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Soziale Gruppe

Dr. phil. habil. Oliver König

veröffentlicht am 16.05.2023

Englisch: social group

Unter einer Sozialen Gruppe versteht man im Allgemeinen einen Zusammenschluss von mindestens drei Personen, die sich über einen längeren Zeitraum in regelmäßigen Kontakt zueinander befinden und gemeinsame Ziele, Normen und Interessen verfolgen. Der genauere Charakter einer Gruppe bestimmt sich darüber hinaus daraus, in welche spezifischen Kontexte sie eingebettet ist und welche Handlungslogik sich daraus ergibt. Von zentraler Bedeutung sind Überschneidungen und Verschachtelungen mit den Systemtypen Organisation, Familie und familienähnliche Kontexte, und soziale Bewegungen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Geschichte des Begriffs
  3. 3 Sozialpsychologie und Kleingruppenforschung
  4. 4 Praktische Relevanz und theoretische Marginalisierung
  5. 5 Eine aktuelle sozialpsychologische Definition der Kleingruppe
  6. 6 Systemtheoretische Entwürfe 1
  7. 7 Gruppe in den Geschichtswissenschaften
  8. 8 Systemtheoretische Entwürfe 2
  9. 9 Gruppe als Ort unterschiedlicher System- und Handlungslogiken
  10. 10 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Es wird die Geschichte des Begriffs Soziale Gruppe und seine theoretische Ausarbeitung von der frühen Soziologie über die sozialpsychologische Kleingruppenforschung zu aktuellen systemtheoretischen Entwürfen skizziert. Die zunehmende Konkretisierung des Begriffs, insbesondere in der Sozialpsychologie, geht dabei einher mit einem Bedeutungsverlust des Gruppenparadigmas in der Soziologie. Die systemtheoretische Diskussion der 1980er-Jahre und erneut in der Gegenwart der 2020er-Jahre versucht eine neue theoretische Fundierung des Begriffs. Ein Seitenblick auf die Geschichtswissenschaften öffnet eine andere Perspektive. Als abgeschlossen ist diese Begriffsbestimmung nicht zu betrachten.

2 Geschichte des Begriffs

Begriffe in der Wissenschaft sind dazu da, einen Gegenstand zu definieren, ihn damit einzugrenzen und von anderen Gegenständen zu unterscheiden. Diese Aufgabe ist beim Begriff der Sozialen Gruppe nur schwierig an ein Ende zu bringen (zur Geschichte des Begriffs Delitz 2019; Engelmeier et al. 2019; Schäfers 1980).

Ein erstes Gegenüber zum Begriff der „Sozialen Gruppe“ ist die „Formale Gruppe“, die sich auf eine Mehrzahl von Gliedern bezieht, die sich in zumindest einem Merkmal gleichen, z.B. die Gruppe der Primzahlen. Die frühe Soziologie folgte mit wenigen Ausnahmen (Simmel 1992) diesem formalen Verständnis, indem sie sich in weiten Teilen als eine Theorie der menschlichen Gruppen verstand, die jeweils durch ein gemeinsames Merkmal zur Gruppe wurden.

Es war dann die Rede von bestimmten Berufsgruppen, Einkommensgruppen, Geschlechtergruppen, regionalen Gruppen etc. bis hin zu Volksgruppen, die dann schon an den Begriff „Gesellschaft“ heranrückten. Diese Ausprägung des Begriffs findet sich heute noch im alltagssprachlichen Gebrauch. Durch die Unbestimmtheit und mangelnde analytische Schärfe blieb der theoretische wie empirische Erkenntniswert dieses Gruppenbegriffs eher gering.

Ein erster Übergang zu einem originär sozialen Verständnis von Gruppe erfolgte durch die Ausformulierung des Konzeptes der „Primärgruppen“ durch den amerikanischen Soziologen Charles Cooley, verstanden als „relativ stabile Assoziationen interagierender Personen […] wie Familie, Spielgruppen von Kindern und Jugendlichen, Nachbarschaft und Gemeinde“ (König 1967, S. 114), denen ein nicht definierter Bereich von Sekundärgruppen gegenübergestellt wurde, die, so würde man heute sagen, den Bereich von Gruppen in Organisationen umfassten.

Räumliche Nähe wurde als Kriterium aufgeführt, erwies sich allerdings weder als notwendiges noch als hinreichendes Merkmal einer Gruppe. Als Zweites tauchte die Frage der Größe auf: einmal als Begrenzung nach unten gegenüber der Dyade, die von manchen Autor:innen schon als Gruppe verstanden wurde, von anderen wiederum als eigenständige soziale Form; zum anderen in der Begrenzung nach oben, insbesondere zum Begriff der Menge oder Masse. In der Theorie nahm damit Gruppe eine Mittlerposition zwischen Individuum und Gesellschaft ein (Schwonke 1980, Homans 1950).

3 Sozialpsychologie und Kleingruppenforschung

Eine weitere Konkretisierung des Begriffs entstand durch Entwicklungen in der Industrie- und Betriebssoziologie, der Soziometrie, und der sozialpsychologischen Kleingruppenforschung. Einher ging dies mit der „Entdeckung“ der Gruppe als sozialem Ort und Mittel von Erziehung, Therapie und Produktivitätssteigerung (König 1983; König 2015). Gruppe wurde zu einem zentralen Gegenstand der angewandten Sozialwissenschaften (Edding und Schattenhofer 2015) und Psychologie (Sader 2008).

In der Industrie- und Betriebssoziologie spielte die Einsicht eine entscheidende Rolle, dass selbst in hochgradig durchorganisierten Betrieben neben den formalen (Führungs-)Strukturen von Arbeitsgruppen die informelle Gruppe eine wesentliche Bestimmungsgröße war, auch für ihre Produktivität (König 1961; Luks 2019). Damit war der Weg frei für den Blick auf die Eigengesetzlichkeit von Gruppe, die zwar von ihren äußeren Bedingungen mitbestimmt wurde, aber eben nicht in diesen aufging.

In eine ähnliche Richtung gingen die Arbeiten von Jacob Moreno, der mit den Mitteln der Soziometrie (kleine) Gruppen als Netzwerke von gegenseitigen sozialen Beziehungen studierte, sowie die Arbeiten von Kurt Lewin und seinen Schülern u.a. über Normen, Rollen, Führung, Autorität, Macht, Kohäsion, Kommunikationsstruktur (König 2016), mit denen sie die amerikanische Sozialpsychologie der 1950er- und 1960er-Jahre prägten.

Genannt werden soll hier auch noch die bahnbrechende Studie zur „Street Corner Society“ von William Whyte (1996, zuerst 1943), entstanden in der stadtsoziologischen Tradition der Chicagoer Schule. Whyte hatte mehrere Jahre in einem von italienischen Migrant:innen geprägten Stadtviertel von Chicago gelebt und sich mit zwei jugendlichen Banden beschäftigt, insbesondere ihrer Macht- und Führungsstruktur sowie ihre Einbettung in die relevante Sozialstruktur des Viertels. Die jugendliche Gruppe (Bande) spielte eine wesentliche Rolle in der Entstehung von abweichendem Verhalten, wie auch einer möglichen Integration in die Gesamtgesellschaft, eine Frage, die die amerikanische Sozialwissenschaft über Jahrzehnte beschäftigten sollte.

Was von nun an unter dem Begriff verhandelt wurde, war im Wesentlichen die kleine Gruppe bzw. Kleingruppe von 3–20 Mitgliedern. Gruppe war nun als Face-to-Face Gruppe definiert, durch eine Größe also, die eine direkte Kommunikation aller mit allen erlaubte. Als weiteres Merkmal dieses Gruppenverständnisses schälte sich heraus, dass die Gruppe einen Begriff über sich selbst entwickelt, der als gemeinsames Ziel, Kohäsion oder 1930er-Jahren Wir-Gefühl beschrieben werden konnte.

4 Praktische Relevanz und theoretische Marginalisierung

Praktische Relevanz erfuhr das sozialpsychologische Verständnis von Gruppe, nach ersten Versuchen schon ab den 1930er-Jahren, verstärkt nach 1945, in Ansätzen zur professionellen Arbeit mit Gruppen in Erziehung, Therapie und Erwachsenenbildung, die alle auf den Prinzipien eines freien Austausches ihrer Mitglieder in einer solchen Face-to‑Face Gruppe aufbauten (Edding und Schattenhofer 2015; König und Schattenhofer 2022).

Diese Art der Gruppenforschung und -praxis entstand auch vor dem Hintergrund sozialreformerischer Hoffnungen, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Sozialwissenschaften verbunden waren, was sich nicht zuletzt in der Entstehung einer Gruppenbewegung äußerte, die ihrerseits die Gruppe sozialmoralisch-spekulativ überhöhte.

In der Praxis der Sozialen Arbeit war das Konzept Gruppe eingebettet in deren klassische Handlungsdilemmata, insbesondere der Spannung zwischen Hilfe und Kontrolle. In der Selbsthilfebewegung, für die Gruppe ein zentrales Mittel war und ist, bekamen wiederum benachteiligte Personen und Minoritäten eine Stimme. Eine wichtige Rolle spielt Gruppe auch in den sozialen Bewegungen ab den 1960er-Jahren, in Frauenbewegung, ökologischer Bewegung, Bürgerrechtsgruppen und Bürgerinitiativen, Schwulen und Lesben Bewegung.

Die Entdeckung der vielfältigen praktischen wie politischen Relevanz von Gruppe ging allerdings auf Kosten einer gesellschaftstheoretischen Einbettung des Konzeptes und führte etwa ab Mitte der 1980er-Jahre, nachdem sich die Reformhoffnungen erst einmal erschöpft hatten, zu einem fast völligen Stillstand der soziologischen Gruppenforschung bzw. einer Aufgabe des Gruppenbegriffs in der Theorieentwicklung, wo er nur noch eine Randexistenz führte. Die Sozialpsychologie wandte sich von der Soziologie ab und wurde zu einem Teilgebiet der Psychologie.

Für die Soziologie symptomatisch war die Entscheidung des Soziologen Niklas Luhmann, in seiner Systematik das Konzept Gruppe durch das der Interaktion zu ersetzen und als Systemtypen nur noch Familien und Organisationen (und später auch soziale Bewegungen) zu thematisieren (Kühl 2014, 2021b, 2021c; zur Kritik daran Wimmer 2007).

Inhaltlich war dies auch dem Problem geschuldet, dass trotz der Eingrenzung des Gruppenbegriffs (Größe, Face-to-Face, Selbstverständnis) dieser auf eine derart große Spannbreite von sozialen Formen zielte – von der jugendlichen Bande, der Schulklasse, der Therapiegruppe, der Sportmannschaft, dem Team in der Arbeitswelt bis zum Vorstand eines Unternehmens –, dass dies kaum mehr unter das Dach eines Konzeptes zu bringen war. Gruppenphänomene wurden in der Folge dieser Unbestimmtheit zunehmend in anderer Begrifflichkeit thematisiert, z.B. als Formen von Vergemeinschaftung in jugendlichen Szenen (Hitzler 2008) oder unter dem Begriff Netzwerk (Fuhse 2006).

Ein schlüssiges Konzept für Soziale Gruppe müsste also für zweierlei konzeptionelle Probleme eine Antwort bereitstellen: erstens einen Rahmen formulieren, der überhaupt ein übergreifendes Konzept der Sozialen Gruppe sinnvoll erscheinen lässt; zweitens eine Differenzierung innerhalb dieses Rahmens ermöglichen, die die genannte Vielfalt von Gruppen sowohl theoretisch wie empirisch zu erfassen vermag.

5 Eine aktuelle sozialpsychologische Definition der Kleingruppe

Doch ein solcher einheitlicher Gruppenbegriff entstand bislang nicht, weder in den Sozialwissenschaften insgesamt, noch in der Psychologie oder Sozialpsychologie. So heißt es z.B. in einer aktuellen Einführung in die Sozialpsychologie der Gruppe:

„Der Gruppenbegriff wird in der Sozialpsychologie je nach Forschungstradition unterschiedlich definiert. Die meisten Sozialpsychologinnen und -psychologen stimmen aber darin überein, dass es für das psychologische Verständnis von Gruppenprozessen entscheidend ist, inwieweit sich Personen selbst als Gruppe definieren. Sie gehen daher von einem Gruppenbegriff aus, der die subjektive Sicht der Gruppenmitglieder, Teil einer Gruppe zu sein, zum zentralen Definitionskriterium erhebt. Der sozialpsychologische Gruppenbegriff lässt sich sowohl auf Kleingruppen anwenden, in denen die Möglichkeit direkter (Face-to-Face-)Interaktionen zwischen allen Gruppenmitgliedern besteht (Arbeitsgruppen, Teams etc.), als auch auf soziale Kategorien, bei denen diese Möglichkeit nicht besteht (Männer, Psychologen, Deutsche etc.). In der Sozialpsychologie werden die Begriffe ‚soziale Kategorie‘ und ‚Gruppe‘ daher typischerweise synonym verwendet“ (Stürmer und Siem 2020, S. 11 f.).

Auch wenn eine Vielstimmigkeit von Begriffsbestimmungen in den Sozialwissenschaften eher die Regel als die Ausnahme ist, so fällt die konstatierte Synonymsetzung von Gruppe und sozialer Kategorie hier wieder auf das undifferenzierte und rein formale Verständnis des Gruppenbegriffs in der frühen Soziologie zurück. Sozialpsychologische Theorien der Gruppe, einst innovative Vorreiter, gingen aber über das oben formulierte Verständnis für Jahrzehnte nicht hinaus.

6 Systemtheoretische Entwürfe 1

Einen ersten (system-)theoretisch anspruchsvolleren Versuch unternahm 1983 der Soziologe Friedhelm Neidhardt (1979, 1983a, 1983b, siehe auch Tyrell 1983), indem er Gruppen als hybride Systemtypen beschrieb, angesiedelt zwischen dem Systemtyp Familie auf der einen Seite, der durch die Diffusität der in Familie stattfindenden Beziehungen charakterisiert war, und dem Systemtyp Organisation, für den die Rollenförmigkeit von Beziehungen kennzeichnend war. In diffusen Beziehungen ist idealtypisch alles kommunizierbar, eine Abweichung davon ist begründungspflichtig. In rollenförmigen Beziehungen kann Kommunikation nur eingefordert werden über das, was jeweils durch die Ziele und Zwecke einer Organisation legitimiert ist.

In den beiden Systemtypen Familie und Organisation, mit denen Gruppe hier verknüpft wird, taucht die alte Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärgruppen wieder auf. Zentral setzte Neidhardt die Frage, wie eine Gruppe (als System) ihre Grenze nach außen bestimmt bzw. wie die Mitgliedschaft in einer Gruppe geregelt wird.

Bestimmen dies die Mitglieder selbst, wie z.B. in einer Freundesgruppe oder Clique? Wird die Mitgliedschaft ohne eigenes Zutun erworben, wie dies für Kinder in einer Familie gilt? Oder wird die Mitgliedschaft fremdbestimmt zugewiesen, wie dies für Organisationen typisch ist, in die man nicht selbstbestimmt eintreten, sondern höchstens austreten kann?

Dies mündet in den Fragen, wie sehr Gruppen durch ihre Mitglieder und wie sehr sie durch ihre Kontexte (zumeist Organisationen) bestimmt sind und zweitens, was dies für die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Eigengesetzlichkeiten bedeutet, in der neueren Diskussion unter den Begriffen Selbstorganisation oder Selbststeuerung thematisiert.

Das systemtheoretische Verständnis von Gruppe kann nicht isoliert vom systemtheoretischen Verständnis von moderner Gesellschaft als Ergebnis eines Prozesses funktionaler Differenzierung gesehen werden, in dem sich jeweils einzelne funktionale Teilsysteme (Wirtschaft, Religion, Medien, Recht etc.) ausdifferenzieren.

Diese Teilsysteme bilden dann wiederum spezifische Formen von Organisationen heraus, woraus sich – zumindest teilweise – die Vorrangstellung des Systemtyps Organisation in der Systemtheorie erklärt. Aufgrund seiner institutionellen Bedeutung wurde Familie neben Organisation zum einzigen Systemtyp, der in der Systemtheorie einen festen Platz zugewiesen bekam. Soziale Bewegungen wurden dann zögerlich dazu genommen, der schwierig zu fassende Systemtyp Gruppe fiel hingegen lange Zeit den Erfordernissen der Theoriekonstruktion und der Theorieästhetik zum Opfer.

7 Gruppe in den Geschichtswissenschaften

Hier lohnt aus mehrfachem Grund der Einbezug der Geschichtswissenschaft in unsere Überlegungen. Zum einen lenken diese den Blick auf historische Prozesse und Veränderungen in der Zeit. Zum anderen gehen sie ihren Gegenstand von der Ebene der Phänomene bzw. der Empirie an. Beobachtbare Gegebenheiten aus der Theoriekonstruktion auszuschließen, um deren Kohärenz zu erhöhen, würde einem Historiker nicht in den Sinn kommen.

In ihrer Gegenstandsbestimmung von Sozialer Gruppe geht die Geschichtswissenschaft von ähnlichen Faktoren aus wie die bisher schon genannten. So formuliert Otto Gerhard Oexle in seinen Überlegungen zu Sozialen Gruppen im Mittelalter vier Gegebenheiten:

Es braucht „Regeln und Normen, die implizit oder explizit vereinbart sind, die Ziele der Gruppe ausdrücken und zugleich Vorstellungen über die Gruppe bei ihren Mitgliedern wie auch bei anderen, Außenstehenden, konstituieren; die Abgrenzung nach außen, die sich auch im Vorhandensein von Wechselbeziehungen zu anderen Gruppen zeigt, ist ein zweites Moment; als ein weiteres Moment kann die innere Organisiertheit gelten, die in der Differenzierung von Funktionen und aufeinander bezogener ‚sozialer Rollen‘ zum Ausdruck kommt, und schließlich viertens die relative Dauer und Kontinuität in der Zeit“ (Oexle 1998, S. 17 f., Kursivsetzung von OK).

Unter diesen Gruppenbegriff fallen dann bei Oexle in der Anwendung auf die mittelalterliche Gesellschaft Familie, Verwandtschaft, Haus‚ Geschlecht, mönchische Gruppen und Klostergemeinschaften, Gilden und Kommunen, Gruppen von Vasallen eines Fürstenhauses etc. D.h. der Gruppenbegriff ist sehr weit gefasst.

Zur weiteren Spezifizierung nimmt Oexle nun zwei Gewichtungen vor. Als Erstes betont er die besondere Bedeutung von Regeln, Normen, Vorstellungen und die Dauer in der Zeit. Erst durch diese beiden Faktoren entstehe ein Unterschied zwischen formellen und informellen bzw. okkasionellen Gruppenbildungen.

Als zweites Moment hebt Oexle hervor, dass sich ihrer Struktur nach zwei Grundtypen differenzieren lassen. „Auf der einen Seite stehen jene Gruppen, die auf realer oder imaginierter Verwandtschaft beruhen, auf der anderen Seite jene, die durch Vereinbarung soziale Bindungen zwischen solchen Menschen herstellen, die miteinander nicht verwandt sind und eben deshalb durch Konsens und Vertrag in ein näheres und auf Dauer gestelltes Verhältnis treten“ (Oexle 1998, S. 18 f.).

Langfristige Wirkungen in der Geschichte seien nur formellen und durch Konsens und Vertrag zustande kommenden Gruppen zuzusprechen. Damit hebt auch Oexle den Systemtyp Organisation hervor, der sich im Übergang zur Moderne durchzusetzen beginnt. Zwar sind auch Ehe und Familie vertragliche, formelle und auf Dauer angelegte Verhältnisse, sie geben aber im Übergang zur Moderne immer mehr Funktionen ab, die zunehmend staatlich organisiert werden.

Zugleich betont Oexle, dass für ein adäquates Verständnis der inneren Verfasstheit all dieser alten wie neuen Systemtypen die Frage bedeutsam ist, „welche Grundformen der Gegenseitigkeit, der Reziprozität gelten“ (Oexle 1998, 18 f.). Diese sind eben nicht allein durch Formalisierung und Vereinbarung geregelt, sondern immer auch auf kulturelle Regeln und Traditionen angewiesen, die als implizites Wissen ihre Wirkung entfalten. In Oexles Darstellung mittelalterlicher Sozialer Gruppen mit ihren jeweiligen gruppenspezifischen Interessen bilden sich z.B. Werte heraus wie Genossenschaft und Brüderlichkeit, die im Gegensatz stehen zu Herrschaft bzw. Herrschaftsansprüchen wieder von anderen Gruppen. In der historischen Rekonstruktion gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse gilt es daher herauszuarbeiten, welcher dieser gruppenspezifischer Werte es gelingt, sich auf Gesellschaft insgesamt auszudehnen.

Aus dieser historischen Perspektive ergeben sich interessante Fragen, z.B. welche Rolle auch in einer funktional differenzierten Gesellschaft Gruppen bei den vielfältigen vertraglich wie nicht-vertraglich gerahmten Aushandlungsprozessen spielen, die dadurch immer auch jenseits bzw. neben den Systemtypen Organisation und Familie angesiedelt sind, auch wenn diese dort hineinragen. Was passiert z.B., wenn in einem Karnevalsverein politisches Personal auf Vertreter:innen von Wirtschaft und Recht trifft, darunter auch die eine oder andere verwandtschaftliche Beziehung, bei Anwesenheit des einen oder anderen Promis aus Kunst und Kultur, und im Stadtrat die Aushandlung des Haushaltentwurfs bevorsteht? Seilschaften, Gruppen von Lobbyisten, Vereine, Interessenverbände etc. sind Einflussfaktoren, die angemessen nur als Soziale Gruppen verstanden werden können.

Denn im Unterschied zu Konzepten wie Stand, Klasse, Schicht oder anderen Großkonzepten soziologischer Theorien, die mehr gedachte Wirklichkeit sind, die auf eine Deutung von „Gesellschaft“ zielen, handelt es sich bei Sozialen Gruppen eben immer um konkret benennbare Gegenstände wissenschaftlicher Analyse. „Zwar sind auch Gruppen immer durch beträchtliche Anteile an ‚gedachter‘, an ‚imaginierter‘ Wirklichkeit konstituiert. Gleichwohl aber sind Gruppe immer ‚reale‘ Subjekte des sozialen Handelns“ (Oexle 1998, S. 40). Es bedarf aber einer weiteren inneren Differenzierung eines solchen Begriffs von Sozialer Gruppe.

8 Systemtheoretische Entwürfe 2

Nach diesem historischen Ausflug nun zurück zur Soziologie, in der in jüngster Zeit der systemtheoretisch orientierte Soziologe Stefan Kühl einen erneuten Versuch in diese Richtung unternommen hat, den Gruppenbegriff gleichzeitig theoretisch zu schärfen und auszudifferenzieren (2014, 2021c). Ähnlich wie Friedhelm Neidhardt geht er davon aus, dass eine Theorie der Gruppe diese systematisch in Verbindung setzen muss zu den anderen Systemtypen, die in der systemtheoretischen Theorietradition, aber nicht nur dort, beschrieben werden: Familie, Organisation und soziale Bewegung. Kühl will dem nun wieder den Systemtyp Gruppe an die Seite stellen.

Zur Kennzeichnung von Gruppe, so Kühl in Anschluss an Luhmann, reichen die klassischen Kriterien der Sozialpsychologie nicht aus, auch nicht ihre Ergänzung durch das Kriterium „Wir-Gefühl“. Dieses gebe es auch für andere Systemtypen, sei es Familie oder größere Einheiten wie „Nation“. Grundmerkmal der Kommunikation in Gruppen sei die personale Orientierung (Kühl 2021c), d.h. persönliche Themen müssen ansprechbar sein und das wird auch von den Mitgliedern untereinander erwartet.

Der Unterschied zu Familie besteht darin, dass dies dort idealtypisch für alle Themen gilt, in Gruppe jedoch nur für einige. In Organisationen wiederum können persönliche Themen in gewissem Umfang auch angesprochen werden, es kann aber nicht legitimer Weise erwartet und eingefordert werden. Und während die Mitgliedschaftsdefinition in Familien und Organisation klar festlegt, wer dazu gehört und wer nicht, so ist dies in Gruppen unschärfer. Mitgliedschaft wird nicht explizit durch Entscheidungen hergestellt, sondern durch Anwesenheit und Bereitschaft zur Kommunikation.

Diese inhaltliche Bestimmung hat auf den ersten Blick zur Folge, dass die Zuständigkeit des Gruppenbegriffs derart schrumpft, dass nur noch Freundesgruppen und Cliquen als „reine“ Formen von Gruppe übrigbleiben. Andere bislang dem Begriff Gruppe zugeordnete Formen wie das Team, das bis dato als eine Sonderform von Gruppe angesehen werden konnte, werden von Kühl nun dem Systemtyp Organisation zugeordnet (2021a), von den eben genannten vielfältigen Formen von Gruppe ganz zu schweigen. Es stellt sich dann die Frage, wozu ein so großer argumentativer Aufwand betrieben wird, dem Begriff Gruppe (wieder) einen Platz als (systemtheoretischen) soziologischen Grundbegriff zu verschaffen, wenn er nur für einen derart begrenzten und marginalen Bereich zuständig sein soll?

Die (derzeitige) Antwort von Kühl darauf ist, dass nur durch eine Trennung der Systemtypen und der dadurch eingegrenzten Zuständigkeit des Gruppenbegriffs über die Begriffe der „Verschachtelung“, der „Kombination“ und der „Übergänge“ als drei verschiedenen Formen der Beziehung von Systemtypen die Vielfalt von Gruppen und ihre jeweiligen Eigenarten geschärft herausgearbeitet werden könne (Kühl 2014, S. 75f; Kühl 2021c, S. 52).

9 Gruppe als Ort unterschiedlicher System- und Handlungslogiken

Die Besonderheiten des Systemtyps Gruppe gegenüber den Systemtypen Familie, Organisation und Soziale Bewegungen bestünden dann darin, dass er in allen diesen Systemtypen bzw. in Kombination mit ihnen auftauchen kann und auch regelmäßig auftaucht. Es gibt informelle Gruppen in Organisationen, z.B. als Seilschaften. Teams können jeweils als formeller Teil der Organisation, aber auch in ihrem informellen Charakter, d.h. als Gruppe untersucht werden. Aus Gruppen können soziale Bewegungen entstehen, diese sich in Organisationen verwandeln. In Familienunternehmen überlappen sich ggf. die drei Systemtypen Familie, Gruppe und Organisation.

Für die theoretisch-begriffliche Bestimmung der Sozialen Gruppe heißt dies in der Konsequenz, dass neben den Kriterien der Kleingruppenforschung (Größe, Face-to-Face – verstanden als Anwesenheit und Bereitschaft zur Kommunikation, Wir-Gefühl) ihr jeweiliges Verhältnis zu den Systemtypen Familie, Organisation, Soziale Bewegung mitbestimmt werden muss.

Die Besonderheit des Systemtyps Gruppe bestünde dann darin, dass in ihr regelmäßig die kulturellen (Handlungs-)Logiken unterschiedlicher Systemtypen aufeinandertreffen und in der relativen Autonomie ihrer Eigendynamik verarbeitet und soweit integriert werden (müssen), dass die Gruppe als solche über einen gewissen Zeitraum Bestand hat. Ein solches Verständnis von Sozialer Gruppe würde ihr eine integrative (oder disruptive) Funktion zuweisen, durchaus im Anschluss an das Verständnis der frühen Soziologie von Gruppe als Mittlerposition zwischen Individuum und Gesellschaft.

10 Quellenangaben

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Engelmeier, Hanna, David Kuchenbuch und Timo Luks, 2019. Die Gruppe: Zur Geschichte und Theorie eines folgenreichen Konzepts. In: Mittelweg 36. 28/29(6), S. 3–21. ISSN 0941-6382

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König, Oliver und Karl Schattenhofer, 2022. Einführung in die Gruppendynamik. 11. Auflage Heidelberg: Carl Auer. ISBN 978-3-8497-0344-8

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Verfasst von
Dr. phil. habil. Oliver König
Studium der Pädagogik, Soziologie und Psychologie an den Universitäten Köln und Ann Arbor, Michigan (USA); Promotion in Soziologie (Frankfurt a. M.) und Habilitation in angewandter Sozialwissenschaft (Kassel). Trainer für Gruppendynamik in der Deutschen Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsdynamik (DGGO), Supervisor (Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching), Heilpraktiker (Psychotherapie). Tätigkeit in eigener Praxis in Training, Supervision, Beratung und in der Lehre. Langjähriger Leiter der Sektion Gruppendynamik im DAGG. 2000–2007 Mitherausgeber der Zeitschrift Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik. Mitglied im Editorial Board der Zeitschrift Familiendynamik. Diverse Veröffentlichungen.
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Zitiervorschlag
König, Oliver, 2023. Soziale Gruppe [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 16.05.2023 [Zugriff am: 20.05.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/10848

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