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Transidentität

Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch

veröffentlicht am 12.12.2022

Übersicht über alle Versionen

Synonyme: Transsexualität; Transsexualismus; Transgeschlechtlichkeit; Transgender

Gegenteil: Cisidentität

Etymologie: lat. trans (hin-)über, jenseits und idem derselbe, dasselbe

Englisch: transidentity

Fassung: Überarbeitung

Transidentität bezeichnet die Überzeugung eines Menschen, nicht dem ihm bei der Geburt zugeordneten Geschlecht zugehörig zu sein.

Überblick

  1. 1 Begriffe
  2. 2 Häufigkeit
  3. 3 Ursachen
  4. 4 Prozess der Entpathologisierung
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Informationen im Internet

1 Begriffe

Der Begriff Transidentität wird vielfach auch als Synonym für Transsexualität verwendet. Er beschreibt aber präziser als Transsexualität die Situation transidenter Menschen, bei denen es nicht um die sexuelle Orientierung oder sexuelle Präferenz, sondern um die Identität geht (Rauchfleisch 2016, 2019).

Zudem ist „Transsexualität“ mit der Vorstellung von Pathologie verbunden (in der ICD-10 als „Transsexualismus“ unter den Störungen der Geschlechtsidentität subsumiert: F 64.0; im DSM-5 als „Genderdysphorie“ bezeichnet: 302.85). In der ab 01.01.2022 in Kraft getretenen ICD-11 gibt es keine psychiatrische Diagnose der Transidentität mehr. Die Transsexualismus-Diagnose ist ersetzt durch die Bezeichnung „Geschlechtsinkongruenz“ im neu geschaffenen Kapitel „Probleme/Zustände im Bereich der sexuellen Gesundheit“.

Eine andere, jegliche Pathologisierung vermeidende Bezeichnung ist die der Transgeschlechtlichkeit.

Mitunter wird der Begriff „Transgender“ synonym mit Transidentität verwendet.

Gebräuchlich sind auch die Bezeichnungen trans* Mann (eine ursprünglich dem weiblichen Geschlecht zugewiesene Person mit männlicher Identität) und trans* Frau (eine ursprünglich dem männlichen Geschlecht zugewiesene Person mit weiblicher Identität). Das Sternchen fungiert hier als Platzhalter und bezeichnet übergreifend alle Formen von Transvestition/​Cross-Dressing, Transsexualität, Transidentität, Transgender usw.

Längst nicht alle Transidenten haben die Vorstellung, im Sinne der Geschlechterbinarität dem „anderen“ Geschlecht anzugehören. Immer häufiger deklarieren sich Transidente als nichtbinär (genderqueer, androgyn, ambigender, gender fluid, agender usw.).

Das Gegenteil der Transidentität ist die Cisidentität.

2 Häufigkeit

Die Zahl transidenter Menschen ist keineswegs so klein, wie früher angenommen worden ist. Nach Schätzungen verschiedener Autor*innen liegt die Inzidenzrate bei trans* Frauen bei 1:1.000 und bei trans* Männern bei 1:2.000.

3 Ursachen

Von somatischer Seite sind als Ursachen der Transidentität postuliert worden: eine hormonelle Beeinflussung des Fötus mit gegengeschlechtlichen Hormonen in der intrauterinen Entwicklung; Störungen in nicht genauer identifizierbaren Arealen des Gehirns; und eine Zeit lang vor allem das Y-chromosomal kodierte Genprodukt Histokompatibilitätsantigen Y (H-Y-Antigen). In den letzten Jahren ist aus der Sicht der Neurowissenschaften die Transidentität als eine Form hirngeschlechtlicher Intersexualität („neurointersexuelle Körperdiskrepanz“) interpretiert worden.

Als psychische Ursachen der Transidentität sind unter anderem die folgenden genannt worden: der (oft unbewusste, zum Teil aber direkt ausagierte) Wunsch der Eltern, ein Kind des anderen Geschlechts zu haben; das eher „weibliche“ Aussehen und Verhalten der späteren trans* Frau und das eher „männliche“ Aussehen und Verhalten des späteren trans* Mannes; die (unbewusste) Tendenz eines Elternteils, das Kind dem anderen Geschlecht zuzuweisen, um damit den anderen Elternteil zu verletzen; das Fehlen oder die stark negative Besetzung des gleichgeschlechtlichen Elternteils, wodurch das Kind zur Identifikation mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil gedrängt werde; die Transidentität stelle eine Form der verdrängten, als verpönt erlebten, nicht akzeptierten eigenen Homosexualität dar.

Fasst man die genannten Überlegungen zur somatisch und psychischen Ätiologie der Transidentität zusammen (Rauchfleisch 2016, 2019, 2021), so muss man sagen, dass keine der genannten Ursachen eine verbindliche, allgemein gültige Erklärung der Transidentität darstellt. Dies ist letztlich nicht verwunderlich, da wir ja auch keine Erklärung der Cisidentität haben. Die Ätiologie der Geschlechtsidentitäten bleibt demnach weiterhin ein Rätsel.

Klar ist heute allerdings, dass die Transidentität keine psychische Störung darstellt, sondern eine Variante der Geschlechtsidentität ist, die wie die Cisidentität in sich das ganze Spektrum von Gesundheit bis Krankheit enthält.

4 Prozess der Entpathologisierung

Eine wichtige Rolle im Entpathologisierungsprozess haben die Yogyakarta Principles on the Application of International Human Rights Law in Relation to Sexual Orientation and Gender Identity plus 10 (2017) gespielt. Diese von internationalen Menschenrechtsexpert_innen formulierten Leitlinien sind zwar nicht rechtsverbindlich, haben aber große politische und juristische Relevanz und wirkten sich positiv auf den Umgang mit trans* Personen aus. Dies betrifft beispielsweise die Forderung, trans* Personen selbst größere Entscheidungskompetenz zuzubilligen und den sogenannten „Alltagstest“ – die Verpflichtung, bereits vor der hormonellen Behandlung und allfälligen Operationen im Allgemeinen während eines Jahres 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche in der angestrebten Geschlechtsrolle zu leben – nicht als obligatorisch zu erklären.

Ähnlich ist es mit der World Professional Association for Transgender Health (WPATH), die 2022 die 8. Version der Standards of Care (SoC7) publiziert hat. Hier sind wichtige Leitlinien für die Behandlung von trans* Personen formuliert worden, die, wie bereits die Yogyakarta Principles, dafür plädieren, dass den trans* Personen wesentlich größere Selbstentscheidungskompetenzen zugebilligt werden müssen, z.B. frei entscheiden zu können, ob sie einen „Alltagstest“ machen wollen oder nicht (The World Professional Association for Transgender Health 2022).

Die Abkehr von Pathologiekonzepten findet ihren Ausdruck auch in der in Deutschland im Oktober 2018 veröffentlichten „Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit S 3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung“ (AWMF 2018).

Auch in der Schweiz sind 2014 Empfehlungen für den Umgang mit trans* Personen erarbeitet und publiziert worden (Garcia et al. 2014).

In Österreich liegen seit Anfang 2015 ebenfalls neue „Empfehlungen für den Behandlungsprozess bei Geschlechtsdysphorie bzw. Transsexualismus nach der Klassifikation in der derzeit gültigen DSM- bzw. ICD-Fassung“ vor (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz 2017).

Hinsichtlich der Therapie und Begleitung von Trans*personen ist zwischen dem Vorgehen bei Kindern/​Jugendlichen und Erwachsenen zu unterscheiden.

Übereinstimmung herrscht indes dahin gehend, dass es sich nicht um Therapien im herkömmlichen Sinne handelt, sondern um ein trans*affirmatives Coaching (Rauchfleisch 2016, 2019, 2021).

5 Quellenangaben

American Psychiatric Association, 2018. Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5®. Deutsche Ausgabe herausgegeben von Peter Falkai und Hans-Ulrich Wittchen. 2., korrigierte Auflage. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-2803-8

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) e.V., 2018. S3-Leitlinie [online]. Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: Diagnostik, Beratung, Behandlung. Berlin: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) e.V., 09.10.2018 [Zugriff am: 30.11.2022]. Verfügbar unter: https://www.awmf.org/leitlinien/​detail/ll/138-001.html

Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, 2017. Empfehlungen für den Behandlungsprozess bei Geschlechts-Dysphorie bzw. Transsexualismus [online]. Wien: Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, 19.12.2017 [Zugriff am: 30.11.2022]. Verfügbar unter: https://www.sozialministerium.at/Themen/​Gesundheit/​Nicht-uebertragbare-Krankheiten/​Psychische-Gesundheit/​Transsexualismus-Geschlechtsdysphorie.html

DIMDI, 2019. ICD-10-WHO Version 2019 [online]. Kapitel V Psychische und Verhaltensstörungen (F00-F99). Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (F60-F69). Köln: DIMDI Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information [Zugriff am: 30.11.2022]. Verfügbar unter: https://www.dimdi.de/​static/de/klassifikationen/​icd/icd-10-who/​kode-suche/​htmlamtl2019/​block-f60-f69.htm

Garcia, David, Patrick Gross, Myshelle Baeriswyl, Dieter Eckel, Dorothea Müller, Caroline Schlatter und Udo Rauchfleisch, 2014. Von der Transsexualität zur Gender-Dysphorie. Beratungs- und Behandlungsempfehlungen bei TransPersonen. In: Schweiz Med Forum [online]. 14(19), S. 382–387 [Zugriff am: 30.11.2022]. Verfügbar unter: https://www.tgns.ch/wp-content/​uploads/​2011/09/​Garcia-et-al_Von-der-Transsexuali-ta%cc%88t-zur-Gender-Dysphorie_2014.pdf

Rauchfleisch, Udo, 2016. Transsexualität – Transidentität: Begutachtung, Begleitung, Therapie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-46270-6 [Rezension bei socialnet]

Rauchfleisch, Udo, 2019. Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz – Transidentität: Der schwierige Weg der Entpathologisierung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-40516-1 [Rezension bei socialnet]

The World Professional Association for Transgender Health, 2022. Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People, Version 8. [online]. o.O.: WPATH, 15.09.2022 [Zugriff am: 30.11.2022]. Verfügbar unter: https://www.wpath.org/publications/soc

6 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Klinische Psychologie Universität Basel, Psychoanalytiker (DPG, DGPT)/psychologischer Psychotherapeut in privater Praxis in Basel.
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Es gibt 10 Lexikonartikel von Udo Rauchfleisch.

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  1. 12.12.2022 Udo Rauchfleisch [aktuelle Fassung]
  2. 15.04.2019 Udo Rauchfleisch

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Klaus M. Beier, Maximilian von Heyden: Das tabuisierte eine Prozent. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2025.
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