornelia Kricheldorff, 2016. Implementierungswissenschaft in Deutschland. Ein Statement der Sektion IV der DGGG. In: Matthias Hoben, Marion Bär und Hans-Werner Wahl, Hrsg. Implementierungswissenschaft für Pflege und Gerontologie. Stuttgart: Kohlhammer, S. 381 – 385. ISBN 978-3-17-028469-2
Aner, Kirsten und Klaus R. Schroeter, 2021. Kritische Gerontologie: eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-031923-3
Baars, Jan, 1991. The challenge of critical gerontology: The problem of social constitution. In: Journal of Aging Studies [online]. 5(3), S. 219–243 [Zugriff am: 24.07.2025]. ISSN 1879-193X. doi:10.1016/0890-4065(91)90008-G
Beauvoir, Simone de, 1977. Das Alter. Reinbek: Rowohlt. ISBN 978-3-499-17095-9
Borscheid, Peter, 1995. Alter und Gesellschaft. Stuttgart: Hirzel. ISBN 978-3-8047-1419-9
Breinbauer, Ines Maria, Dieter Ferring, Miriam Haller und Hartmut Meyer-Wolters, 2010. Transdisziplinäre Alter(n)sstudien: Gegenstände und Methoden. Würzburg: Königshausen & Neumann. ISBN 978-3-8260-4343-7
Ehmer, Josef, 1990. Sozialgeschichte des Alters. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-11541-1
Estes, Carroll L., K.W. Linkins und E.A. Binney, 1996. The Political Economy of Aging. In: Robert H. Binstock und Linda K. George, Hrsg. Handbook of Aging and the Social Sciences. 4. Auflage. San Diego: Academic Press. S. 346–361. ISBN 978-0-12-099193-8
Fleck, Ludwik, 1980 [1935]. Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache: Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-07488-6
Göckenjan, Gerd, 2000. Das Alter würdigen: Altersbilder und Bedeutungswandel des Alters. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-29046-0
Horkheimer, Max, 1988. Traditionelle und kritische Theorie. In: Alfred Schmidt und Gunzelin Schmidt Noerr, Hrsg. Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Frankfurt am Main: Fischer, S. 162–225. ISBN 978-3-596-27377-5
Karl, Fred, 2023. Zwei Weltkriege überleben und alt werden: Determinanten des langen Lebens im Alter. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-7710-0
Kolland, Franz und Vera Gallistl, 2022. Neue Kulturstile älterer Menschen: Zum Älterwerden zwischen Ästhetik und Alltag. Bielefeld: transcript Verlag. ISBN 978-3-8394-5099-4
Kondratowitz, Hans-Joachim von, 2015. Wissenschaftshistorische Erbschaften der gerontologischen Multi- und Interdisziplinaritätsdiskussion. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie [online]. 48(3), S. 210–214 [Zugriff am: 24.07.2025]. ISSN 1435-1269. doi:10.1007/s00391-015-0881-4
Kondratowitz, Hans-Joachim von, 2020. Vergleichende Alternsforschung – nationale Bedingungen, internationale Ergebnisse und Strategien. In: Kirsten Aner und Ute Karl, Hrsg. Handbuch Soziale Arbeit und Alter. Wiesbaden: Springer, S. 653–664. ISBN 978-3-658-26623-3 [Rezension bei socialnet]
Künemund, Harald, 2005. Altersgrenzen aus der Sicht der Soziologie. In: Volker Schumpelick und Bernhard Vogel, Hrsg. Alter als Last und Chance: Beiträge des Symposiums vom 30. September bis 3. Oktober 2004 in Cadenabbia. Freiburg: Herder, S. 527–538. ISBN 978-3-451-25952-4
Möckel, Benjamin, 2011. „Mit 70 Jahren hat kein Mensch das Recht, sich alt zu fühlen.“ – Altersdiskurse und Bilder des Alters in der NS-Sozialpolitik. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften [online]. 22(3), S. 112–135 [Zugriff am: 24.07.2025]. ISSN 2707-966X. doi:10.25365/​OEZG-2011-22-3-6
Schroeter, Klaus R., 2007. Zur Symbolik des korporalen Kapitals in der „alterslosen Altersgesellschaft“. In: Ursula Pasero, Gertrud M. Backes und Klaus R. Schroeter, Hrsg. Altern in Gesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 129–148. ISBN 978-3-531-15088-8 [Rezension bei socialnet]
Tesch-Römer, Clemens und Andreas Motel-Klingebiel, 2020. Sozial- und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie in Deutschland. In: Kirsten Aner und Ute Karl, Hrsg. Handbuch Soziale Arbeit und Alter. Wiesbaden: Springer, S. 627–637. ISBN 978-3-658-26623-3 [Rezension bei socialnet]
6 Literaturhinweise
Aner, Kirsten und Ute Karl, 2020. Handbuch Soziale Arbeit und Alter. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-26623-3 [Rezension bei socialnet]
Aner, Kirsten, 2010. Soziale Beratung und Alter: Irritationen, Lösungen, Professionalität. Opladen: Barbara Budrich. ISBN 978-3-940755-64-3 [Rezension bei socialnet]
Verfasst von
Prof.in Dr. habil. Kirsten Aner
Fachgebiet Lebenslagen und Altern, Fachbereich Humanwissenschaften der Universität Kassel
2022–2024 Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie
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