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Soziometrie

Thomas Wittinger

veröffentlicht am 19.02.2024

Synonym: Sozionomie

Etymologie: lat. socius gemeinschaftlich; gr. metron Maß

Englisch: sociometry

Die Soziometrie ist ein theoretisches und methodisches Konzept zur Beschreibung von unbewussten gruppendynamischen Beziehungen und Strukturen. Hierfür verfügt sie über Messinstrumente zur Offenlegung dieser Gruppenbeziehungen und -strukturen in Bezug auf ein spezifisches Kriterium und ermöglicht so deren Veränderungen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Sozialphilosophische und gesellschaftliche Ziele
  3. 3 Theoretische Grundlagen
    1. 3.1 Soziogenetisches Gesetz
    2. 3.2 Soziale Gravitation
    3. 3.3 Soziodynamischer Effekt
  4. 4 Soziometrie als Methode der Wahl
    1. 4.1 Soziometrische Kriterien
    2. 4.2 Soziometrischer Test
    3. 4.3 Soziogramme
    4. 4.4 Aktionssoziometrie
  5. 5 Die Rolle und die Aufgabe der Leitung
  6. 6 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

„Das Ziel der Soziometrie ist es, am Aufbau einer Welt mitzuwirken, in der jedes Individuum, unabhängig von seiner Intelligenz, seiner Rasse, seinem Glaubensbekenntnis, seiner Religion oder ideologischen Zugehörigkeit, die gleiche Möglichkeit bekommt zu überleben und seine Spontaneität und Kreativität in ihr anzuwenden“ (Hutter und Schwehm 2009, S. 221).

Dies ist nach Jacob Levy Moreno (Moreno 1959; Moreno 1993) nur dann möglich, wenn die unbewussten Gruppenbeziehungen und -strukturen sichtbar und damit veränderbar gemacht werden. Dementsprechend ist die Soziometrie

  • ein System zur Erforschung von unbewussten Strukturen und Beziehungen von Gruppen und zwischen Gruppen (Soziodynamik);
  • ein System zur Heilung sozialer Beziehungen von Gruppen und zwischen Gruppen (Soziatrie);
  • eine empirische Methodik zur Messung unbewusster Beziehungen innerhalb von Gruppen und zwischen Gruppen.

Obwohl Moreno nicht der Erfinder soziometrischer Untersuchungen ist (zu den Vorläufern Dollase 2011, S. 177 f.) besteht sein wesentlicher Betrag darin, dass auf der Basis der Ergebnisse in mikrosoziologischen Bereichen Gemeinschaften die Umgestaltung hin zu mehr Harmonie ermöglicht wird. Mit seinen soziometrischen Untersuchungen hat Moreno einen wesentlichen Beitrag zur Sozial- und Gruppenforschung gegeben.

Die Soziometrie ist eine der drei Säulen des triadischen Systems des Psychodramas. Das Konzept hat Moreno zwar als Sozionomie (Wissenschaft sozialer Beziehungen) bezeichnet. Aber er selbst hat schon den Begriff Soziometrie synonym verwendet. So ist er auch gegenwärtig gebräuchlich.

Für die Erhebung der unbewussten Gruppenbeziehungen und -strukturen steht eine ganze Reihe von Arrangements und Techniken zur Verfügung, die sowohl in der Einzelarbeit als auch in der Gruppenarbeit eingesetzt werden können. Gleichzeitig wohnt der Erkundung und Erforschung unbewusster Gruppenbeziehungen und -strukturen ein hohes Potenzial an Verunsicherungen bis hin zu Kränkungen oder auch Empörungen inne. Deshalb sollten soziometrische Methoden nur angewendet werden, wenn der zeitliche Rahmen für eine gründliche Aufarbeitung gegeben ist und die Leitung über eine Weiterbildung verfügt, die ihr eine entsprechende Aufarbeitung ermöglicht.

2 Sozialphilosophische und gesellschaftliche Ziele

Zumindest in der Anfangszeit seines Wirkens verfolgte Moreno mit der Soziometrie hochgesteckte Ziele. „Das Ziel der Soziometrie ist im weitesten Sinne, den Weg für eine ‚Wissenschaft‘ der Demokratie zu bereiten. Wir haben gehofft, dass die universalen und optimalen Methoden eines wirklich humanen sozialen Lebens – das, was zu Recht ‚Demokratie‘ genannt werden kann – auftauchen würden“ (Hutter und Schwehm 2009, S. 279). Damit birgt die Soziometrie auch ein revolutionäres Potenzial, weil sie verborgene Machtstrukturen mit ihren Charakteristika offenlegt und damit die Möglichkeit einer Umgestaltung gibt. Im politischen Sinne ist dies als ein Plädoyer für eine radikale Basisdemokratie zu verstehen, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist.

Morenos Ideen,

  • die Ursachen für soziales Fehlverhalten (z.B. Gewalt an Schule) nicht zu individualisieren, sondern in der Tiefenstruktur der Gruppe zu suchen, sowie
  • Gemeinschaften nach Prinzipien der sozialen Passung zu gestalten,

sind für alle nicht verfassungsrelevanten Bereiche von erheblicher Tragweite. Denn nach Moreno sind Individuen und Gruppen keine Opfer irgendwelcher nicht-durchschaubarer Dynamiken. Vielmehr haben sie prinzipiell die Möglichkeit, selbst für ein harmonisches Zusammenleben ihrer Gemeinschaften zu sorgen, auch wenn die Umsetzung oftmals sehr aufwendig ist. Dies gilt für alle mikrosoziologischen Lebensbereiche

  • für Kleingruppen
  • für Teams in der Arbeitswelt
  • für Familien und
  • für die Wahl der Lebenspartnerin oder des Lebenspartners.

Bedingung hierfür ist, die Gruppe und ihre einzelnen Mitglieder die Ergebnisse selbst auswerten zu lassen und Lösungswege für ihre Probleme zu finden. Ein von Moreno ausführlich beschriebenes und erprobtes Beispiel findet sich in seinem Grundlagenwerk zur Soziometrie Who shall survive? (dt. Grundlagen der Soziometrie; Moreno 1993, S. 97 ff.).

3 Theoretische Grundlagen

In der Gruppenforschung hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass

  • die Beziehungen innerhalb von Gruppen und zwischen Gruppen nicht nur von formellen, sondern auch von unbewussten Strukturen beeinflusst werden;
  • eine Differenz zwischen der formellen Ebene und der informellen Ebene der Beziehungen besteht.

Die formellen bzw. informellen Strukturen bezeichnete Moreno als Oberflächen- bzw. Tiefenstruktur einer Gruppe. Die Tiefenstruktur bezeichnete er als soziometrische Matrix. „Die Wechselwirkung beider Ebenen und die potenziell daraus resultierenden Konflikte prägen unsere soziale Realität“ (Ameln und Kramer 2014, S. 189).

Mit anderen Worten: Sympathien, Wertschätzungen von Gruppenmitgliedern oder ganzen Subgruppen, unterschwellige Konflikte, konkurrierende Untergruppen und Außenseiterdynamiken haben neben formellen Beziehungen (z.B. Hierarchien) einen erheblichen Einfluss auf die Bildung und Erhaltung von Gruppen und die Beziehungen zwischen Gruppen. Auch wenn die Differenzen zwischen formellen und unbewussten Gruppenstrukturen im psychologischen oder moralischen Sinne belastend oder gar schädigend erlebt werden, können sie dennoch prinzipiell verändert werden, wenn sie offengelegt werden.

Die Möglichkeit, Individuen auf der Basis bestimmter Kriterien die Gruppenzugehörigkeit und die Bezogenheit auf bestimmte Individuen der Gruppe bewusst wählen zu lassen,

  • zeigt das revolutionäre Potenzial der Soziometrie, weil dadurch verborgene Machtstrukturen aufgedeckt werden können;
  • mindert nach Moreno die Konflikte und fördert das Wohlbefinden der Gruppenmitglieder. Ein sehr bekanntes Beispiel, das in veränderter Form von Moreno schon sehr früh eingesetzt wurde, ist die Möglichkeit für Schüler:innen bei einer Klassenfahrt die Zusammensetzung der Zimmerbelegung wählen zu können.

Zusammenfassend heißt dies, dass Moreno mit der Soziometrie keine Erklärungen für die unbewussten Gruppenbeziehungen (z.B. für Sympathie oder Antipathie) liefert, sondern diese nur anhand von Kriterien beschreibt.

3.1 Soziogenetisches Gesetz

Nach Moreno durchlaufen Gruppen einen Entwicklungsprozess von der organischen Isolation der einzelnen Gruppenmitglieder über horizontal differenzierte Gruppenstrukturen bis hin zur Ausbildung von Hierarchien und immer komplexeren Strukturen. Dieser Prozess läuft nach Moreno in allen Gruppen ab und gleichzeitig ist er beeinflussbar. (Moreno 1993, S. 73–77)

3.2 Soziale Gravitation

Nach Moreno herrschen in Gruppen und zwischen Gruppen Kräfte der sozialen und emotionalen Anziehung und Abstoßung. Die Beziehungen in Gruppen und zwischen Gruppen sind von diesen Kräften abhängig. Zur Bezeichnung dieser Kräfte entnahm Moreno den Naturwissenschaften den Begriff der Gravitation und charakterisierte sie als „Soziale Gravitation“. „Das Gesetz der sozialen Gravitation beschreibt nicht nur die Auswirkung der Anziehungs- und Abstoßungskräfte zwischen Gruppen, sondern auch die Auswirkungen dieser Kräfteverhältnisse auf die einzelnen Individuen und die damit möglicherweise verbundenen Anhängigkeiten und Zwänge“ (Schwehm 2008, S. 324). Je stärker die Kräfte der Anziehung sind, umso größer ist die Gruppenkohäsion. Je stärker umgekehrt die Kräfte der Abstoßung sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit der Isolation von Individuen in der Gruppe bis hin zum Zerfall einer Gruppe oder das Maß der konflikthaften Auseinandersetzung zwischen Gruppen. So können Individuen in der einen Gruppe Ablehnung erfahren, in einer anderen Gruppe im Gegenteil Anerkennung.

„Banales, wie auch erwartbares Forschungsfazit: Wer bei den Gruppenmitgliedern beliebt ist, d.h. mehr positive Wahlen als andere erhält, verkörpert die Normvorstellungen der Gruppenmitglieder besonders gut. […] Wer keine Wahlen bekommt bzw. in Gruppen abgelehnt wird, […] wird Ächtung durch die anderen spüren“ (Dollase 2011, S. 181).

Moreno hat die Frage nach den Ursachen von Sympathien bzw. Antipathien nur insofern beschäftigt, als er die Teilnehmenden nach den Motiven ihrer Wahlen bezogen auf das jeweilige Kriterium befragt hat. Diese Motive waren und sind selbstverständlich hinterfragbar, z.B. in psychologischer oder ethischer Hinsicht und damit auch veränderbar.

Jedoch sind Individuen und Gruppen den Kräften der sozialen Gravitation nicht hilflos ausgeliefert. Denn die Kräfte werden bestimmt von bewussten und unbewussten Entscheidungen, aufgrund von Wahlen mit benennbaren Kriterien (vgl. 4.1). Die Möglichkeit diese Entscheidungen zu beeinflussen, hängt von dem Maß ab, mit dem die Dynamik hinter den Wahlen sichtbar gemacht wird, und von der Freiheit wählen zu können.

3.3 Soziodynamischer Effekt

Nach Moreno liegen den unbewussten Gruppenbeziehungen die sogenannten Wahlen zugrunde, d.h. die Entscheidungen von Individuen bezüglich Anziehung, Ablehnung oder auch Neutralität. Diese Wahlen werden aufgrund von spezifischen Kriterien getroffen. Die Anzahl positiver bzw. negativer Wahlen ist nach Moreno nicht nur ungleich verteilt, sondern der jeweilige soziometrische Status der (Un)Beliebtheit ist recht stabil. Dies nannte Moreno das soziodynamische Gesetz. Damit meinte er,

„dass die Anzahl der Wahlen, d.h. der affektiven gegenseitigen Beziehungen eines Individuums, ungleich unter Mitgliedern eines Kollektivs verteilt [ist], unabhängig von der Größe oder der Art der Gruppe. Gruppen sind hinsichtlich relevanter soziometrischer Kriterien geschichtet. Daher sprechen wir heute von einem ‚soziometrischen Status‘ von einem ‚Wahl-Ablehnung-Status‘ und der ‚soziometrischen Ungleichheit‘ von Individuen. Wir sprechen häufig von einem ‚soziodynamischen Effekt‘; dabei geht man davon aus, dass isolierte und vernachlässigte Individuen dazu neigen, isoliert und vernachlässigt zu bleiben, dass übermäßig gewählte Individuen übermäßig gewählt bleiben werden und dass diese sogar eine weitere Überzahl an Wahlen auf sich versammeln werden, wenn die Anzahl der erlaubten Wahlen steigt. Dieser ‚Effekt‘ gilt genauso, wenn er auf Gruppen untereinander angewandt wird“ (Hutter und Schwehm 2009, S. 254).

4 Soziometrie als Methode der Wahl

Nach Moreno gestalten einzelne Menschen und Gruppen ihre Beziehungen aufgrund von Wahlen. Dazu gehört auch die Möglichkeit der Abgrenzung in unterschiedlichem Maß bis hin zur Abwahl. „Wahlen sind grundlegende Faktoren in allen menschlichen Beziehungen. Wahlen betreffen Menschen oder Gegenstände. Ob die Motive dem Wählenden bekannt sind oder nicht, ist von sekundärer Bedeutung. Sie sind nur im Hinblick auf seinen kulturellen oder ethischen Index bedeutungsvoll“ (Moreno 1993, S. 446 f.). Somit sind nach Moreno soziometrische Wahlen Ausdruck unserer sozialen und gesellschaftlichen Realität.

Die meist unbewussten Wahlen von Anziehung, Abstoßung und Gleichgültigkeit können durch soziometrische Methoden auf der Basis von Kriterien sichtbar gemacht werden.

4.1 Soziometrische Kriterien

Von erheblicher Bedeutung hierfür sind das Maß der Bewusstheit dieser Wahlen und das jeweilige Kriterium, nach dem diese Wahlen getroffen werden. „Wenn wir, zum Beispiel, die Struktur einer Arbeitsgruppe bestimmen wollen, ist das Kriterium nicht die Antwort auf die Frage, mit wem die einzelnen Personen gerne Mittagessen gehen würden, sondern ihre Beziehung als Arbeiter in der Fabrik. Wir unterscheiden deshalb zwischen einem wesentlichen und einem Hilfskriterium. Komplexe Gruppen werden in ihrem Aufbau durch mehrere wesentliche Kriterien bestimmt“ (Hutter und Schwehm 2009, S. 224). Als Kriterien lassen sich Handlungs- und diagnostische Kriterien unterscheiden. Mit Handlungskriterien wird angezeigt, mit welchen Gruppenmitgliedern bestimmte Ziele verfolgt werden. Diagnostische Kriterien dienen der Sichtbarkeit der unbewussten Gruppenbeziehungen. Wenn Gruppenmitglieder nur wenige Wahlen oder überwiegend negative Wahlen erhalten haben, wird dies sehr hart, verletzend oder auch empörend erlebt. Bedeutsam ist deshalb, dass

  • die Ergebnisse immer nur in Bezug auf ein Kriterium zu dem jeweils aktuellen Zeitpunkt gelten. Ein anderes Kriterium führt oftmals zu ganz anderen Ergebnissen;
  • die Veröffentlichung der Ergebnisse oftmals zu Handlungsimpulsen führt, die auch andere Ergebnisse zu Folge haben können.
  • die Ergebnisse immer nur den Anfang für die weitere, eigentliche Arbeit darstellen dürfen.

4.2 Soziometrischer Test

Die Erhebung der sozialen und emotionalen Beziehungen wird als soziometrischer Test bezeichnet. Ursprünglich wurden die Ergebnisse der soziometrischen Wahlen aufwendig auf Plakaten oder in eine Matrix (Soziomatrix) eingetragen. Aufgrund des enormen Zeitaufwandes wird der soziometrische Test in dieser Form kaum noch durchgeführt, sondern in Form von aktionssoziometrischen Aufstellungen. Aufgrund des hohen belastenden, verletzenden oder auch empörenden Potenzials der Ergebnisse, sollten immer mehrere Kriterien verwendet werden, da unterschiedliche Kriterien zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Eine Möglichkeit, das Ausmaß der möglichen Belastung zu begrenzen, besteht darin, die Gruppenmitglieder nach denjenigen Personen zu fragen, die sie an zweiter Stelle wählen würden.

4.3 Soziogramme

Wenn die Ergebnisse der Wahlen auf Papier aufgezeichnet werden, dann werden für die Personen und Gruppen verschiedene Symbole verwendet (ein Dreieck für Mann, ein Kreis für Frau, ein Viereck für Gruppe oder Organisation; vgl. Soziokulturelles Atom). Eine ganze Reihe von Linien mit und ohne Pfeile beschreibt die Beziehungen der Gruppenmitglieder. In der grafischen Darstellung werden der soziodynamische Effekt, Subgruppen, Koalitionen oder auch lose Verbindungen sichtbar. Die Konstellationen werden als Soziogramme bezeichnet. Eine ganze Reihe von konkreten Beispielen findet sich in Morenos Grundlagenwerk (Moreno 1993, S. 69–93; ausführlich unter Soziogramm. Eine Sonderform des Soziogramms ist das soziokulturelle Atom.

4.4 Aktionssoziometrie

Aktionssoziometrie meint, die soziometrischen Messungen auf die Bühne zu bringen. Gellert spricht deshalb von „Lebendiger Soziometrie“ (Gellert 1993) im Unterschied zur schriftlichen Darstellung auf Plakaten. Aktionssoziometrische Aufstellungsarbeit ist wesentlich zeitsparender als die schriftliche Darstellung und Auswertung. Zum Beispiel können anhand multipolarer Zuordnungen (z.B. mit dem Kriterium der Berufszugehörigkeit) Arbeitsgruppen gebildet werden – statt einer formalen (z.B. numerischen) Gruppenbildung, die effektive Ergebnisse für jeden einzelnen Teilnehmenden generieren.

In den verschiedenen Phasen der Entwicklung des Gruppenprozesses im Sinne der Gruppendynamik verfügt eine Leitung mit den aktionssoziometrischen Arrangements und Techniken über ein hilfreiches Instrumentarium, um die verschiedenen Phasen zu steuern (Ameln und Kramer 2014, S. 235–255). Einige Beispiele aus der Praxis finden sich in der Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie (Gellert und Anelm 2011) sowie bei Stadler (2024).

Diese Wandlung, soziometrische Messungen auf der Bühne sichtbar zu machen, markiert auch den Beginn der Weiterentwicklung soziometrischer Arrangements durch auf Moreno folgende Generationen. Dazu gehören

  • eindimensionale Arrangements und zweidimensionale Formen, z.B. Ambivalenz-Skalen (sie fragen das Sowohl-als-auch von zwie Kriterien gleichzeitig ab) oder der Diamant der Gegensätze;
  • Arrangements, die einen soziometrischen Prozess zeigen (z.B. den „Kreislauf des Heilens“ oder den soziometrischen Zyklus als dessen Weiterentwicklung; Hale 1994).

In der Praxis fragen manche Aufstellungen nicht wirklich nach den unbewussten Beziehungsstrukturen. Sie sind zur genaueren Unterscheidung eher als Skalen (z.B. die alphabetische Namensreihe) zu bezeichnen und beispielsweise für eine Erwärmung geeignet.

5 Die Rolle und die Aufgabe der Leitung

Die Leitung ist immer auch Teil der Soziodynamik der Gruppe. In der Reflexion der unbewussten Gruppenbeziehungen und -strukturen kann sie deshalb nicht außen vor bleiben. Sie arbeitet letztlich als Begleitung der Gruppe. Für die Beschreibung und Analyse der Beziehungsproblematik der Gruppe stellt sie der Gruppe zum einen ihre soziometrische Kompetenz zur Verfügung. Des Weiteren achtet die Leitung darauf, dass im Sinne Morenos heilsame Beziehungen für alle Gruppenmitglieder und zwischen den Gruppen erarbeitet werden.

Wie oben beschrieben wertet nicht die Leitung, sondern die Gruppe selbst die Ergebnisse aus und bestimmt auch den Lösungsweg. Damit wird letztlich auch verhindert, dass die Gruppe einer von der Leitung als richtig erachteten Lehre zu folgen hat. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zu Bert Hellingers Aufstellungsarbeit.

Soziometrische Methoden sollten aufgrund des hohen konfrontativen Charakters nur angewendet werden, wenn

  • die Leitung über einen längeren Zeitraum mit der Gruppe oder einem/r Einzelnen zusammenarbeitet;
  • die Gruppe oder das Individuum explizit einen Auftrag dazu erteilt hat, ihre Beziehungen zu erkunden, zu reflektieren und sich den immanenten Konflikten zu stellen;
  • die zeitlichen Rahmenbedingungen eine gründliche Aufarbeitung zulassen. Deshalb besteht zu Recht an Schulen ein Verbot für soziometrische Erhebungen.

6 Quellenangaben

Ameln, Falko von und Josef Kramer, 2014. Psychodrama: Grundlagen. Berlin: Springer. ISBN 978-3-642-44920-8

Dollase, Rainer, 2011. Die Grundlagen der Soziometrie. In: Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie. 10(2) S. 175–190. ISSN 1619-5507

Gellert, Manfred, 1993. Lebendige Soziometrie in Gruppen. In: Rainer Bosselmann, Eva Lüffe-Leonhardt und Manfred Gellert. Variationen des Psychodramas. Meezen: Christa Limmer, S. 286–301. ISBN 978-3-928922-01-2

Gellert, Manfred und Falko von Ameln, Hrsg., 2011. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie. 10(2). ISSN 1619-5507

Hale, Ann, 1994. Soziometrische Zyklen. In: Psychodrama. 7(2), S. 179–196. ISSN 0934-8565

Hutter, Christoph und Helmut Schwehm, 2009. J. L. Morenos Werk in Schlüsselbegriffen. Wiesbaden: VS Verlag. ISBN 978-3-531-16568-4 [Rezension bei socialnet]

Moreno, Jakob L., 1959. Soziometrie als experimentelle Methode. Paderborn: Jungfermann Verlag

Moreno, Jakob L., 1993. Die Grundlagen der Soziometrie. Opladen: Leske + Budrich

Schwehm, Helmut, 2008. Soziometrie – Die Methode der Wahl. In: Stefan Gunkel. Psychodrama und Soziometrie. Wiesbaden: VS Verlag, S. 321–333. ISBN 978-3-531-16360-4 [Rezension bei socialnet]

Stadler, Christian, 2024. Soziometrie. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag. ISBN 978-3-658-42414-5

Verfasst von
Thomas Wittinger
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Zitiervorschlag
Wittinger, Thomas, 2024. Soziometrie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 19.02.2024 [Zugriff am: 19.06.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/4985

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