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Spiritualität

Dietrun Lübeck, Anne Grohn

veröffentlicht am 12.09.2021

Etymologie: lat. spiritualis geistlich

Englisch: spirituality

Spiritualität bezeichnet Erfahrungen allumfassender Verbundenheit und Einheit, deren Ursprung in einer Beziehung zu einer transzendenten Wirklichkeit verstanden wird.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Spiritualität als subjektiv wahrgenommene Verbundenheit
  3. 3 Spiritualität als Erfahrung
  4. 4 Spiritualität und Religiosität: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
  5. 5 Anknüpfung an psychologische Denkströmungen und Konstrukte
  6. 6 Empirische Erfassung
  7. 7 Auswirkungen spirituellen Erlebens und Verhaltens
  8. 8 Konzeptuelle Einbindung von Spiritualität in Modelle der Sozialen Arbeit
  9. 9 Spiritualität in der Praxis der Sozialen Arbeit
  10. 10 Gesellschaftliche und ethische Implikationen
  11. 11 Quellenangaben
  12. 12 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Neben einer begrifflichen Eingrenzung und Abgrenzung zum Begriff der Religiosität werden unter Bezug auf humanistische Grundhaltungen sowie kognitiv orientierte Denkweisen Zugänge zum Erleben von Spiritualität aus wissenschaftlich-psychologischen Diskursen heraus vorgestellt. Dem schließen sich Möglichkeiten der empirischen Erfassung von Spiritualität und Ausführungen zu den Auswirkungen spirituellen Erlebens und Verhaltens an. Abschließend werden Bezüge zur Praxis der Sozialen Arbeit hergestellt sowie gesellschaftliche und ethische Implikationen aus den Ausführungen heraus skizziert.

2 Spiritualität als subjektiv wahrgenommene Verbundenheit

Bislang existiert weder ein wissenschaftlicher noch weltanschaulicher Konsens über das genaue Verständnis von Spiritualität. Ob die Bezugnahme auf eine transzendentale Dimension gegeben sein muss, um von Spiritualität im engeren Sinne sprechen zu können, oder ob eine das Ich überschreitende, altruistisch-humanistische Wertorientierung ausreiche, um von Spiritualität in einem weiteren Sinn sprechen zu können (Kohls und Walach 2011), ist nicht abschließend geklärt.

Im Sinne eines weiten, psychologisch-psychosozialen Verständnisses kann Spiritualität mindestens als Verbundenheit verstanden werden, zum einen horizontal mit der sozialen Mitwelt, der Natur und dem Kosmos und zum anderen vertikal mit einem den Menschen übersteigenden, alles umgreifenden Letztgültigen, Geistigen, Heiligen (für viele Gott). Bucher (2014, S. 32) spricht hier von Einssein (connectedness) als Erfahrung allumfassender Einheit. Voraussetzung hierfür sei, dass der Mensch zur Selbsttranszendenz fähig sei und vom eigenen Ego absehen könne (S. 69).

Schnell (2015, S. 55) fasst Spiritualität im Sinne vertikaler Transzendenz als „subjektiven Zugang zu einer anderen Wirklichkeit“ zusammen (ebd., S. 18), einhergehend mit einem Zugehörigkeit- und Verbundenheitsgefühl, das sich auf die Natur, Menschheit im Allgemeinen oder den gesamten Kosmos beziehen könne (ebd., S. 70).

3 Spiritualität als Erfahrung

Walach et al. (2005) differenzieren im Zusammenhang mit Spiritualität zwischen Erfahrungen, inneren Erfahrungen und spirituellen Erfahrungen:

  • Unter Erfahrung verstehen sie Erfahrungen, die im Zusammenhang mit unseren Sinnen stehen und damit Erfahrungen über die äußere Welt meinen.
  • Von inneren Erfahrungen gehen sie bei kognitiv-affektiven Erkenntnissen aus, die im Unterschied zu rein rational-analytischen Erkenntnissen eine starke affektive Komponente haben, sodass diese Form von Erkenntnissen stärkeres Gewicht erhalten und anders im Gedächtnis repräsentiert sind.
  • Als spirituelle Erfahrungen bezeichnen sie Erfahrungen, deren Ursprung in der Beziehung zu einer absoluten, transzendenten Wirklichkeit verstanden wird, die aber nicht notwendigerweise im Rahmen eines traditionell religiösen Systems (sonst wären es religiöse Erfahrungen) ausgedrückt werden.

Je nach Quelle(n) und Intensität der Beschäftigung mit diesen Erfahrungen und je nach Bezugsrahmen (kontextuelle Einbettung) ist von verschiedenartigen Auswirkungen von Spiritualität auf die persönliche Lebensführung auszugehen. Entsprechend begegnen sich sozialprofessionell Tätige sowie Nutzer*innen psychosozialer Angebote vor dem Hintergrund mitunter sehr unterschiedlich ausgeprägten spirituellen Erfahrungs- und Lebenswelten. Dirnberger (2012) führt vier Wege an, über die Menschen spirituellen Gehalten näherkämen:

  1. Denken und Verstehen als klassisch-philosophischer Weg,
  2. Fühlen und Mitfühlen als „Erfassen mit dem Herzen“,
  3. Intuition und
  4. erfahrendes Erleben (selbstpraktizierend und/oder durch gezielte Interventionen aktivierbar).

4 Spiritualität und Religiosität: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Spiritualität als innere Einstellung und Erfahrung ist abgrenzbar von Religiosität bzw. religiöser Spiritualität im engeren Sinne. Bei Religiosität und Spiritualität ist von zwei sich überschneidenden Konstrukten auszugehen (Bucher 2014, S. 61ff; Lübeck und Böhmer 2017), wie folgende Beispiele veranschaulichen:

  1. Jemand handelt religiös, macht dabei keine spirituellen Erfahrungen (z.B. Teilnahme an einem Gottesdienst, dabei aber an das Job-Center denkend).
  2. Jemand macht spirituelle Erfahrungen und denkt dabei weder an die „Schöpfung“ noch an „Gott“ (z.B. Empfinden tiefster Verbundenheit und Ehrfurcht beim Anblick einer majestätischen Landschaft oder eines Neugeborenen).
  3. Spiritualität als Religiosität: Intrinsisches Bezogensein auf Gott, das Heilige (z.B. beim Beten zu Gott).

Bucher (2014) nimmt ferner an, dass Spiritualität nicht nur umfassender als Religiosität sei, sondern auch chronologisch vorrangig, da spirituelle Erfahrungen bereits vor der Formierung von Religionen gemacht wurden und Spiritualität auch von Personen gelebt werden könne, die weder einer Religion angehören noch spirituelle Handlungen praktizieren, sich aber mit dem Kosmos verbunden fühlen, tiefe Ehrfurcht vor dem Leben empfinden oder ohne weitere Bestimmungen von einem Sinn ihres Lebens ausgehen und somit für spirituelle Erfahrungen offen sind. Religiosität kann demnach umgekehrt als ein Ausdruck von Spiritualität betrachtet werden. Daher sei Spiritualität nicht als Gegenpol zu Religiosität zu betrachten und werde Religionen nicht ersetzen, weil authentische Spiritualität beispielsweise auch in Kirchen gelebt werden könne (zusammenfassend Bucher 2014, S. 17 f.).

In wissenschaftlichen Diskursen, insbesondere in religionspsychologischen Veröffentlichungen, fand der Begriff Spiritualität erst seit Ende der 1990er Jahre zunehmend Beachtung (Utsch 1998).

5 Anknüpfung an psychologische Denkströmungen und Konstrukte

Insbesondere aus humanistischer oder existentialistischer Grundhaltung heraus wird argumentiert, dass dem Menschen spirituelle Erfahrungen und die Beschäftigung mit spirituellen Gehalten von Natur aus nahestehen: C.G. Jung setzte sich Zeit seines Lebens intensiv mit spirituellen Erfahrungen auseinander (Kast 2008). Auch A. Maslow (1971) ging explizit davon aus, dass dem Menschen ein Grundbedürfnis nach Transzendenz innewohne und V. Frankl (1985) sah die Suche des Menschen nach dem Sinn seines Daseins und Schaffens als zentrales Handlungsmotiv. Entsprechend stellt auch Schnell (2016) Spiritualität als eine Sinnressource bzw. sog. Lebensbedeutung heraus. Elkins (2015) plädiert aus der Religionspsychologie heraus seit einigen Jahrzehnten für einen humanistisch begründeten, respektvollen Umgang mit spirituellen, religionsübergreifenden Zugängen und Praktiken.

Ausgangspunkt kognitiv orientierter Denkweisen ist die Erkenntnis, dass der Mensch die Realität des Universums nicht erfassen kann und gleichzeitig in der Lage ist zu erkennen, dass er vieles nicht versteht. Im Sinne einer konstruktivistischen Perspektive ist die „höhere Macht“ – die „Transzendenz“ – der Bereich der subjektiv erfahrenen Wirklichkeit, der sich der empirisch-wissenschaftlichen Erkenntnis entzieht und somit wissenschaftlich nicht objektivierbar untersucht werden kann (Egger 2013). Menschen haben dennoch eine mehr oder weniger bewusste Konstruktion davon, was transzendente Wirklichkeit sein mag. Es geht dabei um Beziehungserfahrungen (Verbundenheit), die einseitig von Menschen kreiert werden, indem sie ihre Erfahrungen (auch) einer Beziehung zum Transzendenten und des Transzendenten zu ihnen zuschreiben.

Das Konzept der Kontrollüberzeugungen (locus of control) bietet sich als weiteres Denkgerüst für die Praxis an (Rotter 1966). Hier geht es um das subjektive Empfinden eines Individuums, wer oder was sein Leben maßgeblich bestimme: Eine internale Kontrollüberzeugung entspricht der inneren Gewissheit, dass man sein Leben selbst in der Hand habe. Bei der external-sozialen Kontrollüberzeugung ist als Lebenskonzept zentral, dass andere Menschen das Leben bestimmen. Bei der fatalistischen Kontrollüberzeugung (Flammer 1993) handelt es sich um die Gewissheit, dass das Leben letztlich durch beispielsweise das Schicksal, den Zufall, höhere Mächte, Gott oder Götter bestimmt werde. Vor diesem Hintergrund ist Spiritualität der dritten Form von Kontrollüberzeugung zuzuordnen und kann so zum Bestandteil sowohl sozialprofessioneller Arbeit als auch selbstreflexiver Prozesse gemacht werden.

Darüber hinaus wird Spiritualität auch im Zusammenhang mit Kohärenzerleben (und seinen Folgen) diskutiert (Schnell 2015, S. 71). Damit ist eine theoretische Grundlegung auch salutogenetischer Zugänge (Antonovsky 1997) sowie psychischer Grundbedürfnisse (Grawe 2004; Lübeck 2017) impliziert.

6 Empirische Erfassung

Insgesamt ist die Datenlage zu Spiritualität im deutschsprachigen Raum recht spärlich und kaum als repräsentativ anzunehmen. Im aktuellen sog. Religionsbarometer der Bertelsmann-Stiftung (Pollack und Müller 2013, S. 12 ff.) schätzten sich im Westen 13 % und im Osten 6 % der Befragten als „ziemlich“ oder „sehr“ spirituell ein. Dagegen hielten sich 59 % im Westen und 77 % im Osten für „wenig“ bzw. „gar nicht“ spirituell. Ferner wurde Spiritualität im Vergleich zu anderen Lebensbereichen insgesamt zwar als unwichtigster Lebensbereich eingeschätzt, dennoch stuften 32 % im Westen und 23 % im Osten Spiritualität als „eher“ bzw. „sehr wichtig“ ein (zum Vergleich: die Lebensbereiche Familie, Freunde, Freizeit hielten jeweils über 90 % für „eher wichtig“ oder „sehr wichtig“). Hinzu kommt, dass 54 % der Westdeutschen und 23 % der Ostdeutschen angaben, an die Existenz Gottes oder etwas Göttlichem zu glauben.

Zur Erfassung von Spiritualität existieren im deutschsprachigen Raum kaum etablierte Instrumente. Krause (2015, S. 36) und Bucher (2014, S. 59 f.) haben einige Erhebungsverfahren zusammengestellt, die unterschiedliche Dimensionen zum Gegenstand haben (z.B. kognitive, phänomenologische Bestandteile, spirituelles Wohlbefinden, spirituelle Praxis und Bedürfnisse).

7 Auswirkungen spirituellen Erlebens und Verhaltens

Es wurden zahlreiche korrelative Zusammenhänge zwischen Spiritualität und anderen psychologischen Konstrukten, Persönlichkeitsmerkmalen, Gesundheitsindikatoren und Bewältigungsstrategien festgestellt (Armbruster et al. 2013; zusammenfassend Krause 2015), die allerdings kaum Kausalitätsaussagen zulassen. Darüber hinaus muss beachtet werden, dass Spiritualität nicht nur mit positiven Aspekten korreliert, sondern mitunter auch negative Zusammenhänge vorliegen (Kohls und Walach 2011).

Bei der Erfahrung von Spiritualität scheint es sich zwar um ein kulturunabhängiges, universelles Phänomen und Bedürfnis zu handeln, dennoch sind soziodemografische und kulturelle Unterschiede festzustellen. Insbesondere mit Blick auf kulturelle Unterschiede in der Erfahrung, dem Verständnis und der Praxis von Spiritualität muss beachtet werden, dass die vorliegenden Erhebungsinstrumente und erhobenen Indikatoren üblicherweise nordamerikanischen und westeuropäischer Denk- und Forschungstraditionen folgen.

8 Konzeptuelle Einbindung von Spiritualität in Modelle der Sozialen Arbeit

Schnell und Keenan (2013) haben neun psychologienahe Hauptkomponenten zusammengefasst, die Kernelemente von Spiritualität ausmachen:

  1. Die erfahrungsbasierte Überzeugung, dass das Leben eine transzendente, also die Grenzen der sinnlichen Erfahrung überschreitende, Dimension hat (natürlich oder übernatürlich),
  2. die Zuversicht, dass das Leben einen tiefen Sinn hat und dass die eigene Existenz einen Sinn hat,
  3. das Gefühl einer Berufung oder Mission im Leben,
  4. der Glaube, dass das Leben mit Heiligkeit erfüllt ist,
  5. die ultimative Befriedigung nicht über materielle Werte anzustreben,
  6. einen starken Sinn für soziale Gerechtigkeit und das Engagement für altruistische Liebe und Handlungen,
  7. Idealismus im Sinne eines visionären Engagements für die Verbesserung dieser Welt,
  8. Bewusstsein für die tragischen Realitäten der menschlichen Existenz (Schmerz, Leiden und Tod),
  9. Erkennen der Auswirkungen von Spiritualität, die die Beziehungen zu sich selbst, zu anderen, zur Natur beeinflussen, zum Leben und was auch immer jemand für das Ultimative hält.

Die Aufzählung veranschaulicht die Vielfalt an Wahrnehmungen, Überzeugungen, Erfahrungen (als psychologische Prozesse), die sowohl Sozialarbeiter*innen als auch Klient*innen in ihrem ko-konstruierenden Herangehen an soziale Probleme, psychosoziale Krisen und Lebensvorhaben mindestens beeinflussen oder gar prägen können (Lübeck et al. 2018).

Diese über sog. Weltanschauungen (world views) hinausgehenden Kernelemente werden bislang kaum explizit in den gängigen Modellen der Sozialen Arbeit herausgestellt (beispielsweise zur fachlich angemessenen Verortung spirituellen Erlebens und Verhaltens im biopsychosozialen Rahmenmodell, im Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungsmodell oder im Person-in-Environment-Ansatz; Lübeck und Böhmer 2018). In einigen Handlungsfeldern der Klinischen Sozialarbeit wurde Spiritualität zumindest ansatzweise aufgegriffen: In der Palliativversorgung und Psychosomatik wurde das biopsychosoziale Modell bisweilen um eine spirituelle Dimension ergänzt (Hefti 2010; Berghändler 2010).

9 Spiritualität in der Praxis der Sozialen Arbeit

Schlegel (2017) diskutiert, dass eine säkulare Auffassung von Spiritualität in der wissenschaftlich begründeten Psychotherapie sich nicht nur aus aufgeklärten, humanistischen Idealen (Autonomie und Emanzipation der Klient*innen) heraus rechtfertige, sondern auch einer anthropologischen Konstante folge, die ihre Wurzeln im empathischen und altruistischen Verhalten von Säugetieren habe. Sämtliche personenzentrierte Konzepte und Methoden sozialprofessioneller Unterstützung lassen sich über diese Argumentationslinie auch auf die Praxis der Sozialen Arbeit anwenden.

Wasner (2009) befindet kennzeichnend für die Soziale Arbeit die Fähigkeit, sich in Krisenfeldern zu bewegen. Entsprechend sei für Sozialarbeiter*innen im Kontext der Sozialanamnese auch eine spirituelle Anamnese angezeigt, um den Stellenwert von Spiritualität in der Lebensführung und ihren Ressourcen- sowie Belastungsgrad zu erfassen. Ferner geht sie von einem Einfluss der eigenen Spiritualität auf das professionelle Handeln aus. Spiritualität „in der“ Sozialen Arbeit gäbe es nicht, sondern die Spiritualität der jeweils psychosozial tätigen Menschen und ihrer Adressat*innen (Plattig 2003).

Ziel Sozialer Arbeit ist die Unterstützung der Lebensbewältigung von Menschen in ihren spezifischen Lebenswelten. Dabei geht es nicht nur darum, Lebensführung lediglich als Bewältigung sozialer Anforderungen zu thematisieren, sondern auch um Identitätsarbeit als basales Bedürfnis. Dazu gehört auch, das eigene Leben aktiv und eigensinnig zu leben und zu gestalten, d.h. nicht nur vorgegebenen Bahnen zu folgen (Scherr 2002). Soziale Arbeit benötigt dafür einen verstehenden Zugang zu den subjektiv-sinnhaften und komplexen Lebensentwürfen ihrer Adressat*innen und ist gehalten, zu einer bewussten Erweiterung der ihnen zugänglichen Horizonte und Erfahrungswelten beizutragen. Wenngleich spezifisch spirituell-innere Erfahrungen oft durch die Erfahrung aktueller, drängender, problemreicher Lebensanforderungen unthematisiert bleiben, so sind sie dennoch vorhanden. Entsprechend spielt der sensible Umgang mit den inneren Erfahrungen von Verbundenheit und Einssein eine nicht unerhebliche Rolle, da sie jeden Menschen (bewusst oder unbewusst) ohnehin beschäftigen (Yalom 2010).

Die fachliche „Rückendeckung“ aus der Sozialen Arbeit für die reflektierte Arbeit mit spirituellen Erfahrungen ergibt sich aus der Forderung nach bedürfnisangepasster Behandlung und Individualisierung von Hilfen (beispielsweise Clausen und Eichenbrenner 2016 für die Sozialpsychiatrie), nach Lebensweltorientierung (Grunwald und Thiersch 2004) und nach Unterstützung von daseinsmächtiger Lebensführung (Röh 2013), insbesondere in der Begleitung psychosozialer Krisen (Lübeck und Böhmer 2018).

Spiritualität wird auch im Kontext von Institutionen thematisiert (Reber 2009). Reber versteht Spiritualität nicht als Teilbereich im Leben und Arbeiten, sondern als Gesamtkonzept des Lebens und Arbeitens, worin sich letztendlich der Gedanke der Verbundenheit ausdrücke. Die Spiritualität einer Person oder Einrichtung sei die Art und Weise, wie sie ihr Leben insgesamt gestalte, die Werte, an denen sie sich ausrichte und die Dinge, die ihr heilig sind. Entsprechend wird nahegelegt, sich für die Spielarten von Spiritualität sowohl auf der Mikroebene (Spiritualität z.B. der Klientin, des Angehörigen, der Betreuerin) und Mesoebene (z.B. kulturelle Kontextualität des Familiensystems sowie des Betreuungssystems) sowie der Makroebene (z.B. als weltanschauliches oder konfessionelles Profil einer Einrichtung) reflexiv offen zu halten (Roser 2014). Auch manche Selbsthilfegruppen haben spirituelle Gehalte explizit in ihre Weltanschauung integriert, wie beispielsweise die Anonymen Alkoholiker im 12-Schritte-Programm (Anonyme Alkoholiker Interessengemeinschaft e.V. 2021).

Die explizite Berücksichtigung in weiteren Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit und der psychosozialen Versorgung steht weiterhin noch aus. Am ausführlichsten erfolgt sie in der gesundheitsbezogenen, (sozial-) psychiatrischen Versorgung (Juckel et al. 2018), mittlerweile auch unter Einbezug der Sicht der Klient*innen (Armbruster et al. 2013) sowie psychosozialen Beratung und psychotherapeutischen Begleitung (Utsch et al. 2018). Auch in der Gemeindepsychiatrie, in der Suchthilfe oder der Straffälligenhilfe konfrontieren Menschen Sozialarbeiter*innen mit spirituellen Erfahrungen oder ihrem Leid aus dem Mangel daran. Einen praxisnahen Einblick in verschiedene Handlungsfelder unter Berücksichtigung diverser spiritueller und religiöser Zugänge bieten Dhiman und Rettig (2018) an.

Unter der Prämisse der Ressourcenorientierung und -aktivierung der Sozialen Arbeit liegt nahe, die Bedeutung und Nutzbarkeit spiritueller Erfahrungen für den Einzelnen bereits in der Anamnese zu berücksichtigen und gegebenenfalls aufzugreifen (z.B. in der Krisenintervention, psychosozialen Beratung) sowie entsprechende soziale sowie gemeinwesenorientierte Ressourcen auch expliziter einzubeziehen (z.B. einschlägige Selbsterfahrungsgruppen, Chöre, Gottesdienste, Naturerlebensgruppen, spirituell verortbare Rituale im sozialen Nahraum usw.).

10 Gesellschaftliche und ethische Implikationen

Bucher (2014, S. 27) fasst zusammen, dass bislang wenig systematisch erfasst sei, was Spiritualität tatsächlich ausmache, sie aber für viele eine Alternative zu institutionellen Religionen darstelle, konfessionelle Grenzen sprenge, „neue Sichtweise ins Gehirn und den Kosmos“ eröffne und sich überwiegend positiv auf menschliche körperliche und seelische Verfassung auswirke.

Schlegel (2017, S. 52) diskutiert die Konsequenzen einer säkularen Spiritualität: Eine Spiritualität, die sich nicht von einer höheren Instanz herleitet, führe zu einer unbedingten, nicht übertragbaren Verantwortung anderen und der Natur gegenüber. Sie mache das Individuum zu einem Teil des Ganzen. Im Annehmen dieser ethisch hergeleiteten Selbstverantwortung ermögliche sie Emanzipation, Sinnfindung und Individuation. Die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber zeige aber auch die Abgründe des eigenen Egoismus, der das moralische und ethische Empfinden stark herausfordere. Es läge dann in der individuellen Verantwortung und kritischen Auseinandersetzung mit eigenen Motiven und kollektiven Normen, ob und welchem Impuls man folge. Wenn man den Blickwinkel über die Psychotherapie hinaus erweitere, werde sichtbar, dass der Mensch ohne Spiritualität einer ungewissen Zukunft entgegenginge. Die Naturwissenschaft habe dem Menschen so viel Macht gegeben, dass er für seine eigene Lebensgrundlage zu einer Gefahr geworden sei. Die Macht, selbst Schöpfer zu sein, brauche die Wertmaßstäbe einer Spiritualität, sei sie nun säkular oder durch Glauben bedingt.

11 Quellenangaben

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12 Literaturhinweise

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AutorInnen
Prof. Dr. Dietrun Lübeck
Professur für Psychologie
Studiengangsleitung für den Masterstudiengang Beratung in der Sozialen Arbeit
Evangelische Hochschule Berlin
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Prof. Dr. Anne Grohn
Professorin für Psychologie an der Evangelischen Hochschule Berlin. www.eh-berlin.de
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Dietrun Lübeck.
Es gibt 1 Lexikonartikel von Anne Grohn.


Zitiervorschlag
Lübeck, Dietrun und Anne Grohn, 2021. Spiritualität [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 12.09.2021 [Zugriff am: 22.09.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Spiritualitaet

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