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Sozialimmobilie

Dr. iur. Lutz H. Michel

veröffentlicht am 27.04.2022

Englisch: social real estate

Der Begriff der Sozialimmobilie umfasst alle Immobilientypen, die im weitesten Sinn für die Nutzung zu Zwecken der Allgemeinheit im Rahmen sozialwirtschaftlicher Aktivitäten bestimmt sind, also nicht nur der Nutzung durch einzelne Nutzer zu individuellen Zwecksetzungen gewidmet sind.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Begriff
  3. 3 Typen und Ausprägungen
  4. 4 Erfolgsfaktoren und Rahmenbedingungen
    1. 4.1 Grundsätzliches
    2. 4.2 Rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Erfolgsfaktoren
      1. 4.2.1 Grundsätzliches
      2. 4.2.2 Planung und Errichtung
      3. 4.2.3 Betrieb
      4. 4.2.4 Investment
    3. 4.3 Das „sozialimmobilienwirtschaftliche Dreiecksverhältnis“
      1. 4.3.1 Daseinsvorsorge für den Nutzer
      2. 4.3.2 Nutzungszweckentsprechende Leistungserbringung
      3. 4.3.3 Investment und Implikationen auf Betreiber und Nutzer
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Sozialimmobilien dienen der Daseinsfürsorge und sind daher als Serviceimmobilien in hohem Umfang reguliert. Anforderungen ergeben sich besonders aus den einrichtungsrechtlichen und refinanzierungsrechtlichen Rahmenbedingungen, die Entwicklung, Planung, Errichtung, Betrieb und Investment maßgeblich beeinflussen.

2 Begriff

Spätestens seit dem „Pflegeimmobilien-Hype“ ab der Jahrtausendwende, haben Immobilien, in denen soziale Zwecksetzungen realisiert werden, in der Immobilienwirtschaft erheblich an Interesse gewonnen. Dabei wird der Begriff überaus schillernd verwandt. Nach dem hier vertretenen engeren Verständnis umfasst der Begriff der Sozialimmobilie alle Immobilientypen, die sozialwirtschaftlichen Aktivitäten gewidmet sind und damit zu Zwecken der Allgemeinheit genutzt werden, bei denen also die individuellen Zwecksetzungen der Nutzer von dieser Zwecksetzung abgeleitet werden, dieser quasi nachgeordnet sind. „Der Begriff Sozialwirtschaft wird alternativ zum ‚Sozialwesen‘ bzw. zum ‚sozialen Dienstleistungssektor‘ zur Bezeichnung des Sektors genutzt, der soziale Dienstleistungen anbietet“ (Schneiders 2021).

Damit werden gemeinwohlorientierte Nutzungen im Bereich der Daseinsvorsorge erfasst, wobei irrelevant ist, ob diese auf Gewinnerzielung gerichtet sind oder nicht. Der Begriff ist immobilienwirtschaftlich determiniert, nicht bauordnungsrechtlich noch bauplanungsrechtlich und auch nicht sozialrechtlich. Sozialimmobilien können daher – in der traditionellen immobilienwirtschaftlichen Abgrenzung – sowohl Gewerbe- wie auch Wohnimmobilien sein wie auch sog. hybride Immobilien, wenn und soweit sie überwiegend sozialwirtschaftlich orientierten Nutzungen dienen. Nähert man sich ihnen unter dem Aspekt der Nutzung zu betrieblichen im Gegensatz zu privaten Nutzungszwecksetzungen, so handelt es sich in aller Regel um Betreiberimmobilien, da die sozialwirtschaftliche Zwecksetzung regelmäßig durch einen Träger dieser sozialwirtschaftlichen Aufgabenstellung erfüllt wird. Der Träger ist damit derjenige, der in den Immobilien die sozialwirtschaftliche Zwecksetzung realisiert. Dies können natürliche wie juristische, öffentlich-rechtlich wie privatrechtlich organisierte Personen sein. Da das Kriterium der Gewinnerzielungsabsicht mit der Immobilie und der in ihnen betriebenen Nutzung keine Bedeutung hat, ist die Zugehörigkeit zum gemeinnützigen oder privatwirtschaftlichen Sektor ebenso ohne Bedeutung. Betreiber von Sozialimmobilien können daher in weitestem Sinn staatliche wie freigemeinnützige wie auch private Träger sein.

Entscheidend ist allein die unmittelbare Nutzung zu obiger Zwecksetzung. So ist und bleibt etwa das Verwaltungsgebäude einer Pflegekasse eine Büroimmobilie, da die Zwecksetzung der Pflegekasse – Bereitstellung und Erbringung von Pflegeversicherungsleistungen – mittelbarer Zweck der unmittelbaren Zwecksetzung, nämlich der Nutzung zu Bürozwecken ist. Gleiches gilt für andere Büroimmobilien wie z.B. Rathäuser, Gerichte, Polizeidienststellen und ähnliche Verwaltungsgebäude. Ähnlich verhält es sich bei Handelsimmobilien (Ladengeschäfte, Warenhäuser etc.), Kulturimmobilien (Theater, Schauspielhäuser, Kinos etc.), Bildungsimmobilien (Schulen, Universitäten etc.), Gesundheitsimmobilien (Krankenhäuser, Ärztehäuser, operative Zentren, Medizinische Versorgungszentren, Rehakliniken etc.) und Infrastrukturimmobilien (Bahnhöfe, Flughäfen, Häfen) wie auch Logistikimmobilien (Verteilzentren, Lagerhäuser etc.) und Verteidigungsimmobilien (Kasernen etc.).

Damit fallen unter den Begriff der „Sozialimmobilie“ primär:

  • Jugendhilfeeinrichtungen (von Jugendheimen bis zu Kindergärten)
  • Pflegeimmobilien (Altenpflegeheime, Kurzzeitpflegeeinrichtungen, Tages- und Nachtpflegen, Wohngemeinschaftshäuser)
  • integrierte Seniorenimmobilien (polymodulare Immobilien, die sowohl Pflege- wie auch Wohnnutzungen umfassen)
  • sonstige Immobilien, die dem Zweck der Betreuung und Versorgung unterstützungs- und hilfsbedürftiger Personen dienen (wie z.B. Altentagesstätten, Werkstätten der Eingliederungshilfe).

Im Kanon der Immobilientypen sind es in negativer Abgrenzung daher keine Büroimmobilien, Fabrikimmobilien, Verkehrsimmobilien, Wohnimmobilien (jedenfalls dann nicht, wenn sie nur zu Wohnzwecken dienen), Kulturimmobilien, Gesundheitsimmobilien und Ähnliche. Hybrid im obigen Sinne können Freizeitimmobilien sein, z.B. Erholungsheime.

Sozialimmobilien sind regelmäßig Betreiberimmobilien. Es handelt sich dabei um Immobilien, die dahingehend ausgelegt sind, dass sie ein Betreiber zu seinen operativen betrieblichen Zwecken nutzen kann und soll.

Sozialimmobilien sind zudem auch unter die Kategorie der Serviceimmobilien zu fassen, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Immobilie den Zwecken der Erbringung von Dienstleistungen dient.

3 Typen und Ausprägungen

Nähert man sich dem Begriff von den spezifischen Nutzungszwecken her, so fallen unter den Begriff

  • Immobilien zur Pflege und Betreuung von hilfsbedürftigen und älteren Menschen, wie z.B. Pflegeheime, Heime der Eingliederungshilfe, Wohngemeinschaftshäuser (dazu Hasenau und Michel 2017), Gebäude mit Tagespflegeangeboten, Hospize, betreute Wohnanlagen, wenn die dort stattfindende Seniorenbetreuung im Vordergrund steht und das Gebäude mehr als nur (barrrierefreie) Wohnungen umfasst (also z.B. für alle Mieter:innen nutzbare Gemeinschaftsflächen, Stützpunkt eines Seniorendienstleisters, Sozialstationen) (dazu Michel und Schlüter 2012). Werkstätten der Eingliederungshilfe, Einrichtungen der Suchthilfe, Einrichtungen der sozialen Rehabilitation (z.B. Wohnstätten), Altentagesstätten, Wohncafés
  • Immobilien zu Zwecken der Jugendhilfe, wie z.B. Kindergärten, Kindergrosstagespflegen, Kinder- und Jugendheime, Jugendzentren
  • Immobilien zu sonstigen sozialen Zwecken, wie z.B. Kirchen, Gemeindehäuser, Frauenhäuser.

Häufig finden sich dabei Immobilien, die verschiedene Nutzungen „unter einem Dach“ beherbergen, wie z.B. Alten- und Seniorenzentren, „Quartiershäuser“ u.ä., weswegen solche Immobilien auch als „polymodulare“ Immobilien bezeichnet werden.

4 Erfolgsfaktoren und Rahmenbedingungen

Die spezifische Typizität der Nutzung hat erhebliche Implikationen auf die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Planung, die Errichtung, den Betrieb und das Investment/​Desinvestment in Sozialimmobilien.

4.1 Grundsätzliches

Sozialimmobilien unterliegen baulich, betriebs- und auch investitionsbezogen nicht nur den für alle anderen Immobilientypen maßgeblichen allgemeinen rechtlichen Rahmensetzungen des Bauordnungs-, Bauplanungs- und etwa öffentlichen Abgabenrechts, sondern darüberhinausgehend besonderer staatlicher Regulierung sowie der Regulierung durch diejenigen Kostenträger, die die Immobilien bzw. deren Nutzung refinanzieren.

Sozialimmobilien sind durch die spezifische Nutzungszwecksetzung stets investmentbezogen sensibel in dem Sinn, dass sie in ihrer Immobilienwirtschaftlichkeit eigenen Gesetzen unterliegen, was bei den Risikokostenansätzen beginnt und bei der Beurteilung von Veräußerungschancen und erzielbaren Verkaufspreisen aufhört, da ihre immobilienwirtschaftliche Wertbemessung anders als bei Wohn- und normalen Gewerbeimmobilien, wie Bürogebäuden, Geschäftshäusern u.ä., in hohem Umfang durch die dem jeweiligen Nutzungszweck immanenten Risiken determiniert wird. Stichworte dazu sind:

  • eingeschränkte Drittnutzungsfähigkeit (ein Kindergarten kann, jedenfalls nicht ohne Weiteres, als Tagespflegeeinrichtung für pflegebedürftige Senioren genutzt werden)
  • gesetzlich nachträglich neu entstehende Investitionsnotwendigkeiten (z.B. durch heimordnungsrechtliche Vorgaben bei Altenpflegeeinrichtungen in Bezug auf Einzel- und Doppelzimmer)
  • refinanzierungsbedingte Amortisationszeiträume (z.B. bei Pflegeheimen)
  • Abhängigkeit von „Sozialplanung“ (wie z.B. der Altenhilfebedarfsplanung)
  • eingeschränkte Fungibilität (nicht jeder Immobilieninvestor erwirbt Sozialimmobilien).

Sozialimmobilien sind durch das Merkmal der Errichtung zu bestimmten Zwecken eines sozialwirtschaftlich tätigen Nutzers in der Wirtschaftlichkeit abhängig von der fachlichen wie auch wirtschaftlichen Kompetenz ebendieses Nutzers, die die Bandbreite von der konzeptionellen Kompetenz in Bezug auf die baulichen Vorgaben bis hin zur Fähigkeit zum Betrieb der Immobilien während eines definierten, in der Regel langfristigen Nutzungszeitraums umfasst. Diese Kompetenz spielt auch bei einem möglichen Wechsel der Nutzung der Immobilie eine Rolle: Ein Jugendhilfeträger ist z.B. – jedenfalls nicht automatisch und ohne Weiteres – ein kompetenter Pflegeheimbetreiber.

Sozialimmobilien sind in Folge ihres in der Regel objektbezogen sehr spezialisierten Zuschnitts und in Folge der in ihnen versorgten Personengruppen sehr abhängig von der originären bzw. durch Transferleistungen beeinflussten Finanzkraft dieser in der Regel durch staatliche oder sozialfürsorgerische Systeme refinanzierten Zielgruppen. So ist z.B. die Höhe der vom Träger der Sozialhilfe anerkannten „Kosten der Unterkunft“ entscheidend für Erfolg und Misserfolg des Investments in Wohngemeinschaftshäuser.

4.2 Rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Erfolgsfaktoren

Bei Sozialimmobilien handelt es sich i.d.R. um „regulierte Immobilien“, also solche, die neben den allgemeinen baulichen (Rechts-)Anforderungen nutzungsspezifischen Anforderungen genügen müssen, um wirtschaftlich nachhaltig zu sein.

4.2.1 Grundsätzliches

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Planung, Bau und Betrieb wie auch Investment und Desinvestment hängen entscheidend davon ab, um welche Sozialimmobilie es sich handelt. Für Jugendheime gelten andere rechtliche Rahmensetzungen als für Altenpflegeheime oder Kindergärten. Dabei spielt sich die Komplexität nicht nur nutzungsbezogen ab, sondern auch und vor allem lagebezogen und zwar unter dem Aspekt der rechtlichen Vorgaben bzw. derer Auslegung in den jeweils örtlich für das Objekt zuständigen Ländern und kommunalen Gliederungen. Bauordnungsrecht, Heimrecht und Förderrecht sind Landesrecht, wobei die Anwendung i.d.R. den Städten und Gemeinden obliegt, was zu einer erheblichen Zersplitterung der objekt- oder projektbezogenen Anforderungen im Einzelfall führt.

Grundsätzlich sind bei Sozialimmobilien folgende Rechtsbereiche in den Blick zu nehmen, wobei jeder dieser Rechtsbereiche dreidimensional – nutzungsbezogen, landesrechtsbezogen, örtlich differenziert interpretiert – zu verstehen ist. Es wird zwischen gebäude- und betriebsbezogenen rechtlichen Vorgaben differenziert, da diese Differenzierung insbesondere dann auch bei der Gestaltung der Nutzungsverhältnisse zwischen Immobilieneigentümer und Nutzer Relevanz hat.

4.2.2 Planung und Errichtung

Die Planung von Sozialimmobilien ist zunächst nutzungsspezifisch vorzunehmen. Die Rahmenbedingungen im Einzelnen sind i.d.R. durch die öffentlichen Refinanziers dieser Immobilien vorgegeben und sind daher einzuhalten, da ansonsten die Refinanzierung der baulichen Investitionskosten nicht erfolgt oder eine Nutzungsfreigabe aus anderen öffentlich-rechtlichen Aspekten unterbleibt. Dies umfasst auch bauordnungsrechtliche Vorgaben, die nutzungsspezifisch einzuhalten sind. Rahmenbedingungen und Quellen solcher Anforderungen sind also:

  • allgemeines Bauordnungsrecht
  • das typspezifische Einrichtungsbaurecht (z.B. Heimbaurecht, Versammlungsstättenrecht)
  • die relevanten Refinanzierungsrechte, soweit sie die Erfüllung baulicher Anforderungen als Voraussetzungen für die Refinanzierung durch im weitesten Sinn öffentliche Kostenträger statuieren
  • nutzungsspezifisches Ordnungsrecht (wie z.B. Infektionsschutzrecht für „reine“/„unreine“ Räume).
  • Brandschutz- und Barrierefreiheitsanforderungen, die landesspezifisch in den Landesbauordnungen geregelt sind.

Die Frage, wo die Immobilie errichtet werden kann, ist – unabhängig von der Frage nach Angebot und Nachfrage des spezifischen Angebots, das in der Immobilie erbracht werden soll – bestimmt durch bauplanungsrechtliche Festlegungen wie aber auch angebotsspezifische Vorgaben v.a. ordnungsrechtlicher wie auch refinanzierungsrechtlicher Art. Erwähnt seien hier beispielhaft Bebauungspläne, Bedarfsplanungen, einrichtungsrechtliche Vorgaben. Daneben stehen die nutzungsbezogenen Standortanforderungen, wie z.B. Quartiersanbindung, Vorhandensein von Versorgungsinfrastrukturen, die nutzungsspezifisch sowohl rechtlich wie auch nur rein wirtschaftlich Rahmenbedingungen setzen.

Investments in Sozialimmobilien gleich welcher Art können nur dann nachhaltig i.S.v. wirtschaftlich langfristig gesichert sein, wenn diese Rahmenbedingungen bei der Planung berücksichtigt sind.

4.2.3 Betrieb

Der Betrieb von Leistungsangeboten in Sozialimmobilien unterliegt rechtlich wie wirtschaftlich ähnlichen Anforderungen, wie sie vorstehend skizziert worden sind. Welche konzeptionelle Ausrichtung verfolgt werden muss, welcher Sachmittel- und vor allem Personaleinsatz geboten ist, welche Struktur- und Ergebnisqualität zu gewährleisten ist, hängt – soweit die Leistungsangebote reguliert sind – i.d.R. von den die jeweiligen Leistungsangebote betreffenden diesbezüglichen (landesrechtlichen) Vorschriften ab. Diese können zudem in Vereinbarungen mit den Kostenträgern konkretisiert sein (z.B. Leistungs-, Qualitäts- und Vergütungsvereinbarungen nach §§ 75 f. SGB XII, Versorgungsverträge nach § 72 ff. SGB XI). Verantwortlich für die Einhaltung dieser Vorgaben in Bezug auf das Leistungsangebot ist der Träger des jeweiligen Leistungsangebots. I.d.R. muss dieser zudem spezifische subjektive Voraussetzungen erfüllen (so z.B. § 75 SGB XI i.V.m. den Landesrahmenverträgen).

4.2.4 Investment

Sozialimmobilien sind nur dann investmentfähig, wenn die Immobilie an sich nutzungsgeeignet ist und die Refinanzierung der Immobilienkosten des Eigentümers gewährleistet ist. Letzteres hat zwei Aspekte: Die Refinanzierung ist nur gesichert, wenn einerseits die zu erzielenden Nutzungsvergütungen die Lebenszykluskosten der Immobilie decken (also die Investitionskosten und die Kosten der laufenden Instandhaltung und Instandsetzung, ggf. auch der Umnutzung bei Ende des Nutzungszyklus) und andererseits der Betreiber die Gewähr dafür bietet, dass zumindest während des geplanten Nutzungszeitraums die Nutzung als Voraussetzung für den Erhalt der Nutzungsvergütungen planmäßig und störungsfrei erfolgt. Daher ist für einen Investor nicht nur die Nutzungsfähigkeit der Immobilie an sich, sondern v.a. auch die fachliche und wirtschaftliche Betriebskompetenz des Betreibers Entscheidungskriterium. Das bedeutet, dass nicht nur die oben skizzierten rechtlichen Rahmenbedingungen und Wirkfelder, sondern auch die subjektive Betreiberqualität unmittelbar Auswirkungen auf die Immobilienwirtschaftlichkeit hat.

4.3 Das „sozialimmobilienwirtschaftliche Dreiecksverhältnis“

Um diese Auswirkungen ganzheitlich in den Blick zu nehmen, ist es erforderlich, das bei Sozialimmobilien gegebene „sozialimmobilienwirtschaftliche Dreiecksverhältnis“ in den Blick zu nehmen, dessen Eckpunkte durch

  • den die Immobilien unmittelbar verwendenden Endnutzer
  • den Betreiber als nutzenden Träger des Betriebs und
  • den Immobilieneigentümer als demjenigen, der dem Betreiber seine trägerschaftliche Nutzung ermöglicht

bestimmt sind.

4.3.1 Daseinsvorsorge für den Nutzer

Der unmittelbar sozialwirtschaftliche Nutzungszweck der Befriedigung eines Daseinsvorsorgebedarfs beim Endnutzer wird nur dann erfüllt, wenn dieser Endnutzer seinen Daseinsvorsorgebedarf auch tatsächlich gedeckt erhält. Das erfordert einerseits eine dieser Bedarfsdeckung gerecht werdende Immobilie wie auch die bedarfsgerechte Erbringung der erforderlichen Dienst- und Versorgungsleistungen. Erstgenanntes ist Sache des Eigentümers/Investors, das zweitgenannte ist Sache des Dienstleisters/Trägers. Dabei sind alle drei Bereiche miteinander verwoben: So ist landesrechtlich festgelegt, welches bauliche Profil der Immobilie vorhanden sein muss, um aus dem Aspekt sowohl des Heimordnungsrechts wie auch Pflegefinanzierungsrechts das so konstituierte Bedarfsprofil des Endnutzers zu decken. Expliziert am Beispiel von Altenpflegeheimen bedeutet das, dass beispielsweise in Baden-Württemberg der Wohnbedarf einer in einem Pflegeheim lebenden Person in Hinblick auf die Zimmernutzung dahingehend determiniert wird, dass dieser ein Einzelzimmer umfasst. In Konsequenz dessen haben die Träger von Altenpflegeheimen die Anforderung zu erfüllen, nur Einzelzimmer vorzuhalten, weswegen sie keine anderen Wohnsettings in diesem heimrechtlichen Angebotstyp anbieten können. Der Eigentümer wiederum hat diese Voraussetzungen baulich zu erfüllen, ggf. zu schaffen, da er anderenfalls keine nutzungsadäquate Immobilie errichtet und entsprechend vermieten kann. Dabei überlagert diese Abhängigkeit als zweite Ebene die Refinanzierungsfähigkeit der damit verbundenen bau- (wie auch betriebs-)bezogenen Kosten. Indem nämlich landespflegerechtlich maximal anzuerkennende Kosten als Baukosten wie aber auch als Nutzungskosten für den Endnutzer bestimmt werden, hat der Investor eine Baukosten- und Mietpreisoptimierung zu betreiben, da die vom Betreiber zahlbare Miete unmittelbar an den Endnutzerkostensatz gebunden ist. Ähnliches spielt sich im Geltungsbereich der sozialhilferechtlichen Mietkosten bei den „Kosten der Unterkunft“ bei Wohnformen (Betreutes Wohnen, Wohngemeinschaften) ab.

Die Rechtslogik, die dahintersteht, ist immer: Schutzbedarfe des Endnutzers statuieren Anforderungen an Baulichkeit und Betrieb der jeweiligen Sozialimmobilie. Die Erfüllung dieser Anforderungen gewährleistet wiederum den Nutzungszweck, was entweder der Betreiber oder/und der Eigentümer der Immobilie darzustellen hat.

4.3.2 Nutzungszweckentsprechende Leistungserbringung

Das „sozialimmobilienwirtschaftliche Dreiecksverhältnis“ hat zudem Auswirkungen im Bereich des Betriebs. Der vom öffentlichen Kostenträger angestrebte Zweck wird nur erreicht, wenn der Träger des Leistungsangebots als sein „verlängerter Arm“ die spezifische Daseinsvorsorgeleistung gemäß der maßgeblichen Qualitätsanforderungen erbringt. Der Betrieb der betreffenden Einrichtung muss daher trägerseits so organisiert sein und die Dienstleistungen müssen so erbracht werden, dass die obige Nutzungszwecksetzung erreicht wird.

4.3.3 Investment und Implikationen auf Betreiber und Nutzer

In Bezug auf die Sozialimmobilie als Baulichkeit heißt das, dass sich die konzeptionellen Vorgaben für die bauliche Gestaltung nicht nur aus der Art der Nutzung (also z.B. Kindergarten, Gemeindehaus), sondern auch aus den typspezifischen Regelungen ordnungs- wie auch refinanzierungsrechtlicher Art und deren objektspezifischer Anwendung ergeben.

Vorstehend ist stets von einem Dreiecksverhältnis Endnutzer – Betreiber – Investor ausgegangen worden. Dies kennzeichnet die Interessenlage, die bei Betreiberimmobilien stets gegeben ist, auch wenn Eigentümer und Betreiber in einer Person zusammenfallen, was bei kommunalen Daseinsvorsorgeeinrichtungen die Regel und bei Angeboten in freigemeinnütziger und privater Trägerschaft nach wie vor sehr häufig vorzufinden ist. Es ist eine von der Immobilienwissenschaft nicht abschließend beantwortete Frage, ob die Trennung der Funktionen mehr positive Effekte bringt als deren Verbindung in einer Hand.

Beim Auseinanderfallen der Personen von Eigentümer und Betreiber ist für beide die Organisation der Nutzung der Immobilie von höchster Bedeutung. Dies adressiert das Miet- oder Pachtverhältnis über Sozialimmobilien. Bei der Gestaltung sind folgenden vier Aspekten besonderes Augenmerk zu widmen:

  1. Regelung des Nutzungszwecks
  2. Refinanzierungsfähigkeit der Nutzungsvergütungen/​-kosten
  3. Verteilung der Instandhaltungs- und Instandsetzungspflichten
  4. Regelung des Risikos nachträglicher baulicher und ggf. betrieblicher Anforderungen mit Auswirkungen auf die Immobilie.

Werden die obigen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht eingehalten bzw. adäquat berücksichtigt, so ist weder die Immobilie noch das Leistungsangebot, das in dieser erbracht werden soll, geeignet, die durch die Bedarfe der Nutzer gegebenen Anforderungen und damit den Nutzungszweck zu erfüllen.

5 Quellenangaben

Hasenau, Claudius und Lutz H. Michel, Hrsg. 2017. Ambulant betreute Wohngemeinschaften: Gestalten, finanzieren, umsetzen. 3. Auflage. Hannover: Vincentz Network. ISBN 978-3-86630-431-4 [Rezension bei socialnet]

Michel, Lutz H. und Thomas Schlüter, Thomas, Hrsg. 2012. Handbuch Betreutes Wohnen: Wohnen und Dienstleistungen für ältere Menschen. München: Beck. ISBN 978-3-406-62789-7 [Rezension bei socialnet]

Schneiders, Katrin, 2021. Sozialwirtschaft [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 02.02.2021 [Zugriff am: 29.01.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/​Sozialwirtschaft

6 Literaturhinweise

Busz, Pamela, 2003. Seniorenimmobilien als Investitionsobjekte: Entwicklung und empirische Analyse eines Beurteilungsmodells. Köln: Müller. ISBN 978-3-89984-106-0

Bernd Halfar, Hrsg. 2021. Sozialimmobilien – Problemstellungen und Lösungsräume. Baden-Baden: Nomos. ISBN 978-3-8487-7120-2

Hasenau, Claudius und Lutz H. Michel, Hrsg. 2017. Ambulant betreute Wohngemeinschaften: Gestalten, finanzieren, umsetzen. 3. Auflage. Hannover: Vincentz Network. ISBN 978-3-86630-431-4 [Rezension bei socialnet]

Michel, Lutz H. und Thomas Schlüter, Thomas, Hrsg. 2012. Handbuch Betreutes Wohnen: Wohnen und Dienstleistungen für ältere Menschen. München: Beck. ISBN 978-3-406-62789-7 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Dr. iur. Lutz H. Michel
FRICS, Rechtsanwalt
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Zitiervorschlag
Michel, Lutz H., 2022. Sozialimmobilie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 27.04.2022 [Zugriff am: 30.09.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Sozialimmobilie

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