Szene (Psychodrama)
Eine Szene ist konstitutiv für jede psychodramatische Arbeit. In ihr stellt ein Individuum oder eine Gruppe seine bzw. ihre emotionale Wahrnehmung einer Situation dar, erforscht deren Dynamik und bearbeitet sie mit dem Ziel einer humanen und angemessenen Lösung.
Überblick
1 Zusammenfassung
Psychodramatiker:innen denken und handeln in Szenen. Denn die Szenen auf der Psychodramabühne stellen nach Jacob Levy Moreno die Möglichkeit dar, die eigene individuelle Wahrnehmung von Situationen und die von Gruppen zu erweitern und dadurch Handlungsspielräume für eine humane Zukunft zu entwickeln (vgl. Surplus-Reality). Diese Wahrnehmungen kommen im Psychodrama in Form von Szenen auf die Bühne.
In der szenischen Arbeit zeigt sich die Verwandtschaft des Psychodramas zum Theater. Der zentrale Unterschied besteht darin, dass die Spieler:innen in ihren Rollen keinem fremden, sondern ihrem eigenen Drehbuch folgen – entweder dem des Protagonisten bzw. der Protagonistin oder dem der ganzen Gruppe.
In einer psychodramatischen Szene zeigt und bearbeitet ein Individuum bzw. eine Gruppe seine bzw. ihre soziale und emotionale Wahrnehmung einer Situation in ihrer ganzen Komplexität. Insofern steht der Begriff der Szene auch synonym für eine sozial und emotional empfundene Situation. Die Interventionen durch die Leitung auf der psychodramatischen Bühne hängen von der institutionellen Rahmung und dem von dem Individuum bzw. der Gruppe erteilten inhaltlichen Auftrag ab.
Moreno verwendete in seinen Frühschriften anstatt des Begriffs der Szene den der Lage bzw. Stegreiflage. Diese Begriffe verweisen gleichzeitig auf die Relevanz der Zeit, insbesondere den Moment des Augenblicks einer Entscheidung (Kairos). Diese Perspektive schlägt sich nach Morenos Emigration in die USA in dem Begriff des Hier und Jetzt nieder. Auch wenn dieser Begriff sich inzwischen als gemeinsamer Nenner verschiedenster humanistisch orientierter Verfahren durchgesetzt hat, sollte man hervorheben, dass dieses Prinzip für Moreno in eine Zeitlinie eingebettet ist. Das Prinzip des Hier und Jetzt ist auf diese Weise sowohl als eine deskriptive als auch als eine normative Kategorie zu verstehen. Mit anderen Worten: Das psychodramatische Geschehen auf der Bühne wird zum einen durch das Prinzip des Hier und Jetzt in fünffacher Weise strukturiert (Hutter 2000, S. 68). Zum anderen beinhaltet eine Szene sechs Dimensionen des Verstehens.
2 Das Hier und Jetzt einer Szene
Mit dem Begriff des Hier und Jetzt wird die Dimension von Raum und Zeit einer Inszenierung auf der Bühne bezeichnet, in der erinnerte oder zukünftige Situationen des Protagonisten bzw. der Protagonistin gegenwärtig werden. Dies gilt auch für soziodramatische Inszenierungen.
In psychodramatischen Inszenierungen kommen grundsätzlich Situationen aus allen Zeiten auf die Bühne. Hinzu kommen auch die kulturellen und sozialen Prägungen der Spieler:innen sowie deren individuelle Erfahrungen aus ihrer jeweiligen biografischen Vergangenheit. Diese Komplexität zeigt sich z.B. im Ausagieren einer kollektiven Rolle (z.B. ein bzw. eine Regierungschef:in). Hier fließen sowohl kollektives Wissen, als auch kollektive und kulturell geprägte Narrative, als auch die individuellen Erfahrungen des Spielers bzw. der Spielerin im eigenen Land in die gespielte Szene ein.
2.1 Hier und Jetzt als zeitliche Kategorie
Zunächst bezeichnet der Begriff des Hier und Jetzt den Augenblick auf der Bühne. In ihm kulminieren in einer zeitlichen Perspektive eine oder mehrere erinnerte Situationen (Vergangenheit), die durch die Reinszenierung Jetzt auf der Bühne vergegenwärtigt (Gegenwart) werden. Die zeitliche Differenz wird im Jetzt aufgehoben (vgl. Surplus-Reality). Die Inszenierung in der Gegenwart geschieht letztlich immer mit der Perspektive einer Veränderung in der Zukunft.
„Das ‚Hier und Jetzt‘ der Existenz ist ein dialektisches Konzept. Die einzige Art und Weise, in der wahrgenommene Vergangenheit und wahrgenommene Zukunft existieren, ist im Hier (an diesem Ort) und Jetzt (in diesem Augenblick). Das Hier und Jetzt kann sich in zahlreichen Vergangenheiten ereignet haben und sich in zahlreiche Zukünfte bewegen. Der einzig echte Gegensatz zum Hier und Jetzt ist das Konzept des völligen Nichts, das Nicht-Hier und Nicht-Jetzt die Nicht-Vergangenheit und Nicht-Zukunft, das Nicht-Ich und Nicht-Du, das heißt Nicht-Leben“ (Hutter und Schwehm 2009, S. 129 f.).
Im Hier und Jetzt zeigen sich zum einen die Hoffnungen, Ängste und Erwartungen und zum anderen auch der gegenwärtige maßgebliche Zeitpunkt der Entscheidung für eine Veränderung und Zukunftsgestaltung (Kairos). Mit anderen Worten: zukünftige Situationen können auf der Bühne vorweggenommen, erprobt, eingeübt und ggf. Einschätzungen korrigiert werden.
2.2 Hier und Jetzt als räumliche Kategorie
Als weitere Kategorie gehört zum Prinzip des Hier und Jetzt der Raum. Damit sind als strukturierende Elemente in situ gemeint:
- Hier der konkrete gegenwärtige Ort der Psychodramabühne
- des Weiteren der konkrete Ort der erinnerten oder zukünftigen Situation
- der Kontext der erinnerten oder zukünftigen Situation und
- schließlich die Gruppe als gegenwärtiger Kontext.
2.3 Hier und Jetzt als normative Kategorie
„Moreno geht von einem objektiven (aber nicht verobjektivierbaren) Anspruch der jeweiligen Situation aus […] Diesem sich nicht zu stellen, ist für ihn unfair, unethisch, unwahr und nicht zuletzt untherapeutisch“ (Hutter 2000, S. 67). Dies beginnt auf der Psychodramabühne, auf der dem Protagonisten bzw. der Protagonistin Hilfe gebührt. In einer soziodramatischen Perspektive geht es um die Heilung von leidvollen Beziehungen und Strukturen. Damit beinhaltet der Begriff des Hier und Jetzt auch das Moment der Entscheidung (Kairos) in Bezug auf den Alltag des Protagonisten bzw. der Protagonistin oder der Gruppe und damit auch die Verantwortung für die Entscheidung, die immer auch den soziokulturellen Kontext einbezieht.
3 Szenisches Verstehen.
Alfred Lorenzer hat als erster „szenisches Verstehen“ als Erkenntnistheorie in die Psychoanalyse eingeführt.
„Während das psychologische Verstehen sich auf die realen Abläufe im Subjekt konzentriert, beschäftigt sich das Verstehen, von dem wir jetzt sprechen, mit den Vorstellungen des Subjekts, und zwar so, dass es die Vorstellung als Realisierung von Beziehungen, als Inszenierung der Interaktionsmuster ansieht. Diese Verstehensart soll deshalb ‚szenisches Verstehen‘ genannt werden“ (Lorenzer 1970, S. 108).
Das Psychodrama schließt mit seinem Denken in Szenen daran an, denn auch das Psychodrama geht davon aus, dass alle unbewussten Gefühle, Wünsche, Abwehrmechanismen etc. sich durch ein Verstehen von Szenen aus den Erfahrungen von Individuen und Gruppen erschließen lassen. Letztlich wird jede im Psychodrama erlebte Szene „in mir eingegraben. […] So schreite ich von Szene zu Szene, die sich mir leibhaftig einprägen. […] Das Gedächtnis wird so ein unendliches Reservoir von Szenen: szenisches Gedächtnis“ (Petzold 1981, S. 48, zitiert nach Ameln und Kramer 2014, S. 281).
Eine psychodramatische Szene lässt sich nach Moreno in sechs Dimensionen verstehen. Allerdings beziehen sie sich vorrangig auf Szenen des Protagonistenspiels. In Bezug auf soziodramatische Szenen liegen solche Ausarbeitungen allenfalls in Ansätzen vor.
3.1 Die somatische Dimension der Szene
Die somatische Dimension der Szene ist geprägt von der Körperlichkeit aller Beteiligten (Protagonist:in und Hilfs-Iche). Deshalb ist
- auf die körperliche Befindlichkeit (z.B. Gesundheit, Atem, Erschöpfung u.a.m.) und den Umgang mit dem Körper (Körperpflege)
- auf Formen der körperlichen Selbstinszenierung (Kleidung)
- auf Gestik, Mimik, Körpersprache und die Positionierung des Körpers im Raum
zu achten.
3.2 Die individuell-biografische Dimension der Szene
Jede Inszenierung durch einen Protagonisten bzw. eine Protagonistin drückt dessen bzw. deren individuell-biografische Erfahrung aus. Hier lassen sich lebensgeschichtlich prägende Erfahrungen, biografisch erworbene Muster, dysfunktionale Rollen und Handlungsweisen sowie spezifische Ressourcen identifizieren.
3.3 Die soziometrische Dimension der Szene
Moreno geht davon aus, dass der Mensch nicht autonom von seinem Netzwerk leben kann, sondern Teil eines soziokulturellen Beziehungsnetzwerks (vgl. soziokulturelles Atom) ist, das ihn prägt. Dementsprechend ist für Moreno nicht das Individuum, sondern die Gruppe die kleinste soziologische Einheit. Folglich zeigt sich in einer Szene dasjenige soziometrisch identifizierbare Beziehungsnetzwerk, das für diese Szene relevant ist. Mit anderen Worten: eine psychodramatische Szene ist auch durch das Zusammenspiel der Beteiligten bzw. deren Beziehungsgestaltung geprägt und dies ist ggf. auch zu thematisieren.
Dies ist zu betonen, weil das Psychodrama einer verbreiteten Perspektive, die sich allein auf das Individuum konzentriert, entgegensteht.
3.4 Die gesellschaftliche Dimension der Szene
In jedem Protagonistenspiel spiegelt sich auch die gesellschaftliche Realität des Klienten bzw. der Klientin. Jede Erfahrung eines Protagonisten bzw. einer Protagonistin ist auch durch gesellschaftliche Prägungen bedingt, die in jedem Protagonistenspiel zum Ausdruck kommt. D.h. die Erfahrungen des Protagonisten bzw. der Protagonistin sind u.a. bestimmt durch
- die Eigenlogik von Institutionen
- ökonomische und juristische Rahmenbedingungen
- Fragen der Generationsbeziehungen
- Lebenswelten
- sowie kollektive Erfahrungen bis hin zu Traumata, die auch transgenerational in unterschiedlichen Formen weitergegeben werden.
Im englischen Sprachraum wird versucht diesem Grundgedanken durch ein protagonistenzentriertes Soziodrama gerecht zu werden.
3.5 Die axiologische Dimension der Szene
Nach Morenos Überzeugung verfügt jeder Mensch über ein Wertesystem, das quasi in seine Erfahrungen eingewoben, folglich in jeder dargestellten Szene erkennbar ist. Daran schließt sich für ihn konsequent an, dass eine Szene auch in einer ethischen Dimension zu verstehen ist. Denn das Psychodrama „dramatisiert die ethischen Bestrebungen der privaten und kollektiven Psyche, z. Bsp. Gerechtigkeit, Wahrheit, Mitleid, Vollkommenheit, Ewigkeit und Friede“ (Hutter und Schwehm 2009, S. 396). Dies ist insofern von Bedeutung, als nach Moreno auch die Leitung über ein Wertesystem verfügt, das in die Beziehung zum Klienten bzw. zur Klientin unbewusst einfließt. Deshalb könne die Leitung sich für solche Fragen auch nicht für nicht-zuständig erklären.
3.6 Die Singularität der Szene
Die szenische Arbeit unterliegt einer Dichotomie. Einerseits soll das dargestellte Geschehen fachwissenschaftlich diagnostiziert, interpretiert und so auch tendenziell verallgemeinert werden. Dies geschieht aus guten Gründen. Dies geschieht aus guten Gründen. Z.B. bietet dies
- Orientierung in Bezug auf die hohe Komplexität der dargestellten Szene und
- Perspektiven für Hilfsmöglichkeiten.
Andererseits besteht damit die Gefahr, Geschichte als Wiederholung von gleichen Situationen zu betrachten, Probleme festzuschreiben, deren Komplexität und damit alternative Lösungsmöglichkeiten zu vernachlässigen.
Demgegenüber ist in einer psychodramatischen Perspektive die Einmaligkeit jeder Szene zu betonen. Situationen wiederholen sich nicht 1:1. In jeder im Psychodrama dargestellten Szene sind beide Perspektiven inhärent eingewoben, sodass die damit verbundene Spannung in der psychodramatischen Arbeit nicht aufgehoben werden kann, sondern als Charakteristikum unbedingt aufrechtzuerhalten ist.
4 Quellenangaben
Ameln, Falko und Josef Kramer, 2014. Psychodrama: Grundlagen. Berlin, Heidelberg: Springer. ISBN 978-3-6424-4920-8
Hutter, Christoph, 2000. Psychodrama als experimentelle Theologie. Münster: Lit. ISBN 978-3-8258-4666-4 [Rezension bei socialnet]
Hutter, Christoph und Helmut Schwehm, Hrsg., 2009. J. L. Morenos Werk in Schlüsselbegriffen. Wiesbaden: VS-Verlag. ISBN 978-3-5311-9593-3
Lorenzer, Alfred, 1970. Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Frankfurt/M: Suhrkamp
Petzold, Hilarion, 1981. Integrative Dramatherapie 1. Paderborn: Jungfermann
Verfasst von
Thomas Wittinger
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