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Thinking Circle

Matthias zur Bonsen, Jutta Herzog

veröffentlicht am 25.11.2021

Etymologie: engl. thinking denken, circle Kreis

Interessenlage: Die Autor:innen haben diese Form der Methodik gemeinsam mit Myriam Mathys gestaltet.

Thinking Circle ist eine Methodik, mit der eine hohe Qualität des Gesprächs und des Nachdenkens sowie Gemeinschaft, psychologische Sicherheit und persönliches Wachstum in Meetings gefördert werden sollen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Wozu Thinking Circle dient
  3. 3 Elemente eines Thinking Circles
    1. 3.1 Kreis
    2. 3.2 Mitte
    3. 3.3 Auftakt mit Innehalten
    4. 3.4 Check-In
    5. 3.5 Gesprächsregeln
    6. 3.6 Redeobjekt
    7. 3.7 Thinking Pairs
    8. 3.8 Stille
    9. 3.9 Check-Out
    10. 3.10 Verteilte Führungsrollen
    11. 3.11 Intention
    12. 3.12 Vereinbarungen
  4. 4 Praxis des Thinking Circle
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise
  7. 7 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Thinking Circle ist eine Methodik zur Durchführung von Meetings, in denen die Qualität des Dialogs, des gemeinsamen Denkens und der gemeinsamen Entscheidungen hoch sein sollen. Es sind Meetings, die die Gemeinschaft stärken, Teilnehmer:innen aktivieren, psychologische Sicherheit herstellen sowie durch bewusst gesetzte Entschleunigung die Gesundheit am Arbeitsplatz fördern. Meetings schließlich, die alle Teilnehmenden unterstützen, Verantwortung zu übernehmen und für ihre Themen in Führung zu gehen. Diese Effekte werden durch ein Set von kleinen Werkzeugen oder Strukturen erzeugt, die man auch nur partiell einsetzen kann – z.B. um eine Gruppe nach und nach an Thinking Circle zu gewöhnen.

2 Wozu Thinking Circle dient

Menschen handeln eher dann gut, wenn sie vorher gut gedacht haben. „Gut gedacht“ schließt dabei mit ein, dass man sich hin und wieder mehr Zeit genommen und auch nach Innen gehorcht und gespürt hat. Gleiches gilt für Gruppen. Sie handeln eher dann gut, wenn sie vorher gut zusammen gedacht haben. Dazu braucht es ein sehr gutes Gespräch – eines, in dem alle hoch-aufmerksam sind, sich sehr gut zuhören und sogar lauschen – aufeinander und auch auf die eigenen von Innen kommenden Impulse.

Thinking Circle ist eine Methodik (man könnte es auch ein Set ineinandergreifender kleiner Werkzeuge und Strukturen nennen), um Gruppen zu helfen, die Qualität ihres Dialogs und gemeinsamen Denkens zu steigern, um so Lösungen zu finden, die von allen als wirklich stimmig empfunden werden. Mit „Dialog“ sind dabei sowohl Gespräche zu sehr wichtigen, großen Themen – die viel Zeit und intensive Reflexion benötigen – gemeint, wie auch Gespräche in kurzen Zusammenkünften im Rahmen des alltäglichen Geschäfts, wo zügig gute Entscheidungen fallen müssen.

Thinking Circle dient auch dazu, in Gruppen eine gewisse emotionale Verbundenheit – ein Gefühl von Gemeinschaft – zu nähren. Dies geschieht unter anderem durch Formen des Check-Ins und des Check-Outs (siehe unten), die die Teilnehmenden einladen, authentisch aufzutreten. Thinking Circle will des Weiteren jene psychologische Sicherheit schaffen, die es allen leichter macht, auch schwierige Wahrheiten und ungewöhnliche Ideen auszusprechen. Schließlich soll die Methodik des Thinking Circle es fördern, dass alle Mitglieder einer Gruppe sukzessive mehr Verantwortung für das Gelingen der gemeinsamen Zusammenkünfte übernehmen und diese nicht einfach nur den Leitenden überlassen. Thinking Circle ist daher nicht nur eine Meeting-Methode, sondern auch ein Werkzeug, mit dem Führungskräfte ihr Team reifen lassen können – sodass, bildlich gesprochen, in jedem Stuhl des Kreises schließlich ein „Leader“ sitzt.

Die Methodik speist sich im Wesentlichen aus zwei Abstammungslinien. Christina Baldwin und Ann Linnea haben 25 Jahre lang das uralte, sicher schon vor tausenden Jahren praktizierte Gespräch im Kreis (rund ums Feuer) erforscht und auf moderne Organisationen übersetzt (Baldwin und Linea 2014). Nancy Kline wiederum hat ebenso lange erforscht, unter welchen Bedingungen Einzelne und Gruppen besonders gut denken können (Kline 2009, 2016). Beide Linien überschneiden sich stark in ihren Erkenntnissen und ergänzen einander zugleich. Mit Zustimmung der Pionierinnen haben Matthias zur Bonsen, Jutta Herzog und Myriam Mathys Circle Practice von Christina Baldwin und Ann Linnea und Thinking Environment von Nancy Kline zu Thinking Circle vereint.

Oft heißt es, die Qualität eines Meetings hänge von der Haltung und den Fähigkeiten eines Meetingleiters ab. Doch alle Leitenden können bereits durch wenige einfache methodische Strukturen, Meetings und Workshops deutlich verbessern und zudem eine konstruktive Haltung fördern. Solche Strukturen stellt die Methodik Thinking Circle bereit. Die wesentlichsten werden im folgenden Abschnitt dargestellt. Es ist nicht erforderlich, von Beginn an, gleich alle einzusetzen. Auch mit einem Teil der beschriebenen Elemente lassen sich schon Wirkungen erzielen.

3 Elemente eines Thinking Circles

3.1 Kreis

Der Kreis evoziert mehr als jede andere geometrische Form bei den Teilnehmenden jene Präsenz, die in produktiven Meetings gebraucht wird. Die im Weiteren genannten Strukturen von Thinking Circle entfalten ihre Wirkung zwar auch, wenn Menschen in anderen Formen sitzen. Doch im Kreis entsteht eine spezielle Konzentration, die Menschen anders als sprechen lässt, als wenn sie um große Tische platziert sind.

Kreis und Mitte – wesentliche Elemente von Thinking Circle
Abbildung 1: Kreis und Mitte – wesentliche Elemente von Thinking Circle (eigene Darstellung)

3.2 Mitte

In einem Thinking Circle gibt es eine explizite Mitte. Meist symbolisiert sie etwas, das für den gemeinsamen Fokus dieser Gruppe oder dieses Meetings steht. Das kann mal ein Strategiepapier sein oder ein physischer Prototyp, an dem eine Projektgruppe gerade arbeitet – mal ist es mehr. Die Mitte symbolisiert die gemeinsame Aufgabe und hilft allen, den Fokus zu halten. Sie ermöglicht zudem, den Blick auf etwas ruhen zu lassen, während man zuhört oder spricht. Die Mitte kann auch etwas sein, das als schön und lebendig empfunden wird (eine Glasschale mit Wasser, Steinen, Blüten …). In einem solchen Setting müsste sie zu Beginn des Treffens verbal mit ihrem Fokus verbunden werden. In schwierigen, geladenen Situationen werden die Teilnehmenden angehalten, nicht „aufeinander zu schießen“, sondern stattdessen Richtung Mitte zu sprechen.

3.3 Auftakt mit Innehalten

Wenn die Teilnehmenden angekommen sind, beginnt es mit einem Mini-Ritual, das die zerstreute, zuweilen „zerfledderte“ Energie der Ankommenden in die fokussierte und zugleich entspannte Energie des Thinking Circle überführt. Diese Anfangsgeste kann aus einem Augenblick der Stille bestehen, aus einem zweimaligen Anschlagen einer Glocke, aus dem Vorlesen eines Zitats oder eines Gedichts – aus allem, was hilft, einen Moment innezuhalten, „runterzukommen“ und sich zu zentrieren. So leistet Thinking Circle auch einen Beitrag zu gesundem Arbeiten in Organisationen, in denen es viel „Rennen im Hamsterrad“ und wenig Innehalten gibt.

3.4 Check-In

Der Check-In besteht aus einer Frage, die nacheinander alle beantworten. Entscheidend ist auch hier ein kurzer Moment des Nachdenkens, ehe gesprochen wird. So trägt der Check-In ebenfalls dazu bei, dass alle zunächst anhalten und mit sich selbst in Kontakt kommen. Durch den Check-In weben die Teilnehmenden an dem zwischenmenschlichen Netz, das sie miteinander verbindet und das die Gruppe trägt. Erst wenn alle im Kreis einmal gesprochen haben, fühlen sie sich auch als Teil der Gruppe. Und da in dieser ersten Runde auch die Stilleren schon etwas gesagt haben, fällt es ihnen leichter, auch später ihre Stimme zu erheben.

3.5 Gesprächsregeln

Im Thinking Circle finden häufig offene Gespräche statt, wie sie auch in anderen Meetingformen üblich sind. Es wird jedoch verabredet, sich gegenseitig nicht zu unterbrechen, sondern jedem aufmerksam zuzuhören, bis er oder sie zu Ende gesprochen hat. Ebenso wird verabredet, absichtsvoll zu sprechen. Das bedeutet, dass jede/r, die oder der sprechen will, sich prüft, ob sie/er mit dem, was sie/er sagen will, wirklich beiträgt, ob sie/er wirklich gerade dran ist und ob die Gruppe in diesem Moment empfangsbereit ist.

Die Qualität eines solchen offenen Gesprächs kann immer leicht erodieren, insbesondere wenn das Thema eines ist, das Emotionen hervorruft. In diesem Fall kommt die Achtgeber-Instanz (siehe unten) zum Einsatz.

3.6 Redeobjekt

Im Thinking Circle wird regelmäßig ein Redeobjekt eingesetzt. Dann darf nur sprechen, wer dieses gerade in der Hand hält. Das Redeobjekt kann irgendein Gegenstand sein (z.B. ein Flipchartmarker). Gruppen können sich aber auch entscheiden, dass sie immer ein bestimmtes Ding nutzen, das für sie eine Bedeutung hat.

Eine Weise, ein Redeobjekt zu nutzen, besteht darin, es einmal in der Runde kreisen zu lassen. Jede/r bekommt es und darf dann unterbrechungsfrei sprechen. Die Teilnehmenden werden ermutigt, sich alle Zeit, die sie brauchen, zu nehmen. Sie können, wenn sie das Objekt haben, auch still sein, um nachzudenken, und anschließend weitersprechen. Ebenso werden alle zu Beginn einer solchen Runde ermutigt, dem jeweils Sprechenden sehr aufmerksam und in wohlwollender Haltung zuzuhören. Und gerade das hilft dem Sprechenden, während des Redens auch sein Denken zu entfalten.

Wenn im Thinking Circle ein neues, anspruchsvolles Thema begonnen wird, geht es immer mit einer Redeobjektrunde los, ehe das Gespräch ohne Objekt fortgeführt wird. Dann kann jede/r erst mal in Ruhe dazu sprechen und denken und auch die Stilleren erhalten Gehör. Auch später im Gespräch oder zu anderen Anlässen können Redeobjekt-Runden sinnvoll sein, z.B. nach einer Präsentation oder weil das Gespräch an einen Punkt gelangt ist, wo es wichtig wäre, die momentane Sicht jeder/s Einzelnen abzuholen. Eine weitere Redeobjekt-Runde generiert oft neue und zündende Ideen. Sie scheint Zeit zu kosten, doch meistens spart sie Zeit – nicht selten sogar viel.

Manchmal lässt man ein Redeobjekt auch mehrmals kreisen – bis zu einer Stunde oder sogar länger. Das ist eine Möglichkeit, ein Gespräch stark zu entschleunigen, um einen sehr schöpferischen Prozess des Nach-Innen-Horchens, Denkens und Redens in Gang zu setzen. Man würde so vorgehen, wenn es zu einer Frage eine gänzlich neue, wirklich schöpferische Lösung braucht. Oder auch, um eine Erregtheit im Raum zu befrieden.

Das Redeobjekt kann auch in die Mitte gelegt und jede/r aufgefordert werden, es sich dort zu holen. Das geschieht z.B., wenn das Gespräch deutlich zu schnell geworden ist. Wenn ein Redeobjekt in der Mitte liegt, führt das dazu, dass die Teilnehmenden mit größerer Intentionalität sprechen. Denn da es eine Hürde ist, in die Mitte zu gehen und sich zu exponieren, redet man nicht einfach drauf los, sondern prüft eher, ob es jetzt wirklich ansteht etwas zu sagen.

3.7 Thinking Pairs

Um das kreative Denken einer/s jeden Einzelnen innerhalb des Ganzen anzustoßen, kann man zwischendurch die Gruppe in Paare aufteilen. Dann bekommt beispielsweise jeder von beiden fünf Minuten, um laut über die gemeinsame Frage nachzudenken, während die/der andere auf „unterstützende Weise“ vollumfänglich lauscht, um für den Denkenden „den Raum zu halten“. Anschließend initiiert man in der Gruppe eine Redeobjekt-Runde, in der alle nur die neuen und frischen Gedanken berichten, die durch die Paar- oder zuweilen auch eine Kleingruppenarbeit aufgetaucht sind.

3.8 Stille

Stille ist ein wichtiges Element im Thinking Circle. Sie gibt Menschen die Möglichkeit, nach Innen zu schauen und ihre Gedanken zu sortieren. Stille kann von allein entstehen, wenn während der Nutzung eines Redeobjekts die Person, die dran ist, einen Moment nachdenkend schweigt, ehe sie weiter spricht. Oder wenn für eine Weile niemand in die Mitte geht, um sich das Objekt zu holen. Ein Moment der Stille kann aber auch vom Achtgeber (siehe unten) aktiv vorgeschlagen werden, um z.B. allen die Möglichkeit zu geben, sich in einer erregten Situation zu beruhigen oder zu reflektieren, wie das Gespräch gelaufen ist und wie es weitergehen sollte. Manche Kreise bauen auch ohne direkten Anlass immer wieder kurze Momente der Stille ein, um ihre Energie und ihren Fokus zu erneuern.

3.9 Check-Out

Am Ende eines Thinking Circle-Meetings erhalten ebenfalls alle die Möglichkeit mitzuteilen, was sie jetzt denken, oder was ihnen klar geworden ist oder welches Feedback sie geben möchten. Diese letzte Runde rundet das Treffen ab und beendet es formell. Allen soll deutlich werden, wo alle anderen jetzt am Ende stehen.

3.10 Verteilte Führungsrollen

Normalerweise haben Meetings eine/n Leiter:in oder eine/n Moderator:in. Dieser/m obliegt es, die Gruppe sowohl durch den Inhalt des Meetings als auch den Prozess zu führen, sowie die Qualität des Dialogs und die Energie der Teilnehmenden im Auge zu halten. Das ist einerseits sehr anspruchsvoll und konzentriert andererseits „Führung“ nur bei einer Person – und meist bei der, die auch sonst die Führung innehat. Im Thinking Circle aber gibt es bewusst einen Gastgeber, einen Achtgeber und einen Schreiber.

Der Gastgeber des Meetings lädt zum Thinking Circle Meeting ein, macht sich über Intention, Agenda und Ablauf des Meetings Gedanken und bereitet den Raum, sowie die Check-In- und Check-Out-Frage vor. Zu Beginn begrüßt er oder sie die Teilnehmenden und führt inhaltlich durch das Meeting und den vorbereiteten Ablauf. Zugleich ist er oder sie Teilnehmer:in wie alle anderen. Gastgeber erteilen aber nicht das Wort, so wie man das von einer/m Moderator:in erwarten würde. Die Gruppe soll selbst lernen, darauf zu achten, wer als Nächstes dran ist – die kollektive Bewusstheit soll zunehmen. Bei Unterstützungsbedarf intervenieren Achtgeber oder Gastgeber.

Zwei Schlüsselqualitäten eines Gastgebers bestehen darin, dass er/sie ausnehmend gut zuhört und ruhig bleibt angesichts des Unbekannten – der Tatsache nämlich, dass der Weg zur Lösung oft durch Chaos, Konflikt und Konfusion führt.

Der Achtgeber achtet auf die Energie der Gruppe und die Qualität des Dialogs. Er oder sie nutzt eine Glocke, um in bestimmten Momenten die Gruppe dazu zu bringen, das Gespräch zu unterbrechen und innezuhalten. Er/sie tut dies, um entweder einen besonderen Moment oder Übergang zu markieren oder um auf Unstimmigkeiten im Prozess hinzuweisen. Er oder sie kann dann beispielsweise eine Verlangsamung des Dialogs mit einem Redeobjekt in der Mitte oder als Runde, eine Pause oder einen Moment der Stille oder der Reflexion vorschlagen. Alle Teilnehmenden können jederzeit den Achtgeber bitten, die Glocke zu läuten, und dann erklären, warum sie das wollten. Denn – auch wenn jemand der explizite Achtgeber ist – die Achtgeberschaft wird im Thinking Circle von allen verantwortet.

Der Schreiber dokumentiert die Ergebnisse des Gesprächs: gemeinsame Beschlüsse oder auch wichtige gemeinsame Erkenntnisse. Er oder sie kann dies auf einem Schreibblock tun oder auf einem Flipchart, das dann wie ein Stuhl im Kreisrand steht.

3.11 Intention

Eine Intention braucht es einerseits für jede Gruppe, die sich neu formiert, und andererseits für jedes einzelne Thinking Circle Meeting. Oft formuliert der Gastgeber diese Intention und kommuniziert sie in der Einladung. Und oft nimmt die Intention dabei die Form einer fokussierenden Frage an.

Wenn die Agenda schon vor dem Meeting festgelegt wird, formuliert der Gastgeber die Intention eines jeden Tagesordnungspunktes optimalerweise in Form einer Frage, die das Gespräch und das Denken der Teilnehmenden zu stimulieren vermag. Solche Fragen ermöglichen den Teilnehmenden, bereits vorab zu entscheiden, ob die Agenda für sie interessant ist – und natürlich auch, sich innerlich bereits einzustimmen.

3.12 Vereinbarungen

Vereinbarungen dienen dazu, dass ein sicherer Raum entsteht, der einen freien und tiefen Austausch ermöglicht, in dem unterschiedliche Ansichten respektiert werden und alle die Verantwortung für das Wohlergehen und die Richtung der Gruppe miteinander teilen. Vereinbarungen legitimieren alle, den Achtgeber um einen Glockenton zu bitten, wenn diese nicht eingehalten werden. Vereinbarungen generieren insbesondere auch die psychologische Sicherheit – sie sollten sorgfältig und gemeinsam erarbeitet werden.

4 Praxis des Thinking Circle

Diese recht einfach klingenden Elemente von Thinking Circle können den Eindruck entstehen lassen, dass auch dessen Anwendung sehr einfach sei. Einerseits stimmt das. Zumal schon die Nutzung bestimmter kleiner Werkzeuge ganz erstaunliche Wirkungen hervorrufen können.

Andererseits ist allein die Nutzung der Möglichkeiten eines Redeobjekts alles andere als trivial. Der Gastgeber muss entscheiden, wann das Redeobjekt in Zusammenhang mit einer Frage genutzt wird und welche Frage genau jetzt die richtige ist. Oder, ob das Redeobjekt gerade ein anderes Tempo ermöglichen soll. Oder, ob es gilt, in einem bestimmten Moment eine größere Hürde für Redebeiträge zu generieren. Es ist zu entscheiden, ob es in einem Meeting sehr häufig, oder möglicherweise gar nicht eingesetzt wird. Jeder einzelne Einsatz eines Redeobjekts muss sehr sorgfältig anmoderiert werden. Und wenn es dann in der Runde kreist und die dazugehörigen Regeln nicht eingehalten werden, müssen Gastgeber und Achtgeber überlegen, wie sie das im Nachgang zu dieser Runde auffangen – denn währenddessen zu intervenieren, ist (so gut wie) ein No-Go.

Der Achtgeber verfügt mit der Glocke über ein machtvolles Werkzeug, das es weise anzuwenden gilt. Wird sie zu schnell – schon bei kleinen Schwankungen im Prozess – eingesetzt, kann das die Gruppe irritieren. Beschreibt der Achtgeber das, was er oder sie beobachtet hat, nicht in neutraler Sprache, kann dies Unmut hervorrufen. Bezieht er oder sie sich zu sehr auf eine/n Einzelne/n, fühlt die oder der sich leicht vorgeführt. Umgekehrt kann ein Achtgeber auch zu lange passiv sein und nicht registrieren, dass die Qualität des Gesprächs längst erodiert ist. Da wäre zwar die Gruppe als Ganzes mit in der Verantwortung, da ja alle den Achtgeber bitten können, die Glocke anzuschlagen, aber ein Achtgeber müsste ggf. auch genau daran dann erinnern.

An diese Mitverantwortung müssen sich die Teilnehmenden von Meetings erst gewöhnen. Sie müssen sich auch daran gewöhnen, dass es niemanden gibt, der oder die das Wort erteilt, sondern dass alle eine Wachheit dafür haben sollen, wer als Nächstes zu sprechen dran ist. Doch Gruppen können das lernen, und dann können Gruppen reifen und Meetings zu etwas werden, das alle zutiefst zufrieden stellt.

5 Quellenangaben

Baldwin, Christina und Ann Linnea, 2014. Circle: Die Kraft des Kreises. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-407-29367-1

Kline, Nancy, 2009. More Time to Think. Pool-in-Wharfdale: Fisher King Publishing. ISBN 978-1-906377-10-6

Kline, Nancy, 2016. Time to Think. Berlin: Rowohlt. ISBN 978-3-499-63179-5

6 Literaturhinweise

Baldwin, Christina und Ann Linnea, 2014. Circle: Die Kraft des Kreises. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-407-29367-1

Kline, Nancy, 2016. Time to Think. Berlin: Rowohlt. ISBN 978-3-499-63179-5

Kline, Nancy, 2009. More Time to Think. Pool-in-Wharfdale: Fisher King Publishing. ISBN 978-1-906377-10-6

Zimmermann, Jack und Virginia Coyle, 2015. Der große Rat. Freiburg: Arbor. ISBN 978-3-936855-92-0

Bonsen, Matthias zur und Jutta Herzog, 2019. Warum wir Thinking Circle brauchen – wo es doch DIALOG bereits gibt [online]. Sunnyvale, CA: LinkedIn [Zugriff am: 16.11.2021]. Verfügbar unter: https://www.linkedin.com/pulse/​warum-wir-thinking-circle-brauchen-wo-es-doch-dialog-gibt-zur-bonsen

7 Informationen im Internet

Verfasst von
Dr. Matthias zur Bonsen
Gründer und Partner der Beratergruppe all•in•one•spirit.
Im deutschen Sprachraum ist er Pionier für Großgruppenmethoden sowie für wegweisende Methoden des partzipativen Arbeitens mit kleinen Gruppen wie Thinking Circle und Dynamic Facilitation.
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Jutta Herzog
Gründerin und Partnerin der Beratergruppe all•in•one•spirit.
Im deutschen Sprachraum ist sie Pionierin für Großgruppenmethoden sowie für wegweisende Methoden des partzipativen Arbeitens mit kleinen Gruppen wie Thinking Circle und Dynamic Facilitation.
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Matthias zur Bonsen.
Es gibt 1 Lexikonartikel von Jutta Herzog.


Zitiervorschlag
zur Bonsen, Matthias und Jutta Herzog, 2021. Thinking Circle [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 25.11.2021 [Zugriff am: 28.11.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Thinking-Circle

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