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Tiergestützte Intervention

Prof. Dr. Sabrina Naber

veröffentlicht am 26.05.2025

Abkürzung: TGI

Englisch: animal-assisted intervention; animal assisted intervention

Unter Tiergestützten Interventionen (TGI) werden professionell geplante Interventionen verstanden, bei denen Tiere gezielt in therapeutischen, pädagogischen oder sozialen Bereichen integriert werden, um positive Effekte bei Menschen zu erzielen. Dafür werden Mensch-Tier-Teams professionell im Gesundheits- und Sozialbereich eingesetzt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Unterteilung der TGI
  3. 3 Tierauswahl
  4. 4 „Tier-Arbeitsschutz“
  5. 5 Gesetzliche Grundlagen
  6. 6 Qualifikation für TGI-Fachkräfte
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

TGI umfasst verschiedene spezialisierte Ansätze wie Tiergestützte Therapie (TGT), Tiergestützte Pädagogik (TGP), Tiergestütztes Coaching (TGC) und Tiergestützte Aktivitäten (TGA). Diese basieren auf den verschiedenen positiven Wirkungen von Tieren auf Menschen und erfordern eine professionelle Mensch-Tier-Beziehung, wobei stets sowohl das Wohlbefinden der teilnehmenden Menschen als auch der eingesetzten Tiere im Mittelpunkt stehen muss. Für die qualifizierte Durchführung sind spezifische Fachkenntnisse und eine entsprechende Weiterbildung erforderlich. Die eingesetzten Tiere müssen artgerecht gehalten werden und freiwillig am Einsatz teilnehmen können.

2 Unterteilung der TGI

Die TGI wird formal in unterschiedliche Bereiche mit verschiedenen Zielsetzungen eingeteilt, wobei es im Einzelnen fließende Übergänge geben kann. Es wird unterschieden in: Tiergestützte Therapie (TGT), Tiergestützte Pädagogik (TGP), Tiergestütztes Coaching (TGC) sowie unter bestimmten Bedingungen auch Tiergestützte Aktivitäten (TGA) (IAHAIO 2018, S. 5; TVT 2021, S. 3).

Tabelle 1: Vergleich der verschiedenen Formen Tiergestützter Interventionen
Kriterium Tiergestützte Therapie (TGT) Tiergestützte Pädagogik (TGP) Tiergestütztes Coaching (TGC) Tiergestützte Aktivitäten (TGA)
Beschreibung Strukturierte therapeutische Interventionen mit definierten Behandlungs­zielen Zielgerichtete pädagogische Maßnahmen zur Förderung von Lern­prozessen Prozess­orientierte Begleitung zur Persönlichkeits­entwicklung und Problemlösung Informellere Maßnahmen zur allgemeinen Förderung des Wohlbefindens
Qualifikationsprofil Approbierte Therapeut:innen (z.B. Psychotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen, Physiotherapeut:innen) Qualifizierte Pädagog:innen (z.B. Lehrer:innen, Erzieher:innen, Sozialpädagog:innen) Zertifizierte Coaches, Berater:innen, Supervisor:innen Speziell geschulte Freiwillige, Ehrenamtliche
Rahmenkonzept Hochformalisiert, in Behandlungsplan eingebettet Formalisiert, meist in Lehrplan/​Konzept integriert Formalisiert, mit Coaching-Prozess verknüpft Geringer Formalisierungsgrad, flexible Strukturen
Zielsetzung Heilung, Linderung, Funktions­verbesserung Lernfortschritt, Kompetenz­entwicklung Persönliche Entwicklung, Reflexion Wohlbefinden, Lebensqualität, Freude
Dokumentation Ausführliche therapeutische Dokumentation, messbare Ziele Strukturierte Dokumentation von Lernfort­schritten Prozess­dokumentation, Ziel­vereinbarungen Minimale Dokumentation, oft nur Anwesenheit
Beispiele
  • Angstbehandlung mit Therapiehund
  • Tiergestützte Physiotherapie mit Pferden
  • Tiergestützte Sprachtherapie
  • Lesehunde in Schulen
  • Umwelt­pädagogik auf Bauernhöfen
  • Soziales Lernen mit Tieren
  • Führungskräfte­coaching mit Pferden
  • Stressmanagement-Training
  • Teambuilding mit Lamas
  • Tierbesuchs­dienste in Senioren­einrichtungen
  • Offene Angebote in Jugendzentren
  • Streichelzoo-Besuche

Trotz der Unterschiede teilen alle Formen der TGI bestimmte grundlegende Anforderungen:

  • Tierschutz: Einhaltung ethischer Standards im Umgang mit den Tieren
  • Fachkenntnisse: Grundlegende Kenntnisse zum Tierverhalten und zur Tiergesundheit
  • Freiwilligkeit: Die Tiere nehmen freiwillig teil und können sich zurückziehen
  • Präventionsmaßnahmen: Regelmäßige Gesundheitschecks und artgerechte Haltung
  • Wohlbefinden: Orientierung am Wohlbefinden von Mensch und Tier

Diese unterschiedlichen TGI basieren auf der positiven Wirkung von Tieren auf Menschen und erfordern eine professionelle Mensch-Tier-Beziehung (Deutscher Tierschutzbund o.J.).

3 Tierauswahl

In der TGI werden ausschließlich domestizierte Tierarten eingesetzt, da sie an ein Leben mit Menschen und soziale Interaktionen angepasst sind. Neben Hunden und Pferden kommen auch andere Heim- und Haustiere wie beispielsweise Kaninchen, Katzen, Meerschweinchen, Esel, Schafe, Ziegen, Alpakas, Lamas, Hühner, Rinder und Schweine zum Einsatz.

Die Auswahl von Tieren für TGI basiert auf ihren artspezifischen und individuellen Eigenschaften, die den Anforderungen des Einsatzes sowie der Zielgruppe entsprechen müssen. Dabei spielen Sozialisation, Gesundheit, physische Konstitution, Charakter und Ausbildung des Tieres eine entscheidende Rolle, um körperliche und psychische Beeinträchtigungen für Menschen und/oder für die Tiere zu vermeiden (TVT 2021).

Nicht domestizierte Tierarten wie beispielsweise Delfine, Schildkröten, Reptilien, Fische, nicht domestizierte Vogelarten sowie in Gefangenschaft aufgezogene Wildtiere dürfen ausschließlich in ihrem artgerechten Umfeld beobachtet werden. Ein direkter Kontakt oder Berührungen sind hierbei nicht das Ziel der Intervention; die Tiere sollen selbst entscheiden können, wie nah sie sich den Menschen nähern möchten (IAHAIO 2018, S. 10; TVT 2021, S. 5).

4 „Tier-Arbeitsschutz“

Tiergestützte Einsätze sollten idealerweise so gestaltet werden, dass sowohl die Menschen als auch die Tiere davon profitieren. Dies kann beispielsweise durch erhöhte Zuwendung oder durch mentale und physische Beschäftigung erreicht werden. Dabei ist es essenziell, dass die Tiere stets freiwillig und gerne an den Interventionen teilnehmen.

Die verantwortliche Person für das Tier während eines TGI-Einsatzes muss jederzeit in der Lage sein, die Belastung des Tieres einzuschätzen. Anzeichen von Stress im Ausdrucksverhalten müssen frühzeitig erkannt werden, um eine Überbeanspruchung zu vermeiden. Bei Bedarf ist der Einsatz sofort abzubrechen, und dem Tier sollte eine Pause oder eine ausgleichende Aktivität ermöglicht werden.

Die Merkblätter der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) Nr. 131.1–131.13 legen besonderen Wert auf den Schutz des Wohlbefindens und der Gesundheit der Tiere im sozialen Einsatz. Sie berücksichtigen tierartspezifische Bedürfnisse, artgerechte Haltung, einfühlsames Handling, umfassendes Gesundheitsmanagement, das Erkennen von Belastungssituationen sowie ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeits-, Ruhe- und Ausgleichsphasen. Die Vorgaben dienen als allgemeine Orientierung, während eine konkrete Beurteilung stets individuell erfolgen muss (IAHAIO 2018, S. 9; TVT 2021, S. 5–6).

5 Gesetzliche Grundlagen

Laut § 2 TierSchG (Tierschutzgesetz) ist jede:r, die bzw. der ein Tier hält oder betreut, verpflichtet, es art- und bedürfnisgerecht zu ernähren, zu pflegen und unterzubringen. Zudem muss die Person über die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, um dies sicherzustellen.

Für soziale Einsätze sind ausschließlich gesunde Tiere geeignet, die artgerecht gehalten und tiergerecht eingesetzt werden. Um die Eignung, Belastungsgrenzen und das Ausdrucksverhalten der Tiere beurteilen zu können, ist umfassende Sachkunde erforderlich, insbesondere in Bezug auf die spezifischen Bedürfnisse der jeweiligen Tierart. Die qualifizierte Sachkunde der verantwortlichen Person ist dabei eine zentrale Voraussetzung für den Tierschutz in der TGI (TVT 2021, S. 6–7).

6 Qualifikation für TGI-Fachkräfte

Als Basis für eine qualitativ hochwertige Arbeit in der TGI ist eine Weiterbildung zur Fachkraft für tiergestützte Interventionen unerlässlich. Empfehlenswert sind Qualifikationen, die durch die International Society for Animal Assisted Therapy (ISAAT) oder European Society for Animal Assisted Therapy (ESAAT) akkreditiert wurden. Eine Auflistung der zertifizierten Institute ist auf der Homepage des Bundesverband Tiergestützte Intervention e.V. zu finden (BTI o.J.).

7 Quellenangaben

Deutscher Tierschutzbund e.V., [ohne Jahr]. Tiergestützte Interventionen. Menschen helfen, Tiere schützen [online]. Bonn: Deutscher Tierschutzbund e.V. [Zugriff am: 13.05.2025]. Verfügbar unter: https://www.tierschutzbund.de/fileadmin/​Seiten/​tierschutzbund.de/Downloads/​Broschueren/​Broschuere_Tiergestuetzte_Interventionen.pdf

International Association of Human-Animal Interaction Organizations (IAHAIO), 2018. Definitionen der IAHAIO für tiergestützte Interventionen und Richtlinien für das Wohlbefinden der beteiligten Tiere [online]. Seattle: IAHAIO [Zugriff am: 13.05.2025]. Verfügbar unter: https://iahaio.org/wp/wp-content/​uploads/2021/06/iahaio-white-paper_2018_german_final.pdf

Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT), 2021. Tiere im sozialen Einsatz: Merkblatt Nr. 131 (Allgemeine Grundsätze) [online]. Belm: TVT [Zugriff am: 13.05.2025]. Verfügbar unter: https://www.tierschutz-tvt.de/alle-merkblaetter-und-stellungnahmen/?no_cache=1&download=TVT_MB_131_Tiere_im_sozialen_Einsatz_Nov._01.pdf&did=178

8 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. Dr. Sabrina Naber
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