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Sterben

Prof. Dr. Tim Krüger

veröffentlicht am 15.10.2025

Synonym: Versterben

Englisch: dying

Als Sterben wird derjenige organische, beim Menschen auch spirituelle und soziale Prozess eines Lebewesens bezeichnet, der zum Tod führt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Theorien des Sterbens
    1. 2.1 Philosophie/​Religionen
    2. 2.2 Kritische Theorie/​Gesellschaftstheorie
    3. 2.3 Sterben als Lernprozess
    4. 2.4 Sterben als organischer Prozess
    5. 2.5 Sterben in der Kunst
  3. 3 Institutionalisierung des Sterbens
    1. 3.1 Hospiz und Palliative Care
    2. 3.2 Einrichtungen der Hospiz- und Palliativversorgung
    3. 3.3 Haltung von Hospiz und Palliativmedizin zur Sterbehilfe
    4. 3.4 Entscheidungsfindung
  4. 4 Sterbebegleitung und Soziale Arbeit mit Sterbenden
    1. 4.1 Soziale Arbeit mit Sterbenden
    2. 4.2 Gesprächsführung in Ausnahmesituationen
  5. 5 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Der Prozess des Sterbens wird seit Jahrtausenden aus verschiedenen Wissens- und Erkenntnisbereichen wie der Philosophie, der Kulturgeschichte, der Erziehungswissenschaft, der Medizin sowie der Kunst beleuchtet.

Mit dem Aufkommen der ersten Hospize und der Palliativstationen im 20. Jahrhunderts rücken zunehmend Fragen der Institutionalisierung des Sterbens in den Fokus. Die Begleitung Sterbender lässt sich bis in die Anfänge der Menschheit zurückverfolgen und ist als eine grundlegende Handlungsweise des Menschen kulturell überliefert und dokumentiert. In der heutigen Zeit findet Sterbebegleitung sowohl privat als auch professionalisiert (z.B. im Rahmen Sozialer Arbeit) statt.

2 Theorien des Sterbens

Der Prozess des Sterbens steht in einem bestimmten Begriffszusammenhang und ist ohne die weiteren Begriffe Tod, Trauer und Trost nicht zu denken. Sterben ist demnach derjenige Prozess, der zum Tod führt. Trauer ist die typische Reaktion auf einen Verlust, Trost die typisch menschliche Reaktion auf die Trauer (Krüger 2022, S. 120 ff.)

Als Forschungs- und Verständnisgegenstand ist das Sterben im Interesse sowohl der Philosophie als auch der Naturwissenschaften und begleitet die Menschheit seit Anbeginn. Das Wissen um die Sterblichkeit ist typisch menschlich und zieht Sinn-, Verständnis- und Interpretationsfragen nach sich.

Insbesondere die Arbeiten der Schweizer Psychiaterin und Esoterikerin Elisabeth Kübler-Ross werden als Meilenstein für die gegenwärtige Betrachtung des Sterbens angesehen. Ihr 1969 veröffentlichtes Buch „On Death and Dying“ gilt als zentrales Werk in der Sterbeforschung. Das nach ihr benannte Phasenmodell des Sterbens – das auch auf Trauerprozesse übertragen wurde – hielt einer wissenschaftlich-empirischen Überprüfung allerdings nicht stand und gilt als überholt (z.B. Keeley und Lalani 2021, S. 125; Krüger 2022, S. 64 f.)

2.1 Philosophie/​Religionen

Sterben und Tod sind zentrale Fragen der Philosophie. Für Sokrates ist der Tod die ersehnte Trennung von sterblichem Leib und unsterblicher Seele. Grundsätzlich wird Sterben als Notwendigkeit gesehen, um neues Leben hervorzubringen.

In der Philosophie der Aufklärung, bei Montaigne, Bacon und anderen wird das Sterben in Bezug zum freien Menschen gesetzt: Der freie Mensch habe gelernt, dass er sterblich ist, und könne so das Leben frei gestalten. Die aufgeworfenen Sinnfragen ermöglichen es dem Menschen, sich mit dem Leben in Bezug auf dessen Endlichkeit auseinanderzusetzen.

Heidegger beschreibt das Sterben als „bewusstes Sein zum Tode“, in Abgrenzung zum Verenden des Tieres. Sterben ist im philosophischen Verständnis somit mehr als das Ende eines Lebens. Vielmehr fordert es den Menschen auf, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Nietzsche beschreibt das ganze Leben als „fortwährendes Sterben“.

In allen Religionen, insbesondere den monotheistischen, wird das Sterben auf eine je eigene Art und Weise interpretiert, häufig mit der Aufforderung, Sterbende und deren Angehörige als vulnerable Menschen in der Sorge der Gemeinschaft nicht zu übersehen.

2.2 Kritische Theorie/​Gesellschaftstheorie

In der Kritischen Theorie, wie beispielsweise bei Marcuse, wird das Sterben als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse interpretiert. Am jeweiligen Umgang mit Sterben und Tod lassen sich demnach die Charakteristika einer Gesellschaft ablesen (Hügli 1998a, S. 1237). Dies betrifft insbesondere zentrale Fragen wie Sterbehilfe, Sorge um Sterbende, Darstellungen des Sterbens sowie Interpretationen der Sterblichkeit.

Adornos Forderung, die Gesellschaft „nach Auschwitz“ zu denken, betrifft das Sterben in der Nachkriegsgesellschaft. Der bürokratisch organisierte Massenmord hat demnach die Gesellschaft an sich und somit auch den Umgang mit Sterben und Tod verändert (Grüny 2007, S. 197 f.)

Bereits 1982 schreibt Elias „Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“ und fasst damit eine bis heute andauernde Debatte darüber zusammen, inwiefern das Sterben institutionalisiert ist (s.u.), bzw. inwiefern verlernt wurde, mit Sterbenden zu kommunizieren und diese als Teil der Gesellschaft zu interpretieren (Elias 1982).

2.3 Sterben als Lernprozess

Der Mensch ist als einziges Lebewesen fähig, sich reflexiv mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Da das Wissen um die Endlichkeit aber nicht angeboren ist, lässt sich Sterben als lebenslanger Lernprozess beschreiben. Je nach Zeitepoche und Gesellschaft, in der man geboren wird und lebt, ist das Leben mehr oder weniger unmittelbar bedroht (Erfahrungen mit Krieg, Krankheit etc.). Das bedeutet, dass einige Menschen, z.B. auch durch individuelle Schicksalsschläge, früher als andere mit Sterben und Tod in Berührung kommen. Die Gestaltung des Sterbeprozesses hängt so maßgeblich von Erfahrungen, Bildungs- und Lerninhalten sowie medialen Darstellungen ab, die Menschen während ihres Lebens verarbeiten.

Über den langen Zeitraum der europäischen Kulturgeschichte, insbesondere ab dem christlichen Mittelalter, wird das „Sterben lernen“ zu einem zentralen Schlagwort. Der Mensch, so die Annahme, lebt besser, wenn er sich auf den Tod vorbereitet, also lernt, dass er sterblich ist. Verschiedene Medien wie bildhafte Darstellungen (z.B. Totentänze) bis hin zu schriftlichen Erinnerungen an die Sterblichkeit (Ars Moriendi) werden hierfür eingesetzt (Hügli 1998b, S. 130 f.).

Das sog. „Sterben lernen“ spielt auch in aktueller Zeit eine Rolle, so z.B. in der „Death Education“, die eine umfassende Aufklärung und Wissensvermittlung zum Themenbereich Sterben, Tod, Trauer und Trost anstrebt (Krüger 2022, S. 45).

2.4 Sterben als organischer Prozess

Sterben im biologisch-organischen Sinne meint das Erlöschen der Vitalfunktionen eines Organismus. Dies geschieht insbesondere durch das Altern und zunehmende Absterben von Zellen bis hin zum Tod von Organen und Zellfunktionen. Die Bestimmung des exakten Zeitpunkts des Todes ist auch im naturwissenschaftlichen Zugang schwierig und kulturbedingt. Der Sterbeprozess führt zwar zum Tod, ist an bestimmten Stellen und Zeitpunkten aber dennoch reversibel. Der genaue Zeitpunkt des Todes, also das Abgeschlossensein des Sterbeprozesses, wird in unserer Gesellschaft mit dem Hirntod festgelegt (Schlich und Wiesemann 2001).

In jüngerer Zeit wird, z.B. in der naturwissenschaftlichen Forschung, versucht, Alterungsprozesse aufzuhalten bzw. umzukehren. Ein Beispiel ist der Fall Kim Suozzi, einer jungen Frau, die nach ihrem Sterben durch Krebs im Jahr 2013 Kryonik in Anspruch genommen hat (Krüger 2022, S. 27), eine Technik, bei der es in naher oder ferner Zukunft möglich sein soll, Hirn- und Organfunktionen zu reaktivieren (Alcor 2023).

2.5 Sterben in der Kunst

Ästhetische Darstellungen des Sterbens beeinflussen das kulturelle und individuelle Bewusstsein des Sterbeprozesses. Die Kunst selbst bringt allerdings keine einheitliche Theorie des Sterbeprozesses hervor. Vielmehr stellt sie ästhetisch dar, reflektiert und verfremdet zum Zweck der höheren Erkenntnis.

Eine der bekanntesten, fast schon klinisch-genauen Darstellungen eines Sterbeprozesses sind die Zeichnungen und Ölskizzen, die Hodler von seiner Lebensgefährtin Valentine Godé-Darel 1915 angefertigt hat. Sie zeigen den Sterbeprozess in einzelnen Abbildungen bis hin zum Tod.

In den Bereichen Literatur/​Musik ist die Textzeile He not busy being born is busy dying aus dem Song „It’ s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)“ von Bob Dylan aus dem Jahr 1965 viel zitiert. Sie stellt direkt auf die philosophischen Überlegungen ab, dass es das Sterben braucht, um Neues zu kreieren und thematisiert die Erkenntnis, als freier Mensch eine Vorstellung von der eigenen Sterblichkeit haben zu müssen. Peter Handke, dessen Erzählung „Wunschloses Unglück“ eine künstlerische Aufarbeitung des Suizids seiner Mutter darstellt – ein Beispiel für die künstlerische Verarbeitung der Bedeutung des Verlustes naher Angehöriger –, bezieht sich an verschiedenen Stellen seines Werks auf Bob Dylans Textzeile.

Adorno merkt an, dass die gegenwärtige Darstellungsweise von Sterben und Tod in den Massenmedien keine wirkliche Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit mehr zulässt. Vielmehr werde der Tod, durch Genres wie Mordkomödien, „komisch“, gleichzeitig aber immer weniger zu verstehen (Adorno 1951, S. 148).

3 Institutionalisierung des Sterbens

In westlichen Gesellschaften hat sich etwa ab dem 19. Jahrhundert eine Situation entwickelt, in der Sterben und Tod zunehmend weniger im Privaten stattfinden, sondern vermehrt in öffentlichen Institutionen. Tatsächlich sind belastbare Zahlen zu dieser These aber rar. Vieles spricht allerdings dafür, dass das Sterben im Krankenhaus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute wieder abnimmt (Thönnes und Jakoby 2011, S. 336). Dies kann aber daran liegen, dass sich das Sterben vermehrt auf andere Institutionen wie z.B. Pflege- und Altenheime verlagert hat, die Institutionalisierung also in mehreren, auch spezielleren Einrichtungen stattfindet.

Eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung von 2015 zeigt die Diskrepanz zwischen gewünschtem und tatsächlichem Sterbeort auf. So gaben 73 % der Befragten an, zu Hause sterben zu wollen, was aber nur für 20 % der Realität entsprach (Bertelsmann-Stiftung 2015).

Der Begriff „Institutionalisierung“ ist in Bezug auf das Sterben zumeist negativ konnotiert und wird häufig in Kontrast zum vermeintlich „natürlichen“ Sterben zu Hause, im Kreise der Familie bspw., gesehen. Nüchterner betrachtet ist die Institutionalisierung des Sterbens Ausdruck der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung (Stichwort: Professionalisierung von Sorgeaufgaben). Insbesondere medizinisch-psychiatrische Deutungsmuster haben sich in Bezug auf das Verständnis von Sterben, Tod und Trauer durchgesetzt. Demnach wird der laienhaft-zwischenmenschliche Umgang mit Sterbenden seltener (z.B. Elias 1982).

3.1 Hospiz und Palliative Care

In der Kritik an der tatsächlichen und vermeintlichen Institutionalisierung des Sterbens hat sich, spätestens ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, die moderne Hospizbewegung etabliert. Zwar gab es bereits früher palliative, hospizlich orientierte Einrichtungen. So wurde das Calvary Hospital in New York City, heute die größte palliativmedizinische Einrichtung der Welt, schon im Jahr 1899 gegründet.

Nachdem Cicely Saunders in London gewirkt und 1967 das St. Christopher’s Hospice als erstes modernes Hospiz in Europa gegründet hatte, kam es zu zahlreichen Neugründungen stationärer Hospize in der Nachfolge. Sie entstanden mit dem starken praktischen Anliegen, die Situation Sterbender zu verbessern, im Zuge der sog. „Death Awareness Bewegung“ in den USA sowie der zunehmenden Etablierung der Death Education ab den 1960er-Jahren in akademischen Kontexten (Krüger 2022, S. 45).

Wichtig für die Hospizbewegung war die Verortung in größeren Zusammenhängen von Bürgerbewegungen (Bürgerrechtsbewegung, Frauenbewegung), insbesondere in den USA. Mit ihr sollten Sterbende als Mitglieder der Gesellschaft gewürdigt und betrachtet werden.

Grundlegend unterscheidet man:

  • Hospize als stationäre Einrichtungen des Gesundheitssystems
  • Hospiz als Sorgehaltung, die eine umfassende Versorgung Sterbender in den bestehenden Einrichtungen erreichen möchte.

Der Begriff „Palliative Care“ wurde von dem kanadischen Mediziner Balfour Mount Anfang der 1970er-Jahre geprägt. Er entstand zwar in ähnlichen Zusammenhängen wie die Hospizbewegung, formulierte aber, anders als das ehrenamtlich und interprofessionell zu verstehende Hospiz, zugleich die Notwendigkeit des medizinisch-pflegerischen Umgangs mit Sterbenden (Clark 2015, S. 137).

Mit „palliativ“ (lat. ummantelnd) ist eine medizinische Sorgehaltung gemeint, die davon ausgeht, dass auch nicht mehr zu heilende (sog. austherapierte) Menschen ein Anrecht auf medizinische Versorgung haben. Ihr geht es insbesondere um Schmerzlinderung.

3.2 Einrichtungen der Hospiz- und Palliativversorgung

Gegenwärtig werden die Begriffe Hospiz und Palliativstationen bzw. palliative Versorgung in Deutschland weitgehend synonym gebraucht. Der Deutsche Hospiz- und Palliativverband e.V. (o.J.) unterscheidet verschiedene Dienste und Einrichtungen, u.a.:

  • Ambulante Hospizdienste (etwa 1500 in Deutschland; Stand: 06.08.2025)
  • Stationäre Hospize (ca. 270 für Erwachsene sowie 21 für Kinder und Jugendliche) und Palliativstationen (etwa 330 in Krankenhäusern, davon vier, die auf Kinder und Jugendliche spezialisiert sind; Stand: 06.08.2025)
  • Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) (über 400 Teams in Deutschland, 36 davon auf Kinder und Jugendliche spezialisiert; Stand: 20.08.2024)

Es zeigt sich eine, auch für andere Bereiche, typische Versorgungsstruktur aus ambulanten und stationären Angeboten. Dabei ist die Versorgungslage je nach Landkreis, bzw. im Stadt-Land-Gefälle sehr unterschiedlich.

3.3 Haltung von Hospiz und Palliativmedizin zur Sterbehilfe

Sowohl Hospiz als auch Palliativpflege und -medizin sprechen sich explizit gegen eine Liberalisierung der Sterbehilfe aus, da sie sich selbst als zentralen institutionell-professionellen Zugang zur Verbesserung der Situation Sterbender interpretieren. Sterbehilfe, so die Annahme, brauche es nicht, da der Wunsch nach Sterbehilfe immer ein Ausdruck einer mangelhaften Versorgung und kein tatsächlicher Wunsch des Menschen sei. Hospiz und Palliativpflege sind dieser Auffassung nach in der Lage, die Situation aller Sterbenden so zu verbessern, dass keine Notwendigkeit der Sterbehilfe mehr besteht (exemplarisch hierfür: Grieser-Schmitz o.J.).

Tatsächlich sprechen sich aber dennoch fast drei Viertel der Deutschen für eine Liberalisierung der Sterbehilfe aus, bis hin zur Ermöglichung aktiver Sterbehilfe (Statista 2025).

3.4 Entscheidungsfindung

Am Lebensende ist üblicherweise eine Reihe von Entscheidungen zu treffen. Dies betrifft insbesondere Fragen der Würde, Bedürfnisse in der Pflege oder Einstellungen zu (z.B. medizinischen) Interventionen im Sterbeprozess. Zu den zu treffenden Entscheidungen gehören z.B. auch die Planung des Begräbnisses oder die Regelung des Nachlasses (Eigentum, Lebensversicherungen etc.). Diese werden üblicherweise in verschiedenen Dokumenten wie Testamenten oder der Patientenverfügung festgehalten.

In der Sterbebegleitung – sowohl privat als auch professionell – kommen häufig Fragen der Bilanzierung auf (Schweidtmann 2001, S. 35 ff.). Hierzu gehört auch das Erinnerungsmanagement (Krüger 2022, S. 80 ff.), also die Vorbereitung darauf, wie der Sterbende erinnert, bzw. auch nicht erinnert werden möchte. Zu klären sind bspw. die Verfügbarkeit und der Umgang mit persönlichen Dokumenten wie Bildern oder Tagebüchern nach dem Tod.

Sterbebegleitung, sowohl privat als auch professionell, erfordert demnach eine enge Vertrauensbeziehung zwischen dem sterbenden und dem ihn begleitenden Menschen.

4 Sterbebegleitung und Soziale Arbeit mit Sterbenden

Die Begleitung und Umsorgung Sterbender ist eine Tätigkeit, die sich bis in die Anfänge der Menschheit nachvollziehen lässt. Sie nimmt jeweils kulturell spezifische Züge an, in die Wertvorstellungen, Normen und religiöse Annahmen vom Leben nach dem Tod hineinspielen. Im christlichen Mittelalter kamen beispielsweise die sog. „Trostbüchlein“ auf, die eine konkrete Handlungsanleitung für sowohl Kleriker als auch Laien beinhalteten, die einen Sterbenden begleiteten (Hügli 1998b, S. 131).

In modernen Gesellschaften, die über keinen einheitlichen Sinnzusammenhang mehr verfügen (Schweidtmann 2001, S. 23), vervielfältigt sich auch die Sterbebegleitung. Gegenwärtige Gesellschaften zeichnen sich zunehmend durch medizinisch-therapeutische Zugänge zu anthropologischen und sozialen Phänomenen aus, was zunehmend auch die Begleitung und Umsorgung Sterbender und ihrer Angehörigen bestimmt (Furedi 2004).

4.1 Soziale Arbeit mit Sterbenden

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass Sterben und Tod in allen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit vorkommen (Krüger 2019). Die bisherigen Arbeiten im deutschsprachigen Raum fokussieren allerdings hauptsächlich die bestehenden Gesundheitsinstitutionen und versuchen die Soziale Arbeit in ihnen zu etablieren (z.B. Student et al. 2020; Wasner und Pankofer 2021).

Hospiz und Palliative Care werden somit als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit entdeckt. Soziale Arbeit wird hier als Teil eines interprofessionellen Teams interpretiert, dessen Platz aber – ähnlich zu anderen (klinischen) Handlungskontexten – unsicher ist (Student et al. 2020, S. 42). Zielgruppen Sozialer Arbeit in Hospiz und Palliative Care sind demnach:

  • sterbende Menschen
  • deren Angehörige
  • weitere Berufsgruppen wie Medizin, Pflege, Seelsorge
  • Freiwillige und Ehrenamtliche (a.a.O., S. 45 ff.)

In den USA ist Soziale Arbeit fester Bestandteil medizinisch-klinischer Institutionen (Clinical Social Work) und hat einen eigenen Ansatz der Arbeit mit Sterbenden entwickelt (Palliative Social Work), der eine fast unüberschaubare Zahl von Themenbereichen umfasst. Im „Oxford Textbook of Palliative Social Work“ (Altilio et al. 2022), werden in elf Sektionen Themen behandelt, die Soziale Arbeit im Kontext von Sterben und Tod betreffen.

4.2 Gesprächsführung in Ausnahmesituationen

Das Überbringen schlechter Nachrichten gehört zu den schwierigsten Aufgaben in klinischen Kontexten. Zimmermann-Acklin (2003, S. 206 f.) schlägt, in Anlehnung an den Theologen Schockenhoff, folgende Faustregeln für ein Krisengespräch vor, in dem schlechte Nachrichten wie die, dass ein Mensch in absehbarer Zeit sterben wird, überbracht werden müssen:

  • Das Gespräch ist als stufenförmiger Prozess zu gestalten, an dessen Entwicklung der Patient/die Patientin stets zu beteiligen ist.
  • Alles, was der Patientin/dem Patienten mitgeteilt wird, soll wahr sein; unbedachte Offenheit kann allerdings auch schaden.
  • Die, vielleicht auch unberechtigte, Hoffnung darf in Gesprächen nicht genommen werden; der kranke Mensch hat ebenso wie der gesunde ein Recht auf Freude.
  • Die Beziehung zwischen Fachkraft und Patient:in soll stabil sein, dem Patienten/der Patientin soll vermittelt werden, dass die Fachkraft im gesamten Prozess an ihrer Seite stehen wird.

5 Quellenangaben

Adorno, Theodor W., 1951. Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben [online]. San Fransisco: Wordpress Foundation [Zugriff am: 16.08.2025]. Verfügbar unter: https://giuseppecapograssi.wordpress.com/wp-content/​uploads/2013/08/minima_moral.pdf

Alcor, 2023. Case Summary: A-2643 Kim Suozzi [online]. Wien: Kriesi Media GmbH [Zugriff am: 18.08.2025]. Verfügbar unter: https://www.cryonicsarchive.org/library/​complete-list-of-alcor-cryopreservations/​case-summary-a-2643/

Altilio, Terry, Shirley Otis-Green und John G. Cagle, 2022, Hrsg. The Oxford Textbook of Palliative Social Work. Second Edition. Oxford: Oxford University Press. ISBN 978-0-19-753785-5

Bertelsmann-Stiftung, 2015. Gewünschter und tatsächlicher Sterbeort [online]. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung [Zugriff am: 18.08.2025]. Verfügbar unter: https://faktencheck-gesundheit.de/fileadmin/​files/​Faktencheck/​Diagramme/​Palliativversorgung/​Diagramm-Sterbeort-Wunsch-und-Wirklichkeit.jpg

Clark, David, 2015. Hospice Care of the Dying. In: Judith Stillion und Thomas Attig, Hrsg. Death, Dying and Bereavement – Contemporary Perspectives, Institutions, and Practices. New York: Springer Publishing Company, S. 135–150. ISBN 978-0-8261-7141-2

Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e.V., o.J. Zahlen zur Hospiz- und Palliativarbeit [online]. Berlin: Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e.V., 20.08.2024 und 06.08.2025 [Zugriff am: 18.08.2025]. Verfügbar unter: https://www.dhpv.de/zahlen_daten_fakten.html

Elias, Norbert, 1982. Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-01772-2

Furedi, Frank, 2004. Therapy Culture. London: Routledge. ISBN 978-0-415-32159-4

Grieser-Schmitz, Stefan, o.J. Lebensschutz in Rheinland-Pfalz. Palliativmedizin statt Sterbe- und Suizidbeihilfe. [online]. Koblenz: Stefan Grieser-Schmitz [Zugriff am: 18.08.2025]. Verfügbar unter: https://www.cdl-rlp.de/Lebensrechts-Blog/​Interview-Schwarz-Palliativmedizin-Sterbehilfe.html

Grüny, Christian, 2007. „Nach Auschwitz“ – ein Motiv zwischen Geschichte und Metaphysik. In: Petra Gehring, Marc Rölli und Maxine Saborowski, Hrsg. Ambivalenzen des Todes: Wirklichkeit des Sterbens und Todestheorien heute. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 192–211. ISBN 978-3-534-20482-3 [Rezension bei socialnet]

Günther, Klaus, 2021. Sterben neurobiologisch betrachtet: Letzte Lebensphasen unter Leistungs- und Heroismusdruck. Opladen: Barbara Budrich. ISBN 978-3-8474-2462-8 [Rezension bei socialnet]

Hart Nibbrig, Christaan L., 1989. Ästhetik der letzten Dinge. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-40187-3

Hügli, Anton, 1998a. Tod. In: Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Hrsg. Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 10 St – T. Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Basel: Schwabe, S. 1227–1242. ISBN 978-3-7965-4495-8

Hügli, Anton, 1998b. Sterben lernen. In: Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Hrsg. Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 10 St–T. Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Basel: Schwabe. S. 129–134. ISBN 978-3-7965-4495-8

Keeley, Maureen P. und Nasreen Lalani, 2021. End of Life: An Examination of Theory, Communication, Culture, and Ethics. In: Heather L. Servaty-Seib und Helen Stanton Chapple, Hrsg. Handbook of Thanatology: The essential body of knowledge for the study of death, dying, and bereavement. Third edition. Association for Death Education and Counseling, The Thanatology Association. S. 124–150. ISBN 978-1-7361127-0-0

Krüger, Tim, 2019. Trauer und Trost: Verlustsensible Sozialpädagogik. Würzburg: Ergon Verlag. ISBN 978-3-95650-582-9

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Schlich, Thomas, 2001. Tod, Geschichte, Kultur. In: Thomas Schlich und Claudia Wiesemann, Hrsg. Hirntod: Zur Kulturgeschichte der Todesfeststellung. Frankfurt a. Main: Suhrkamp. S. 9–42. ISBN 978-3-518-29125-2

Schweidtmann, Werner, 2001. Sterbebegleitung: Menschliche Nähe am Krankenbett. 3. Auflage. Stuttgart: Kreuz Verlag. ISBN 978-3-7831-1075-3

Statista, 2025. Befürworten Sie eine Legalisierung „aktiver Sterbehilfe“ oder lehnen Sie diese ab? [online]. Hamburg: Statista GmbH, 18.02.2025 [Zugriff am: 18.08.2025]. Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/​daten/​studie/​1294999/​umfrage/​umfrage-in-deutschland-zu-legalisierung-aktiver-sterbehilfe/

Student, Johann-Christoph, Albert Mühlum und Ute Student, 2020. Soziale Arbeit in Hospiz und Palliative Care. 4. Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-8252-5484-1 [Rezension bei socialnet]

Thönnes, Margina und Nina R. Jakoby, 2011. Wo sterben Menschen? Zur Frage des Sterbens in Institutionen. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. 44(5), S. 336–339. ISSN 0948-6704

Wasner, Maria und Sabine Pankofer, Hrsg., 2021. Soziale Arbeit in Palliative Care: Ein Handbuch für Studium und Praxis. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-036829-3

Zimmermann-Acklin, Markus, 2003. Tugendethische Ansätze in der Bioethik. In: Marcus Düwell und Klaus Steigleder, Hrsg. Bioethik: Eine Einführung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 200–210. ISBN 978-3-518-29197-9

Verfasst von
Prof. Dr. Tim Krüger
Technische Hochschule Rosenheim, Fakultät Sozialwissenschaften
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Granger E. Westberg: Gute Trauer. Verlag C.H. Beck (München) 2011.
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