Transidentität bei Erwachsenen
Transidentität, d.h. die Überzeugung eines Menschen, dass er sich nicht dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlt, findet sich sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen.
Überblick
- 1 Fachlicher Umgang mit transidenten Menschen
- 2 Begleitung psychisch gesunder Transidenter
- 3 Therapie mit psychisch kranken Transidenten
- 4 Quellenangaben
- 5 Informationen im Internet
1 Fachlicher Umgang mit transidenten Menschen
Da die Transidentität das ganze Spektrum von psychischer Gesundheit bis Krankheit umfasst, richtet sich auch der fachliche Umgang mit Transidenten danach, ob es sich um psychisch gesunde Menschen oder Menschen mit einer psychischen Erkrankung handelt.
2 Begleitung psychisch gesunder Transidenter
Bei diesen Personen geht es nicht um eine Therapie, sondern um ein trans*affirmatives Coaching (Rauchfleisch 2016, 2019). Es gilt, sie auf dem Weg ihrer Transition zu begleiten.
Dazu gehören
- Planung und Begleitung des Coming-out im privaten (Eltern, Geschwister, Ehepartner*innen, Kinder, Freund*innen) wie im beruflichen Bereich
- Information über die Möglichkeiten von körpermodifizierenden Behandlungen und Definition realistischer Ziele der Transition
- Vermittlung an Expert*innen für körpermodifizierende Behandlungen (Endokrinologie, Chirurgie), für Stimm- und Sprachtherapien sowie für juristische (z.B. Vornamens- und Personenstandsänderung) und soziale Beratungen.
Grundlage dieser Begleitung ist eine trans*affirmative Haltung der Behandelnden, wodurch die Selbstakzeptanz und das Selbstwertgefühl der trans* Person gestärkt werden und internalisierte Trans*negativität (Trans*phobie) abgebaut wird.
2.1 Hormonelle Behandlung
Bei trans* Frauen (ursprünglich dem männlichen Geschlecht zugewiesene Personen) beginnt die Behandlung oft mit der Applikation des Antiandrogens Androcur oder mitunter auch von Zoladex, um dadurch das sexuelle Begehren und die sexuelle Aktivität zu dämpfen und die männliche Behaarung zu reduzieren.
Die Hauptbehandlung erfolgt dann mit Östrogenen, die in verschiedener Form (z.B. als Tabletten oder Pflaster) vorliegen. Durch Verabreichung der Östrogene wird eine Feminisierung des Körpers angestrebt. Die Hauptänderungen bestehen in einer Veränderung der Verteilung des Fettgewebes, in einem gewissen Nachlassen des Bartwuchses und im Brustwachstum, vor allem in einer Veränderung der Mamillen. Das Ausmaß der Feminisierung ist jedoch unterschiedlich je nach Konstitution und Alter der trans* Frauen. Falls durch die Applikation der Hormone kein befriedigendes Brustwachstum erzielt wird, kann später chirurgisch eine Augmentation der Brust vorgenommen werden.
Mit jüngeren trans* Frauen sollte vor Beginn der hormonellen Behandlung besprochen werden, ob sie ihr Sperma in einer Samenbank einfrieren lassen wollen. Falls sie später in einer lesbischen Partnerschaft leben, besteht dann die Möglichkeit, das eigene Sperma für eine künstliche Befruchtung zu benutzen und damit eine Schwangerschaft der Partnerin herbeizuführen.
Bei trans* Männern (ursprünglich dem weiblichen Geschlecht zugewiesene Personen) hat die Applikation von Testosteron zumeist eine starke Wirkung: Es erfolgt ein irreversibler Stimmbruch, es kommt zu einer Zunahme der Muskulatur, und die Körperbehaarung ändert sich entsprechend dem männlichen Habitus.
2.2 Chirurgische Maßnahmen
Bei den Operationen der trans* Frauen sind verschiedene Operationstechniken entwickelt worden. Vielfach verwendet werden vor allem die Penisinvaginations-Methode und eine kombinierte Methode. Über alle Unterschiede hinweg werden mit den chirurgischen Interventionen die folgenden Ziele angestrebt:
- Kastration durch Exstirpation der Hoden und Nebenhoden, Penisschaftresektion
- Schaffung einer Neovagina
- Schaffung einer weiblichen Harnröhrenmündung
- Formung der Vulva mit großen und kleinen Labien sowie Klitoris
- Falls nötig können eine Abschleifung des Adamsapfels, Stimmbandkorrekturen und Gesichtsfeminisierungen vorgenommen werden.
Bei den trans* Männern werden im Rahmen der chirurgischen Angleichung an das männliche Geschlecht die folgenden Veränderungen vorgenommen:
- Brusttransformation (Mastektomie und Erstellung einer männlichen Brustwarze)
- Hysterektomie und Adnexektomie
- Falls gewünscht Erstellung eines Penoids
- Eine nicht-chirurgische Alternative stellt das Tragen von Penis-Hoden-Klebe-Epithesen dar.
Manche trans* Männer überlegen in der Zeit der schrittweisen Transition, ob sie auf eine Hysterektomie und eine Adnexektomie verzichten und auf diese Weise ihre Gebärfähigkeit erhalten wollen. In diesem Fall kann ein trans* Mann, der in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, später schwanger werden und Kinder gebären. Eine andere Frage für trans* Männer ist die, ob sie sich den nach wie vor komplizierten und oft zu wenig befriedigenden Resultaten führenden genitalangleichenden Operationen unterziehen wollen oder die Möglichkeit von Penis-Hoden-Klebe-Epithesen wählen.
Es empfiehlt sich, gemeinsam mit den trans* Männern zu klären, wie weit sie mit der körperlichen Angleichung an das männliche Geschlecht gehen wollen. Dies betrifft etwa die Frage, ob sie Eizellen einfrieren lassen oder Uterus und Ovarien behalten wollen, um später unter Umständen selbst Kinder gebären zu können. Außerdem ist zu klären, ob sie einen Penoidaufbau wünschen oder die nicht-chirurgische Alternative in Form von Penis-Hoden-Klebe-Epithesen wählen wollen.
Bei trans* Frauen wie bei trans* Männern ist in den letzten Jahren vermehrt zu beobachten, dass sie in der körperlichen Transition zunächst einzelne Schritte unternehmen und dann erst allfällige weitere Interventionen planen. Wenn den trans* Personen nicht schon von vornherein klar ist, dass sie den ganzen Weg der körperlichen Transition gehen wollen, erscheint ein solches schrittweises Vorgehen sehr sinnvoll. Auf diese Weise ist es ihnen möglich, langsam in das Erleben ihrer neuen Körperlichkeit hineinzuwachsen und zu spüren, wie viel an Veränderung noch nötig ist, bis die Genderinkongruenz (wie die ICD-11 den Zustand der Transidentität bezeichnet) weitgehend behoben und eine Genderkongruenz erreicht ist.
Das schrittweise Vorgehen empfiehlt sich insbesondere für Transidente mit nichtbinärer Identität (genderqueer, androgyn, ambigender, gender fluid, agender usw.).
3 Therapie mit psychisch kranken Transidenten
Psychische Erkrankungen bei Transidenten können primärer oder sekundärer Art sein.
Die Behandlung braucht keine prinzipiellen Modifikationen, sondern wird so durchgeführt wie bei allen Patient*innen. Nur ist es wichtig, die besondere Situation, in der Transidente in unserer von Hetero- und Cisnormativität geprägten Gesellschaft leben, zu berücksichtigen. Unabdingbare Voraussetzung für einen konstruktiven therapeutischen Prozess ist eine trans*affirmative Haltung der Professionellen (Günther et a. 2019).
3.1 Sekundäre psychische Erkrankungen
Hier geht es um psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angstentwicklungen, Substanzabusus, Suizidalität, die eine Folge der schwierigen Lebenssituation der transidenten Person sind.
3.2 Primäre psychische Erkrankungen
Transidente können wie Cismenschen auch unter den verschiedensten psychischen Erkrankungen (z.B. schwere Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, schizophrene Erkrankungen) leiden, die in keinem ursächlichen Verhältnis zu ihrer Transidentität stehen. Hier ist indes zu berücksichtigen, dass die Betreffenden aufgrund von schweren psychischen Erkrankungen Probleme bei der Bewältigung der Transition, die große Ich-Stärke und gute soziale Kompetenzen erfordert, haben können. Deshalb ist die Behandlung der psychischen Erkrankung besonders wichtig.
3.3 Körpermodifizierende Maßnahmen bei psychisch kranken Transidenten
Parallel zur Behandlung der psychischen Erkrankung erfolgen die gleichen körpermodifizierenden Maßnahmen wie bei psychisch gesunden Transidenten.
4 Quellenangaben
Günther, Marie, Kerstin Teren und Gisela Wolf, 2021. Psychotherapeutische Arbeit mit trans* Personen: Handbuch für die Gesundheitsversorgung. 2. Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-497-02881-8
Rauchfleisch, Udo, 2016. Transsexualität – Transidentität: Begutachtung, Begleitung, Therapie. 5. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-46270-6 [Rezension bei socialnet]
Rauchfleisch, Udo, 2019. Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz – Transidentität: Der schwierige Weg der Entpathologisierung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-40516-1 [Rezension bei socialnet]
5 Informationen im Internet
- Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti)
- Bundesvereinigung Trans* e.V. (BVT*)
Verfasst von
Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Klinische Psychologie Universität Basel, Psychoanalytiker (DPG, DGPT)/psychologischer Psychotherapeut in privater Praxis in Basel.
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Es gibt 10 Lexikonartikel von Udo Rauchfleisch.


