Starke Eltern - Starke Kinder
Konstanze Butenuth, Martina Huxoll-von Ahn
veröffentlicht am 28.08.2024
Starke Eltern – Starke Kinder ist das Elternkursprogramm des Kinderschutzbundes. Basis des Programms sind die Kinderrechte, insbesondere das Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Geschichte
- 3 Grundlagen
- 4 Inhalte des Elternkurses
- 5 Kursablauf
- 6 Verbreitung
- 7 Kursvarianten
- 8 Ausbildung der Kursleitungen
- 9 Evaluation
- 10 Internationale Verbreitung
- 11 Aktuelle Entwicklungen
- 12 Quellenangaben
- 13 Informationen im Internet
1 Zusammenfassung
Das Elternkursprogramm Starke Eltern – Starke Kinder wurde Mitte der 1980er-Jahre entwickelt, um die Erziehungskompetenz von Eltern zu stärken, sie zu entlasten und ihnen mehr Sicherheit zu geben. Sie sollen dabei unterstützt werden, den Familienalltag mit mehr Gelassenheit und Leichtigkeit anzugehen. Das Konzept beruht auf dem Modell der anleitenden Erziehung. In 12 Kurseinheiten werden die Inhalte in theoretischen und praktischen Anteilen vermittelt. Die Grundlage des Elternkurses sind die Kinderrechte, insbesondere das Recht von Kindern auf eine Erziehung ohne Gewalt.
2 Geschichte
Die Entstehung der Elternkurse ist eng verknüpft mit dem Einsatz des Kinderschutzbundes für eine gesetzliche Verankerung der gewaltfreien Erziehung. Über 20 Jahre und viel Engagement brauchte es, bis im November 2000 das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung im § 1631 Abs. 2 BGB verankert wurde.
Gleichzeitig wurden im Kinder- und Jugendhilfegesetz in § 16 Abs. 1 SGB VIII Leistungen zur Förderung der Erziehung festgeschrieben, die Eltern „[…] Wege aufzeigen, wie Konfliktsituationen in der Familie gewaltfrei gelöst werden können“. Diese Gesetzesänderungen wurden der Öffentlichkeit durch die Kampagne des Bundesfamilienministeriums „Mehr Respekt vor Kindern“ bekannt gemacht. Im Rahmen dieser Kampagne erhielt der Kinderschutzbund Fördermittel für seine Elternkurse Starke Eltern – Starke Kinder, in denen Eltern lernen konnten, wie das Recht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung im Familienalltag umgesetzt werden kann.
Grundlage für diesen „Weg in eine gewaltfreie Erziehung“ ist ein im finnischen Kinderschutzbund (Mannerheimin Lastensuojelulitto) von Toivo Rönkä und seinem Team entwickeltes Programm. Paula Honkanen-Schoberth übertrug das Konzept ins Deutsche, entwickelte es weiter und verfasste gemeinsam mit Lotte Jennes-Rosenthal die Originalversion des Handbuches für Kursleitende.
Im Ortsverband Aachen wurden die Elternkurse erstmals 1985 angeboten und erprobt. Die Förderung des Bundesfamilienministeriums in den Jahren 2000, 2001 und 2002 ermöglichte die Ausbildung von Fortbildner:innen (sogenannten Trainer:innen) sowie Kursleitenden – und damit eine bundesweite Verbreitung des Elternkursprogramms.
3 Grundlagen
3.1 Das Modell der anleitenden Erziehung
Der Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder basiert auf dem Modell der anleitenden Erziehung, das dem autoritativen Erziehungsstil zugeordnet wird (Meissner et al. 2012).
Der Kinderschutzbund geht davon aus, dass Eltern einen großen Einfluss auf ihre Kinder haben und deren Entwicklung maßgeblich mitbestimmen. Als Eltern werden hier die Personen betrachtet, die die Erziehungsverantwortung übernehmen, unabhängig davon, ob sie die biologischen/​genetischen oder sozialen Eltern der Kinder sind. Nach dem Modell der anleitenden Erziehung zeigen Eltern ihren Kindern Liebe und Zuneigung durch warmes, wertschätzendes Verhalten, schenken deren Bedürfnissen, Gefühlen und Gedanken Aufmerksamkeit und gehen empathisch auf sie ein. Auch wenn Eltern möglicherweise ein bestimmtes Verhalten der Kinder ablehnen und das auch äußern, ändert das nichts an der bedingungslosen Annahme der Kinder als Menschen (Der Kinderschutzbund 2024).
Die Basis für das Modell der anleitenden Erziehung ist, dass Eltern ihre Erziehungsverantwortung aktiv ausüben, indem sie ihre Kinder leiten, sie unterstützen und stärken. Durch ihre Vorbildfunktion vermitteln sie Werte, an denen sich die Kinder für ihr eigenes Handeln orientieren. Eltern sollten Grenzen setzen, wo es zum Schutz der Kinder oder zum Schutz der Integrität der Eltern bzw. anderer Personen notwendig ist, und sich darüber auch mit ihren Kindern auseinandersetzen. Konflikte werden als notwendiger Teil lebendiger Beziehung betrachtet und in diesem Sinne wertgeschätzt. Gemeinsam mit den Kindern werden Regeln ausgehandelt, die das Familienleben erleichtern sollen (ebd.).
3.2 Kinderrechte
Das Modell der anleitenden Erziehung trägt der Tatsache Rechnung, dass Familien sehr heterogen sind und daher individuelle Entscheidungen treffen oder verschiedene Lösungen zu Problemen finden. Die klare Rahmung sind dabei die Kinderrechte. Die Achtung aller Kinderrechte ist die Basis einer respektvollen Erziehung, die Kindern ermöglicht, sich optimal zu entwickeln.
Kinder haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Dabei ist zu betonen, dass unter Gewalt nicht nur körperliche Gewalt verstanden wird, sondern auch psychische, wie zum Beispiel Verachtung, Missachtung oder Strafen. Kinder genießen das Recht auf Schutz und das Recht auf Mitbestimmung in ihren Angelegenheiten. Hier sind die Eltern gefordert, Kindern altersgerecht Autonomie zu gewähren und sie gleichzeitig angemessen zu schützen. Dies beinhaltet zum Teil schwierige Abwägungsprozesse (Der Kinderschutzbund 2024).
3.3 Einbindung der Kinder
Eltern haben die Verantwortung für das Leben und Wohlergehen ihrer Kinder. Mit der Geburt beginnt ein langsamer und gradueller Ablösungsprozess, der mit dem Erwachsenwerden des Kindes endet. Die Verantwortung für das Leben des Kindes geht in diesem Prozess von den Eltern auf die Kinder über. Das setzt voraus, dass Kinder bereits lange vor der Volljährigkeit aktiv in Entscheidungsprozesse eingebunden werden und wichtige Belange mitbestimmen bzw. mit zunehmendem Alter selbst bestimmen. Gleichzeitig stärkt die altersentsprechende Mitgestaltung die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, für deren Befriedigung zu sorgen und Verantwortung für getroffene Entscheidungen zu übernehmen. Darum setzt das Modell der anleitenden Erziehung auch im großen Maße auf Aushandlungsprozesse und gemeinsame Lösungssuche.
Da Kinder sich fortlaufend entwickeln, verändern sich auch ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten. Dem Rechnung zu tragen und Kinder beim Erwachsenwerden angemessen zu begleiten, ist eine höchst anspruchsvolle und komplexe Aufgabe. Der Kinderschutzbund geht davon aus, dass Eltern unter Umständen dabei von Unterstützung profitieren können und Selbstkenntnis sowie Reflexion die Erziehungskompetenz erhöhen.
4 Inhalte des Elternkurses
Die Inhalte des Elternkurses sowie die didaktische Umsetzung werden genau beschrieben in „Starke Eltern – Starke Kinder – Handbuch für Elternkursleitende: Der Elternkurs des Kinderschutzbundes“ (Der Kinderschutzbund Bundesverband e.V. 2023). Dieses Kurshandbuch wird nur zertifizierten Elternkursleitenden zugänglich gemacht.
- Im Elternkurs geht es zunächst einmal um eine Reflexion über die eigenen Werte und Erziehungsziele sowie die Bedürfnisse aller Familienmitglieder und wie diese miteinander in Einklang gebracht werden können.
- Im zweiten Schritt wird thematisiert, wie in den Familien kommuniziert wird und wie Gefühle ausgedrückt werden. Dabei wird auch der Sprache eine große Bedeutung zugemessen, denn ein Motto des Elternkurses lautet: „Sprache schafft Wirklichkeit“.
- Danach werden Wege aufgezeigt, wie das Kind gestärkt werden kann, sich selbst zu helfen. Eltern werden dafür sensibilisiert, wie wichtig es ist, Kindern aufmerksam zuzuhören.
- Im weiteren Verlauf des Kurses geht es um Grenzen, Regeln, Konflikte und den Umgang mit kindlicher und elterlicher Wut.
- Eltern reflektieren über ihre elterliche Macht, mit dem Ziel, diese nicht auszuspielen, sondern zum Wohle ihrer Kinder verantwortungsvoll und sparsam einzusetzen. Dies gelingt am besten über altersgerechte Beteiligung an allen Entscheidungen, die das Kind betreffen.
- Wissensvermittlung über die Kinderrechte und die Entwicklungsstufen von Kindern, Jugendlichen und Eltern runden den Elternkurs ab.
5 Kursablauf
Der Elternkurs besteht aus 12 Kurseinheiten, die in der Regel in 8 bis 12 Kurstreffen vermittelt werden. Jedes Kurstreffen besteht zu höchstens einem Drittel aus theoretischem Input und mindestens zwei Dritteln aus aktiven Übungen, Kleingruppengesprächen und Rollenspielen. Nach jedem Kurstreffen gibt es eine Wochenaufgabe, die den Eltern hilft, das, was sie gelernt und erfahren haben, in den Familienalltag einzubringen.
Von besonderer Bedeutung ist die Haltung der Kursleitenden gegenüber den Eltern. Kursleitende sollen den Eltern mit Respekt und Wertschätzung begegnen und sich auf deren Ressourcen statt auf Defizite konzentrieren. In diesem Parallelprozess wird die Haltung gespiegelt, die Eltern ihren Kindern gegenüber einnehmen sollten.
6 Verbreitung
Das Elternkursprogramm Starke Eltern – Starke Kinder wird durchgeführt von den Orts- und Kreisverbänden des Kinderschutzbundes sowie anderen Trägern. Die Kursleitenden sind verpflichtet, nach Durchführung eines Elternkurses einen Statistikbogen auszufüllen und an den jeweiligen Kinderschutzbund-Landesverband zu senden. Diese Regel wird jedoch nicht durchgängig beachtet. Schätzungsweise werden bundesweit ca. 200 bis 250 Elternkurse pro Jahr durchgeführt.
7 Kursvarianten
Am verbreitetsten ist der Basis-Kurs Starke Eltern – Starke Kinder für Eltern von Kindern von 0 bis 18 Jahren. Es gibt außerdem eine Kursvariante für Eltern von Kindern von 0 bis drei Jahren und eine weitere für Eltern mit Kindern in der Pubertät.
Der Kurs wird in Deutschland an manchen Orten auch auf Türkisch, Arabisch, Russisch und Spanisch durchgeführt.
Die meisten Kurse finden in Präsenz statt. Es gibt aber auch voll- und teildigitale Elternkurse. Bei letzteren finden einige Treffen in Präsenz und andere online statt.
8 Ausbildung der Kursleitungen
Die Ausbildung der Elternkursleiter:innen obliegt den Landesverbänden des Kinderschutzbundes. Sie werden von Trainer:innen durchgeführt, die vom Kinderschutzbund Bundesverband e.V. dafür ausgebildet und zertifiziert werden.
9 Evaluation
Das Elternkursprogramm wurde mehrfach wissenschaftlich evaluiert. Am bekanntesten sind die Studien von Prof. Wulf Rauer (2009) und Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (2002). In diesen Untersuchungen wurde festgestellt, dass der Elternkurs negatives Elternverhalten stark reduziert und die Familienatmosphäre sowie die Eltern-Kind-Beziehung sich verbessern.
Dies besagt auch der Evaluationsbericht des Projektes „Teildigitalisierung und Weiterentwicklung des Elternkurses Starke Eltern – Starke Kinder“ (2021-2023), der auf einer Elternbefragung basierte. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass der Elternkurs auch wirksam ist, wenn er digital oder teilweise digital stattfindet. Zwar fühlen sich Eltern in Präsenzkursen am wohlsten und bauen stärker Vertrauen auf, da aber bei digitalen Kursen Zeit gespart werden kann, ist dieses Format für manche Eltern das günstigste.
10 Internationale Verbreitung
Starke Eltern – Starke Kinder wurde in zahlreiche andere Länder übertragen. Zurzeit unterhält der Kinderschutzbund Bundesverband e.V. diesbezüglich aktive Kooperationen mit der Schweiz, Italien (Südtirol), Palästina, Albanien, Tschechien, Georgien und Südkorea.
11 Aktuelle Entwicklungen
Im Rahmen des Projektes „Weiterentwicklung und Teildigitalisierung des Elternkurses Starke Eltern – Starke Kinder“ (2021-2023) wurde mithilfe einer Förderung des Bundesfamilienministeriums eine teil-digitale Kursvariante entwickelt und pilotiert. Außerdem wurde eine Web-Präsenz für teilnehmende Eltern und Kursleitende geschaffen, auf der Zusatzmaterialien wie eigens für die Elternkurse produzierte Filme und Hörspiele bereitgestellt werden. Auch das Kurshandbuch wurde im Rahmen des Projektes grundlegend überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht.
12 Quellenangaben
Der Kinderschutzbund Bundesverband e.V., 2023. Starke Eltern – Starke Kinder: Handbuch für Elternkursleitende: Der Elternkurs des Kinderschutzbundes. Berlin: Der Kinderschutzbund Bundesverband e.V. (nur zugänglich für vom Kinderschutzbund zertifizierte Kursleitende)
Der Kinderschutzbund Bundesverband e.V., 2024. Beschluss der Mitgliederversammlung 2024 des Kinderschutzbundes: Elementare Bestandteile, Standards und Richtlinien für den Elternkurs des Kinderschutzbundes Starke Eltern – Starke Kinder [online]. Berlin: Der Kinderschutzbund Bundesverband e.V. [Zugriff am: 24.06.2024]. Verfügbar unter: https://kinderschutzbund.de/wp-content/​uploads/2024/06/MV-SESK-Beschluss-2024.pdf
Der Kinderschutzbund Bundesverband e.V., 2024. SESK-Elternbefragung 2022/23 [online]. Befragung der Teilnehmenden der Pilot-Elternkurse im Rahmen des Projektes SESK Digital. Berlin: Der Kinderschutzbund Bundesverband e.V. [Zugriff am: 24.06.2024]. Verfügbar unter: https://kinderschutzbund.de/wp-content/​uploads/2024/05/SESK-Elternbefragung.pdf
Meissner, Anne-Katrin, Cordula Lasner-Tietze und Paula Honkanen-Schoberth, 2012. Starke Eltern – Starke Kinder: Mehr Freude in der Familie. Berlin: Deutscher Kinderschutzbund e.V.
Rauer, Wulf, 2009. Elternkurs „Starke Eltern – Starke Kinder®“: Wirkungsanalyse bei Eltern und ihren Kindern in Verknüpfung mit Prozessanalysen in den Kursen. Eine bundesweite Studie. Würzburg: Ergon-Verlag. ISBN 978-3-89913-509-1
Tschöpe-Scheffler, Sigrid und Jochen Niermann, 2002. Evaluation von Elternkursen „Starke Eltern – Starke Kinder®“ [Forschungsbericht]. Köln: Fachhochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaft
13 Informationen im Internet
- Website von „Starke Eltern – Starke Kinder“
- Informationsseite vom Kinderschutzbund Bundesverband e.V. zum Elternkursangebot „Starke Eltern – Starke Kinder“
Verfasst von
Konstanze Butenuth
Der Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Referentin für präventiven Kinderschutz
Mailformular
Martina Huxoll-von Ahn
Der Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
stellv. Geschäftsführerin und fachliche Leitung
Website
Mailformular
Es gibt 1 Lexikonartikel von Konstanze Butenuth.
Es gibt 1 Lexikonartikel von Martina Huxoll-von Ahn.


