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Spracherwerb

Synonyme: Sprachbildung, Sprachentwicklung

Die Begriffe Spracherwerb, Sprachbildung und Sprachentwicklung werden häufig als Synonyme verwendet. Der Spracherwerb ist ein Forschungsgegenstand in vielen wissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere der Psycholinguistik, der Entwicklungspsychologie und der sprachheilpädagogischen Didaktik. Im Unterschied zum Sprachenlernen, das bewusst, explizit und gesteuert innerhalb einer Institution stattfindet, erfolgt der Spracherwerb implizit und unbewusst in alltäglichen Interaktionssituationen.

Überblick

  1. 1 Definition
  2. 2 Sprachkomponenten
  3. 3 Spracherwerbstypen
  4. 4 Verlauf des Spracherwerbs
  5. 5 Spracherwerbstheorien
  6. 6 Quellenangaben

1 Definition

Der Spracherwerb beginnt in der frühen Kindheit. Es handelt sich um einen sehr komplexen Prozess, in dessen Verlauf das Kind in einem frühen Stadium seiner kognitiv-konzeptuellen Entwicklung den Sprachstrom der Umweltsprache sowie relevante Merkmale in denen Sprache geäußert wird, verarbeiten, in sprachrelevante Merkmale untergliedern und zugrundeliegende komplizierte Sprachregeln ableiten muss, über die selbst kompetente SprecherInnen kaum Auskunft geben können. Dabei baut es Wissen in mindestens sechs, teilweise unabhängigen Wissenssystemen oder Komponenten auf (prosodische und linguistische Kompetenzen) und erwirbt den kontextuell angemessenen handlungsorientierten Gebrauch von Sprache (pragmatische Kompetenz) (Jungmann und Albers 2013).

2 Sprachkomponenten

Ein erfolgreich abgeschlossener Spracherwerb befähigt jedes Individuum sich sprachlich adäquat auszudrücken, sich mit seiner Umwelt sprachlich auszutauschen, ein soziales Mitglied der Gesellschaft zu sein, zu lernen und sich somit weiterzuentwickeln. Der Spracherwerb vollzieht sich in verschiedenen Teilbereichen bzw. Sprachkomponenten:

  • Prosodie: Jede Sprache hat eine eigene Sprachmelodie und einen sprachspezifischen Rhythmus, die erworben werden. Die jeweilige Betonung, Dehnung und verschiedene Tonhöhen verdeutlichen den Inhalt des Gesagten und unterstützen das Verstehen.
  • Phonetik und Phonologie: Es werden die Bildung aller Laute der jeweiligen Sprache (Phonetik) sowie die bedeutungsunterscheidende Funktion der Laute (Phonologie) schrittweise erlernt, z.B. im Deutschen ist der Unterschied zwischen b-t entscheidend (Buch – Tuch). Zusätzlich müssen die möglichen Lautkombinationen der Sprache gelernt werden, z.B. im Deutschen möglich: /br/ und /tr/ wie in /Brot/ und /tragen/, aber im Deutschen nicht existent: /sr/ oder /mr/
  • Morphologie: In dieser Sprachkomponente werden die Regeln der Wortbildung erworben, d.h. wie, welche und nach welchen Regeln die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten (Morpheme) miteinander kombiniert werden, z.B. Wortstamm /kleid/ wird mit der Nomen bildenden Endung /-ung/ zu dem Wort /Kleidung/ kombiniert.
  • Syntax: Zu lernen, wie syntaktisch korrekte, semantisch sinnvolle Sätze aus Wörtern gebildet werden, ist ebenfalls eine wichtige Aufgabe im Spracherwerb. Die einzelnen Satzglieder, deren Anordnung und deren Stellung im Satz, die Hauptsatz-Nebensatzkonstruktion, die korrekte Kasusverwendung und die Verbflexion werden hier u.a. erlernt. Beispielsweise entspricht der Satz „Der Luch, der die Plabel verummelt, krielt“, den Satzbildungsregeln, ist aber semantisch nicht sinnvoll. Im Unterschied dazu kann der semantische Gehalt des Satzes: „Tobst Max Garten Monika“ zwar anhand der Wortbedeutungen erschlossen werden, er ist aber grammatisch nicht korrekt.
  • Lexikon und Semantik: Das Lexikon wird auch als Wortschatz bezeichnet. Der Auf- und Ausbau des Wortschatzes vollzieht sich nach dem langsamen Erwerb der ersten Wörter und deren Bedeutungen. Nachdem ein produktiver Wortschatz von ca. 50 Wörtern überschritten wurde, erfolgt der weitere Wortschatzerwerb in Spurtintervallen (Stichwort: Wortschatzspurt, Benennungsexplosion). Jedes neue Wort wird im Spracherwerbsprozess mit zahlreichen Informationen in eine Art Kategoriensystem abgespeichert, z.B. Oberbegriffe, Synonyme, Wortart, aber auch persönliche Erinnerungen. Dabei wird die Wortform (Lexem) und die Wortbedeutung (Lemma) an verschiedenen Stellen im mentalen Lexikon abgespeichert. Wortform und -bedeutung sind in mentalen Netzwerken über vielfältige Verbindungen (Ist-ein-, Sieht-aus- wie- und Kann…-Assoziationen) verknüpft. Je reichhaltiger diese Netzwerke bereits aufgebaut sind (Vorwissen), desto leichter ist der Erwerb von weiterem Wissen.
  • Pragmatik: Diese Sprachkomponente bezeichnet die funktional angemessene Sprachverwendung und den situations- und kontextabhängigen Sprachgebrauch. Das bedeutet, dass die Kinder u.a. lernen, wie der SprecherInnenwechsel in einem Gespräch entsteht (turn taking), wie Mimik und Gestik zu verstehen und anzuwenden sind, wie ein Gespräch aufrechterhalten wird und wie nachvollziehbar und verständlich von Erlebnissen berichtet wird (Gesprächsregeln und Sprechakte) (Weinert und Grimm 2018; Jungmann und Albers 2013; Kany und Schöler 2014).

Die zentralen Entwicklungsmeilensteine, die jeweils durchlaufen werden, finden Sie unter dem Begriff Sprachentwicklung.

3 Spracherwerbstypen

Prinzipiell kann zwischen dem impliziten Erst- und Zweitspracherwerb im Kindesalter und dem expliziten Spracherwerb im Jugend- und Erwachsenenalter unterschieden werden. Der Terminus Erstsprache, auch L1 genannt, bezeichnet dabei den Erwerb der Muttersprache oder der Muttersprachen (2L1). Mit dem Terminus Zweitsprache oder L2 wird der explizite Zweitspracherwerb in natürlichen Kontexten bezeichnet. Der Terminus Fremdspracherwerb ist dem Sprachlernen in institutionellen Settings, wie der Schule, vorbehalten (Jenny 2011).

4 Verlauf des Spracherwerbs

Der Spracherwerb (L1) wird von Kindern „unter geeigneten natürlichen Bedingungen“ bewältigt und geschieht „‚wie von selbst‘, also ohne ein explizites didaktisches Programm“ (Deutsch und El Mogharbel 2007, S. 12). Dabei sind einige typische Phänomene beobachtbar. Häufig kommt es beim Neuerwerb einer Regel zu Übergeneralisierungen, z.B. beim Erwerb der typischen Pluralendung -en, wird diese vorübergehend auch bei anderen Pluralbildungen angewendet, z.B. Bus – Bussen. Außerdem treten Wortneuschöpfungen auf, da Kinder versuchen, sich nach den für sie erkennbaren Regeln, Wörter herzuleiten, wie z.B. Brennlicht für Stern oder Müller für Müllfahrer/Müllmann (Meibauer et al. 2007). „Charakteristisch ist [ebenfalls] die U-förmige Entwicklung: Auf eine Zeit korrekt verwendeter grammatischer Formen, folgt eine Zeit fehlerhafter Konstruktionen, die wiederum von korrekt gebildeten Strukturen abgelöst werden“ (Glück und Rödel 2016, S. 639).

5 Spracherwerbstheorien

Mit der Frage, wie Kinder Sprache erlernen, d.h. unter welchen Voraussetzungen und mit welchen genetischen Gegebenheiten, beschäftigt sich die Spracherwerbsforschung. Grundsätzlich werden zwei Theoriefamilien unterschieden. Die Rolle der genetischen Anlagen, den Einfluss der Umwelt, die Rolle der allgemeinen-kognitiven Entwicklung und der Lernmechanismen sind jeweils verschieden stark gewichtet. „Während bei Inside-out-Theorien das sprachliche Wissen als angeboren angesehen wird und auch der Spracherwerb nach einem spezifischen, biologisch vorgegebenen Programm abläuft, wird bei Outside-in-Theorien davon ausgegangen, dass sprachliches wie anderes Wissen gelernt werden muss“ (Kany und Schöler 2014).

  • Die Inside-out-Theorien basieren auf dem Nativismus, dessen bekanntester Vertreter Chomsky ist. In nativistischen Theorien wird das Sprachvermögen als angeboren angesehen. Es wird von einer autonomen „Universalgrammatik“ ausgegangen, mit der jedes Kind ausgestattet ist.
  • Alle Outside-in-Theorien gehen davon aus, dass Sprache wie anderes Wissen erlernt wird. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Auffassungen müssen diese jedoch weiter untergliedert werden in kognitive, lerntheoretische und sozialinteraktionistische Theorien.
    • kognitivistische Theorie: Spracherwerb ist eng an die kognitive Entwicklung geknüpft. (bekanntester Vertreter ist Piaget)
    • lerntheoretische/behavioristische Theorie: Sprache wird erlernt (bekanntester Vertreter ist Skinner)
    • sozial-interaktionistische Theorie: Der Spracherwerb vollzieht sich durch die natürliche Interaktion mit primären Bezugspersonen im Rahmen von Routinen und Formaten. Dabei kommen die elterlichen Sprechstile (Ammensprache, stützende Sprache, auch als Scaffolding bezeichnet, und lehrende Sprache) zum Einsatz, die im Sinne der intuitiven Elterndidaktik optimal zu den Lernausgangslagen der Kinder im normalen Spracherwerbsprozess passen. (bekanntester Vertreter ist Bruner)

Der Spracherwerb verläuft nicht unabhängig von anderen Entwicklungsbereichen. Vielmehr sind wechselseitige Beeinflussungen im Sinne von Transaktionen zwischen Neurobiologie, kognitiver Entwicklung, sozial-emotionaler Entwicklung und der Sprachentwicklung zu konstatieren (Kany und Schöler 2014; Meibauer et al. 2007; Kauschke 2012; Weinert und Grimm 2018; Klann-Delius 2008.)

6 Quellenangaben

Deutsch, Werner und Christliebe El Mogharbel, 2007. Erstsprachlernen. In: Hermann Schöler und Alfons Welling, Hrsg. Sonderpädagogik der Sprache. Hogrefe, S. 5–27. ISBN 978-3-8017-1708-7

Glück, Helmut und Michael Rödel, Hrsg., 2016. Metzler Lexikon Sprache. 5., aktualisierte und bearbeitete Auflage. Stuttgart: J.B. Metzler. ISBN 978-3-476-02641-5

Jenny, Claudia, 2011. Sprachauffälligkeiten bei zweisprachigen Kindern: Ursachen, Prävention, Diagnostik und Therapie. 2., überarb. und erw. Auflage. Bern: Huber. ISBN 978-3-456-84997-3

Jungmann, Tanja und Timm Albers, 2013. Frühe sprachliche Bildung und Förderung. Mit Online-Materialien. München: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-497-02399-8 [Rezension bei socialnet]

Kany, Werner und Hermann Schöler, 2014. Theorien zum Spracherwerb. In: Lieselotte Ahnert, Hrsg. Theorien in der Entwicklungspsychologie. Berlin: Springer VS, S. 468–485. ISBN 978-3-642-34804-4

Kauschke, Christina, 2012. Kindlicher Spracherwerb im Deutschen: Verläufe, Forschungsmethoden, Erklärungsansätze. Berlin: de Gruyter. ISBN 978-3-11-028388-4

Klann-Delius, Gisela, 2008. Spracherwerb. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler. ISBN 978-3-476-12321-3

Meibauer, Meibauer, Ulrike Demske, Jochen Geilfuß-Wolfgang, Jürgen Pafel, Karl Heinz Ramers, Monika Rothweiler und Markus Steinbach, 2007. Einführung in die germanistische Linguistik. 2., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler. ISBN 978-3-476-02141-0

Weinert, Sabine und Hannelore Grimm, 2018. Sprachentwicklung. In: Wolfgang Schneider und Ulmann Lindenberger, Hrsg. Entwicklungspsychologie. 8., überarbeitete Auflage. Weinheim: Beltz, S. 445–469. ISBN 978-3-621-28453-0 [Rezension bei socialnet]

AutorInnen
Mareike Kriener-Neumann
Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation (ISER) Pädagogik im Förderschwerpunkt Sprache
Universität Rostock
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Prof. Dr. Tanja Jungmann
Universität Siegen, Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Förderpädagogik
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Mareike Kriener-Neumann.
Es gibt 12 Lexikonartikel von Tanja Jungmann.


Zitiervorschlag
Kriener-Neumann, Mareike und Tanja Jungmann, 2019. Spracherwerb [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 17.04.2019 [Zugriff am: 21.10.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Spracherwerb

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AutorInnen

Mareike Kriener-Neumann
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Prof. Dr. Tanja Jungmann
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veröffentlicht am 17.04.2019

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