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Soziales Panorama

Dr. Ludger Brüning

veröffentlicht am 17.01.2020

Soziales Panorama bezeichnet ein Modell zur umfassenden, dreidimensionalen Erfassung, Analyse und Veränderung sozialer Beziehungen mittels imaginativer Verfahren. Die wörtliche Übersetzung wird in anderen europäischen Sprachen teilweise auch zur Bezeichnung von Sozialstatistiken benutzt, die im Deutschen eher mit dem weiteren Begriff des Gesellschaftspanoramas bezeichnet werden.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Anwendungsbereiche
  3. 3 Formen des Sozialen Panoramas
    1. 3.1 Grundannahmen
    2. 3.2 Komponenten (Personifikationen)
  4. 4 Die individuelle Entwicklung des Sozialen Panoramas
    1. 4.1 Ordnungsprinzipien
    2. 4.2 Problematische Positionen
    3. 4.3 Mögliche Interventionen
      1. 4.3.1 Ressourcentransfer
      2. 4.3.2 Verschiebung von Positionen
  5. 5 Anknüpfungspunkte und Forschung
    1. 5.1 Anknüpfungspunkte in Sozialpsychologie und NLP
    2. 5.2 Anregungen und Abgrenzungen von Hellingers Familienaufstellung
    3. 5.3 Weitere Erforschung von Modell und mentalem Raum
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Das Modell Soziales Panorama wurde von dem niederländischen Sozialpsychologen und NLP-Forscher Lucas Derks seit 1993 entwickelt. Es entstand aus dem Versuch, Sozialpsychologie und Neuro-Linguistisches Programmieren (NLP) miteinander zu verbinden bzw. NLP auf soziale Kontexte auszuweiten, und hat Berührungspunkte mit Aufstellungsarbeit, Mehrgenerationenarbeit, ressourcenorientierter Trancearbeit und hypnosystemischer Veränderungsarbeit. Grundlegend war für Derks die Entdeckung, dass soziale Beziehungen mental räumlich abgespeichert werden. Die Art der Abspeicherung im so entstehenden „mentalen Raum“ charakterisiert die Bedeutung, Chancen und Einschränkungen von Beziehungen zu Einzelpersonen, Gruppen und Großgruppen. Dies wurde zum Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen, denen sich die von ihm mitbegründete Society for Mental Space Psychology widmet.

2 Anwendungsbereiche

Die Spannweite möglicher Anwendungsfelder reicht vom Coaching über Teambildung und Großgruppenintegration bis zur Therapie. Am häufigsten wird es eingesetzt bei Beziehungsproblemen zu Familienmitgliedern und KollegInnen. Weitere Themen sind unter anderem: Identität und Selbstbild, Autorität, Dominanz und Unterwürfigkeit, spirituelle Besessenheit, Ausgrenzung und Integration (Derks 2018a, S. 21 f., 98 f., 106 ff., 113 ff., 264 ff., 141 ff.).

3 Formen des Sozialen Panoramas

Das Soziale Panorama umfasst sämtliche sozialen Beziehungen im weitesten Sinne:

  • das Selbst-Panorama als Panorama der Persönlichkeitsanteile (im engeren Sinn) (Derks 2018a, S. 100 f.)
  • das Familienpanorama (ebd., S. 201)
  • das um weitere soziale Beziehungen erweiterte Soziale Panorama (ebd., S. 42)
  • Panoramen spezieller sozialer Kontexte, wie etwa das Verhandlungspanorama einer VerhandlungsführerIn (ebd., S. 137 f.)
  • das spirituelle Panorama (ebd., S. 256)

3.1 Grundannahmen

Für die Arbeit mit dem Sozialen Panorama gelten sechs Grundannahmen:

  • Beziehung ist gleich Verortung. Die Verortung im mentalen Raum definiert die Beziehung. Dabei spielen die Richtung und die Entfernung vom Selbst eine besondere Rolle (Derks 2018a, S. 47).
  • Das Soziale Panorama ist die primäre Repräsentation. Sie ist die grundlegende Art, wie wir soziale Beziehungen repräsentieren und beeinflusst nachhaltig unser Handeln (ebd., S. 47 f.).
  • Personifikationen lassen sich nur durch einen Wechsel ihrer Submodalitäten (Verortungen) oder durch Übertragung neuer Ressourcen verändern. Eine Personifikation kann systemisch nicht gelöscht werden. Sie kann aber verändert und verbessert werden (ebd., S. 65 f.).
  • Repräsentation dominiert Interaktion. Aus den sozialen Bildern, die Menschen sich machen, resultiert die Art, wie sie miteinander umgehen (ebd., S. 112).
  • Das Gesetz der dominanten Personifikation. Der Mensch wird stets vom stärksten sozialen Bild, also von der Personifikation mit den stärksten Detaileigenschaften (Submodalitäten) beherrscht. Das Selbstbild variiert mit dem Kontext. Ein Ungleichgewicht zwischen den eigenen Submodalitäten und denen anderer Personifikationen, wie zum Beispiel bei Fällen von Dominanz oder bei Autoritätsproblemen, kann bearbeitet werden, indem auf beide Seiten eingewirkt wird (ebd., S. 131 ff.).
  • Die magische Wirkung einseitiger Veränderung. Eine Beziehung kann auch dadurch geändert werden, dass nur mit einer Person gearbeitet wird. Die Veränderung der mentalen Repräsentation eines Menschen bewirkt eine Veränderung der Einstellung und des Verhaltens ihm gegenüber, wodurch auch dessen Haltung uns gegenüber beeinflusst wird (ebd., S. 134).

3.2 Komponenten (Personifikationen)

Das Soziale Panorama ist weitgehend unbewusst, kann aber durch Leitfragen erschlossen werden. Eine Einstiegsfrage könnte etwa sein:

„Stellen Sie sich noch einmal das Bild des Menschen vor, den Sie lieben. Schließen Sie einen Moment die Augen, um sich besser zu konzentrieren.

Falls Sie mit der Qualität des Bildes, das Sie sehen, nicht einverstanden sind oder falls Sie überhaupt nichts bemerkt haben, tun Sie einfach so, als hätten Sie etwas bemerkt. Tun Sie so, als hätten Sie das Bild gesehen.

Dann bestimmen Sie, an welchem Ort Sie diesen lieben Menschen im Verhältnis zu Ihnen selbst sehen. Notfalls genügt eine ungefähre Schätzung.

Und nun denken Sie an irgend jemanden, zu dem Sie eine neutrale Beziehung haben: ein Nachbar, ein Verkäufer im Laden an der Ecke, ein Kollege, den Sie nicht allzu gut kennen. Stellen Sie diese neutrale Person in ihrer Phantasie genau an den Ort, wo Sie vorhin Ihren liebsten Menschen gesehen haben. Was geschieht?“ (Derks 2018a, S. 20 f., vgl. ebd., S. 45, 47, 51.)

Anknüpfend an die Wahrnehmung kann durch weitere Fragen das individuelle Soziale Panorama erschlossen werden. Konkrete Einzelerinnerungen spielen dabei eine nachgeordnete Rolle.

Das Soziale Panorama basiert auf einem dezidiert konstruktivistischen Wirklichkeitsverständnis, nachdem der/die Einzelne nicht unmittelbar auf „die Wirklichkeit“ bzw. auf „wirkliche Personen“ reagiert, sondern auf Repräsentationen. Diese entstehen durch Verallgemeinerungen von Erfahrungen, repräsentieren also keine konkreten, individuellen Erinnerungsbilder, sondern sind dekontextualisiert. Verkürzt gesagt: Menschen machen sich Bilder von Menschen und werden von diesen bei ihren Handlungen und Reaktionen geleitet und beeinflusst. Danach sind letztlich alle Mitglieder des Sozialen Panoramas Konstrukte und als solche internalisierte Persönlichkeitsanteile der jeweiligen Person (Derks 2018a, S. 33). Als Konstrukte sind sie veränderbar.

Die Repräsentationen der Mitglieder des Sozialen Panoramas werden als „Personifikationen“ bezeichnet. Es lassen sich fünf Arten von Personifikationen unterscheiden:

  • Selbstpersonifikationen: Repräsentationen des Selbst oder seiner Teile
  • sogenannte „Ander-Personifikationen“: Repräsentationen von (anderen) lebenden Menschen
  • Gruppenpersonifikationen: Repräsentationen von Gruppen oder sozialen Systemen
  • metaphorische Personifikationen: Repräsentationen von nicht-menschlichen und nicht-spirituellen Entitäten, die wie Personen behandelt werden (auf die also der literarische Terminus der Personifikation anwendbar wäre)
  • spirituelle Personifikationen: Repräsentationen sozialer Entitäten, die keine lebenden Menschen sind, also von Verstorbenen, Geistern oder Göttern (Derks 2018a, S. 32).

Die ersten vier Arten von Personifikationen können sich im Sozialen Panorama im engeren Sinn zeigen, spirituelle Personifikationen sollten sich nur im Spirituellen Panorama zeigen. Sonst sind sie ein Thema für Veränderungsarbeit, wie etwa der Trauerarbeit.

4 Die individuelle Entwicklung des Sozialen Panoramas

Das Soziale Panorama ist keine statische, sondern eine dynamische Größe. Es unterliegt stetigen Veränderungen und Anpassungen. Als erstes entsteht ein Selbstbild, dass nie „eine stabile Entität und auch niemals voll bewußt ist“ (Derks 2018a, S. 90). Selbstgefühle werden zur Voraussetzung für „Ander-Gefühle“: „Da wir nicht wirklich ‚fühlen‘ können, was andere fühlen, müssen wir die Gefühle der anderen erfinden, um unsere Ander-Personifikationen zu vervollständigen.“ (ebd., S. 34) So entstehen Personifikationen als Zuschreibungen eigener Wahrnehmungen und Selbstbewusstheit (ebd., S. 31).

In der Familie beginnt die Entwicklung des sozialen Selbst. Es entsteht ein Familienpanorama und mit der Familienpersonifikation, dem „Geist der Familie“, auch die erste Gruppenpersonifikation (Derks 2018a, S. 103). Dadurch, dass die Familienmitglieder darüber kommunizieren, wie man die Familie sehen sollte, beeinflussen sie gegenseitig ihre bildlichen Vorstellungen. Die entstehenden Ähnlichkeiten bilden das kollektive Familienpanorama (ebd., S. 196).

Jedes Entwicklungsstadium hat ein zugehöriges Soziales Panorama (Derks 2018a, S. 60), wobei von der Familiensituation der Kindheit ein prägender Einfluss auf die Persönlichkeit ausgeht: „Wie immer die Prägung aussehen mag, stets wird sie die Zahl der Gestaltungen einschränken, die eine Persönlichkeit annehmen kann. Und irgendwann um die Lebensmitte machen sich diese Einschränkungen bei den meisten Menschen störend bemerkbar. Eine nachträgliche Veränderung des Kindheits-Familienpanoramas bietet der Persönlichkeit aber die Chance, sich in neuen Formen zu entfalten. Generell darf man sagen, daß das Bild der Herkunftsfamilie, auch nachdem die Person das Elternhaus verlassen hat, immer verbessert werden kann“ (ebd., S. 235).

4.1 Ordnungsprinzipien

Art und Bedeutung der Repräsentationen (Personifikationen) wird durch spezifische Detaileigenschaften (Submodalitäten) charakterisiert. Diese lassen teilweise universelle Muster erkennen, zeigen aber auch individuelle (idiosynkratische) Formen (Derks 2018a, S. 227). Als vorherrschendes Ordnungsprinzip zeigt sich eine mentale Topografie, der „mentale Raum“, dessen Gliederung weitgehend evident zu sein scheint (ebd., S. 55 f.): „Das Soziale Panorama eines Menschen besteht aus allen mentalen Repräsentationen, die seine Landkarte der sozialen Welt darstellen. Meist erleben wir diese als eine Art Landschaftspanorama. Im Mittelpunkt steht das Selbst: es ist der Ausgangspunkt. Rund um das Selbst stehen die Bilder aller Individuen und Gruppen, die für die betreffende Person von Bedeutung sind. Zu einigen blickt man auf, andere befinden sich auf gleicher Höhe, wieder andere sind etwas weiter unten angesiedelt“ (ebd., S. 20). Nähe und Ferne kommen die größten Bedeutungen zu, sodass sich eine persönliche „Proximitätsskala“ ergibt (ebd., S. 57): Um das Selbstbild ein intimer Kreis. In diesem „vertrauten Kreis“ hat jeder seinen bestimmten Platz (ebd., S. 42). In ihm sind die engeren Familienmitglieder verortet: die EhepartnerIn, die Kinder (ebd., S. 201) und die Eltern (ebd., S. 231). Angehörige finden sich zwischen diesem Kreis und der neutralen Distanz (ebd., S. 232). Es folgt ein weiterer Raum, in dem weniger vertraute Personen lokalisiert sind, die noch als Individuen erkennbar, aber oft zu Clustern gruppiert sind. Hier finden sich Freunde, KollegInnen und NachbarInnn. Dann folgt ein äußerer Bereich mit Gruppenpersonifikationen (ebd., S. 42).

Als weitere Detaileigenschaften (Submodalitäten) neben der Entfernung können sich unter anderem zeigen:

  • vorne/​direkt vorne/​hinten (Derks 2018a, S. 58)
  • vertikal im Verhältnis zum Horizont als Augenniveau (Größe) – Ausdruck von Selbstwert, Unterschied von Lebenden und Verstorbenen (ebd., S. 20, 58 f.)
  • horizontal – links/​rechts als Unterscheidung von gut/böse oder freundlich/​unangenehm (ebd., S. 59)
  • Helligkeit – hell/dunkel als wertende Charakterisierung von Bewunderung und Ablehnung, oft im Zusammenhang mit links/​rechts (ebd., S. 59 f.)
  • Farbe (ebd., S. 20)
  • Temperatur – warm und kalt für positiv und negativ (ebd., S. 60)
  • Bilokation (Doppelposition) – ambivalente Beziehung (ebd., S. 60)
  • Orientierung – Blickrichtung der Personifikationen (ebd., S. 61)
  • Cluster – Ansammlung und Verallgemeinerung von Personifikationen zu einer Gruppenpersonifikation (ebd., S. 61)

Das jeweilige Soziale Panorama kann assoziiert oder dissoziiert (distanziert von außen) betrachtet werden. Über eine Regression auf jüngere Alterststufen können auch die Sozialen Panoramen früherer Entwicklungsstufen analysiert und bearbeitet werden (Derks 2018a, S. 60 f.).

Als offenkundige Muster gelten:

  • die Entfernung zum Selbst signalisiert die Intensität der Gefühle
  • beisammenstehende Personifikationen werden als zusammengehörig erlebt
  • stehen sich Personifikationen im vertrauten Kreis gegenüber, bedeutet dies Liebe, stehen sie sich außerhalb des vertrauten Kreises gegenüber, haben sie einen Konflikt
  • Personifikationen, die sich den Rücken zuwenden, haben die Kommunikation abgebrochen
  • Personifikationen mit der gleichen Blickrichtung leben miteinander in Frieden
  • stehen Personifikationen hinter anderen und sind sie diesen zugewandt, dann unterstützen sie diese
  • die Größe signalisiert den Status (Derks 2018a, S. 227 f.)

4.2 Problematische Positionen

Hinweise auf Belastungen ergeben sich unter anderem:

  • wenn Personifikationen abgewandt stehen (Konflikt, Wunsch, die Familie zu verlassen) (Derks 2018a, S. 231, 232)
  • wenn Personifikationen von Familienmitgliedern in großer Distanz stehen (Ausschluss, Isolation) (ebd., S. 232)
  • wenn Personifikationen auf eine Leerstelle blicken (fehlende Personifikationen, ausgeschlossene Mitglieder) (ebd., S. 229)
  • wenn eine Personifikation an zwei oder mehr Orten repräsentiert wird (Konflikte) (ebd., S. 229)
  • wenn mehrere Personifikationen an einem Ort repräsentiert werden (problematische Verallgemeinerungen) (ebd., S. 230)
  • wenn die Personifikation eines Lebenden und eines Toten am gleichen Ort erfolgt (Identifikation post mortem) (ebd., S. 230)
  • wenn Personifikationen von Familienmitgliedern am gleichen Ort wie in der Kindheit erfolgen (Unreife) (ebd., S. 230)
  • wenn das Selbstbild unsichtbar, zu klein, verschwommen oder sehr weit entfernt lokalisiert wird (zu schwaches oder gespaltenes Selbst) (ebd., S. 231)
  • wenn das Selbst-Bild an zwei oder mehreren Orten lokalisiert wird (innere Konflikte) (ebd., S. 231)
  • wenn PartnerInnen zu nah oder zu weit lokalisiert werden (ebd., S. 231)
  • wenn andere Personifikationen zwischen Selbstbild und PartnerIn stehen
  • wenn Personifikationen zu hoch dem Selbstbild gegenüberstehen (zu viel Einfluss, Autoritätsprobleme) (ebd., S. 232)

4.3 Mögliche Interventionen

Die Veränderung von Sozialen Panoramen kann durch eine stimulierte Verschiebung oder durch einen imaginativen Ressourcentransfer erfolgen.

4.3.1 Ressourcentransfer

Der Ressourcentransfer gilt als das einfachere Vorgehen, da sich hierbei bei Erfolg Positionsveränderungen automatisch ergeben. Im Grobablauf wird die KlientIn zunächst gebeten, zum Beispiel ein fragliches Familienpanorama zu visualisieren. Bei Bedarf kann die Visualisierung durch äußere Hilfsmittel wie Moderationskarten, Schuhe oder andere Hilfsmittel erleichtert werden. Danach wird die KlientIn gebeten, all denen, die an einem Fehlverhalten beteiligt waren, aus ihren heutigen Ressourcen diejenigen zu übertragen, die sie zur fraglichen Zeit gebraucht hätten, um ein angemessenes Verhalten zeigen zu können. Gelingt dieses, verändert die Personifikation ihr Aussehen und häufig auch ihre Position. Auch weitere Positionen können sich verändern. Danach wird die KlientIn imaginativ entlang ihrer weiteren Lebenslinie (Timeline) mit dem so veränderten Sozialen Panorama in die Gegenwart geführt, um ihre imaginierte neue Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden (imaginative Neu-Prägung/Re-Imprinting) (Derks 2018a, S. 236–239).

4.3.2 Verschiebung von Positionen

Im Gegensatz zum Ressourcentransfer gilt eine suggerierte Verschiebung von Positionen als die zweitbeste Vorgehensart, da hierbei umfangreiche Stimmigkeitstests (Ökologie-Checks) notwendig werden (Derks 2018a, S. 239). Die Anweisung an die KlientIn erfolgt möglichst einfach und unspezifisch. Sie kann etwa lauten „Schaffe dir Platz“ oder „Verschiebe sie“. Die konkrete Umsetzung bleibt dem kreativen Urteil der KlientIn überlassen (ebd., S. 236). Wenn keine dauerhafte Verschiebung möglich ist, liegen dem oft einschränkende Glaubenssätze zugrunde, die zunächst bearbeitet werden müssen (ebd., S. 136). Zwischen einzelnen Verschiebungen muss die Stimmigkeit (Ökologie) überprüft werden, wozu die KlientIn sich in die Position der verschobenen Personifikationen hineinversetzt. Der Check muss bei allen beteiligten Personifikationen positiv ausfallen (ebd., S. 239 f., auch ebd., S. 66).

Die inneren Erfahrungen können für die KlientInnen sehr aufwühlend sein, sodass auch bei gegebener Stimmigkeit (Ökologie) nach einigen Tagen ein Follow-up-Gespräch durchgeführt werden sollte (Derks 2018a, S. 240).

5 Anknüpfungspunkte und Forschung

Das Modell des Sozialen Panoramas knüpft an sozialpsychologische Forschungen an, die vor allem seit den 1950er-Jahren erfolgten (Derks 2018b, S. 225). Sie nutzt Methoden des Neuro-Linguistischen Programmierens (NLP), die vor allem seit Abschluss der Gründungsphase seit den 1980er-Jahren entwickelt wurden, und Anregungen aus der Aufstellungsarbeit, insbesondere der Familienaufstellungen Bert Hellingers der 1990er-Jahre. Mit dem Modell gewann das Konzept des mentalen Raums eine weitergehende, grundlegende Bedeutung, die durch die Mental Space Psychology weiter erforscht wird (s.u.). Anknüpfungspunkte für das Konzept waren Arbeiten von Barbara Tversky, die seit Anfang der 1990er-Jahre im Rahmen der Kognitiven Psychologie entstanden, sowie linguistische Untersuchungen zu Raum-Metaphern von George P. Lakoff (Derks 2018a, S. 227).

5.1 Anknüpfungspunkte in Sozialpsychologie und NLP

Ideengeschichtlich knüpft der Ansatz an Überlegungen von Ivan Boszormenyi-Nagy (Bedeutung der Herkunftsfamilie) (Derks 2018a, S. 199), Jean Piaget (Objektpermanenz) (ebd., S. 200), Kurt Lewin (Feldtheorie) und Jacob Levy Moreno (Psychodrama, Soziometrie) (ebd., S. 203, Derks 2018b, S. 225) an und weist insbesondere auf Bezugspunkte in der Arbeit von Virginia Satir (Familienrekonstruktion, Familienskulptur) (Derks 2018a, S. 202, 197) und Salvador Minuchin (topografische Interventionen) (ebd., S. 202 f.) hin.

Aus NLP-Sicht nutzt Derks die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen, Wahrnehmungspositionen, Timeline, Submodalitäten und das Re-Imprinting. Angeregt wurde er durch die Beobachtung, dass KlientInnen, wenn sie von Autoritäten sprachen, meist nach oben blickten: „Alles begann, als ich entdeckte, daß Menschen auf Autoritäten mit einem bestimmten Verhaltensmuster reagieren: Sie blicken meist zu ihnen auf. Das heißt, sie visualisieren die Autorität stets über Augen-Niveau. Und immer wieder fiel mir auf, daß sich Klienten von hemmenden Autoritätsfiguren befreien konnten, indem sie die Bilder dieser Autoritäten einfach nach unten rückten […]“ (Derks 2018a, S. 19). Hieraufhin führte Derks seit 1993 erste Untersuchungen durch, die zu der Annahme führten, dass Menschen ihre sozialen Beziehungen mental in der Regel in Form einer Landschaft um sich herum repräsentieren (ebd., S. 52 ff.).

5.2 Anregungen und Abgrenzungen von Hellingers Familienaufstellung

Erste Ergebnisse veröffentlichte Derks unter anderem 1995 in der Fachzeitschrift „NLP World“ (Derks 1995), worauf er von Walter Ötsch auf die Aufstellungsarbeit von Bert Hellinger aufmerksam gemacht wurde (Derks 2020; Derks 2018a, S. 203). Dies führte zu einer intensiven Beschäftigung von Derks mit Hellingers Familienaufstellungen und auch zu einem persönlichen Kontakt. Derks gewann hieraus weitere Anregungen, zu denen er sich wertschätzend äußerte (Derks 2018a, S. 222, 227 f.), betonte aber auch grundlegende Unterschiede, insbesondere hinsichtlich der Einschätzung der Bedeutung einer Arbeit mit RepräsentantInnen (ebd., S. 214), dass bei Hellinger die KlientInnen passiv sind und dass sie dadurch keinen Zugang zu ihren eigenen kreativen Ressourcen haben (ebd., S. 241).

5.3 Weitere Erforschung von Modell und mentalem Raum

Zur weiteren Erforschung des Sozialen Panoramas und des mentalen Raums gründete Derks 2002/2003 zusammen mit dem deutschen Psychologen Wolfgang Walker und dem österreichischen Volkswirtschaftler, Kulturhistoriker und Kommunikationswissenschaftler Walter Ötsch das International Laboratory for Mental Space Research (ILMSR) (Derks 2018b, S. 3; Derks et al. o.J.). 2013 gründete er mit Robert Hemelaar und René Koppelaar die Society of Mental Space Research (SOMSP). Diese sieht im Gegensatz zur lange gültigen Black-Box-Annahme des Behaviorismus im Konzept des mentalen Raums weitreichende neue Möglichkeiten und legte 2019 als Ergänzung zu den symptomorientierten Klassifizierungen nach DSM-5 und ICD-11 mit „Mental Spatial Diagnosis. Manual for the Understanding of Psychological Processes“ (MSD-1) ein eigenes diagnostisches Handbuch vor (Derks 2019, S. 8, 3).

6 Quellenangaben

Derks, Lucas A.C., 1995. Exploring the Social Panorama. In: NLP World [online]. 2(3), S. 28–42 [Zugriff am: 30.12.2019]. Verfügbar unter: https://theletterworthpress.com/nlpworld/​2-3DERKS.PDF

Derks, Lucas A.C., 2018a. Das Spiel sozialer Beziehungen: NLP und die Struktur zwischenmenschlicher Erfahrung. 4. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-608-96408-0 [Rezension bei socialnet]

Derks, Lucas A.C., 2018b. Mental Space Psychology: Psychotherapeutic Evidence for a New Paradigm. Nijmegen: Coppelaer bv

Derks, Lucas A.C., 2019. Mental Spatial Diagnosis. Manual for the Understanding of Psychological Processes. MSD-1. Nuenen: Society for Mental Space Psychology

Derks, Lucas A.C., 2020. Die mentale Ordnung der Welt. Die Erforschung des mentalen Raums und erste Diagnose-Tools. Interview von Ludger Brüning. In: Praxis Kommunikation. [Im Erscheinen begriffen. Erscheint voraussichtlich in Heft 2/2020] ISSN 2364-6802

Derks, Lucas A.C., Wolfgang Wagner und Walter Ötsch, [ohne Datum]. What is the ILMSR? [online]. Verfügbar unter: http://www.mentalspaceresearch.com/

7 Informationen im Internet

Autor
Dr. Ludger Brüning
M.A.(USA)
Berater, Trainer und Coach
Er tritt für Methodenvielfalt ein und war von Februar 2009 bis zum April 2014 Vice-President der European Coaching Association (ECA) und von Oktober 2016 bis Januar 2018 Vorstand Presse und Öffentlichkeitsarbeit des DVNLP.
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Zitiervorschlag
Brüning, Ludger, 2020. Soziales Panorama [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 17.01.2020 [Zugriff am: 25.10.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Soziales-Panorama

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