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Sozialtherapie (Klinische Sozialarbeit)

Synonyme: Soziale Therapie, Soziotherapie (insbesondere für psychisch kranke Menschen), Soziale Psychotherapie

Sozialtherapie bezeichnet in der Klinischen Sozialarbeit ein Handlungskonzept, das die soziale Dimension von körperlich, psychisch und/oder psychosomatisch Erkrankten bzw. sich in psychosozialen Krisen Befindlichen unter der Perspektive eines biopsychosozialen Krankheits- und Gesundheitsmodells in den Blick nimmt. Die Zielgruppe zeichnet sich durch einen komplexen Hilfebedarf aus. Ziel der Sozialtherapie ist, zur Gesundung oder Stabilisierung dadurch beizutragen, dass (Wieder-)Erlangen sozialer Teilhabe angestrebt wird. Methodisch nutzt Sozialtherapie den direkten Kontakt mit Einzelnen, Paaren, Familien und Gruppen sowie deren Umfeld. Im methodischen Vorgehen vereint sie sozialarbeiterische und psychotherapeutische Kompetenzen, ihr theoretisches Fundament bilden sozial- und humanwissenschaftliche Überlegungen und Erkenntnisse.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Sozialtherapie im Allgemeinen
  3. 3 Sozialtherapie in der Klinischen Sozialarbeit
  4. 4 Sozialtherapie – ein Handlungskonzept der Klinischen Sozialarbeit
  5. 5 Ziele und Begründungen
  6. 6 Ein Blick zurück
  7. 7 Theoretische Einbettung
  8. 8 Wirksamkeit von Sozialtherapie
  9. 9 „Sozialtherapie“ in Weiterbildungskonzeptionen
  10. 10 Ausblick
  11. 11 Quellenangaben
  12. 12 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Zunächst wird dargestellt, dass „Sozialtherapie“ recht unterschiedlich verstanden werden kann. Danach folgen nähere Bestimmungen von Sozialtherapie im Kontext von Klinischer Sozialarbeit. Diese Einbettung geschieht sowohl in systematischer als auch historischer Hinsicht. Abschließend werden Aspekte der Wirksamkeit, die theoretische Einbindung und einschlägige Weiterbildungskonzeptionen dargestellt.

2 Sozialtherapie im Allgemeinen

Bei „Sozialtherapie“ geht es um einen Begriff, der für Verschiedenes Verwendung findet (Ohling 2015). An dieser Stelle sollen dafür einige illustrative Beispiele gegeben werden.

Der Begriff „Sozialtherapie“ ist im Strafvollzug (Etzler 2019), in stationären Einrichtungen (für SeniorInnen, Menschen mit seelischen Behinderungen, chronischen Suchtstörungen; Hahn 2017) und im Rahmen der anthroposophischen Heilpädagogik (Stamm 2011) gebräuchlich. Ferner in der Kinder- und Jugendhilfe in Form therapeutischer Wohngruppen (Gahleitner 2017). In den vorgenannten Fällen bezieht sich „Sozialtherapie“ vor allem auf das Setting im Sinne von Milieutherapie, an der neben Angehörigen anderer Berufe auch SozialarbeiterInnen mitwirken können.

Als „Sozialtherapie“ wurde bis Ende 2015 auch die von der Deutschen Rentenversicherung und den gesetzlichen Krankenversicherungen von SozialarbeiterInnen verlangte Weiterbildung bezeichnet, die die Berufsangehörigen dazu bemächtigt, im Rahmen von medizinischen Rehabilitationen Menschen mit einer Suchterkrankung zu behandeln (Deutsche Rentenversicherung Bund 2013).

Seit 2016 bezeichnen die anbietenden Weiterbildungsinstitute die von Kranken- und Rentenversicherung geprüften und anerkannten Weiterbildungscurricula ausschließlich als „Suchttherapie(Deutsche Rentenversicherung Bund 2019). Die Wörter „Sozialtherapie“ bzw. „SozialtherapeutIn“ kommen bei den Bezeichnungen der Weiterbildungen nicht mehr vor.

3 Sozialtherapie in der Klinischen Sozialarbeit

„Sozialtherapie“ in der Klinischen Sozialarbeit meint in der Regel die Bündelung verschiedener methodischer Zugänge, also ein Handlungskonzept (Geißler und Hege 2001), mit dem Ziel, physisch und/oder psychisch erkrankte Menschen bei ihrer Gesundung zu unterstützen oder in psychosozialen Krisen befindliche Menschen zu stabilisieren.

Diese Beschreibung reicht noch nicht hin, ausreichend klare Grenzen zu markieren, wie folgende Ausführungen zeigen:

a) „Sozialtherapie“ als Konzept Klinischer Sozialarbeit findet sich in der Literatur sowohl unter der Bezeichnung „Soziale Therapie“ als auch unter „Soziotherapie“. Die Begriffe werden meist synonym verwendet (z.B. Pauls und Lammel 2017). Eine weitere Bezeichnung für „Sozialtherapie“, nämlich „Soziale Psychotherapie“ (Deloie 2011) fokussiert stärker den psychotherapeutischen Anteil.

Ein scharf umrissener Begriff von Soziotherapie (Ohling 2019), der weit enger ist als der in der Klinischen Sozialarbeit übliche, fand im Jahre 2000 Aufnahme in das Sozialgesetzbuch V als § 37a SGB V. Die dortige Bestimmung definiert „Soziotherapie“ als ambulante psychiatrische Leistung für psychisch erkrankte Menschen, die aufgrund der Schwere ihrer psychischen Erkrankung Unterstützung benötigen, um einen Krankenhausaufenthalt mit dieser Maßnahme zu verkürzen oder zu vermeiden.

Bei dieser Behandlungsform geht es dem Gesetz nach um die Inanspruchnahme und Koordinierung verordneter medizinischer und psychotherapeutischer Leistungen sowie der Anleitung und Motivation zu deren Inanspruchnahme. Es handelt sich um eine spezifische Spielform von Sozialtherapie als Handlungskonzept Klinischer Sozialarbeit für eine bestimmte Klientel mit besonderer Zielsetzung (Ohling 2017).

b) Ungeachtet der Frage, wie schmal oder breit „Soziotherapie“ zu fassen sei, stößt man auf den Befund, dass in der Literatur zur Klinischen Sozialarbeit auch „Sozialtherapie“ in einem engeren und weiteren Sinne Verwendung findet. Das führt zu Problemen sowohl bei der Abgrenzung nach außen als auch bei der Differenzierung im Binnenbereich. Was die Abgrenzung nach außen anbelangt, so ist unklar, was die Fachsozialarbeit „Klinische Sozialarbeit“ von der Sozialen Arbeit im Ganzen trennt. Viele AutorInnen verwenden den Begriff „Sozialtherapie“ so weit, dass das Spezifische sowohl der Sozialtherapie als auch der Klinischen Sozialarbeit verschwimmt (z.B. Ortmann, Röh und Ansen 2017; Pauls 2013).

Nach Helmut Pauls, einem der bedeutendsten Vertreter der Klinischen Sozialarbeit, verbindet das weitere wie engere Verständnis von Sozialtherapie „der Konsens, dass psycho-soziale Behandlung orientiert ist sowohl auf die personenbezogenen und beratend-therapeutischen Hilfeleistungen, als auch auf Maßnahmen und Hilfen in Bezug auf die Umgebung: person-in-environment“ (Pauls 2013, S. 293). Person-in-environment als verbindendes Merkmal steht allerdings ganz allgemein für das Denken und Handeln in der Sozialen Arbeit und stellt damit kein besonderes Merkmal von Sozialtherapie, ja noch nicht einmal von Klinischer Sozialarbeit dar.

Die vage Handhabung des Begriffs „Sozialtherapie“ bereitet auch innerhalb der Klinischen Sozialarbeit Probleme. Bei Helmut Pauls findet sich der Satz: „Klinische Sozialarbeit versteht sich mit ihrem Behandlungsansatz insgesamt als sozialtherapeutisch“ (Pauls 2013, S. 290). Das lässt sich so verstehen, als ginge jegliche Methodik der Klinischen Sozialarbeit in Sozialtherapie auf. Dem zu widersprechen gibt es gute Gründe.

Nicht alles, was in der Klinischen Sozialarbeit gemacht wird, geht in Sozialtherapie auf. In der Klinischen Sozialarbeit gibt es Ansätze und Methoden, die nicht mit „Sozialtherapie“ im engeren oder weiteren Sinne identisch sind. Man denke an psychoedukative Familiengespräche mit präventiver Zielsetzung im Rahmen einer Beratung in einem Sozialpsychiatrischen Dienst (Ohling und Heekerens 2006) oder sozialrechtliche Beratung.

Die in der Sozialtherapie gebündelten Methoden können also im Rahmen Klinischer Sozialarbeit auch als Beitrag zur Gesundung- oder Gesunderhaltung dienen, ohne dass sie therapeutischen Anspruch haben müssen.

Einen möglichen Schritt zur Klärung der Verwirrung um die Begrifflichkeiten, könnte die Verständigung der Sektion „Klinische Sozialarbeit“ der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit in Zusammenarbeit mit der Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit im Jahre 2011 auf den Gebrauch des Begriffs „Sozialtherapie“ (Pauls und Hahn 2015), bedeuten.

4 Sozialtherapie – ein Handlungskonzept der Klinischen Sozialarbeit

Karlheinz Ortmann, Dieter Röh und Harald Ansen (2017) stellen fest, dass Sozialtherapie bislang nur „schemenhaft konturiert, in der sozialarbeiterischen Praxis und Identität nur rudimentär verortet“ ist. Auch nach eigener Sichtung der einschlägigen Literatur bleibt es weitgehend bei diesem Befund.

In der Literatur wird „Sozialtherapie“ sowohl als Methode als auch als Konzept bezeichnet, allerdings auch als Teilgebiet der Klinischen Sozialarbeit oder als möglicher Heilberuf im Sinne einer SozialtherapeutIn ins Spiel gebracht (z.B. Beushausen 2017; Crefeld 2006). Hier soll Karlheinz Ortmann, Dieter Röh und Harald Ansen (2017) gefolgt werden, die Sozialtherapie als „Handlungskonzept“ bezeichnen.

„Handlungskonzept“ scheint am ehesten angemessen, da der Sozialtherapie verschiedene Methoden zugeordnet werden. Nach Harald Geißler und Marianne Hege (2001, S. 23) stellt ein Konzept ein Handlungsmodell dar, das sich sinnvoll begründen lässt, da Ziele, Inhalte und Methoden aufeinander abgestimmt sind. Ein Konzept bietet also eine Hülle, die unterschiedlich gefüllt werden kann, um das nachvollziehbare „Wie“ des Vorgehens für das „Wozu“ und des „Warum“ zu beschreiben. Hier soll zunächst nur auf das „Wie“, des Handlungskonzepts eingegangen werden.

Dem Handlungskonzept „Sozialtherapie“ werden verschiedene Methoden wie psychosoziale Beratung, soziale Netzwerkarbeit, Training, Krisenintervention zugeordnet (Pauls 2013; Ortmann, Röh und Ansen 2017). Außerdem zählen Wissensbestände unterschiedlicher psychotherapeutischer Verfahren (systemisch, verhaltenstherapeutisch, psychodynamisch, humanistisch) dazu.

5 Ziele und Begründungen

Nachdem das „Wie“ des Handlungskonzeptes umrissen wurde, soll hier auf das „Warum“ und „Wozu“ eingegangen werden. Die Frage des „Warums“ wird durch Diagnostik beantwortet. Bei der Sozialtherapie ist die Diagnostik psychosozialer Art. Sie berücksichtigt körpermedizinische und psychologische/​psychiatrische Diagnosen (Gahleitner und Pauls 2017).

Karlheinz Ortmann, Dieter Röh und Harald Ansen (2017) weisen den AdressatInnen von Sozialtherapie einen so komplexen Hilfebedarf zu, dass sie allein von einer Psychotherapie nicht (ausreichend) profitieren würden: „Es handelt sich um einen Personenkreis, bei dem gravierende langwierige, unübersichtliche und schwer fassbare soziopsychosomatische Problemgefüge bestehen. Das Konzept der Sozialtherapie zielt auf die Unterstützung dieser Menschen. Mit ihm soll die soziale Teilhabe der Betroffenen gefördert werden. Die damit zusammenhängende Erschließung umfänglicher sozialer Ressourcen erfolgt mit der Intention, eine heilende Wirkung zu entfalten und die soziale Gesundheit der betroffenen Menschen zu fördern“ (S. 32). Andererseits würden die AdressatInnen von einer nicht spezialisierten Sozialen Arbeit nicht die angemessene Hilfe erfahren.

Das heißt: Sozialtherapie bietet in Kombination sozialarbeiterischer und psychotherapeutischer Methoden Unterstützung für Menschen, die durch die üblichen Maßnahmen des Rehabilitations-, Sozial- und Gesundheitssystems (SGB IX, VIII, V) keine passgenaue Hilfe erfahren.

Von Seiten der Klinischen Sozialarbeit erfordert die Umsetzung von Sozialtherapie daher ein bestimmtes Kompetenzbündel: Handlungskompetenzen und Wissen aus der allgemeinen Sozialarbeit (z.B. sozialrechtliche Unterstützung, soziale Netzwerkarbeit, Beratung, Training, soziale Gruppenarbeit) verbunden mit den notwendigen Kenntnissen aus der Psychotherapie.

Um von „Therapie“ sprechen zu können, bedarf es im praktischen Handlungsvollzug zunächst einmal eines funktionierenden Arbeitsbündnisses zwischen TherapeutIn und KlientIn; das ist in der Psychotherapie unbestritten und in der Sozialen Einzelfallhilfe üblich. Gelingende Sozialtherapie braucht ferner eine Mindestdauer und eine Mindeststundenzahl. Zu Mindestdauer und Mindeststundenzahl kann man derzeit noch nicht auf belastbare Zahlen zurückgreifen. Aber es gibt Orientierungspunkte. Sie stammen aus einer kontrollierten Evaluationsstudie zur Wirksamkeit der ambulanten Soziotherapie nach § 37a SGB V von Thomas Heidenreich und MitautorInnen (2018), in der Probandinnen im Zeitraum von vier Monaten zehn Stunden lang soziotherapeutisch behandelt wurden. Die beiden Zeitmarken „über vier Monate“ und „zehn Sitzungen“ sind erste empirisch gewonnene Orientierungspunkte. Weitere Forschung – zu differenzieller Indikation – ist dringend gefragt.

6 Ein Blick zurück

Die Wörter „Sozialtherapie“ und „Soziale Therapie“ finden sich bereits in frühen Publikationen der deutschen Sozialarbeit. So haben Alice Salomon und Siddy Wronksy ihrem Buch von 1926 den Titel „Soziale Therapie“ gegeben, und Siddy Wronksy und Arthur Kronfeld nannten ihr Werk aus dem Jahr 1932 „Sozialtherapie und Psychotherapie in den Methoden der Fürsorge“. Den AutorInnenpaaren ging es trotz unterschiedlichen Sprachgebrauchs in beiden Fällen allerdings nicht um Sozialtherapie im hier gemeintem Sinne, sondern um die Darstellung von Sozialer Einzelfallhilfe aufgrund der damals neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse vor allem aus Medizin, Psychologie und Soziologie.

Das Wort „Therapie“ verwendeten beide AutorInnengruppen, um sich einerseits von traditioneller Fürsorgetätigkeit abzusetzen und sich andererseits durch Übernahme der Grundunterscheidung von Diagnose und Behandlung aus der Körpermedizin in ein professionelles Licht zu rücken (Salomon und Wronsky 1926; Wronksy und Kronfeld 1932).

Diese Grundunterscheidung von Diagnose und Behandlung war Jahre zuvor bereits in den USA von Mary Richmond getroffen worden. Sie steht in der Geschichte der Sozialen Arbeit für die „Erfinderin“ der Sozialen Einzelfallhilfe (Social Case Work) in Unterscheidung von Gemeinwesenarbeit (Community Work) und Sozialer Gruppenarbeit (Social Group Work). Sozialtherapie hat sich diesseits wie jenseits des Atlantiks im Rahmen der Sozialen Einzelfallhilfe entwickelt. Daher kann man mit einigem Recht in Mary Richmond eine Urahnin der Sozialtherapie im hier gemeinten Sinne sehen (Hahn 2017).

7 Theoretische Einbettung

Es besteht Uneinigkeit darüber, wie stark Sozialtherapie sich theoretisch an der Psychotherapie orientieren sollte. Dario Deloie (2011) argumentiert für eine starke Anlehnung an die Psychotherapie. Andere wie Joschka Sichelschmidt und Ino Cramer (2015) hingegen wünschen sich, dass die Sozialtherapie mit theoretischen Konzepten aus dem Fundus der Sozialen Arbeit begründet wird; man denke etwa an die Lebensweltorientierung (z.B. Thiersch 2015), das Lifemodel (Germain und Gitterman 1999), das Modell der Lebensbewältigung (Böhnisch 2018) oder auch das Lebensführungssystem (Sommerfeld et al. 2011). Dies käme einer sozialarbeiterischen Identitätsbildung zugute. In die gleiche Kerbe schlagen Matthias Hüttemann und Simon Süßtrunk (2019), wenn sie Begriffe wie „Lebenslage“, „soziale Netzwerke“ und „Lebensführung“ zur näheren Bestimmung des Gegenstandes der Sozialtherapie heranziehen.

8 Wirksamkeit von Sozialtherapie

Die Wirksamkeitsforschung zur Sozialtherapie steht noch am Anfang (Lehmann 2017). Lehmann hat zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass es schwierig sei, die Wirksamkeit von Sozialtherapie in ihrer Gesamtheit festzustellen.

Die Schwierigkeit rührt daher, „dass Sozialtherapie sowohl bezüglich der Einsatzfelder, als auch der verwendeten Methodik zu heterogen ist, um sie als Ganzes auf ihre Wirksamkeit hin zu untersuchen“ (Lehmann 2017, S. 235). Er empfiehlt daher, Methoden des Handlungskonzepts Sozialtherapie einzeln in den Blick zu nehmen, und verweist mit gutem Grund auf den hohen Wirksamkeitsgrad standardisierter Sozialer Kompetenztrainings, besonders solcher, die (auch) im realen sozialen Umfeld der AdressatInnen stattfinden.

Ein zweites Beispiel von Evidenzbasierung auf dem Feld der Sozialtherapie findet sich für die Spielform „Soziotherapie“. Dazu existieren bislang zwei Evaluationsstudien. Eine erste unkontrollierte Untersuchung (Melchinger 1999) zeigte positive Effekte und führte zur Aufnahme von Soziotherapie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung. Die zweite, diesmal kontrollierte Studie (Heidenreich et al. 2018) konnte Verbesserungen beim psychosozialen Funktionsniveau, der psychopathologischen Symptomatik und der Selbstwirksamkeitserwartung nachweisen.

9 „Sozialtherapie“ in Weiterbildungskonzeptionen

Die Bandbreite dessen, was unter „Sozialtherapie“ zu verstehen sei, zeigt sich (auch) an höchst verschiedenen Konzeptionen von Weiterbildung in Sozialtherapie, die sich bereits curricular niederschlagen. Das soll hier illustriert werden an zwei Konzeptionen von „Sozialtherapie“, wie sie unterschiedlichen Weiterbildungsmodellen zugrunde liegen.

Da gibt es zum einen den 2018 von Dieter Röh (2018) unterbreiteten Vorschlag für ein Rahmencurriculum für Sozialtherapie im Rahmen der Klinischen Sozialarbeit. Dieses Curriculum benennt kognitives Wissen (z.B. über soziale Ungleichheit und Gesundheit), Handlungskompetenzen (Interventionen bei Multiproblemlagen, therapeutische Grundorientierungen) und personale oder Ich-Kompetenzen (wie sie z.B. in Selbsterfahrung erworben werden können).

Außerhalb der Disziplin und Profession Sozialer Arbeit gibt es allerdings Entwicklungen, die vermehrt Beachtung finden sollten. So bietet etwa die Bundesagentur für Arbeit (2019) einen „Studienberuf“ „Sozialtherapeut/in“ an. „Sozialtherapeut/in“ im hier gemeinten Sinne ist eine Weiterbildung, die auf einem Studium der Medizin, Psychologie oder Sozialen Arbeit aufbaut. Die Weiterbildung ist nach der Beschreibung vorwiegend bis ausschließlich psychoanalytisch ausgerichtet.

10 Ausblick

In der Literatur zur Klinischen Sozialarbeit ist man sich einig, dass „Sozialtherapie“ künftig einer weiteren theoretischen Schärfung bedarf. Des Weiteren fordern alle AutorInnen mehr Forschung, die Prozess- und Ergebnisqualität auf Basis quantitativer und qualitativer Forschungsdesigns ins Auge fasst (z.B. Lehmann 2017; Gahleitner und Pauls 2019). Neue einschlägige Masterstudiengänge (wie „Klinische Sozialarbeit“, „Therapeutische Soziale Arbeit“) sowie die künftig zunehmenden Promotionen in diesen Studiengängen könnten hierzu einen Beitrag leisten.

Die Weiterentwicklung der Sozialtherapie als Konzept der Klinischen Sozialarbeit hängt auch stark davon ab, dass die Klinische Sozialarbeit als Fachsozialarbeit stärker noch als bisher ein klares Profil entwickelt.

Das Beispiel der Soziotherapie nach § 37a SGB V und das oben dargestellte Weiterbildungskonzept der Bundesanstalt für Arbeit verweisen mit aller Dringlichkeit auf ein Defizit: Die Soziale Arbeit in ihrer Gesamtheit und die Klinische Sozialarbeit im Besonderen überlässt die Definitionsmacht über zentrale Konzepte wie „Soziotherapie“ oder „Sozialtherapie“ kampflos professionsexternen AkteurInnen. Ohne Einsatz auf politischem Felde wird auf gesellschaftlicher und sozialrechtlicher Ebene das Handeln von Klinischen SozialarbeiterInnen fremdbestimmt.

11 Quellenangaben

Beushausen, Jürgen, 2017. Rezension vom 20.12.2017 zu: Ute Antonia Lammel und Helmut Pauls (Hrsg.): Sozialtherapie. Sozialtherapeutische Interventionen als dritte Säule der Gesundheitsversorgung. Dortmund: verlag modernes lernen Borgmann. In: socialnet Rezensionen. 20.12.2017 [Zugriff am: 14.01.2020]. ISSN 2190-9245. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/​23692.php

Böhnisch, Lothar, 2019. Lebensbewältigung: Ein Konzept für die Soziale Arbeit. 2., überarb. und erweit. Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3878-1 [Rezension bei socialnet]

Bundesagentur für Arbeit, 2019. Berufenet Steckbrief: Sozialtherapeut/in [online]. Nürnberg: Bundesagentur für Arbeit, 02.12.2019 [Zugriff am: 14.01.2020]. Verfügbar unter: https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/bkb/58505.pdf

Crefeld, Wolf, 2006. Sozialtherapie. Zur heilkundlichen Tätigkeit von Sozialarbeitern im Gesundheitswesen. In: Klinische Sozialarbeit. 2 (Online Sonderausgabe). S. 29–31 [Zugriff am: 14.01.2020]. Verfügbar unter: https://www.dgsa.de/fileadmin/​Dokumente/​Sektionen/​Klinische_Sozialarbeit/​klinsa_special_2006.pdf

Deloie, Dario, 2011. Soziale Psychotherapie als Klinische Sozialarbeit: Traditionslinien – Theoretische Grundlagen – Methoden. Gießen: Psychosozial-Verlag. ISBN 978-3-8379-2126-7 [Rezension bei socialnet]

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Gahleitner, Silke Birgitta und Helmut Pauls, 2017. Psychosoziale Diagnose. In: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. Hrsg. Fachlexikon der Sozialen Arbeit. 8., völlig überarb. u. akt. Auflage. Baden-Baden: Nomos, S. 682–683. ISBN 978-3-8487-2374-4 [Rezension bei socialnet]

Gahleitner, Silke Birgitta und Helmut Pauls, 2019. Klinische Sozialarbeit [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 17.01.2019 [Zugriff am: 27.01.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/​Klinische-Sozialarbeit

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Hahn, Gernot, 2017. Sozialtherapie. In: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. Hrsg. Fachlexikon der Sozialen Arbeit. 8., völlig überarb. u. akt. Auflage. Baden-Baden: Nomos, S. 852–854. ISBN 978-3-8487-2374-4 [Rezension bei socialnet]

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Ohling, Maria, 2015. Soziale Arbeit und Psychotherapie: Veränderung der beruflichen Identität von SozialpädagogInnen durch Weiterbildungen in psychotherapeutisch orientierten Verfahren. Weinhaim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-1967-4 [Rezension bei socialnet]

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Pauls, Helmut und Gernot Hahn, 2015. Sozialtherapie. In: Ute Lammel, Johannes Jungbauer und Alexander Trost, Hrsg. Klinisch-therapeutische Soziale Arbeit: Grundpositionen – Forschungsbefunde – Praxiskonzepte. Dortmund: modernes lernen, S. 29–43. ISBN 978-3-8080-0772-3 [Rezension bei socialnet]

Pauls, Helmut und Uta Lammel, 2017. Einführung. In: Ute Antonia Lammel und Helmut Pauls, Hrsg. Sozialtherapie: Sozialtherapeutische Interventionen als dritte Säule der Gesundheitsversorgung. Dortmund: Modernes Lernen, S. 7–14. ISBN 978-3-8080-0802-7 [Rezension bei socialnet]

Röh, Dieter, 2018. Sozialtherapie – Konzeption des Behandlungsbeitrags Sozialer Arbeit in der Versorgung vulnerabler Zielgruppen [online]. Keynote IV bei der 8. Fachtagung Klinische Sozialarbeit Sozialtherapie, Beratung, Case Management – Praxeologie der Klinischen Sozialarbeit. Olten: Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Institut Soziale Arbeit und Gesundheit, 15.06.2018 [Zugriff am: 27.02.2020]. Verfügbar unter: http://www.klinischesozialarbeit.ch/archiv/​tagung-klinische-sozialarbeit-2018/​programm-2018/​abstracts_15-juni-2018/​RoehDieter_Keynote4_15.06.18.pdf

Salomon, Alice und Wronsky, Siddy, 1926. Soziale Therapie: Ausgewählte Akten aus der Fürsorge-Arbeit. Berlin: Heymann

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Sommerfeld, Peter, Lea Hollenstein und Raffael Calzaferri, 2011. Integration und Lebensführung: Ein forschungsgestützter Beitrag zur Theoriebildung der Sozialen Arbeit. Wiesbaden, VS Verlag. ISBN 978-3-531-17806-6 [Rezension bei socialnet]

Stamm, Christof, 2011. Anthroposophische Sozialtherapie im Spiegel ausgewählter Lebensgemeinschaften: Eine qualitativ-empirische Studie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-531-93294-1

Thiersch, Hans, 2015. Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung: Konzepte und Texte. Gesammelte Aufsätze. Band 1. Weinheim und Basel. Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3263-5 [Rezension bei socialnet]

Wronsky, Siddy und Arthur Kronfeld, 1932. Sozialtherapie und Psychotherapie in den Methoden der Fürsorge. Berlin: Carl Heymann

12 Literaturhinweise

Lammel, Ute Antonia und Helmut Pauls, Hrsg., 2017. Sozialtherapie: Sozialtherapeutische Interventionen als dritte Säule der Gesundheitsversorgung. Dortmund: Modernes Lernen. ISBN 978-3-8080-0802-7 [Rezension bei socialnet]

Autorin
Prof. Dr. Maria Ohling
Lehrgebiete: Handlungs- und Methodenlehre der Sozialen Arbeit; Klinische Sozialarbeit; Familientherapie und Beratung
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Maria Ohling.


Zitiervorschlag
Ohling, Maria, 2020. Sozialtherapie (Klinische Sozialarbeit) [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 04.03.2020 [Zugriff am: 09.04.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Sozialtherapie-Klinische-Sozialarbeit

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veröffentlicht am 04.03.2020

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