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Störungen des Sozialverhaltens

Dr. Alexander Tewes

veröffentlicht am 03.12.2021

Abkürzung: SSV

Ähnlicher Begriff: Herausforderndes Verhalten

Englisch: conduct disorders

ICD-10: F91, F92

Medizinischer Disclaimer: Herausgeber und AutorInnen haften nicht für die Richtigkeit der Angaben. Beiträge zu Gesundheitsthemen ersetzen keine ärztliche Beratung und richten sich nur an Fachleute.

Als Störungen des Sozialverhaltens wird eine Gruppe sozial devianten Verhaltens bei Kindern und Jugendlichen bezeichnet. Um eine entsprechende Diagnose stellen zu können, muss das Verhalten durchgängig und in ausgeprägtem Maß von dem erwartbaren Verhalten der jeweiligen Altersgruppe abweichen.

Überblick

  1. 1 Klassifikation und Diagnostik
  2. 2 Epidemiologie und Verlauf
  3. 3 Ursachen
  4. 4 Prävention und Behandlung
  5. 5 Quellenangaben

1 Klassifikation und Diagnostik

Die Diagnostik von Störungen des Sozialverhaltens erfolgt in den beiden weltweit gültigen Klassifikationssystemen nach etwas unterschiedlichen Kriterien: Im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung APA orientiert sie sich am Schweregrad der Symptomatik, im ICD-10 eher am Kontext, in dem das Verhalten vorwiegend auftritt (vgl. Tab. 1). Gemäß dem in Deutschland aktuell gültigen Diagnosesystem, der ICD-10, sind sie „durch ein sich wiederholendes und anhaltendes Muster dissozialen, aggressiven und aufsässigen Verhaltens charakterisiert. Dieses Verhalten übersteigt mit seinen gröberen Verletzungen die altersentsprechenden sozialen Erwartungen. Es ist also schwerwiegender als gewöhnlicher kindischer Unfug oder jugendliche Aufmüpfigkeit“ (ICD-10-GM Version 2022, BfArM 2021).

Tabelle 1: Diagnostik der Störung des Sozialverhaltens nach ICD-10 und DSM-5 (nach Stadler 2019, S. 479)
ICD-10 DSM-5
Allgemeines Kriterium: Vorliegen eines wiederholten, persistierenden Verhaltensmusters, bei dem entweder die Grundrechte anderer oder die wichtigsten altersentsprechenden sozialen Normen oder Gesetze verletzt werden (mind. 6 Monate anhaltend). 313.81 Störungen mit oppositionellem Trotzverhalten Allgemeines Kriterium: Muster von wiederkehrenden negativistischen, trotzigen, ungehorsamen und feindseligen Verhaltensweisen, vor allem gegenüber Autoritätspersonen.
F91.0 Auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens 312.8 Störungen des Sozialverhaltens Allgemeines Kriterium: Sich wiederholendes Verhaltensmuster, bei dem grundlegende Rechte anderer sowie wichtige altersbezogene Rechte und Normen verletzt werden.
F91.1 Störungen des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen
F91.2 Störungen des Sozialverhaltens bei vorhandenen sozialen Bindungen
F91.3 Störungen des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten
F92.0 Störungen des Sozialverhaltens mit depressiver Störung Specifer: Störungen des Sozialverhaltens mit begrenzten prosozialen Emotionen, zusätzlich mit:
  • Mangel an Reue oder Schuldgefühlen
  • Mangel an Empathie
  • Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Leistung
  • Oberflächliche oder defizitäre Emotionalität
(> 2 Merkmale, mind. 12 Monate)
F92.8 Sonstige kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen
F90.1 Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens

In beiden Diagnosesystemen erfolgt die Kodierung zusätzlich nach dem Schweregrad der zugrunde liegenden Symptomatik (leicht-, mittel-, schwergradig).

2 Epidemiologie und Verlauf

Störungen des Sozialverhaltens werden bei Jungen etwa zwei- bis dreimal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen (Stadler et al. 2013, S. 1095). Die Ursache hierfür wird kontrovers diskutiert: Nach Petermann und Petermann (2008, S. 278) unterscheiden sich Mädchen und Jungen in ihrer Disposition für aggressives Verhalten nicht. Allerdings wiesen Mädchen bessere sprachliche und soziale Fertigkeiten auf und verfügten daher über ein größeres Repertoire an positivem Sozialverhalten. Falls sie aggressiv agieren, sei dies eher manipulativ geprägt. Insgesamt finden sich je nach Studienlage Prävalenzraten von 1,5–7,1 % (Petermann et al. 2016, S. 11). Je früher und übergreifender entsprechendes Verhalten auftritt, desto stabiler bleibt es im Verlauf. Während in früher Kindheit eher ADHS und oppositionelles Verhalten auftreten, zeigen sich im Jugendalter vermehrt aggressives Verhalten in Kombination mit Depression. Im jungen Erwachsenenalter entwickelt sich die Symptomatik dann häufig in Richtung Substanzmissbrauch und Antisozialer Persönlichkeitsstörung (a.a.O., S. 13).

3 Ursachen

Die Erklärung von dissozialem Verhalten erfolgt, wie bei allen Störungen des Kindes- und Jugendalters, im Sinne eines biopsychosozialen Modells (nach Petermann et al. 2016, S. 15).

Biologische Einflüsse:

  • männliches Geschlecht
  • neurologisch mitbedingte Erregbarkeit und Instabilität
  • niedrige Cortisolwerte
  • niedriges Aktivitätsniveau (z.B. niedrige Herzfrequenzrate)
  • reduzierte Serotoninaktivität
  • Belastungen in der Schwangerschaft (z.B. Infektionen, intrauterinäre Mangelernährung, Unfälle, Schockerlebnisse)
  • Einnahme von Alkohol, Drogen, Nikotin und Medikamenten während der Schwangerschaft
  • Geburtskomplikationen
  • niedriges Geburtsgewicht

Psychische Einflüsse:

  • schwieriges Temperament des Kleinkindes
  • niedrige Intelligenz
  • unzureichende Impulskontrolle und Emotionsregulation
  • überzogene Selbsteinschätzung
  • verzerrte sozial-kognitive Informationsverarbeitung
  • unzureichendes Einfühlungsvermögen

Soziale Einflüsse:

  • unsichere Bindung (im Kleinkindalter)
  • erpresserisch-eskalierende Bindung (im Vorschulalter)
  • mangelnde Aufsicht durch Eltern
  • unzureichende Erziehungskompetenz der Eltern
  • negative Erziehungspraktiken (v.a. strafendes und misshandelndes Disziplinierungsverhalten)
  • unzureichende emotionale Unterstützung und Akzeptanz gegenüber dem Kind
  • erpresserische Eltern-Kind-Interaktion
  • Charakteristiken der Eltern (z.B. mangelnde gegenseitige soziale Unterstützung, Ehekonflikte, Depression der Mutter, kriminelles Verhalten, Alkoholismus)
  • familiäre Stressbelastungen (z.B. alleinerziehendes Elternteil, beengte Wohnverhältnisse, geringes Familieneinkommen)
  • erfahrene körperliche Misshandlung (z.B. durch die Eltern)
  • soziale Ablehnung durch Gleichaltrige
  • negative Einflüsse Gleichaltriger (gekoppelt mit Substanzmissbrauch)

4 Prävention und Behandlung

Insbesondere die oben genannten biologischen Einflüsse machen deutlich, wie wichtig bereits (primär-)präventive Ansätze sind. Hier wird in der Regel zwischen sogenannter universeller Prävention (richtet sich unselektiert an eine große Gruppe von Kindern und Jugendlichen) und selektiver Prävention (für Kinder und Jugendliche mit entsprechenden Risikofaktoren) unterschieden.

Die Therapie setzt gemäß dem oben beschriebenen Störungsmodell am betroffenen Kind oder dem sozialen Umfeld an. Mit den Kindern und Jugendlichen wird insbesondere mit kognitiven Problemlösetrainings und sozialen Kompetenztrainings gearbeitet, die klinischen Leitlinien empfehlen diesbezüglich eine wöchentliche Gruppentherapie mit insgesamt mindestens 10 ca. zweistündigen Sitzungen (NICE 2013). Parallel sollte mit Eltern in Elterntrainings daran gearbeitet werden, dass sie lernen, das aggressive Verhalten ihres Kindes zu beeinflussen. Hierbei haben sich auch videogestützte Interventionen bewährt. Es wurden diverse multimodale Trainings zur Therapie oppositionell-aggressiver Störungen entwickelt (nach Petermann et al. 2016, S. 131–142):

  • Training mit aggressiven Kindern (Petermann und Petermann 2012)
  • Therapieprogramm für Kinder mit aggressivem Verhalten (THAV; Görtz-Dorten und Döpfner 2019)
  • Sozial computerunterstütztes Training für Kinder mit aggressivem Verhalten (ScouT; Görtz-Dorten und Döpfner 2016)
  • Verhaltenstherapeutisches Intensivtraining zur Reduktion von Aggression (VIA; Grasmann und Stadler 2009)
  • Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP; Döpfner et al. 2019)
  • Präventionsprogramm für Expansives Problemverhalten (PEP; Plück et al. 2006)
  • Kompetenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder (KES; Lauth und Heubeck 2006)
  • Selbsthilfeprogramm Wackelpeter und Trotzkopf (Döpfner und Schürmann 2017)
  • Programm zur Gewaltprävention in der Schule (Olweus 2006)

Insgesamt kann festgehalten werden, dass für Prävention und Behandlung diverse evidenzbasierte Programme vorliegen, die leitlinienkonform (AWMF 2016) bereits erfolgreich angewendet werden. Dennoch bleibt es wichtig, komorbid auftretende psychische Erkrankungen im Blick zu behalten. So leiden Kinder und Jugendliche mit derartigen Problemen beispielsweise häufig unter Depressionen oder auch Posttraumatischen Belastungsstörungen, die auch entsprechend behandelt werden müssen. In derartigen Fällen reicht ein ausschließlich am Symptom – also dem Sozialverhalten – orientiertes Vorgehen häufig nicht aus.

5 Quellenangaben

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) e.V., 2016. Leitlinien-Detailansicht: Störungen des Sozialverhaltens: Empfehlungen zur Versorgung und Behandlung [online]. 23.09.2016 [Zugriff am: 29.11.2021]. Verfügbar unter: https://www.awmf.org/leitlinien/​detail/ll/028-020.html

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), 2021. ICD-10-GM Version 2022: Kapitel V Psychische und Verhaltensstörungen (F00-F99) [online]. Köln: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 17.09.2021 [Zugriff am: 29.11.2021]. Verfügbar unter: https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-gm/​kode-suche/​htmlgm2022/​block-f90-f98.htm

Döpfner, Manfred und Stephanie Schürmann, 2017. Wackelpeter & Trotzkopf: Hilfen für Eltern bei ADHS-Symptomen, hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28412-7 [Rezension bei socialnet]

Döpfner, Manfred, Stephanie Schürmann und Jan Frölich, 2019. Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP). Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28712-8

Görtz-Dorten, Anja und Manfred Döpfner, 2016. Soziales computerunterstütztes Training für Kinder mit aggressivem Verhalten (ScouT). Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-2574-7

Görtz-Dorten, Anja und Manfred Döpfner, 2019. Therapieprogramm für Kinder mit aggressivem Verhalten (THAV). Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-2891-5 [Rezension bei socialnet]

Grasmann, Dörte und Christina Stadler, 2009. Verhaltenstherapeutisches Intensivtraining zur Reduktion von Aggression (VIA). Berlin: Springer. ISBN 978-3-211-79900-0

Lauth, Gerhard W. und Bernd Heubeck, 2006. Kompetenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder (KES). Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-1829-9 [Rezension bei socialnet]

National Collaborating Centre for Mental Health and Clinical Excellence (NICE), 2013. Antisocial behaviour and conduct disorders in children and young people: recognition, intervention and management. Leicester: British Psychological Society

Olweus, Dan, 2006. Gewalt in der Schule: Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun können. Bern: Huber. ISBN 978-3-456-84390-2

Petermann, Franz und Ulrike Petermann, 2012. Training mit aggressiven Kindern. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-27817-1

Petermann, Franz, Manfred Döpfner und Anja Görtz-Dorten, 2016. Aggressiv-oppositionelles Verhalten im Kindesalter. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-2648-5 [Rezension bei socialnet]

Petermann, Ulrike und Franz Petermann, 2008. Aggressiv-oppositionelles Verhalten. In: Franz Petermann, Hrsg. Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie. 6., vollständig überarbeitete Auflage. Göttingen: Hogrefe, S. 277–293. ISBN 978-3-8017-2157-2 [Rezension bei socialnet]

Plück, Julia, Elke Wieczorrek, Tanja Wolff Metternich-Kaizmann und Manfred Döpfner, 2006. Präventionsprogramm für Expansives Problemverhalten (PEP). Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-1894-7 [Rezension bei socialnet]

Stadler, Christiane, 2019. Störungen des Sozialverhaltens. In: Silvia Schneider und Jürgen Margraf, Hrsg. Lehrbuch der Verhaltenstherapie: Band 3: Psychologische Therapie bei Indikationen im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer, S. 475–498. ISBN 978-3-662-57368-6 [Rezension bei socialnet]

Stadler, Christiane, Anne Kröger, Dörte Grasmann und Philipp Sterzer, 2013. Störungen des Sozialverhaltens, Dissozialität und Delinquenz. In: Gerd Lehmkuhl, Fritz Poustka, Martin Hollmann und Hans Steiner, Hrsg. Lehrbuch Kinder- und Jugendpsychiatrie: Band 2: Störungsbilder. Göttingen: Hogrefe, S. 1094–1126. ISBN 978-3-8017-1871-8 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Dr. Alexander Tewes
Institutsleitung LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapie), Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Tewes, Alexander, 2021. Störungen des Sozialverhaltens [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 03.12.2021 [Zugriff am: 07.07.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Stoerungen-des-Sozialverhaltens

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