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Teilnehmerorientierung

Prof. Dr. Tim Stanik

veröffentlicht am 18.10.2022

Abkürzung: TNO

Teilnehmerorientierung ist ein zentrales Prinzip der Erwachsenen-/​Weiterbildung und umfasst eine an den Teilnehmenden von Weiterbildungsveranstaltungen ausgerichtete Auswahl von Lernzielen, Lerninhalten, Methoden, Medien sowie deren Beteiligungsmöglichkeiten an möglichst vielen didaktischen Entscheidungen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Didaktische Umsetzungsmöglichkeiten der TNO
  3. 3 Forschungsbefunde zur TNO
  4. 4 Zukünftige Bedeutung der TNO
  5. 5 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

TNO leistet nach Armutat (1996) insofern einen zentralen Beitrag zur (bildungstheoretischen) Selbstvergewisserung der Erwachsenen-/​Weiterbildung, als hierdurch die Teilnehmenden zum zentralen Ausgangspunkt der Lehr-/​Lernangebote gemacht werden. Da TNO kein alltagsweltlicher Begriff ist, kann es als Äquivalent zum Begriff des Klient:innenbezugs anderer Professionen betrachtet werden, der zu einer Selbstverständigung der Berufskultur in der Erwachsenen-/​Weiterbildung auffordert (Nittel 1997, S. 182). TNO zielt in einer didaktischen Perspektive auf die Herstellungen von Passungen zwischen subjektiven Lernvoraussetzungen der Teilnehmenden und den jeweiligen objektiven Lernanforderungen (Tietgens 1980, S. 219).

Vorhergehende Ansätze der TNO finden sich bereits in der sogenannten „Neuen Richtung“ der Weimarer Republik, in der die konkreten Lebenserfahrungen, Bedürfnisse und Interessen der Teilnehmenden zentrale Ansatzpunkte der Lernprozesse werden sollten. „Dabei sollte ein dynamischer, teilnehmerorientierter Bildungsbegriff die Aneignung eines abgegrenzten und nicht mehr hinterfragten Kanons von Kulturgütern ersetzen“ (Olbrich 2001, S. 202). Seit den 1970er-Jahren wird TNO als das zentrale didaktische Prinzip der Erwachsenen-/​Weiterbildung postuliert, um sich sowohl gegenüber anderen Bildungsbereichen wie der Schule oder Hochschule abzugrenzen (Schrader 2010, S. 284) als auch um Orientierungspunkte für das Lehr-Lernhandeln mit mündigen Erwachsenen zu geben (Klein 2005, S. 29).

2 Didaktische Umsetzungsmöglichkeiten der TNO

TNO ist insofern als ein durchlaufendes didaktisch-methodisches Prinzip in Weiterbildungsveranstaltungen zu verstehen (Holm 2012, S. 6), als sie eine an den Teilnehmenden ausgerichtete Veranstaltungsplanung, -gestaltung und -evaluation umfasst (Breloer 1980, S. 32). TNO soll es ermöglichen, dass das Lernen in der Erwachsenen-/​Weiterbildung bedeutungs-, erfahrungs-, und situationsbezogen erlebt wird. Im erwachsenenpädagogischen Diskurs werden unterschiedliche Vorschläge zur Umsetzung von TNO angeführt.

Lehr-/​Lern-Methoden sind teilnehmerorientiert, wenn diese sich sowohl an der Lebenswelt und an vorhandenen Interaktionsmustern der Teilnehmer:innen orientieren als auch problemorientiertes Entdeckungs- und partnerschaftliches Kooperationslernen fördern (Breloer 1980, S. 58). Zudem sollten teilnehmerorientierte Methoden zu einer aktiven Auseinandersetzung mit den Lerninhalten beitragen, Anwendungssituationen simulieren sowie zu einer selbstgesteuerten Auseinandersetzung mit den Lerninhalten anregen (Breloer 1980, S. 80–81; Luchte 2001, S. 88).

Im Hinblick auf teilnehmerorientierte Aufbereitungen von Lerninhalten macht Tietgens deutlich (1980, S. 219), dass es bei didaktischen Reduzierungen und Rekonstruktionen im Sinne der TNO nicht darum geht, Inhalte beliebig vor dem Hintergrund beschränkter Zeitrahmen aufzubereiten, sondern darum, eine Passung zwischen den Lehrinhalten und den Lernvoraussetzungen der Teilnehmenden herzustellen. TNO bedeutet dabei nicht, Wünsche der Teilnehmenden zu erfüllen, sondern Inhalte im Hinblick auf praktische Verwendungssituationen mit den Teilnehmerperspektiven zu verknüpfen (Siebert 2010, S. 158). So sollten Lerninhalte nicht isoliert und kontextfrei angeboten, sondern immer mit den Erfahrungen der Teilnehmenden in Bezug gesetzt werden (Holm 2012, S. 11).

Neben Methoden und Inhalten wird insbesondere die Partizipation der Teilnehmenden an didaktischen Entscheidungen als weiteres zentrales Element der TNO betrachtet (Siebert 1975, S. 95–96). Eine notwendige Bedingung hierfür ist es, zunächst „Überschaubarkeit und Durchschaubarkeit des Lern-/​Lehrgeschehens in Bezug auf Organisation, Inhalt, Methode“ (Klein 2005, S. 36) herzustellen. Dafür ist es notwendig, dass Lehrende ihre didaktischen Überlegungen transparent machen (Tietgens 1981, S. 88). Transparenzherstellung über didaktisches Vorgehen, dient auch dazu, dass Teilnehmende sich über vollzogene bzw. noch zu vollziehende Lernschritte und Lernerfolge bewusst werden können (Luchte 2001, S. 86–87). Teilnehmer:innen sollten insbesondere bei der Formulierung von Lerninteressen beteiligt werden (Breloer 1980, S. 82), die dann durch die Lehrenden in Lernziele zu übersetzen sind (Lernzielpartizipation).

Damit Teilnehmende Besuche von Weiterbildungsveranstaltungen als wertvolle Erfahrung für sich wahrnehmen, sollte ihnen zudem die Möglichkeit gegeben werden, sich über ihre Lernfortschritte und Lernergebnisse bewusst zu werden (Breloer 1980, S. 90; Tietgens 1980, S. 199). Neben einer Evaluationsfunktion, inwiefern die partizipativ ermittelten Lernziele erreicht worden sind, können solche Lernprozessreflexionen auch dazu dienen, sich die individuellen und/oder kollektiven Lernprozesse zu vergegenwärtigen, um Lernkompetenzen zu erwerben (Siebert 1975, S. 115–116.; Luchte 2001, S. 89–92).

3 Forschungsbefunde zur TNO

Im Vergleich zu der proklamierten Bedeutung der TNO und Empfehlungen zu deren Umsetzung, liegen bislang nur wenige Studien vor, die sich empirisch mit dem Prinzip auseinandergesetzt haben.

Eine der ersten Untersuchungen, die im deutschsprachigen Raum die didaktische Praxis der Erwachsenen-/​Weiterbildung in den Blick genommen hat, war die sogenannte Hannover-Studie (Siebert und Gerl 1975). Die Studie zeigte u.a., dass die untersuchten Kurse an (Heim-)Volkshochschulen „überwiegend stofforientiert“ (a.a.O., S. 47) waren. Im Hinblick auf Partizipationsmöglichkeiten wurde auch deutlich, dass Teilnehmer:innen sich häufiger die Berücksichtigung anderer Themen gewünscht hätten, wenngleich sie diese nicht aktiv eingefordert haben (a.a.O., S. 57). Weitere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass TNO für Lehrende in der Erwachsenen-/​Weiterbildung eine eher randständige Kategorie zu sein scheint (Hof 2001, S. 89) und insbesondere methodische Entscheidungen mit dem Prinzip der TNO verknüpft werden (Luchte 2001). Auch konnte gezeigt werden, dass das Handeln von Lehrenden in der Erwachsenen-/​Weiterbildung weniger von ihren Teilnehmenden als vielmehr durch die eigenen (berufs-)biografische Bedeutungen der Lehrtätigkeiten (Kade 1989) oder durch die fachbezogenen Selbstverständnisse geprägt sind (Bastian 1997). Dass beispielsweise Teilnehmende von Integrationskursen diese durchaus als teilnehmerorientiert wahrnehmen, zeigt die Studie von Zimmer (2013). So wird z.B. die Unterrichtsführung der Kursleitenden als teilnehmerorientiert beschrieben, da unterschiedliche Lerngewohnheiten berücksichtigt werden, die Lehre lebendig und praxisnah geprägt sowie sich durch einen variantenreichen, aktivierenden Methodeneinsatz auszeichne (Zimmer 2013, S. 120).

Um die Relevanz von TNO weiter empirisch zu untersuchen, müssten Weiterbildungsveranstaltungen hinsichtlich der Umsetzung des Prinzips systematisch beobachtet werden. Auf Basis dieser Beobachtungen in Verbindung mit Befragungen oder Wissenstests könnten Einflüsse von TNO z.B. auf objektive Lernergebnisse, auf subjektive Zufriedenheiten mit Weiterbildungsveranstaltungen oder auf die Verringerung von Drop-Out-Quoten in Verbindung gesetzt werden. Hierzu liegt ein hoch-inferentes Beobachtungsinstrument vor, mit dessen Hilfe durch externe Beobachter:innen eingeschätzt werden kann, inwiefern der Methodeneinsatz, die Auswahl von Lerninhalten, die Beteiligung der Teilnehmenden etc. den oben dargelegten Prinzipien der TNO entsprechen (Stanik und Fritsch 2019, S. 343–344).

4 Zukünftige Bedeutung der TNO

Im Kontext sich immer weiter individualisierender (Berufs-)Biografien, den kaum vorherzusehenden Kompetenzanforderungen vor dem Hintergrund der Digitalisierung und Globalisierung wird die Anforderung weiter steigen, Lehr-/​Lernprozesse in der Erwachsenen-/​Weiterbildung möglichst zieloffen, an den beruflichen und lebensweltlichen Anforderungen ihrer Teilnehmer:innen zu gestalten. Ein Anspruch an solche Lehr-/​Lernprozesse wird es sein, unterschiedliche Lernzieloptionen und Lernwege nicht von außen durch die Lehrenden zu setzen, sondern diese gemeinsam mit den Teilnehmer:innen sich zu erschließen, damit diese Verantwortung für ihre lebenslangen Lernprozesse übernehmen können. Hierzu eröffnet das didaktische Leitprinzip der TNO vielfältige Anschlussmöglichkeiten (Stanik und Fritsch 2019, S. 344).

5 Quellenangaben

Armutat, Sascha, 1996. Zur unerkannten fundamentalanthropologischen Dimension einer teilnehmerorientierten Erwachsenenbildung. In: GDWZ – Grundlagen der Weiterbildung. 7(3), S. 161–164. ISSN 0937-2172

Bastian, Hannelore, 1997. Kursleiterprofile und Angebotsqualität. Bad Heilbrunn: Klinkhardt-Verlag. ISBN 978-3-7815-0920-7

Breloer, Gerhard, 1980. Aspekte einer teilnehmerorientierten Didaktik der Erwachsenenbildung. In: Gerhard Breloer, Heinrich Dauber und Hans Tietgens, Hrsg. Teilnehmerorientierung und Selbststeuerung in der Erwachsenenbildung. Braunschweig: Westermann, S. 8–112. ISBN 978-3-1416-7204-6

Hof, Christiane, 2001. Konzepte des Wissens: Eine empirische Studie zu den wissenstheoretischen Grundlagen des Unterrichtens. Bielefeld: wbv. ISBN 978-3-7639-1825-6

Holm, Ute 2012. Teilnehmerorientierung als didaktisches Prinzip der Erwachsenenbildung – aktuelle Bedeutungsfacetten [online]. Bonn: Deutsches Institut für Erwachsenenbildung [Zugriff am: 29.09.2022]. Verfügbar unter: https://www.die-bonn.de/doks/2012-teilnehmerorientierung-01.pdf

Kade, Jochen, 1989. Kursleiter und die Bildung Erwachsener: Fallstudien zur biographischen Bedeutung der Erwachsenenbildung. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt. ISBN 978-3-7815-1029-6

Klein, Rosemarie, 2005. Die handlungsleitenden Prinzipien von Lernberatung – Weiterungen und Konkretisierungen. In: Rosemarie Klein und Gerhard Reutter, Hrsg. Die Lernberatungskonzeption: Grundlagen und Praxis. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, S. 29–40. ISBN 978-3-8967-6980-0

Nittel, Dieter, 1997. Teilnehmerorientierung – Kundenorientierung – Desorientierung…? Votum zugunsten eines „einheimischen Begriffs“. In: Rolf Arnold, Hrsg. Qualitätssicherung in der Erwachsenenbildung. Opladen: Leske u. Budrich, S. 163–184. ISBN 978-3-8100-1676-8

Olbrich, Josef, 2001. Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. ISBN 978-3-8100-3349-9

Schrader, Josef, 2010. Teilnehmerorientierung. In: Rolf Arnold, Sigrid Nolda und Ekkehard Nuissl. Hrsg. Wörterbuch Erwachsenenbildung. 2. überarbeitete Auflage. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt, S. 284–285. ISBN 978-382-5-28425-1

Siebert, Horst, 1975. Probleme, Ergebnisse und Konsequenzen einer empirischen Untersuchung. In: Horst Siebert und Herbert Gerl, Hrsg. Lehr und Lernverhalten bei Erwachsenen. Braunschweig: Westermann, S. 13–123. ISBN 978-3-14-167149-0

Siebert, Horst, 2010. Methoden für die Bildungsarbeit: Leitfaden für aktivierendes Lehren. 4. Auflage. Bielefeld: wbv. ISBN 978-376-3-91993-2

Siebert, Horst und Herbert Gerl, Hrsg., 1975. Lehr und Lernverhalten bei Erwachsenen. Braunschweig: Westermann. ISBN 978-3-14-167149-0

Stanik, Tim und Lisa Marie Fritsch, 2019. Theoretische Begründungen und empirische Erfassbarkeit von Teilnehmerorientierung in der institutionalisierten Erwachsenenbildung. In: Olaf Dörner, Carola Iller, Ingeborg Schüßler, Heide v. Felden und Sebastian Lerch, Hrsg. Erwachsenenbildung und Lernen in Zeiten von Globalisierung, Transformation und Entgrenzung: Dokumentation der Jahrestagung 2018 der Sektion Erwachsenenbildung. Opladen: Verlag Barbara Budrich, S. 336–346. ISBN 978-3-8474-2345-4

Tietgens, Hans, 1980. Teilnehmerorientierung als Antizipation. In: Gerhard Breloer, Heinrich Dauber und Hans Tietgens, Hrsg. Teilnehmerorientierung und Selbststeuerung in der Erwachsenenbildung. Braunschweig: Westermann, S. 177–235. ISBN 978-3-1416-7204-6

Tietgens, Hans, 1981. Die Erwachsenenbildung. Grundfragen der Erziehungswissenschaften. München: Juventa. ISBN 978-3-7799-0178-5

Zimmer, Veronika, 2013. Anspruch und Wirklichkeit von Integrationskursen im Lichte erwachsenenpädagogischer Forschung [online]. Bonn: Westfälische Wilhelms-Universität Münster [Zugriff am: 2909.2022]. Verfügbar unter: www.die-bonn.de/doks/2013-inklusion-01.pdf

Verfasst von
Prof. Dr. Tim Stanik
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA), Schwerin
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Zitiervorschlag
Stanik, Tim, 2022. Teilnehmerorientierung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 18.10.2022 [Zugriff am: 28.01.2023]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/25228

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