Suchttherapie
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Ralf Demmel
veröffentlicht am 31.10.2023
Suchttherapie dient der Überwindung einer Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen oder einer „Glücksspielsucht“. Die Behandlung schließt neben psychotherapeutischen Interventionen unter anderem soziotherapeutische Maßnahmen und die medizinische Versorgung der Patient:innen ein.
Überblick
1 Rahmenbedingungen und Zielgruppe
Suchttherapie unterstützt Patient:innen in der Überwindung ihrer Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen. Darüber hinaus kann die Behandlung pathologischen Glücksspiels ebenfalls Gegenstand einer Suchttherapie sein. Suchttherapie schließt neben der medizinischen Behandlung (beispielsweise im Rahmen einer qualifizierten Entzugsbehandlung) psycho- und soziotherapeutische Interventionen (Entspannungsverfahren, Rückfallprävention, Training sozialer Kompetenzen etc.) ein. Insbesondere im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme sind neben Ärztinnen und Ärzten, Psycholog:innen und Sozialpädagog:innen weitere Berufsgruppen (Ergotherapeut:innen, Gesundheits- und Krankenpfleger:innen, Physiotherapeut:innen etc.) an der Behandlung beteiligt.
Die Kosten der Behandlung werden in der Regel von den Krankenkassen oder den Rentenversicherungsträgern übernommen. Patient:innen, die unter den Folgen einer weit fortgeschrittenen Abhängigkeit leiden, können Leistungen der Eingliederungshilfe beantragen. Für die Kosten dieser langfristigen Maßnahmen kommen überwiegend die überörtlichen Träger der Sozialhilfe auf. Die Behandlung kann ambulant, stationär oder teilstationär erfolgen. In jüngster Zeit gewinnt die Behandlung durch niedergelassene Psychotherapeut:innen zunehmend an Bedeutung (siehe hierzu den Beitrag Suchthilfe).
2 Vorgehen und Ziele
Suchttherapie zielt darauf ab, die Motivation zur Überwindung einer Abhängigkeit zu wecken und das Risiko eines Rückfalls nach erfolgreichem Abschluss der Behandlung zu reduzieren. Zu diesem Zweck werden neben kognitiv-behavioralen und klientenzentrierten Methoden eine Reihe weiterer psycho- und soziotherapeutischer Verfahren angewandt. Im Rahmen der Behandlung werden Rückfallrisiken identifiziert und Strategien zur Bewältigung herausfordernder Situationen entwickelt. Der Transfer dieser Strategien nimmt dabei breiten Raum ein (zusammenfassend Batra und Bilke-Hentsch 2022). Um die Ambivalenz hinsichtlich einer Veränderung zu überwinden, wird in Anlehnung an Miller und Rollnick (2023) ein sogenannter Change Talk – ein „lautes Nachdenken über Veränderung“ – initiiert. Die Ergebnisse zahlreicher Studien belegen, dass auf Konfrontation verzichtet werden sollte. Vielmehr sind Empathie und Wertschätzung die unabdingbaren Voraussetzungen einer erfolgreichen Behandlung (zusammenfassend Miller und Moyers 2021).
Das soziale Umfeld sowie der sozioökonomische Status des Patienten oder der Patientin bestimmen das Rückfallrisiko in erheblichem Maße. Daher werden – wenn möglich – Partner:innen und Angehörige in die Behandlung einbezogen sowie Maßnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung angestrebt. Soziale Ausgrenzung, wirtschaftliche Not und Konflikte mit dem Gesetz machen die Kooperation mit anderen Hilfesystemen (Eingliederungshilfe, Strafgefangenenhilfe, Wohnungslosenhilfe etc.) oftmals unumgänglich.
3 Herausforderungen
Rückfälle sind – auch nach erfolgreicher Therapie – eher die Regel als die Ausnahme. Die überwiegende Mehrzahl der Patient:innen entschließt sich erst nach weit fortgeschrittener Abhängigkeit und der Entwicklung erheblicher Folgeschäden zu einer Behandlung. Die Patient:innen treten die Behandlung daher unter schwierigen Bedingungen an. Darüber hinaus erschweren eine Reihe weiterer Faktoren den erfolgreichen Abschluss der Behandlung:
- Abhängigkeitserkrankungen sind in stärkerem Maße als andere psychische Erkrankungen stigmatisiert.
- Die Diagnose „Abhängigkeit“ ist eine Kränkung und geht oftmals mit – unausgesprochenen – Schuldzuweisungen einher.
- Die Vorbehalte gegenüber einer Behandlung sind oftmals sehr hoch (Ambivalenz).
- Therapeut:in und Patient:in sind in der Regel nicht einer Meinung („Krankheitseinsicht“).
- Patient:innen und Therapeut:innen sind sich oftmals fremd und stammen aus unterschiedlichen sozioökonomischen Milieus.
- Die Patient:innen geraten oftmals mit dem Gesetz in Konflikt (Delinquenz und Kriminalität).
- Regelverstöße und Rückfälle belasten die therapeutische Beziehung und führen zu Misstrauen.
- Der oder die Patient:in muss Rückfälle oftmals verheimlichen, um die Therapie „erfolgreich“ abzuschließen.
- Das Fehlen des führenden Symptoms ist meist Voraussetzung einer Behandlung (Patient:innen sind während der Behandlung in der Regel abstinent).
- Folgeerkrankungen und Organschäden erschweren die Behandlung (Infektionen etc.).
- Die Komorbidität (Persönlichkeitsstörungen etc.) erfordert häufig eine integrierte Behandlung.
Suchttherapie stellt hohe Anforderungen an Patient:innen und Therapeut:innen. Dennoch ist eine erfolgreiche Behandlung möglich, wenn diesen Anforderungen in einem multidisziplinären Team begegnet und auf Konfrontation verzichtet wird. Ein klientenzentriertes Vorgehen und die Vorbereitung auf herausfordernde Situationen können das Rückfallrisiko deutlich reduzieren.
4 Quellenangaben
Batra, Anil und Oliver Bilke-Hentsch, Hrsg., 2022. Praxisbuch Sucht: Therapie der stoffgebundenen und Verhaltenssüchte im Jugend- und Erwachsenenalter. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Thieme. ISBN 978-3-13-242937-6 [Rezension bei socialnet]
Miller, William R. und Theresa B. Moyers, 2021. Effective psychotherapists: clinical skills that improve client outcomes. New York: Guilford Press. ISBN 978-1-4625-4535-3
Miller, William R. und Rollnick, S., 2023. Motivational interviewing: helping people change and grow. New York: Guilford Press. ISBN 978-1-4625-5037-1
Verfasst von
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Ralf Demmel
Dipl.-Psych.
Psychologischer Psychotherapeut (VT), Supervisor (VT)
Leitender Therapeut (v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel)
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