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Soziale Inklusion

Prof. Dr. Heike Niemeyer

veröffentlicht am 06.04.2024

Der Begriff „Soziale Inklusion“ behandelt soziale bzw. gesellschaftliche Fragestellungen des Einbezogenseins in Lebenssituationen. Die Vielfalt dieser zeigt sich in unterschiedlichen Perspektiven und Handlungsräumen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Dimensionen von Inklusion
  3. 3 Verwendung der Begriffe Inklusion und Integration
    1. 3.1 Begrifflichkeiten
    2. 3.2 Bedeutung in der Praxis
    3. 3.3 Separierende und integrative Inklusion
  4. 4 Soziologische Standpunkte
    1. 4.1 Ansatz von Niklas Luhmann
    2. 4.2 Ansatz von Pierre Bourdieu
    3. 4.3 Ansatz von Martha Nussbaum
  5. 5 Gegenstand der Sozialforschung
  6. 6 Sozialpolitischer Auftrag
    1. 6.1 Beispiel: Social Inclusion (EU)
    2. 6.2 Beispiel: Jugendhilfeportal (Deutschland)
    3. 6.3 Beispiel: Nationaler Aktionsplan 2.0 (Deutschland)
  7. 7 Auftrag an die Soziale Arbeit
  8. 8 Quellenangaben
  9. 9 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Inklusion“ kann allgemein als eine verlässliche strukturelle Aufnahmebereitschaft und in Abgrenzung dazu „Integration“ als die konkrete soziale Einbindung von Personen in soziale Zusammenhänge verstanden werden. Grundlegend können die unterschiedlichen Definitionen und Interpretationen des Begriffs „Soziale Inklusion“ anhand verschiedener soziologischer Theorien veranschaulicht werden. Diese geben einen Einblick in die Vielschichtigkeit und Komplexität der Diskussion um soziale Inklusion aus soziologischer und philosophischer Sicht.

In Europa wurden infolge der Weltwirtschaftskrise in den 1970er-Jahren vermehrt Fragen der Armut, anhaltenden Arbeitslosigkeit und Einkommensungleichheit diskutiert, was u.a. zur Entstehung einer allgemeinen Ungleichheitsforschung führte. Mit Blick auf Soziale Inklusion betont der sogenannte Lebenslagenansatz die Wechselwirkungen verschiedener Funktionssysteme, wie Bildung, Arbeit, Gesundheit, Politik etc. Im sozialpolitischen Kontext stellen sich Art und Ausmaß erwünschter sozialer Inklusion als Ergebnis eines Prozesses gesellschaftlichen Diskurses zu sozialem Zusammenhalt und sozialer Gerechtigkeit dar. Mit besonderem Augenmerk auf benachteiligte bzw. vulnerable Gruppen gibt es unterschiedliche Strategien der Sozialen Inklusion.

In diesen Zusammenhängen spielen der Sozialstaat und die Profession der Sozialen Arbeit eine zentrale Rolle. Letztere deckt ein breites Spektrum von Handlungsbereichen ab und erfüllt sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Funktionen, indem sie unterstützt, berät und begleitet, um soziale Inklusion zu fördern und dabei auch das gesellschaftliche System zu schützen.

2 Dimensionen von Inklusion

Der Begriff Inklusion bedeutet zunächst Einschluss bzw. Eingeschlossensein und ist in zahlreichen Wissenschaften wie der Geologie, Mathematik oder Medizin ebenso geläufig wie in der Bildungswissenschaft, Sozialwissenschaft, Soziologie oder Politologie. Als „Soziale Inklusion“ kann zunächst das Eingeschlossen- oder Einbezogensein in soziale (gesellschaftliche) Zusammenhänge verstanden werden. Je nach Perspektive und Handlungsraum wird der Begriff „Soziale Inklusion“ allerdings unterschiedlich definiert. So gilt es zunächst, Inklusion von verwandten Begriffen, insbesondere Integration, abzugrenzen.

Gesellschaftstheorien fokussieren allgemein die Beziehungen von Individuen und Gesellschaften sowie gesellschaftliche Entwicklungsprozesse, während die Sozialforschung konkrete gesellschaftspolitische Fragen zur Sozialen Inklusion beispielsweise im Zusammenhang mit der Armuts- und Ungleichheitsforschung, Migration oder Menschen mit Behinderungen in den Blick nimmt.

Die Sozialforschung steht dabei in enger Beziehung zur Sozialpolitik: Auf der einen Seite werden Problemlagen aufgezeigt, normative Debatten ausgelöst und sozialpolitischer Handlungsbedarf angeregt. Auf der anderen Seite dient insbesondere die empirische Sozialforschung u.a. auch dazu, die Wirksamkeit getroffener sozialpolitischer Entscheidungen bzw. Strategien zu prüfen.

Mit Blick auf die konkrete Umsetzung sozialpolitischer Maßnahmen ist schließlich die Soziale Arbeit in vielfältigen Handlungsbereichen und Funktionen mit Fragen der Sozialen Inklusion befasst.

3 Verwendung der Begriffe Inklusion und Integration

3.1 Begrifflichkeiten

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird „Integration“ oft im Bereich der Migrationspolitik verwendet und „Inklusion“ in den Bereichen Armut und Behinderung. Der konkrete Begriff „Soziale Inklusion“ wird wiederum insbesondere im Kontext von Armut und entsprechenden Exklusionsprozessen verwendet, während im Zusammenhang mit Behinderung der Terminus „Inklusion“ ohne den Zusatz „sozial“ gebraucht wird. Auch hierbei handelt es sich um Fragen der sozialen Inklusion, die der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) folgend alle (sozialen) Lebensbereiche umfassen.

Entgegen dieser nicht systematischen Unterscheidung nach Sachzusammenhang beschreibt beispielsweise Stichweh (2016, S. 65) Integration als einen „Begriff für die wechselseitige Passung der Elemente eines sozialen Systems“. Hier kann sowohl ein Zustand als auch die Bemühung um Integration gemeint sein; beides setzt allerdings Inklusion als grundlegende Bedingung im Sinne einer Adressierung der Personen im jeweiligen sozialen System voraus. Kastl (2017, S. 228) konkretisiert diese Perspektive von Inklusion:

„Man könnte auch formulieren, dass der jeweilige gesellschaftliche Zusammenhang von vorne herein mit den jeweiligen Personen oder Personenkategorien ‚rechnet‘, auf sie prinzipiell eingerichtet und eingestellt ist“.

Integration beschreibt demgegenüber die konkrete soziale Zugehörigkeit einer Person zu einer Gemeinschaft.

3.2 Bedeutung in der Praxis

Nach Kastl (2017, S. 233 f.) sind in der praktischen Umsetzung verschiedene Szenarien denkbar, bei denen Inklusion und Integration auseinanderfallen: In einer inklusiv ausgestalteten Schule werden Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam unterrichtet. Diese Tatsache sagt aber noch nichts darüber aus, ob die Kinder mit Behinderungen sozial in die Klassengemeinschaft eingebunden, also integriert, sind, und wie die Qualität der konkreten Teilhabe an den Bildungsprozessen für das einzelne Kind aussieht. Auch der andere Fall ist möglich: So kann beispielsweise eine geflüchtete Jugendliche aktuell sehr gut gesellschaftlich integriert sein, z.B. freundschaftliche Beziehungen in Nachbarschaft, Schule und Sportverein pflegen. Allerdings fehlt ggf. die verlässliche strukturelle Einbeziehung in die Gesellschaft (Inklusion) mit Blick auf einen langfristigen Aufenthaltstitel über das 18. Lebensjahr hinaus.

3.3 Separierende und integrative Inklusion

Stichweh konnotiert Inklusion unter Bezugnahme der „Inklusion in“ bzw. „Exklusion aus“ Funktionssystemen (Luhmann 2005) in anderer Weise:

  1. separierende Inklusion: Für bestimmte Personengruppen werden besondere Subsysteme geschaffen, wie Behindertensport oder besondere Förderklassen (Stichweh 2016, S. 67). Im Rahmen der Debatten um die UN-BRK wird in diesem Zusammenhang allerdings von (aus dem allgemeinen System) exkludierenden Angeboten gesprochen.
  2. integrative Inklusion: Die jeweilige Personengruppe wird in die allgemeinen Systeme einbezogen, zum Beispiel Schüler:innen mit Behinderungen in Regelklassen. Hier kann Inklusion und Integration somit uno actu vollzogen werden (ebd.). Wird Integration im Sinne der oben genannten Beispiele allerdings als tatsächliches Einbezogensein der einzelnen Person verstanden, schafft die „integrative Inklusion“ lediglich die Option hierzu.

4 Soziologische Standpunkte

Kuhlmann, Mogge-Grotjahn und Balz (2018) zeigen mit Blick auf Inklusion bzw. Exklusion anhand ausgewählter Theorien, wie unterschiedliche Ausgangspunkte und Fokussierungen andere Definitionen bzw. Betrachtungsebenen von sozialer Inklusion nach sich ziehen. Deutlich wird hier zudem, dass die sozialpolitische Bewertung der Möglichkeiten und Zielvorstellung von sozialer Inklusion von jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Normen und Werten abhängt und sich im historischen Verlauf verändern kann. Ohne vertiefend auf einzelne Theorien und die kritischen soziologischen Diskurse hierzu einzugehen, geben die beispielhaft ausgewählten Kurzdarstellungen einen groben Überblick über die Vielschichtigkeit und zeigen, dass soziale Inklusion aus soziologischer bzw. philosophischer Perspektive höchst unterschiedlich definiert und interpretiert werden kann.

4.1 Ansatz von Niklas Luhmann

Nach dem systemtheoretischen Ansatz von Niklas Luhmann besteht die Gesellschaft der Moderne aus verschiedenen sozialen Systemen, beispielsweise das Rechts-, Wirtschafts-, Erziehungs-, Gesundheitssystem oder Systeme der Politik oder Wissenschaft. Luhmann grenzt die Systemtheorie von Theorien ab, die insbesondere auf die Arbeitsteilungslehre Bezug nehmen und damit einhergehend auf der Basis von Rollen und entsprechenden Zuschreibungen argumentierten (z.B. Émile Durkheim und Max Weber). Die grundlegende Idee Luhmanns ist, „die Differenzierung der Gesellschaft als Systemdifferenzierung oder als Reproduktion von Unterschieden zwischen Systemen und Umwelt innerhalb der Gesellschaft“ zu beschreiben und „nicht nur als Spezialisierung von Rollen“ (Luhmann 2005, S. 18 f.).

Personen können nach seiner Theorie nicht in alle Systeme einer Gesellschaft inkludiert, aber auch nicht vollständig exkludiert sein. So werden diejenigen, die aus einem System exkludiert sind (z.B. dem ersten Arbeitsmarkt) in einem anderen System inkludiert (z.B. System der Transferleistungen). Zu bemerken ist, dass Exklusion einen Zustand der Nicht-Zugehörigkeit zu einem gesellschaftlichen Teilsystem beschreibt, wobei es sich bei Inklusion/​Exklusion um wertfreie Kategorien handelt, die lediglich „das Verhältnis von Individuen und der nach Funktionssystemen differenzierten Gesellschaft reflektieren“ (Breuer 2013, S. 220).

4.2 Ansatz von Pierre Bourdieu

Pierre Bourdieu beschäftigt sich dagegen mit der Frage der sozialen Exklusion und somit indirekt mit der – in diesem Fall fehlenden – sozialen Inklusion in wertender Form. Nach seiner Auffassung folgte mit Abschaffung der ständischen Gesellschaftsordnung zwar eine rechtliche Gleichstellung, keineswegs aber eine ökonomische, soziale oder kulturelle – die bestehenden Klassen(-unterschiede) sind seiner Auffassung nach geblieben. Hier geht es also nicht um die bloße (Nicht-)Teilnahme an bestimmten Systemen, sondern vielmehr um die Zugehörigkeit zu Klassen, beschrieben durch Bestand an Kapital und den damit verbundenen hohen oder eben niedrigen Chancen für einen Klassenaufstieg.

Von besonderer Bedeutung sind für Bourdieu neben ökonomischem Kapital insbesondere auch soziales und kulturelles Kapital, wobei letzteres vor allem über den Bildungsstand ablesbar ist (Kuhlmann, Mogge-Grotjahn und Balz 2018, S. 37). Seiner Auffassung nach wird Klassenzugehörigkeit über den jeweiligen Habitus bestimmt, der, wenn überhaupt, nur ausgesprochen mühsam erlernt werden kann.

Bourdieu et al. (1997) beschäftigen sich besonders mit Personengruppen in prekären Verhältnissen und beschreiben anhand unterschiedlicher Beispiele, wie sich Exklusionsprozesse reproduzieren oder verstärken können. Bourdieu legt somit eine Theorie vor, nach der soziale Inklusion in kapitalistischen Systemen – vor allem für Personen in prekären Verhältnissen – nur schwer bis unmöglich zu erreichen ist.

4.3 Ansatz von Martha Nussbaum

Martha Nussbaum setzt bei ihren Überlegungen zu Inklusion bei den Menschenrechten und damit am Individuum an. Der anthropologischen Grundannahme folgend, dass jeder Mensch über ein bestimmtes Fähigkeitspotenzial verfügt, welches es zu entfalten gilt, beschreibt sie zentrale menschliche Fähigkeiten, die ihrer Auffassung nach universell gelten und ohne die kein „der Menschenwürde gemäßes Leben“ (Nussbaum 2010, S. 114) möglich wäre. Mit dem Capability Approach verbindet sie die menschlichen Fähigkeiten mit der staatlichen Verantwortung, die Entfaltung dieser Fähigkeiten zu ermöglichen bzw. zu unterstützen. Mit dieser Forderung sind systematische Benachteiligungen oder Ausschlüsse von bestimmten Personengruppen aufgrund welcher Merkmale auch immer (z.B. Geschlecht, Behinderung, Religionszugehörigkeit, Herkunft …) strikt zu vermeiden (Kuhlmann, Mogge-Grotjahn und Balz 2018, S. 44 ff.).

So liegt auch hier eine Wertung des Begriffs Inklusion vor. In ihren weiteren Arbeiten stellt Nussbaum zudem einen Bezug zu Fragen der Gerechtigkeit her. In ihrem Werk „Grenzen der Gerechtigkeit“ setzt sie sich intensiv mit anderen Theorien (z.B. von Rawls 2006) auseinander. Zu bemerken ist in diesem Zusammenhang, dass sie nicht gleichberechtigte, vernunftbegabte Individuen, die Kontrakte schließen können, voraussetzt, sondern argumentiert, dass für die Schaffung gleicher Bedingungen gesellschaftlich Sorge zu tragen sei. Sie fokussiert also auf ungleiche Voraussetzungen, die es auszugleichen gilt. Hier kann ein Bezug zu den Studien zu sozialer Ungleichheit Bourdieus hergestellt werden.

5 Gegenstand der Sozialforschung

Insbesondere bedingt durch die Weltwirtschaftskrise in den 1970er-Jahren wurden in Europa zunehmend Fragen der Armut, verstetigter Arbeitslosigkeit und Einkommensungleichheit diskutiert. Entsprechend standen im gesellschaftspolitischen und auch wissenschaftlichen Diskurs zunächst insbesondere diese Themen im Vordergrund. In der nachfolgenden Zeit entwickelte sich daraus eine allgemeinere Ungleichheitsforschung, bei der Exklusionsprozesse in unterschiedlichen Bereichen in den Blick genommen wurden.

In diesem Zusammenhang kann der Lebenslagenansatz genannt werden, bei dem unterschiedliche Systeme, wie Bildung, Arbeit, Gesundheit, Politik und Gesellschaft interdependent wirken. Die Schlüsselrolle von Bildung in Bezug auf die Teilhabe am Arbeitsleben, auf den gesundheitlichen Status sowie auf die kulturelle und politische Teilhabe kann dabei empirisch gezeigt werden (Lampert et al. 2021; Allmendinger und Nikolai 2006). So gilt in einem „mehrdimensional angelegten Verständnis von Armut und sozialer Ausgrenzung […] das Ausmaß, in dem Einzelne oder bestimmte Gruppen an der Gestaltung von Politik und Gesellschaft partizipieren, jeweils für sich schon als Gradmesser der gesellschaftlichen Inklusion“ (Engels 2004, S. 24).

In diesen Forschungszusammenhängen geht es insbesondere darum, die sozialen Lebenslagen von unterschiedlichen Personengruppen aufzuzeigen und mögliche Zusammenhänge darzustellen.

„Dies umfasst sowohl die Analyse von kritischen Soziallagen, Marginalisierungsphänomenen, Rassismus und Ausgrenzungsprozessen als auch die Entwicklung und Verfestigung von Partizipations- und Teilhabemöglichkeiten sowie Chancengerechtigkeit in der Gegenwartsgesellschaft“ (Bozey 2023, S. VI).

6 Sozialpolitischer Auftrag

Im Kontext der Sozialpolitik geht es um konkrete Gestaltungsfragen des sozialen Miteinanders. Dabei kann soziale Inklusion als Ergebnis eines Prozesses verstanden werden, der seinen Anfang in der Debatte um sozialen Zusammenhalt und soziale Gerechtigkeit nimmt: Mit Blick auf sozialen Zusammenhalt beschreibt Kronauer (2010, S. 227) Exklusion als Bruch von Interdependenzbeziehungen, welcher sowohl zu einem Problem für das betroffene Individuum als auch zu einem gesellschaftlichen Problem der Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts werden kann.

Soziale Gerechtigkeit kann durch das Verhältnis der drei normativen Ziele – Gleichheit, Freiheit und Sicherheit – beschrieben werden. Je nachdem, welches der drei Ziele stärker betont wird, definiert sich soziale Gerechtigkeit unterschiedlich (Niemeyer und Schwarzwälder 2022, S. 228 f.). Dies führt zu Entscheidungen, welche sozialpolitischen Maßnahmen als gerechtfertigt und notwendig angesehen werden, soziale Ungleichheit präventiv oder kurativ auszugleichen. Der Capability Approach setzt hier beispielsweise klar auf die Prävention durch Chancengerechtigkeit im Sinne der Herstellung möglichst gleicher Ausgangsbedingungen (Wiebe 2021).

Im Rahmen sozialpolitischer Strategien stehen besonders benachteiligte Gruppen in unterschiedlichen Feldern im Fokus, wie die folgenden Beispiele zeigen.

6.1 Beispiel: Social Inclusion (EU)

Insbesondere vor dem Hintergrund der Globalisierungsauswirkungen und einer zunehmend wissensbasierten Wirtschaft bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit in den 2000er-Jahren wurde die Strategie Social Inclusion vom Rat der Europäischen Union verabschiedet. Ein wichtiger Baustein war, den sozialen Zusammenhalt in der Europäischen Union zu verbessern und hierbei besonderes Augenmerk auf Exklusionsprozesse aufgrund von Armut zu legen, wobei explizit auch die Aspekte Gender und Migration berücksichtigt werden sollten (Council of the European Union 2002). Hiervon ausgehend wurden in den Folgejahren die Strategien angepasst – mit Blick auf Soziale Inklusion wurden sie ausgeweitet und eng mit Fragen der Sozialen Sicherung verknüpft.

6.2 Beispiel: Jugendhilfeportal (Deutschland)

Strategien zur Sozialen Inklusion in Deutschland finden sich beispielsweise auf dem Jugendhilfeportal. Konzepte unterschiedlicher Handlungsfelder werden auf verschiedenen staatlichen Ebenen gelistet, die zum einen altersübergreifend auch erwachsene Personen betreffen und zum anderen speziell auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet sind. Zentrale Handlungsfelder sind Schulbildung und berufliche Ausbildung, die eine Schlüsselrolle bei der Sozialen Inklusion spielen. Der Fokus liegt hier auf Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Familien, aus Familien mit Fluchthintergrund sowie mit Behinderungen.

6.3 Beispiel: Nationaler Aktionsplan 2.0 (Deutschland)

Mit Blick auf die Inklusion von Menschen mit Behinderungen kann der Nationale Aktionsplan 2.0 als Beispiel genannt werden. Dieser enthält die Strategie der Bundesregierung zur Erreichung von Inklusion, getrennt nach 13 Teilhabefeldern, welche von Bildung, Arbeit und Beschäftigung über Wohnen, Mobilität und Freizeitgestaltung bis hin zur Bewusstseinsbildung reichen, mit gesonderten Kapiteln für die spezifischen Belange von Kindern und Jugendlichen, Frauen sowie älteren Menschen (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2016). Auch die Bundesländer, teilweise Kommunen und weitere Organisationen haben entsprechende Aktionspläne entwickelt.

7 Auftrag an die Soziale Arbeit

In modernen Gesellschaften mit einer Fülle unterschiedlicher Funktionssysteme (Bildung, Arbeit, Kultur, Freizeit, Politik, Gesundheit, Ehrenamt …) geht es nicht darum, dass alle Gesellschaftsmitglieder zu jeder Zeit in alle Systeme vollständig einbezogen sind: Allerdings sind einige – zumindest in den meisten modernen Gesellschaften – grundlegend, etwa ärztliche (Notfall-)Versorgung oder das Rechtssystem mit seinen bürgerlichen Rechten und Pflichten. Andere verändern sich im Lebensverlauf, beispielsweise das Funktionssystem Arbeit, oder sind prinzipiell optional, wie ehrenamtliches und politisches Engagement.

Freiwillige Exklusion aus bestimmten Funktionssystemen (z.B. im Bereich Freizeit, Kultur und Sport) ist aus gesellschaftlicher Sicht unproblematisch und bedarf keiner Intervention. Dies gilt allerdings nicht für unfreiwillige Exklusion aus den genannten Funktionssystemen und nicht für Funktionssysteme, die als gesellschaftlich relevant angesehen werden. Zudem ist Soziale Inklusion in vielen Funktionssystemen gesellschaftlich erwünscht, kann aber von Personengruppen aufgrund bestimmter Problemlagen (Armut, Bildungsferne, Flucht, Migration, Behinderung …) ggf. nicht ohne entsprechende Maßnahmen erreicht werden.

„An dieser Problemstelle kommt der Staat als Wohlfahrtsstaat ins Spiel, der Inklusionsvermittlung und Inklusionsbeförderung als eine seiner zentralen Aufgaben identifiziert“ (Stichweh 2016, S. 67).

Die Soziale Arbeit ist somit „eine Profession des Wohlfahrtsstaats“ (ebd.) und kommt in nahezu allen Bereichen zum Einsatz, in denen Soziale Inklusion gesellschaftlich erwünscht ist. Sie ist aber auch in nicht-inklusiven, sondern separierenden oder bewusst exkludierenden Systemen, beispielsweise in besonderen Wohnformen oder im Strafvollzug, zu finden. So sind die Handlungsbereiche und Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit entsprechend dem ausdifferenzierten gesellschaftlichen System ausgesprochen breit angelegt (Bieker und Niemeyer 2022).

Neben der inhaltlichen Aufstellung übernimmt die Soziale Arbeit verschiedene gesellschaftliche Funktionen (Bieker 2021, S. 40 ff.), die durch das doppelte Mandat beschrieben werden: So ist sie zum einen den jeweiligen Personen oder Personenkreisen verpflichtet und agiert hier mit Blick auf Soziale Inklusion und im Sinne von Empowerment begleitend, beratend und unterstützend. Zum anderen handelt Soziale Arbeit im öffentlichen Auftrag und somit auch zum Schutz des bestehenden gesellschaftlichen Systems.

8 Quellenangaben

Allmendinger, Jutta und Rita Nikolai, 2006. Bildung und Herkunft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte [online]. 44-45/2006, S. 32–38 [Zugriff am: 15.09.2023]. ISSN 0479-611X. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/29445/​bildung-und-herkunft/,

Bieker, Rudolf, 2022. Was ist Soziale Arbeit? – Eine Einführung in Gegenstand und Funktion. In: Carola Kuhlmann, Heiko Löwenstein, Heike Niemeyer und Rudolf Bieker, Hrsg. Soziale Arbeit: Das Lehr- und Studienbuch für den Einstieg. Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 15–64. ISBN 978-3-17-039266-3

Bieker, Rudolf und Heike Niemeyer, 2022. Träger, Arbeitsfelder und Zielgruppen der Sozialen Arbeit. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer. ISBN 978-3-17-041959-9 [Rezension bei socialnet]

Bourdieu, Pierre et al., Hrsg., 1997. Das Elend der Welt: Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: UVK, Univ.-Verl. Konstanz. ISBN 978-3-87940-568-8

Bozey, Kemal, 2023. Inklusion, Exklusion und Soziale Arbeit – Eine thematische Rahmung. In: Boris Friele, Mehmet Kart, David Kergel, Jens Rieger, Bärbel Schomers, Katrin Sen, Martin Staats und Patrick Trotzke, Hrsg. Soziale Arbeit und gesellschaftliche Transformation zwischen Exklusion und Inklusion: Analysen und Perspektiven. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH – Springer VS, S. V-VI. ISBN 978-3-658-41470-2

Breuer, Marc, 2013. Inklusion und Exklusion – zwischen Sozialtheorie und sozialpolitischer Semantik. In: Benjamin Benz, Günter Rieger, Werner Schönig und Monika Többe-Schukalla, Hrsg. Politik Sozialer Arbeit: Band 1: Grundlagen, theoretische Perspektiven und Diskurse sozialpolitischer Semantik. Weinheim, Basel: Beltz Juventa, S. 219–284. ISBN 978-3-7799-2869-0 [Rezension bei socialnet]

Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Hrsg., 2016. „Unser Weg in eine inklusive Gesellschaft“: Nationaler Aktionsplan 2.0 der Bundesregierung zur UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) [online]. Berlin: Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2016 [Zugriff am: 13.03.2024]. Verfügbar unter: https://www.gemeinsam-einfach-machen.de/SharedDocs/​Downloads/DE/AS/NAP2/NAP2.pdf?__blob=publicationFile&v=3

Council of the European Union, 2002. Fight against poverty and social exclusion: common objectives for the second round of National Action Plans – Endorsement [online]. 14164/1/02 REV 1. Brüssel: Council of the European Union, 25.11.2002 [Zugriff am: 25.11.2023]. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/employment_social/​social_inclusion/docs/counciltext_en.pdf

Engels, Dietrich, 2004. Armut, soziale Ausgrenzung und Teilhabe an Politik und Gesellschaft [online]. Köln: Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik, 11.2024 [Zugriff am: 06.09.2023]. Verfügbar unter: https://www.bmas.de/SharedDocs/​Downloads/DE/Publikationen/​forschungsprojekt-a343-armut-soziale-ausgrenzung-und-teilhabe.pdf?__blob=publicationFile&v=2,

Kastl, Jörg Michael, 2017. Einführung in die Soziologie der Behinderung [online]. 2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. ISBN 978-3-658-04053-6. Verfügbar unter: doi:10.1007/978-3-658-04053-6

Kronauer, Martin, 2010. Exklusion: Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. Frankfurt a.M.: Campus-Verlag. ISBN 978-3-593-39176-2 [Rezension bei socialnet]

Kuhlmann, Carola, Hildegard Mogge-Grotjahn und Hans-Jürgen Balz, 2018. Soziale Inklusion: Theorien, Methoden, Kontroversen. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer. ISBN 978-3-17-030807-7 [Rezension bei socialnet]

Lampert, Thomas, Jens Hoebel, Benjamin Wachtler, Stephan Müters und Niels Michalski, 2021. Bildung als Ressource für Gesundheit. In: Statistisches Bundesamt, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), Projektgruppe „Das Sozio-ökonomische Panel“, Hrsg. Datenreport 2021 - Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland [online]. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 10.03.2021 [Zugriff am: 15.09.2023]. ISBN 978-3-8389-7209-1. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/kurz-knapp/​zahlen-und-fakten/​datenreport-2021/​gesundheit/​330123/​bildung-als-ressource-fuer-gesundheit/

Luhmann, Niklas, 2005. Einführung in die Theorie der Gesellschaft. Heidelberg: Carl-Auer Verlag. ISBN 978-3-89670-477-1

Niemeyer, Heike und Timo Schwarzwälder, 2022. Rechtliche und sozialpolitische Fundamente. In: Carola Kuhlmann, Heiko Löwenstein, Heike Niemeyer und Rudolf Bieker, Hrsg. Soziale Arbeit: Das Lehr- und Studienbuch für den Einstieg. Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 213–250. ISBN 978-3-17-039266-3

Nussbaum, Martha Craven, 2010. Die Grenzen der Gerechtigkeit: Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit. Berlin: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-58554-2

Rawls, John, 2006. Gerechtigkeit als Fairneß: ein Neuentwurf. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-29404-8

Stichweh, Rudolf, 2016. Inklusion und Exklusion: Studien zur Gesellschaftstheorie. 2. erweiterte Auflage. Bielefeld: transcript. ISBN 978-3-8376-2294-2 [Rezension bei socialnet]

Wiebe, Lilija, 2021. Capability Approach [online]. Bonn: socialnet, 03.05.2021 [Zugriff am: 15.09.2023]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/​Capability-Approach

9 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. Dr. Heike Niemeyer
Hochschule Niederrhein
Fachbereich Sozialwesen
„Soziale Dienste und Einrichtungen, Sozialverwaltung"
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