Stigmatisierung
Prof. Dr. Oliver Dimbath
veröffentlicht am 17.03.2026
Der Begriff Stigmatisierung bezeichnet in den Sozialwissenschaften einen gruppenspezifischen Vorgang der Ab‑ oder Ausgrenzung anderer, deren Anderssein mit einem als negativ bewerteten Merkmal, dem Stigma, gekennzeichnet wird.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Begriffsbestimmung
- 3 Maßnahmen der Abgrenzung vom Anderen
- 4 Folgen der Stigmatisierung für die Identität
- 5 Selbststigmatisierung
- 6 Quellenangaben
1 Zusammenfassung
Stigmatisierung ist insofern ein sozialer Vorgang, als er in bestimmter Weise als anders oder abweichend gekennzeichneten Individuen aus Sicht einer spezifischen Gruppe einen Platz und eine besondere Behandlung zuweist. Die Funktion dieser Stigmatisierung ist dabei nicht konfliktär, sondern sie dient in erster Linie der Selbstvergewisserung eines Kollektivs über die von ihm zu präferierenden Vorstellungen von Normalität.
2 Begriffsbestimmung
Der Begriff „Stigmatisierung“ bezieht sich auf den dem Griechischen entlehnten Terminus „Stigma“. Diese prozessbezogene Nominalisierung bezeichnet „jmdn. oder etwas in irgendeiner Weise negativ von anderen oder anderem abweichend einstufen oder entsprechend behandeln“ (Eickhoff 2002, S. 856). Eine solche Kategorisierung kann bewusst vorgenommen werden, um die eigene Gruppe oder ihren Zusammenhalt zu schützen. Sie kann auch unbewusst geschehen, wenn stigmatisierend Handelnde ihre eigene Normalitätsvorstellung, zu der auch der gewohnte Sprachgebrauch gehört, nicht reflektieren. Stigmatisierung erscheint dabei als das stärker auf Abgrenzung abzielende Konzept als das der Etikettierung (Wagenblass 2021).
Relevant wird eine Reflexion von Stigmatisierungsvorgängen in den Bereichen der Sozialen Arbeit, der Disability Studies, der Kriminologie und Kriminalsoziologie (z.B. Labelling Approach) sowie in der Soziologie sozialer Probleme oder der Soziologie abweichenden Verhaltens.
3 Maßnahmen der Abgrenzung vom Anderen
Stigmatisierungsaktivitäten dienen dazu, für zentral erachtete Merkmale der eigenen Gruppe als Normalität sowie die Abweichung davon als unnormal zu kennzeichnen. Stigmatisierung ist damit ein sozialer Vorgang im Sinne von Kollektiven. Innerhalb einer dyadischen Beziehung ist Stigmatisierung nur sinnvoll, wenn eine kollektive Normalität adressiert wird. Der Ausweis von gemeinverbindlichen Normalitätsvorstellungen und die Abweisung von Eigenschaften, die nicht mit diesen Vorstellungen in Passung zu bringen sind, dienen der Selbstvergewisserung des Wir-Gefühls sowie dem sozialen Zusammenhalt einer Gruppe (Durkheim 1984). Entsprechend geht die Stigmatisierungsinitiative von Gruppenmitgliedern aus, die für Belange der Kohäsion eines Kollektivs zuständig sind. Die mit Stigmatisierung verbundene Desintegration, Aus‑ oder Abgrenzung kann dann unterschiedlich motiviert sein (Goffman 1975) – einerseits als Kennzeichnung von Andersartigkeit oder Devianz, was mit spezifischen Sanktionen verbunden sein kann (in-group-Abweichung), und andererseits als Ausweis des Fremden (Mitglieder von out-groups).
4 Folgen der Stigmatisierung für die Identität
Erving Goffman (1975) beschreibt als Folge von Stigmatisierung die Genese einer „beschädigten Identität“. Das betrifft die Verletzung durch eine bescheinigte Nicht-Zugehörigkeit. Allerdings betont Goffman auch, dass diese Form des Ausschlusses zugleich die Zuschreibung der Zugehörigkeit zu einer anderen Gruppe mit sich bringt.
„Das stigmatisierte Individuum findet sich solcherart in einer Arena detaillierter Argumentation und Diskussion über das, was es über sich denken sollte, das heißt über seine Ich-Identität. Zu seinen anderen Nöten muß es die hinzufügen, gleichzeitig in verschiedene Richtungen gestoßen zu werden von Professionellen, die ihm sagen, was es tun und empfinden solle in bezug auf das, was es ist und nicht ist, und all dies angeblich in seinem eigenen Interesse“ (Goffman 1975, S. 155).
5 Selbststigmatisierung
Mitunter kann das Vorliegen eines Stigmas auch strategisch genutzt werden, indem entweder eine Selbststigmatisierung erfolgt, um von der gesellschaftlichen Sonderbehandlung einer stigmatisierten Gruppe zu profitieren (Lipp 2010) oder indem eine Person, deren Stigma bisher nicht angezeigt wurde, sich mit einer stigmatisierten Gruppe identifiziert oder solidarisiert.
6 Quellenangaben
Durkheim, Émile, 1984. Die Regeln der soziologischen Methode. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-28064-5
Eickhoff, Birgit, Hrsg., 2002. Das Bedeutungswörterbuch. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag. ISBN 978-3-411-04103-9
Goffman, Erving, 1975. Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Franfkurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-07740-5
Lipp, Wolfgang, 2010. Stigma und Charisma: Über soziales Grenzverhalten. Baden-Baden: Ergon. ISBN 978-3-89913-710-1
Wagenblass, Sabine, 2021. Stigmatisierung, Etikettierung. In: Ralph-Christian Amthor, Brigitta Goldberg, Peter Hansbauer, Benjamin Landes, Theresia Wintergerst Kreft, Ingrid Mielenz und Dieter Kreft, Hrsg.Wörterbuch Soziale Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa, S. 888–890. ISBN 978-3-7799-3869-9 [Rezension bei socialnet]
Verfasst von
Prof. Dr. Oliver Dimbath
Universität Koblenz
FB 1: Bildungswissenschaften
Institut für Soziologie
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