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Soziale Gruppenarbeit

Michael Behnisch, Gudrun Maierhof

veröffentlicht am 22.10.2020

Abkürzung: SGA

Englisch: social groupwork

Soziale Gruppenarbeit bildet neben der Einzelfallhilfe und der Gemeinwesenarbeit eine der drei klassischen Methoden bzw. Arbeitsformen der Sozialen Arbeit und meint die pädagogische und sozialarbeiterische Tätigkeit mit Adressat*innen Sozialer Arbeit in professionell gestalteten Gruppenzusammenhängen. Im Rahmen dieser Methode wird die soziale Gruppe zum Ort und Medium von Hilfe und Unterstützung sowie von Erziehungs- und Bildungsprozessen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Geschichte und Entwicklung
  3. 3 Dimensionen sozialer Gruppenarbeit
  4. 4 Gestaltung und Leitung von sozialen Gruppen
    1. 4.1 Erste Aufgabe: Vorbereitung des Gruppensettings
    2. 4.2 Zweite Aufgabe: Wahrnehmen und Beobachten
    3. 4.3 Dritte Aufgabe: Steuerung im Sinne eines dynamischen Balancierens
    4. 4.4 Vierte Aufgabe: Berücksichtigung und Gestaltung von Phasen im Gruppenprozess
    5. 4.5 Fünfte Aufgabe: Berücksichtigung von Dynamiken im Gruppenprozess
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

In den meisten Praxisfeldern der Sozialen Arbeit spielt die soziale Gruppenarbeit eine bedeutsame Rolle, denn viele Angebote finden in mehr oder weniger festen Gruppenzusammenhängen statt und dies nicht nur in der Kinder- und Jugendhilfe. Soziale Gruppenarbeit gilt daher bis heute neben der Einzelfallhilfe und der Gemeinwesenarbeit als eine systematisch-grundlegende Handlungsform in der Sozialen Arbeit. Unter professioneller Leitung können Menschen sich in und durch eine soziale Gruppe entwickeln, wachsen, reifen, heilen und sich bilden. Dieser Definition folgend wird deutlich, dass sich die Bedeutung sozialer Gruppenarbeit auf alle Altersgruppen, Zielgruppen sowie auf alle Handlungsschwerpunkte, unter anderem Bildung, Erziehung, Re-Sozialisation oder auch die Beratung der Sozialen Arbeit bezieht. Sie reicht in diesem Verständnis weit über die nach § 29 SGB VIII (Sozialgesetzbuch Achtes Buch) kodifizierte soziale Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen hinaus.

Der Begriff der Gruppenpädagogik hingegen wird (traditionell) zumeist dann verwendet, wenn der erzieherische Aspekt von Gruppenangeboten hervorgehoben werden soll (Schiller 1997, S. 292; Schrapper 2009; Schmidt-Grunert 2009, S. 58). Innerhalb des historischen Diskurses um soziale Gruppenarbeit hat die Unterscheidung zwischen sozialer Gruppenarbeit für Erwachsene auf der einen Seite und Gruppenpädagogik auf der anderen Seite ein „begriffliches Wirrwarr“ mit sich gebracht und zu unterschiedlichen Begriffsauslegungen geführt (Maierhof 2018, S. 591). Im Folgenden wird soziale Gruppenarbeit als eine Handlungsform definiert, in der eine soziale Gruppe für Kinder und Jugendliche und für Erwachsene zum Ort und Medium von Hilfe und Unterstützung sowie von Erziehung und Bildung werden kann. Da Gruppenprozesse oft hochkomplex und intransparent sind, muss soziale Gruppenarbeit professionell und reflektiert durchgeführt werden. Für die Leitung sozialer Gruppen sind damit anspruchsvolle Aufgaben verbunden.

2 Geschichte und Entwicklung

Die historischen Wurzeln der sozialen Gruppenarbeit reichen bis in das 19. Jahrhundert zurück und sind eng mit der Entwicklung der Social group work in den USA verbunden. Dabei lassen sich insbesondere vier Traditionslinien identifizieren (Galuske 2013).

  1. Die Jugendbewegung, die um 1900 die Gruppe als Ort der gegenseitigen Bildung und Erziehung entdeckt.
  2. Die Reformpädagogik, in der die Gruppe zum Medium der Erziehung avanciert.
  3. Die Settlement-Bewegung, in der die Gruppe im Rahmen von Nachbarschaftshilfe zum Ort der gemeinsamen Unterstützung wird.
  4. Die Kleingruppenforschung in den USA, die vor allem in den 1930er- und 1940er-Jahren die Gruppen erstmals systematisch erforscht und vor allem mit den Namen Kurt Lewin und Jacob L. Moreno verbunden ist. In Europa ist es der britische Psychoanalytiker Wilfred R. Bion, der im Übrigen maßgeblich an der Entwicklung der Gruppenanalyse beteiligt ist, der die dynamischen Prozesse in Gruppen in den Fokus rückt und in den 1940er-Jahren die sozioemotionalen Prozesse in Gruppen erforscht (Bion 1990).

Nach 1945 sind es vor allem die sogenannten „visiting experts“, die aktuelle Diskurse über die US-amerikanische Social group work nach Deutschland bringen. Die „visiting experts“ reisen im Rahmen eines Austauschprogrammes des amerikanischen Außenministeriums nach Deutschland und spielen für die Professionalisierung und die Methodenentwicklung in den Folgejahren eine nicht unerhebliche Rolle.

Eine der „visiting experts“ ist Gisela Konopka, die als Jüdin aus Deutschland fliehen musste und in Pittsburgh Social group work studiert hat. In vielen Städten Deutschlands gibt sie ab 1950 Workshops und führt in die soziale Gruppenarbeit ein. „In ihrem Konzept wird die Gruppe zum zentralen Medium der Einübung von Demokratie(Maierhof 2018, S. 593). Parallel dazu werden ab 1946 gegründete Jugendleiterschulen (z.B. Vlotho, Haus am Rupenhorn, Wannseeheim) als Ausbildungsstätten mit dem Ziel demokratischer Erziehung gegründet. 1949 wird das Haus Schwalbach im Taunus eröffnet, das schnell zum zentralen Schulungsort für Gruppenleiter*innen und Multiplikator*innen sozialer Gruppenarbeit avanciert. 1950 erscheinen unter der Leitung von Magda Kelber die Schwalbacher Blätter (Behnisch, Lotz und Maierhof 2013, S. 65–69). Zahlreiche Bücher zum Thema erscheinen, und die Diskurse um soziale Gruppenarbeit erreichen in den 1960er-Jahren einen Höhepunkt.

Doch bereits mit Beginn der 1970er-Jahre wird die Methode einer grundlegenden Kritik unterzogen: Sie gilt als amerikanischer Methodenimport, der die gesellschaftspolitischen Dimensionen pädagogischen Handeln außer Acht lassen würde und stattdessen eine gesellschaftlich affirmative, „systemgerechte Sozialisation(Behnisch, Lotz und Maierhof 2013, S. 34 f.) anstrebe. In den 1980er-Jahren verschwindet die Gruppenarbeit zunehmend aus den Curricula der (hochschulischen) Ausbildungsstätten bzw. wird durch eine psychologisch-therapeutische Ausrichtung überformt. Der Methode gelang es in den Folgejahren nur unzureichend, eine Brücke zu aktuellen Theorien und Konzepten Sozialer Arbeit zu schlagen – anders als die Gemeinwesenarbeit in ihren Konzepten um Sozialraum- und Lebensweltorientierung oder die Einzelfallhilfe, in der die Durchsetzung individueller, flexibler Hilfen oder Diskurse um Case Management stattfinden.

In den vergangenen Jahren haben sich die Publikationen zur sozialen Gruppenarbeit allerdings wieder erhöht, und insgesamt scheint dieser Handlungsform als Ort der Subjektwerdung wieder mehr Aufmerksamkeit zuteil zu werden (u.a. Behnisch 2014, S. 38 f.). Die Gruppe als Sozialisations- und Übungsraum erhält eine größere Bedeutung angesichts von veränderten Lebensbedingungen, in denen beispielsweise Entscheidungen stets aufs Neue reflektiert werden müssen. Auch hinsichtlich der öffentlichen Diskussion um zivilgesellschaftliches Engagement und Einübung von demokratischen Lebensformen gewinnt die Gruppe an Relevanz: Demokratie-Lernen funktioniert zunächst und vornehmlich in Gruppenzusammenhängen. Ferner ist davon auszugehen, dass die Bedeutung von Peergruppen zunimmt, insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe, da immer mehr junge Menschen einen größeren Zeitraum in pädagogischen (Gruppen-)Kontexten verbringen.

3 Dimensionen sozialer Gruppenarbeit

Soziale Gruppenarbeit lässt sich konzeptionell in vier Dimensionen beschreiben, und diese lassen sich gleichsam generell als Bestimmungselemente sozialer Gruppen ausmachen. Dazu gehören:

  1. die individuelle Entwicklung und Einzigartigkeit des Subjekts
  2. soziale Beziehungen, Interaktionen und Dynamiken in sozialen Gruppen
  3. Sach- und Inhaltsaspekt in pädagogisch-öffentlichen Settings
  4. der umgebende Kontext.

Unter diesem konzeptionellen Blickwinkel kann soziale Gruppenarbeit als allgemeiner und unverzichtbarer pädagogischer Ansatz für die Sozialisation und Individuation der*des Einzelnen (Behnisch, Lotz und Maierhof 2013, S. 18) begründet werden.

Der Blick der ersten Dimension richtet sich auf die individuelle Entwicklung und Einzigartigkeit des Subjekts. Daher gilt es in sozialer Gruppenarbeit zur subjektiven Entwicklung und zur Ausbildung von Eigensinn beizutragen und dieses auch – angesichts der Dominanz kollektiver Gruppeninteressen in pädagogischen Institutionen – stets neu zu verteidigen. Unter pädagogischer Leitung soll soziale Gruppenarbeit ermöglichen, Konflikte zu moderieren und Selbstwirksamkeit im Spiegel der Gruppe unmittelbar erfahren zu können (Böhnisch 2017, S. 25). Soziale Gruppenarbeit ermöglicht es, dass die Gruppe für das einzelne Mitglied zu einem wichtigen Resonanzraum werden kann, um Individualität, Einzigartigkeit, Anerkennung und Selbstwirksamkeit auszubilden.

Die zweite Dimension schließt daran an und fragt nach den sozialen Beziehungen, Interaktionen und Dynamiken in sozialen Gruppen. Subjektivität nämlich findet ihre Resonanz in sozialer Gemeinschaft, und ohne die Entfaltung der sozialen Kräfte von Gruppen – auf die menschliche Entwicklung existentiell angewiesen ist – kommt die Entwicklung der*des Einzelnen nicht in Gang. Gleichzeitig wird die betreffende Person mit ihren Beiträgen zum Medium der interaktionellen Dynamik. Der interaktionelle Raum einer Gruppe gewinnt Einfluss auf Solidarität und Zugehörigkeit und gemeinsame Normentwicklung.

Stand in den bisherigen Dimensionen die Verschränkung von individueller Entwicklung und gruppendynamischen Beziehungen im Vordergrund, so hebt die dritte Dimension den Sach- und Inhaltsaspekt in pädagogisch-öffentlichen Settings hervor: Soziale Gruppenarbeit verfolgt inhaltliche Ziele, die zumeist in das Bildungs- und Erziehungsgeschehen eingebunden sind. Die inhaltsbezogene Aufgabenstruktur weist über die subjektive und intersubjektive Dimension hinaus: Lerninhalte in der Jugendbildungsarbeit, die Planung einer gemeinsamen Freizeit der Heim-Wohngruppe oder zu lösende Konflikte in einer sozialpsychiatrischen Tagesgruppe sind Beispiele für ein solches inhaltsbezogenes Bildungs- und Aneignungsgeschehen, das soziale Gruppenarbeit auszeichnet.

Eine vierte Dimension kann den bisherigen Betrachtungen hinzugefügt werden: Auf das Geschehen in sozialer Gruppenarbeit wirkt der umgebende Kontext ein. Rahmenfaktoren sind

  • gesellschaftliche Einflüsse
  • kulturelle Anforderungen
  • ökonomische Rahmen
  • gesellschaftliche Mentalitäten
  • Bedingungen der Institution mit ihren Aufträgen, Strukturen, Kooperationen, Finanzierungen, Regeln, Routinen, Setting, Räumen, etc. (Hansbauer, Merchel und Schone 2020, S. 110 ff.).

Diese Faktoren setzen jene Hinterbühne, in Bezug auf die das pädagogisch konkrete Handeln in sozialer Gruppenarbeit nur zu verstehen ist und gibt dem jeweiligen Gruppenangebot seine Gestalt (Edding 2009). Der Rahmen ist also ein kontextueller Wirkfaktor für das Geschehen, das sich im Zusammenspiel von Individuen, interaktionellen Beziehungen und den Inhalten ereignet. Diese Wirkungsgröße kann erheblichen Einfluss auf das interaktionelle und prozessuale Geschehen gewinnen. Aber auch eine Wechselwirkung ist erkennbar: Die Subjekte als Gruppen bleiben in Teilhabe und Gestaltung des sozialen Umfeldes handlungsfähig, wodurch soziale Gruppenarbeit daraus eine inhaltliche Aufgabe im Sinne einer Entwicklung emanzipatorischer Praxis gewinnen kann (Behnisch 2020, S. 637).

Soziale Gruppenarbeit ist konzeptionell gesehen also eine professionelle Maßnahme Sozialer Arbeit, die von der gleichgewichtigen Bedeutsamkeit individueller, interaktioneller, inhaltlicher und kontextueller Dimensionen ausgeht und in ihrer Gestaltung auf deren balancierte Wechselwirkung setzt. Die vier Dimensionen sind im Prozessgeschehen gleichermaßen bedeutsam (Behnisch, Lotz und Maierhof 2013, S. 19 f.). In den Worten von Schütz kann soziale Gruppenarbeit verstanden werden als Handlungsweise vor dem Hintergrund institutionell-professioneller Kontextbedingungen, welche „die Gruppe als Ort und Medium sowohl individueller als auch sozialer Reifung betrachtet […] und […] die Förderung subjektiver Entfaltungsmöglichkeiten und kooperativer Interaktionen in der Auseinandersetzung mit einer Sachaufgabe zu verbinden sucht“ (Schütz 1989, S. 136).

4 Gestaltung und Leitung von sozialen Gruppen

Die Anforderungen an die Gestaltung und Leitung von sozialer Gruppenarbeit sind vielfältig: „Die Leitung muss den Gruppenprozess beobachten, begleiten, steuern und ggf. intervenieren, wenn etwas diesen Prozess behindert“ (Maierhof 2018, S. 596). In Anlehnung an Spiegel (2018) lassen sich die generellen Kompetenzen unterscheiden zwischen

  • Wissen
  • Können
  • Haltung.

Auf der Kompetenzebene des Wissens ist eine Auseinandersetzung mit Theorien und Konzepten sozialer Gruppenarbeit notwendig, etwa Wissen über Phasierungen in Gruppen, Dynamiken, Konstellationen oder Positionen in Gruppen (Rubner und Rubner 2016). Nur ein durch Theorien und Handlungskonzepte gestützter Umgang mit Gruppen kann sicherstellen, dass Gruppenarbeit nicht zufällig oder nebenbei stattfindet (Hartwig, Kanz und Schone 2010), sondern geleitet und reflektiert: Eine pädagogische Tätigkeit in Gruppen ist nämlich noch nicht zwangsläufig eine geplante und reflektierte Gruppenarbeit.

Die Dimension des Könnens stellt die Ebene der Gestaltung von Gruppenprozessen in den Fokus. Gemeint ist damit vor allem die „gekonnte“ Anwendung von Arbeitstechniken, Gesprächsführungselementen und konkreten Interventionsformen, denn die spezifischen Dynamiken, Konstellationen und Phasen in Gruppen erfordern besondere Leitungsinterventionen.

Bei der Dimension der Haltung steht die Person der Gruppenleitung mit ihrer beruflichen Haltung im Mittelpunkt. Dessen Reflexion beinhaltet das Nachdenken über berufliche und vor allem ethische Wertestandards sowie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leitungsstil, der je nach Gruppe variieren kann. Nach Geldard und Geldard (2003, S. 91) setzt sich der Leitungsstil aus drei Elementen zusammen:

  1. der Stil, der im Laufe der Sozialisation erworben wurde
  2. der Stil im Kontext der eigenen und institutionellen theoretisch-konzeptionellen Ausrichtung
  3. der Stil, der sich aus dem speziellen Setting (Zielgruppe, Aufträge) ergibt.

Im Folgenden werden zusammenfassend fünf Aufgaben der Gruppenleitung vorgeschlagen, die veranschaulichen sollen, was eine Fachkraft berücksichtigen muss, wenn sie soziale Gruppen leiten und durchführen möchte.

4.1 Erste Aufgabe: Vorbereitung

Soziale Gruppenarbeit bedarf einer gründlichen Planung und beginnt daher lange vor dem ersten Treffen. Da Gruppen im Rahmen Sozialer Arbeit in professionelle Rahmenbedingungen eingebunden sind und nicht zufällig entstehen, sind sie geprägt von den Institutionen mit ihren Bedingungen, etwa hinsichtlich der personellen, räumlichen, konzeptionellen Ausrichtung oder der Finanzierung und Kooperationen. Darüber hinaus wird soziale Gruppenarbeit beeinflusst durch kulturelle, ökonomische und soziale Kontexte, die als „gesellschaftliche Mainstreams“ bis auf die konkrete Gruppenarbeit durchwirken können, etwa die gesellschaftlichen Sichtweisen auf Geschlechterverhältnisse, Sexualität, Gesundheit, Migration oder auf das, was als „soziales Problem“ gilt. Daneben existieren noch weitere Einflussfaktoren, die im Vorfeld einer Gruppenarbeit bedacht werden müssen. Zu diesen zählen u.a.

  • die mögliche Vorgeschichte einer Gruppe
  • der Grad der Gruppenverpflichtung
  • die Auswahl der Mitglieder
  • die Zusammensetzung der Gruppe
  • die Gruppengröße
  • die Orte und Räume
  • die Frage, ob es sich um eine geschlossene oder offene Gruppe handelt.

4.2 Zweite Aufgabe: Wahrnehmen und Beobachten

Die menschliche Wahrnehmung ist subjektiv und selektiv. Für Fachkräfte bedeutet diese Tatsache, „dass der selektive und subjektive Charakter jeder Wahrnehmung als Begrenzung des eigenen Verstehens berücksichtigt werden muss“ (Maierhof 2018, S. 598). Damit ist zugleich klar, dass das Verstehen sozialer Wirklichkeit vor allem über die Reflexion zugänglich(er) gemacht werden kann. Verschiedene Effekte sind im Rahmen einer Gestaltung von Gruppen zu berücksichtigen, die unsere Wahrnehmung, Deutung und Interpretation von Geschehnissen in Gruppen beeinflussen: Vorwissen, Sympathie oder Antipathie, Fokussierung auf Schlüsselsituationen, Übertragungsphänomene, die eigene Lebensgeschichte mit ihren Erfahrungen oder fachliche Interpretationsmuster können dazugehören. Nur mittels einer kontinuierlichen Reflexion kann eine möglichst professionelle, d.h. mehrperspektivische und methodisch kontrollierte Wahrnehmung von Gruppenprozessen gesichert werden.

4.3 Dritte Aufgabe: Dynamisches Balancieren

Ausgehend von den vier Dimensionen sozialer Gruppenarbeit besteht eine weitere Leitungsaufgabe darin, diese Dimensionen in einer Balance zu halten: Die interaktionelle, die individuelle, die kontextuelle und die inhaltliche Ebene sind – freilich je nach spezifischer Gruppensituation – gleichwertig zu beachten, um den Interessen der*des Einzelnen, der Gesamtgruppe, der institutionellen Bedingungen sowie des inhaltlichen (Bildungs-)Themas gerecht zu werden. Allerdings sind auch Situationen vorstellbar, z.B. Störungen oder auch Konflikte, in denen der Fokus für eine gewisse Zeit auf eine der Dimensionen gelegt werden muss. Insgesamt aber spielt die Balance der unterschiedlichen Ebenen eine bedeutsame Rolle für den Gruppenprozess. Der Wechsel zwischen den einzelnen Dimensionen bildet, wie Ruth Cohn, die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion, dies einmal formulierte, die „treibende Kraft für die Lebendigkeit“ einer Gruppe (zit. n. Behnisch, Lotz und Maierhof 2013, S. 221).

Die dynamische Balance der Dimensionen trägt dazu bei, dass verschiedene Entwicklungsbereiche sozialer Gruppenarbeit professionell gestaltet werden können (König und Schattenhofer 2016, S. 34 ff.). Dazu gehören die Herausforderung und das Bedürfnis der Teilnehmer*innen, Zugehörigkeit zu entwickeln. Ein zweiter Bereich bezieht sich für jede Gruppe auf den konstitutiven Umgang mit Macht – zwischen den Gruppenmitgliedern sowie mit Blick auf die Gruppenleitung und den umgebenden institutionellen Kontext. Der dritte Bereich schließlich fokussiert auf die Gestaltung von Nähe und Distanz.

4.4 Vierte Aufgabe: Berücksichtigung und Gestaltung von Phasen

Gruppenprozesse und Verläufe in Gruppen sind komplex. Um diese Komplexität in den Blick zu bekommen, sind in der Vergangenheit zahlreiche Modelle entwickelt worden, um die spezifischen Phasen in Gruppen zu beschreiben. Diese fokussieren darauf, dass sich in Gruppenprozessen oft wiederkehrende Phänomene zeigen – auch wenn davon auszugehen ist, dass Phasen nicht idealtypisch verlaufen. In jedem Fall sollte die Fachkraft Phasen und Konstellationen „deuten und verstehen lernen, um den Entwicklungsstand einer Gruppe analysieren und ggf. ihre Interventionen danach ausrichten zu können“ (Maierhof 2018, S. 599).

Bruce Tuckman hat 1965 das Modell eines fünfphasigen Ablaufs in Gruppen entwickelt. Bis heute werden Prozessabläufe in Gruppen häufig entlang von fünf Phasen beschrieben (König und Schattenhofer 2016, S. 60ff; Rubner und Rubner 2016, S. 155ff; Schmidt-Grunert 2009, S. 174ff; Behnisch 2020, S. 324 f.).

  1. Die erste Phase meint den Eintritt in eine Gruppe mit der Orientierung an Personen, Regeln und Normen. Da diese häufig von Unsicherheit und Überforderung geprägt ist, kann es zu überangepasstem Verhalten kommen (Hartwig, Kanz und Schone 2010, S. 87f; Finger-Trescher 2012, S. 228).
  2. Die zweite Phase ist geprägt durch die Versuche, die eigene Rolle zu finden und die Kontrolle über das eigene Verhalten zu erlangen. Dies führt nicht selten zu Machtkämpfen, Streit und Widerstand zwischen den Gruppenmitgliedern.
  3. In der dritten Phase
  4. sowie der vierten Phase kommt es typischerweise zu einer stärkeren Zusammenarbeit, Vertrautheit und Konsolidierung innerhalb der Gruppe. Tuckmann spricht daher von der Vertragsphase bzw. von der Arbeitsphase (Stahl 2007). Die dritte Phase bezeichnet dabei die Vertragsphase, weil sich in ihr die Gruppe auf Regeln und Ziele der Zusammenarbeit verständigt. In der vierten Phase (Arbeitsphase) hingegen arbeitet die Gruppe an jenen Zielen und versucht, die gestellten Aufgaben zu bewältigen (Maierhof 2018, S. 599 f.).
  5. Die fünfte Phase schließlich ist durch eine – nicht selten konflikthafte – Trennung gekennzeichnet, in der es auch um die Zusammenfassung und Bewertung des Erreichten geht.

In jeder Phase übernimmt die Gruppenleitung spezifische Gestaltungsaufgaben, wie etwa das Wahrnehmen und Moderieren von Konflikten und Positionskämpfen in der zweiten Phase. In der Arbeitsphase hingegen steht die Begleitung des Arbeitsprozesses innerhalb der Gruppe im Mittelpunkt. In der Trennungsphase geht es darum, Raum für die sehr unterschiedlichen Gefühle der Teilnehmer*innen zu schaffen.

4.5 Fünfte Aufgabe: Berücksichtigung von Dynamiken

Insbesondere psychoanalytisch ausgerichtete Gruppenmodelle betonen die – zum Teil auch unbewusste – Beziehungsdynamik in Gruppen. Vor dem Hintergrund biografischer Muster und Rollenzuweisungen werden vorherige Beziehungserfahrungen in Gruppen reinszeniert. Rubner und Rubner (2016) haben dazu Verhaltensweisen, Gefühle, Phantasien und Wünsche beschrieben, die in den verschiedenen Phasen auftreten können. Dabei spielen insbesondere Übertragungen eine bedeutsame Rolle. Bei der Übertragung werden Affekte, Erlebnisse und Konflikte, die eigentlich einer anderen Person gelten, auf ein anderes Mitglied der Gruppe übertragen und dort mobilisiert. Die Projektion beschreibt wiederum das „Hineinlegen“ eigener emotionaler Anteile (z.B. Wut, Hilflosigkeit, Unsicherheit) in die Gefühlswelt einer*eines anderen (Trescher 2012, S. 176).

Wilfred Bion hat als erster eine Systematik von Gruppenprozessen erarbeitet, die neben der Ebene der bewussten, rationalen und sachorientierten Dimension (Arbeitsgruppe) auch die sogenannten „Grundannahmen“ aufgreift, die „Ausdruck irrationaler und dem Bewusstsein nicht gegenwärtiger Inhalte“ darstellen (Bion 1990, S. 104 ff.). Sie können Hinweise bilden auf Ängste oder Befürchtungen, wenn Menschen sich in einer Gruppe befinden. Bion hat drei Formen der Grundannahmen bestimmt, die zugleich drei Phasen im Gruppenprozess abbilden:

  1. die Phase der abhängigen Gruppe
  2. die Phase der Kampf-Flucht-Gruppe
  3. die Phase der Paarbildungs-Gruppe.

Die erste Phase beschreibt zugleich die Anfangsphase, in der es zu Fixierungen auf die Gruppenleitung kommen kann, verbunden mit Übertragungsphänomenen oder Rollenzuschreibungen. Die zweite Phase ist geprägt durch Konflikte, Positionierung und Wettbewerb der Gruppenmitglieder untereinander. In der Phase Kampf-und-Flucht wird das Bestreben der Gruppe nach Autonomie deutlich. Zudem ist es auch der Versuch, Gruppennormen festzulegen. Die Paarbildungs-Phase umfasst nach Bion im Wesentlichen die Arbeits- und Konsolidierungsphase. Die Aufgabe der Gruppenleitung besteht zumeist darin, die Arbeit an den Inhalten zu moderieren, die spezifischen Konstellationen im Blick zu behalten und auf Störungen im Arbeitsprozess zu achten (Bion 1990, S. 106 ff.).

Soziale Gruppenarbeit muss aufgrund der komplexen Prozesse professionell und reflektiert durchgeführt werden. Für die Leitung sind damit anspruchsvolle Aufgaben verbunden. Auch aus diesem Grund wäre es wünschenswert, dass soziale Gruppenarbeit hinsichtlich ihrer Konzepte, Techniken und Kompetenzformen innerhalb von Profession und Disziplin noch stärkere Berücksichtigung findet.

5 Quellenangaben

Behnisch, Michael, 2020. Die Bedeutung von Gruppendynamik und Gruppenprozessen für die Inobhutnahme. In: Fachgruppe Inobhutnahme, Hrsg. Handbuch Inobhutnahme. Frankfurt am Main: IGfH-Eigenverlag, S. 319–329. ISBN 978-3-947704-03-3

Behnisch, Michael, Walter Lotz und Gudrun Maierhof, 2013. Soziale Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-1961-2 [Rezension bei socialnet]

Bion, Wilfred, 1990. Erfahrungen in Gruppen und andere Schriften. Frankfurt am Main: Fischer-Verlag. ISBN 978-3-596-42322-4

Böhnisch, Lothar, 2017. Sozialpädagogik der Lebensalter. 7. Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-2186-8 [Rezension bei socialnet]

Edding, Cornelia, 2009. Die Umwelt von Gruppen – Kontextorientierung und Kontextsteuerung. In: Cornelia Edding und Karl Schattenhofer, Hrsg. Handbuch: Alles über Gruppen. Weinheim: Beltz Juventa, S. 467–503. ISBN 978-3-4073-6465-4

Finger-Trescher, Urte, 2012. Grundlagen der Arbeit mit Gruppen – Methodisches Arbeiten im Netzwerk der Gruppe. In: Mario Muck und Hans Georg Trescher, Hrsg. Grundlagen der psychoanalytischen Pädagogik. 2. Auflage. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 205–236. ISBN 978-3-8980-6070-7

Galuske, Michael, 2013. Methoden der Sozialen Arbeit: Eine Einführung. 10. Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-1447-1 [Rezension bei socialnet]

Geldard, Kathryn und David Geldard, 2003. Helfende Gruppen: Eine Einführung in die Gruppenarbeit mit Kindern. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-407-55991-3 [Rezension bei socialnet]

Hansbauer, Peter, Joachim Merchel und Reinhold Schone, 2020. Kinder- und Jugendhilfe: Grundlagen, Handlungsfelder, professionelle Anforderungen. Kohlhammer: Stuttgart. ISBN 978-3-17-033503-5

Hartwig, Luise, Christine Kanz, Reinhold Schone und Internationale Gesellschaft für Erzieherische Hilfen, 2010. Pädagogische Prozesse in Regelgruppen der stationären Heimerziehung – ein Praxisforschungs- und -entwicklungsprojekt. In: Dies., Hrsg. Gruppenpädagogik in der Heimerziehung. Frankfurt am Main: IGfH-Eigenverlag, S. 43–134. ISBN 978-3-925146-74-9 [Rezension bei socialnet]

König, Oliver und Karl Schattenhofer, 2016. Einführung in die Gruppendynamik. 8. Auflage. Carl-Auer-Verlag: Heidelberg. ISBN 978-3-8497-0172-7 [Rezension bei socialnet]

Maierhof, Gudrun, 2018. Soziale Gruppenarbeit. In: Gunther Graßhoff, Anna Renker und Wolfgang Schröer, Hrsg. Soziale Arbeit: Eine elementare Einführung. Wiesbaden: Springer VS, S. 589–603. ISBN 978-3-658-15665-7 [Rezension bei socialnet]

Rubner, Angelika und Eike Rubner, 2016. Unterwegs zur funktionierenden Gruppe: Die Gestaltung von Gruppenprozessen mit der Themenzentrierten Interaktion. Gießen: Psychosozial Verlag. ISBN 978-3-8379-2579-1 [Rezension bei socialnet]

Schiller, Heinrich, 1997. Soziale Gruppenarbeit in Deutschland. Persönliche Erinnerungen und Erfahrungen. In: Georg Nebel und Bernd Woltmann-Zingsheim, Hrsg. Werkbuch für das Arbeiten mit Gruppen: Texte und Übungen zur Sozialen Gruppenarbeit. Aachen: Kersting, S. 277–327. ISBN 978-3-928047-19-7

Schmidt-Grunert, Marianne, 2009. Soziale Arbeit mit Gruppen. 3. Auflage. Freiburg: Lambertus. ISBN 978-3-7841-1909-0 [Rezension bei socialnet]

Schrapper, Christian, 2009. Die Gruppe als Mittel der Erziehung. In: Cornelia Edding und Karl Schattenhofer, Hrsg. Handbuch: Alles über Gruppen. Weinheim: Beltz Juventa, S. 186–208. ISBN 978-3-4073-6465-4

Spiegel, Hiltrud von, 2018. Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. 6. Auflage. Stuttgart: Verlag UTB GmbH. ISBN 978-3-8252-8746-7 [Rezension bei socialnet]

Stahl, Eberhard, 2007. Dynamik in Gruppen: Handbuch zur Gruppenleitung. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-27610-8 [Rezension bei socialnet]

Trescher, Hans Georg, 2012. Handlungstheoretische Aspekte in der Psychoanalytischen Pädagogik. In: Mario Muck und Hans Georg Trescher, Hrsg. Grundlagen der psychoanalytischen Pädagogik. 2. Auflage. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 167–203. ISBN 978-3-8980-6070-7

6 Literaturhinweise

Naumann, Thilo Maria, 2014. Gruppenanalytische Pädagogik: Eine Einführung in Theorie und Praxis. Gießen: Psychosozial-Verlag. ISBN 978-3-8379-2247-9 [Rezension bei socialnet]

Schlapobersky, John R., 2016. From the Couch to the Circle: Group-Analytic Psychotherapy in Practice. New York: Routledge. ISBN 978-0-415-67219-1

AutorInnen
Prof. Dr. Michael Behnisch
Professor für Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Prof. Dr. Gudrun Maierhof
Professorin für Methoden und Geschichte der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit mit Gruppen und pädagogischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Gruppenanalytikerin (in Ausbildung) am Seminar für Gruppenanalyse Zürich (SGAZ)
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Zitiervorschlag
Behnisch, Michael und Gudrun Maierhof, 2020. Soziale Gruppenarbeit [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 22.10.2020 [Zugriff am: 18.06.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Soziale-Gruppenarbeit

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