Stufentheorie (Piaget)
Die strukturgenetische Erkenntnistheorie von Jean Piaget (1896–1980) beschreibt die kognitive Entwicklung des Kindes von der Geburt bis zum Jugendalter als aufeinanderfolgenden Stufenprozess, bei dem sich aus den Strukturen einer Stufe die Fähigkeiten der nächsten entwickeln.
Die Entwicklung des Kindes verläuft nach Piaget in einem aufeinander aufbauenden Prozess, den er im Rahmen von vier Stufen beschrieben hat:
- Sensomotorische Entwicklungsstufe (0-2 Jahre): Das Kind erwirbt grundlegende sensomotorische Schemata und entwickelt die Objektpermanenz.
- Präoperative Entwicklungsstufe (2–7 Jahre): Symbolisches Denken und Sprache entwickeln sich, jedoch ist das Denken noch nicht logisch reversibel.
- Konkretoperative Entwicklungsstufe (7–11 Jahre): Das Kind entwickelt die Fähigkeit zum reversiblen, konkret-anschaulichen Denken und kann logische Operationen an konkreten Objekten durchführen.
- Formaloperative Entwicklungsstufe (ab 11 Jahren): Die Fähigkeit zum hypothetischen, abstrakten Denken entwickelt sich.
Die drei ersten Entwicklungsstufen unterteilen sich in Stadien, mit jedem Stadium wird ein bestimmtes kognitives Gleichgewicht erreicht. Die Bezeichnungen Stufe und Stadium sind dabei von Begriffen wie Periode oder Phase abzugrenzen, die nicht die Entwicklungsfortschritte in den Mittelpunkt stellen, sondern den zeitlichen Ablauf.
Für eine Stufe oder ein Stadium müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:
- Erstens muss die Abfolge der Verhaltensweisen konstant sein, unabhängig von äußeren Einflüssen.
- Zweitens muss jedes Stadium durch eine Gesamtstruktur definiert sein und nicht bloß durch eine vorherrschende Eigenschaft.
- Drittens müssen diese Strukturen mit einem Integrationsprozess verbunden sein, sodass jede von ihnen durch die vorhergehenden vorbereitet wird und sich in die nachfolgende integriert (Piaget 1992, S. 18).
Während die Stufenfolge universell und invariant ist, betont Piaget zugleich die Bedeutung individueller Entwicklungstempi: „Für jedes einzelne Subjekt gibt es eine optimale Geschwindigkeit für den Übergang von einem Stadium zum folgenden, d.h. die Stabilität und selbst die Fruchtbarkeit einer neuen Operation (oder Strukturierung) hängt von Verknüpfungen ab, die sich nicht sofort einstellen, aber auch nicht unendlich hinausgeschoben werden können, weil sie sonst ihr Vermögen zu internen Verknüpfungen einbüßen würden“ (Piaget in Fatke 1983, S. 45).
Die Entwicklung von einer zur nächsten Stufe wird vom Wechselspiel zwischen Assimilation und Akkommodation angetrieben, das zur Äquilibration führt, dem jeweiligen kognitiven Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht wird immer wieder neu erreicht und führt zum ununterbrochenen Aufbau der geistigen Entwicklung. Die Motive des Verhaltens und Denkens, die diesen Äquilibrationsprozess in Gang halten, ergeben sich aus dem Interesse, das jedem Handeln zugrunde liegt (Piaget 1974, S. 154).
Quellenangaben
Fatke, Reinhard, Hrsg., 1983. Jean Piaget: Meine Theorie der geistigen Entwicklung. Frankfurt am Main: Fischer Verlag. ISBN 978-3-596-42258-6
Piaget, Jean, 1992. Biologie und Erkenntnis. Frankfurt am Main: Fischer Verlag. ISBN 978-3-596-11200-5
Piaget, Jean, 1974. Theorien und Methoden der modernen Erziehung. Frankfurt am Main: Fischer Verlag. ISBN 978-3-436-01984-6
Verfasst von
Dr. Erika Butzmann
Entwicklungspsychologin
Erziehungswissenschaftlerin
Elternbildung und -beratung
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