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Stigma

Prof. Dr. Oliver Dimbath

veröffentlicht am 17.03.2026

Etymologie: gr. stigma Stich, Punkt, Merkmal, Wundmal, Brandmal

Englisch: stigma

Der Begriff Stigma bezeichnet in den Sozialwissenschaften einen manifesten oder imaginierten Makel, welcher in bestimmten sozialen Gruppen bis hin zu Gesellschaften zur Desintegration seiner Trägerin oder seines Trägers führt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Begriffsbestimmung und Geschichte
  3. 3 Normalität und Makel als soziologische Kategorien
  4. 4 Formen des Stigmas
  5. 5 Umgangsweisen mit Stigmata
  6. 6 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Ein Stigma ist ein Kennzeichen, das den Umgang in sozialen Begegnungen orientiert. Wichtig ist dabei nicht der materiale Charakter des „Zeichens“ als vielmehr seine Herkunft als Hilfskonstruktion zur Bewältigung sozialer Beziehungen zwischen „Normalen“ und „Anderen“. Für beide Seiten hat der Gebrauch des Stigmas Konsequenzen.

2 Begriffsbestimmung und Geschichte

Der Begriff „Stigma“ ist dem Griechischen entlehnt und bedeutet ursprünglich „Stich“. Entsprechend finden sich frühere Verwendungen vor allem im christlichen Kontext, im Sinne von Mal, Zeichen oder Wundmal (Dose 1990, S. 743). Angelehnt ist dies an die biblischen Zeugnisse von den Wundmalen Christi. In der Auferstehungsgeschichte dienen die Stigmata noch als Beweismittel zur Identifizierung des Auferstandenen, und ihr unerklärliches Auftreten an frommen Menschen gilt als kirchliches Wunder (Stigmatisation).

Im Alltagssprachgebrauch sowie in den Sozialwissenschaften verweist das Stigma dagegen auf ein einer Person oder Gruppe anhaftendes und als negativ empfundenes Merkmal, welches mit Sanktionen sozialer Ausgrenzung verbunden sein kann.

Aus sozialwissenschaftlicher Sicht findet der Begriff des Stigmas auf unterschiedlichen Gebieten wie der Sozialpsychologie, der Sozialen Arbeit, den Disability Studies, der Kriminalsoziologie (z.B. Labelling Approach) beziehungsweise der Soziologie sozialer Probleme oder der Soziologie abweichenden Verhaltens Anwendung.

3 Normalität und Makel als soziologische Kategorien

Für ein näheres Verständnis von Stigma ist es hilfreich, dessen soziale Funktion in den Blick zu nehmen. Wenn es um eine soziale Funktion geht, impliziert das, dass es kein Stigma „per se“ gibt. Ein Stigma ist ein Merkmal, das einerseits als Abweichung von der Normalität identifiziert wird und gerade dadurch Normalität erzeugt – freilich nicht für denjenigen oder diejenige, der oder die das Stigma trägt.

Eine Abweichung von der Normalität einer sozialen Gruppe kann auch durch eine normenwidrige Handlung erfolgen. Im Fall des Stigmas geht es aber nicht um eine Handlung, sondern um etwas, das einer Person dauerhaft anhaftet und zumindest als Irritation empfunden wird.

Aus Sicht einer durch ein Kollektiv festgelegten Normalität kann diese Störung darin bestehen, dass der Zusammenhalt oder Fortbestand der Gemeinschaft als gefährdet erkannt wird (Durkheim 1984). Normenwidriges Handeln im Zuge strafender Sanktion wurde bisweilen mit körperlichen Kennzeichnungen verbunden, um vor dem Lügner oder der Diebin zu warnen. Bestimmte Anzeichen von Krankheiten wurden als Warnzeichen gelesen und dienten dazu, den Kontakt mit einer erkrankten Person zu vermeiden.

Weniger sanktionistisch erscheinen demgegenüber Stigmata, die aufgrund einer für notwendig erachteten Sonderbehandlung zugewiesen oder attestiert werden – etwa im Fall besonderer Rücksichtnahme oder Hilfsbedürftigkeit. Darüber hinaus kann es der Gewährleistung des sozialen Zusammenhalts dienlich sein, Angehörige anderer Gruppen mit Merkmalen versehen zu wissen, die diese sogleich als Außenseiter oder Feinde erkennbar machen.

Festzuhalten bleibt, dass das Stigma immer auf einer sozialen Konstruktion des „Anderen“ durch eine soziale Gruppe beruht und die Funktion hat, deren Fortbestand durch Sonderbehandlung und Dispensierung oder aber Abgrenzung und Ausschluss der betreffenden anderen zu gewährleisten.

4 Formen des Stigmas

Diese möglicherweise auch gut gemeinte Ab‑ und Ausgrenzung ist verbunden mit dem Erleben des Stigmas durch dessen Träger:in. Stigmata sind eng mit der Entwicklung von Identität verbunden. Die umfassendste Untersuchung zu diesem Aspekt geht auf den Soziologen Erving Goffman (1975) zurück.

Goffman weist zunächst darauf hin, dass es für ein Verstehen des Stigmas nicht der Benennung eines Merkmals bedarf, sondern dass die Beziehung in den Blick zu nehmen ist, innerhalb derer die Bedeutung eines Merkmals festgelegt und mit Konsequenzen versehen wird. Diese Beziehung besteht dann jedoch nicht allein zwischen zwei Personen, sondern erstens zwischen der Position des „Normalen“ und einer Position, die das normalerweise Erwartbare nicht erfüllt. Zweitens erwächst es einer Beziehung zwischen Mitgliedern einer etablierten Gruppe gegenüber Mitgliedern einer Gruppe, die von den Etablierten als fremd gekennzeichnet wird und aufgrund bestimmter Merkmale auch als fremd erkannt werden kann.

Wichtig ist hierbei, dass ein Stigma stets als herabminderndes Merkmal und keinesfalls als neutral zu betrachten ist. Hierin besteht der maßgebliche Unterschied zu ähnlich gelagerten sozial konstruierten relationalen Wissensformen wie dem Vorurteil, dem Stereotyp oder der Etikettierung (Wagenblass 2021), anhand deren die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder einem spezifischen Typus sogleich „erkannt“ werden kann.

5 Umgangsweisen mit Stigmata

Für die „Normalen“ dient ein bestimmten Personen oder Gruppen angeheftetes Stigma an erster Stelle der (Selbst-)Vergewisserung ihrer Normalität. An zweiter Stelle ist mit dem Stigma eine spezifische Verhaltensagenda seinen Träger:innen gegenüber verbunden, die entweder in Verfolgung und Ausgrenzung oder in einer typisierten Sonderbehandlung bestehen kann.

Aber auch die Träger:innen eines Stigmas, denen von Goffman (1975) eine „beschädigte Identität“ bescheinigt wird, verfügen über eine Reihe von Umgangsweisen, die Goffman mitunter als Stigma-Management bezeichnet. Da das Stigma Aspekt einer sozialen Beziehung ist, könnte sich eine stigmatisierte Person gegen die gesellschaftliche Sonderbehandlung zur Wehr setzen. Dies würde allerdings die institutionalisierte Sozialbeziehung möglicherweise zu ihrem Nachteil irritieren, weil das Selbstbild der Normalen infrage gestellt würde. Insofern mag es strategisch klug sein, einem Stigma mit allen ihm anhaftenden Vorurteilen zu entsprechen und die Sonderbehandlung zu akzeptieren, um am sozialen Leben der „normalen“ Gesellschaft weitgehend ungestört teilhaben zu können – sei es, indem bestimmten Situationen ausgewichen wird, sei es, indem bestimmte Hilfsangebote auch dann in Anspruch genommen werden, wenn dies eigentlich gar nicht nötig wäre. Eine weitere Strategie ist die Selbststigmatisierung, vermittels derer sich Personen mit einem Stigma versehen, um bestimmte Ziele zu erreichen (Lipp 2010) – so zum Beispiel die Selbstverstümmelung von Bettlern in der Monty-Python-Verfilmung „Jabberwocky“ (Goldstone 1977) im Wettbewerb um mittelalterliche Bettelrechte.

6 Quellenangaben

Dose, Maria, Bearb., 1990. Duden Fremdwörterbuch. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag. ISBN 978-3-411-20915-6

Durkheim, Émile, 1984. Die Regeln der soziologischen Methode. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-28064-5

Goffman, Erving, 1975. Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Franfkurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-07740-5

Goldstone, John und Terry Gilliam (Regie), 1977. Jabberwocky [Film]. GB: Umbrella Entertainment Productions

Lipp, Wolfgang, 2010. Stigma und Charisma: Über soziales Grenzverhalten. Baden-Baden: Ergon. ISBN 978-3-89913-710-1

Wagenblass, Sabine, 2021. Stigmatisierung, Etikettierung. In: Ralph-Christian Amthor, Brigitta Goldberg, Peter Hansbauer, Benjamin Landes, Theresia Wintergerst Kreft, Ingrid Mielenz und Dieter Kreft, Hrsg. Wörterbuch Soziale Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa, S. 888–890. ISBN 978-3-7799-3869-9 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Prof. Dr. Oliver Dimbath
Universität Koblenz
FB 1: Bildungswissenschaften
Institut für Soziologie
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