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Systemische Soziale Arbeit

Christian Paulick

veröffentlicht am 23.10.2020

Systemische Soziale Arbeit bezeichnet Soziale Arbeit als Disziplin und Profession, die sich hinsichtlich Haltung sowie Herangehensweisen auf den Systemischen Ansatz bezieht.

Systemische Soziale Arbeit hat ihren Ursprung einerseits im Systemischen Ansatz, also den drei Entwicklungszusammenhängen von Systemtheorie, Konstruktivismus sowie der Praxis Systemischer (Familien-)Therapie in den historischen Entwicklungslinien seit den 1950er-Jahren (Kriz 2014, S. 245 ff., Schlippe und Schweitzer 2016, S. 34 f.). Andererseits ist Systemische Soziale Arbeit in ihren historischen Entwicklungslinien von den verschlungenen Entwicklungspfaden Sozialer Arbeit (insbesondere Alice Salomon, Sigfried Bernfeld, Virgina Satir, Hans Thiersch) beeinflusst.

Im Vergleich zu Systemischer Beratung und Systemischer Therapie umfasst Systemische Soziale Arbeit ein wesentlich umfangreicheres Spektrum an Handlungsarten, Handlungsfeldern und gesellschaftlichen Erwartungen an Zuständigkeitsbereiche. Systemische Soziale Arbeit ist mithin von Alltagsnähe und Lebensweltorientierung im Sinne der Anerkennung der „grundsätzlichen Subjektivität der Lebenswelt“ (Kraus 2006, S. 127) und einer „diffusen Allzuständigkeit“ (Dewe und Otto 2018, S. 1863) geprägt. Insbesondere aufgrund ihrer Einbettung in Ambivalenzen und Spannungsfeldern ist Soziale Arbeit geradezu prädestiniert für die Idee des Systemischen Ansatzes. In Zeiten postmoderner Vergesellschaftungen lässt sie sich als „Ermöglichungsprofession(Wirth und Kleve 2019, S. 13) verstehen. Dergestalt kann der Systemische Ansatz als ein – noch junges – Paradigma Sozialer Arbeit verstanden werden.

Die Vielfalt Systemischer Sozialer Arbeit lässt sich anhand ihrer sie kennzeichnenden zehn Handlungsarten erkennen. Peter Lüssi (2001, S. 392 ff.) formuliert sechs Handlungsarten Systemischer Sozialer Arbeit, welche sich primär auf Klient*inneninteraktionen beziehen:

  1. Beratung (Perspektivenerweiterung, Informieren)
  2. Verhandlung (Moderation und Mediation zwischen allen Beteiligten, Verhandeln und Aushandeln von Vereinbarungen)
  3. Intervention (kontrollierendes Handeln bei Gefahr, Entscheidung über Hilfe bzw. Nicht-Hilfe)
  4. Vertretung (Pflichtvertretung, freiwillige Vertretung, Anwältin des Kindes)
  5. Beschaffung (Geld, Güter oder Leistungen)
  6. Betreuung (direktes und indirektes Betreuungshandeln).

Johannes Herwig-Lempp und Ludger Kühling (2012, S. 55) erweitern diese Parameter um eine Tetralogie von Handlungsarten, die sich auf Agieren im Hintergrund bzw. auf die Ebene der Voraussetzungen bezieht:

  1. Verwalten (Dokumentation, Organisation, Finanzen)
  2. Lernen (kollegiale Beratung, Supervision, kontinuierliche Fort- und Weiterbildung, Evaluation)
  3. Werben (Darstellung und Präsentation der eigenen Arbeit gegenüber Klient*innen sowie in der Öffentlichkeit)
  4. Einmischen (Veränderungsintentionen auf politischer und organisatorischer Ebenen).

Insbesondere über ihren engen konstruktivistischen Bezug charakterisiert sich Systemische Soziale Arbeit über eine enorme Pluralität an Handlungsfeldern und -methoden, die sich jedoch trotz ihrer Vielgestaltigkeit auf eine Systemische Haltung, im Sinne einer inneren Einstellung, die in Handeln überführt wird, verdichten lässt und folgendermaßen umrissen werden kann (vertiefend dazu: Systemischer Ansatz):

Diese Haltungsaspekte stehen in unmittelbaren Wechselwirkungen und Zusammenhangsbildungen miteinander und potenzieren sich gegenseitig.

Der Komplexitätsanspruch Systemischer Sozialer Arbeit hat bislang dazu geführt, dass systematische Qualifikationsvorhaben ausschließlich auf Hochschulebene stattfinden. Der deutschlandweit erste Master-Studiengang Systemische Sozialarbeit wurde 2009 an der Hochschule Merseburg akkreditiert.

Quellenangaben

Dewe, Bern und Hans-Uwe Otto, 2018. Wissenschaftstheorie. In: Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch, Rainer Treptow und Holger Ziegler, Hrsg. Handbuch Soziale Arbeit. 6., überarbeitete Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag, S. 1833–1845. ISBN 978-3-497-02158-1 [Rezension bei socialnet]

Herwig-Lempp, Johannes und Ludger Kühling, 2012. Sozialarbeit ist anspruchsvoller als Therapie. In: Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung (ZSTB). 30(2), S. 51–56. ISSN 1866-9875

Kraus, Björn, 2006. Lebenswelt und Lebensweltorientierung – eine begriffliche Revision als Angebot an eine systemisch-konstruktivistische Sozialarbeitswissenschaft. In: Kontext: Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie. 37(2), S. 116–129. ISSN 0720-1079

Kriz, Jürgen, 2014. Grundkonzepte der Psychotherapie. 7., überarbeitete und erweiterte Auflage. Weinheim: Beltz Verlag. ISBN 978-3-621-28097-6

Lüssi, Peter, 2001. Systemische Sozialarbeit: Praktisches Lehrbuch der Sozialberatung. 5. Auflage, Bern: Haupt Verlag. ISBN 978-3-258-06325-6

Schlippe, Arist von und Jochen Schweitzer, Hrsg., 2016. Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I: Das Grundlagenwissen. 3. unveränderte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-40185-9 [Rezension bei socialnet]

Wirth, Jan V. und Heiko Kleve, 2019. Die Ermöglichungsprofession: 69 Leuchtfeuer für systemisches Arbeiten. Heidelberg: Carl Auer Verlag. ISBN 978-3-8497-0309-7 [Rezension bei socialnet]

Literaturhinweise

Hosemann, Wilfried und Wolfgan Geiling, 2013. Einführung in die Systemische Soziale Arbeit. Stuttgart: UTB 2013. ISBN 978-3-8252-4008-0 [Rezension bei socialnet]

Ritscher, Wolfgang, 2020. Systemische Modelle für die Soziale Arbeit: Ein integratives Lehrbuch für Theorie und Praxis. 6. Auflage. Heidelberg: Carl Auer Verlag. ISBN 978-3-89670-881-6 [Rezension bei socialnet]

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Autor
Prof. Dr. Christian Paulick
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Zitiervorschlag
Paulick, Christian, 2020. Systemische Soziale Arbeit [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 23.10.2020 [Zugriff am: 23.01.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Systemische-Soziale-Arbeit

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