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Sozialinformatik

Die Sozialinformatik befasst sich mit der elektronischen Verarbeitung von Informationen in der sozialen Arbeit und Sozialwirtschaft sowie mit der Digitalisierung sozialer Dienste und Dienstleistungen (Kreidenweis 2012a, 2018).

Überblick

  1. 1 Entstehung
  2. 2 Inhalte und Aufgaben
  3. 3 Sozialinformatik als Fachdisziplin
  4. 4 Quellenangaben
  5. 5 Informationen im Internet

1 Entstehung

Herausgebildet hat sich die Sozialinformatik als Fachgebiet etwa Mitte der 1990er Jahre, als die Durchdringung sozialer Einrichtungen mit Informationstechnologie (IT) und vor allem mit fachspezifischen Anwendungssystemen deutlich anwuchs. Zunehmend wurde währenddessen deutlicher, dass mit der Nutzung von IT sowohl fachliche, als auch organisatorische und betriebswirtschaftliche Fragen verbunden sind, die angesichts der Spezifika sozialer Dienstleistungserbringung und der Verfasstheit sozialer Organisationen nicht befriedigend mit den Herangehensweisen anderer informatischer Disziplinen wie etwa der Wirtschafts- oder Verwaltungsinformatik lösen lassen.

2 Inhalte und Aufgaben

Nach Wendt (2000) nimmt die Sozialinformatik „fachliche Verantwortung für den Produktionsfaktor Information im System sozialer Dienstleistungen und ihrem Umfeld wahr.“ Zu den Inhalten der Sozialinformatik gehört es, Impulse für die fachliche und technische Konzeption von IT-Konfigurationen aus Hard- und Software zu geben, Best Practices für Einführung und Anwendung zu identifizieren sowie Effekte und nicht intendierte Nebeneffekte zu erforschen, die sich aus ihrer Nutzung ergeben. Lag bis etwa 2016 ein starker Fokus der Sozialinformatik auf der IT-Unterstützung interner Prozesse in sozialen Organisationen, so rücken im Zuge der Digitalisierung zusätzlich die technikvermittelte Klientenkommunikation, die Technikunterstützung von Klienten (etwa durch Assistenztechnologien), oder die mediale Kommunikation mit anderen Stakeholdern (Öffentlichkeit, Ehrenamtliche usw.) in den Mittelpunkt (FINSOZ 2017).

Der Charakter der Sozialinformatik ist bislang stark anwendungsorientiert und interdisziplinär, ihre Fragestellungen bezieht sie aus der Sozialen Arbeit und dem Sozialmanagement. Die Angewandte Informatik liefert analytische und technische Werkzeuge (Kreidenweis 2012a). Anknüpfungspunkte gibt es zu anderen Fachinformatiken wie Wirtschafts-, Pflege- oder Verwaltungsinformatik. Eine nach der Jahrtausendwende geführte Fachdiskussion um Selbstverständnis und Ausrichtung der Sozialinformatik (vgl. etwa Ley 2004) ist seither wieder zum Erliegen gekommen. Die Mehrzahl der Publikationen konzentrierte sich anschließend wieder auf praktische Themen oder wird unter anderen Vorzeichen geführt.

Aus Sicht der Fachpraxis ist es Aufgabe der Sozialinformatik, geeignete Methoden breitzustellen um (zunehmend auch mobile) IT-Lösungen für Tätigkeiten wie Klientenverwaltung, Leistungsmanagement, Hilfeplanung, Dokumentation, Evaluation, Online-Beratung oder sonstige Formen der Klientenkommunikation zu konzipieren, zu implementieren und zu optimieren. Da hier oft fachliche Kernprozesse von Sozialer Arbeit oder Pflege tangiert sind, ist eine Verzahnung mit der Theorie- und Methodenentwicklung dieser Disziplinen unerlässlich. Denn einerseits ist es nutzbringend, bereits bei der Entwicklung von Verfahren der Diagnostik, Hilfeplanung oder Intervention die Potenziale der IT mitzudenken, andererseits kann nicht selbstverständlich davon ausgegangen werden, dass rein auf fachlicher Ebene entwickelte Verfahren von Fachkräften der klassischen Informatik auf adäquate Weise in IT-Konfigurationen portiert werden können.

Aus sozialwirtschaftlicher Managementperspektive ist es Aufgabe der Sozialinformatik, geeignete Digitalisierungs- bzw. IT-Strategien und Methoden des IT-Managements für soziale Organisationen zu entwickeln. Dazu gehören auch betriebswirtschaftliche Fragen wie Kosten- und Nutzenanalysen, die organisatorische Verankerung der IT-Verantwortung und die Ausgestaltung von IT-Services, das IT-Outsourcing oder technische Grundsatzfragen wie Netzwerk-Architekturen und der Einsatz von cloudbasierten und mobilen Systemen. Ebenso geht es um die Gewährleistung von IT-Sicherheit nach den gesetzlichen Vorgaben des Datenschutzes. Perspektivisch werden auch Nutzungsszenarien aus den Themenfeldern Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz oder Robotik ebenfalls zum Handlungsfeld der Sozialinformatik gehören.

Nicht Aufgabe einer wissenschaftlichen Fachdisziplin wie der Sozialinformatik ist es hingegen, Software-Systeme für den alltäglichen Praxiseinsatz zu entwickeln und zu pflegen. Zwar wird dieses Ansinnen gelegentlich an die Sozialinformatik herangetragen, jedoch kann es nicht Aufgabe einer Wissenschaft sein, in einen Wettbewerb zu Softwareentwicklern aus dem gewerblichen oder Open-Source-Bereich zu treten. Dieses Grundverständnis herrscht auch in allen anderen Fachinformatiken vor. Dennoch kann eine Gestaltungsaufgabe einer Fachinformatik auch darin liegen, Prototypen von IT-Konfigurationen zu entwickeln und zu evaluieren. Ansätze dieser Art sind in der Sozialinformatik bislang noch deutlich unterentwickelt, was jedoch primär den im folgenden Absatz genannten Faktoren geschuldet ist.

3 Sozialinformatik als Fachdisziplin

An Hochschulen bzw. in Fakultäten für Soziale Arbeit oder Angewandte Sozialwissenschaften ist die Sozialinformatik noch immer schwach vertreten und auch in die Aus- und Weiterbildung hat die Sozialinformatik bislang erst teilweise Eingang gefunden. In wenigen Bachelor-Studiengängen ist sie als Pflicht- oder Wahlfach verankert, und selbst in Sozialmanagement-Masterstudiengängen ist sie eher selten als (Teil-)Modul vertreten. In Deutschland existiert lediglich ein weiterbildender Masterstudiengang (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) und ein Bachelor-Studiengang Sozialinformatik (Hochschule Fulda). Entsprechend ist auch die Forschungslandschaft bislang nicht stark ausgeprägt. Schwerpunkte in der Forschung sind empirische Studien über die Formen der IT-Nutzung in der Branche und zum Wertbeitrag der IT. Forschungen etwa zur Digitalisierung sozialer Dienstleistungen oder zur Wirkung von IT-Lösungen auf die fachliche Qualität sozialer Arbeit sind noch selten. Als kontinuierliches Forschungsvorhaben hat sich der IT-Report für die Sozialwirtschaft von der Arbeitsstelle für Sozialinformatik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt etabliert, der seit 2007 jährlich Daten zur IT-Nutzung und zur Digitalisierung in sozialen Organisationen erhebt und parallel die Anbieterlandschaft für Fachsoftware untersucht (Kreidenweis und Wolff 2017)

Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung sozialer Dienste wird die Sozialinformatik als Fachdisziplin vermutlich an Bedeutung gewinnen. Um die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen, ist jedoch eine deutlich breitere Verankerung in Forschung und Lehre an Hochschulen und eine deutlich verbesserte Ausstattung mit Ressourcen erforderlich. Ebenso müssen entsprechende Bildungsangebote für Fachschulen sowie für den Fortbildungsbereich entwickelt werden, um die Mitarbeitenden sozialer Organisationen zur Nutzung digitaler Medien verschiedener Art zu befähigen.

4 Quellenangaben

FINSOZ e.V., 2017. Positionspapier Digitalisierung der Sozialwirtschaft [online]. 2. überarbeitete Auflage. Berlin: FINSOZ e.V. [Zugriff am 27.10.2017]. PDF e-Book. Verfügbar unter finsoz.de/sites/default/files/pressemeldungen/finsozev_positionspapier-digitalisierung-2.auflage.pdf

Kreidenweis, Helmut, Hrsg., 2018. Digitaler Wandel in der Sozialwirtschaft. Grundlagen – Strategien – Praxis. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft. ISBN 978-3-8487-4252-3

Kreidenweis, Helmut und Dietmar Wolff, 2017. IT-Report für die Sozialwirtschaft. Eichstätt: Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Arbeitsstelle für Sozialinformatik. ISBN 978-3-9817383-2-2

Kreidenweis, Helmut, 2012a. Lehrbuch Sozialinformatik. 2. Aufl. Baden-Baden: Nomos. ISBN 978-3-8252-3781-3 [Rezension bei socialnet]

Kreidenweis Helmut, 2012b: Sozialinformatik im Studium – Luft nach Oben. In: Sozialwirtschaft. 22(6), S. 36-37. ISSN 1613-0707

Kreidenweis, Helmut, 2011. IT-Handbuch für die Sozialwirtschaft. Baden-Baden: Nomos. ISBN 978-3-8329-6261-6 [Rezension bei socialnet]

Ley, Thomas, 2004. Sozialinformatik. Zur Konstituierung einer neuen (Teil-)Disziplin. In: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit. 35(1), S. 3-39. ISSN 0340-3564

Wendt, Wolf Rainer, 2000. Sozialinformatik: Stand und Perspektiven. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft. ISBN 978-3-7890-6910-9

5 Informationen im Internet

Autor
Prof. Helmut Kreidenweis
Professor für Sozialinformatik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Inhaber der IT-Beratung KI Consult in Augsburg.
Website
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Helmut Kreidenweis.


Zitiervorschlag
Kreidenweis, Helmut, 2018. Sozialinformatik [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 26.01.2018 [Zugriff am: 20.09.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Sozialinformatik

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Autor

Prof. Helmut Kreidenweis
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veröffentlicht am 26.01.2018

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