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Transidentität bei Kindern und Jugendlichen

Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch

veröffentlicht am 12.12.2022

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Fassung: Überarbeitung

Transidentität, d.h. die Überzeugung eines Menschen, dass er sich nicht dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlt, findet sich sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen.

Überblick

  1. 1 Begleitung transidenter Kinder und Jugendlicher
  2. 2 Zur speziellen körperlichen Situation von transidenten Kindern und Jugendlichen
  3. 3 Quellenangaben
  4. 4 Informationen im Internet

1 Begleitung transidenter Kinder und Jugendlicher

Transidente Kinder stellen eine heterogene Gruppe dar und brauchen eine spezielle Begleitung (Preuss 2016; Rauchfleisch 2016, 2019, 2021).

Die fachliche Begleitung von transidenten Kindern und Jugendlichen stellt insofern eine besondere Situation dar, als sie im Hinblick auf ihre Transition nicht unbedingt selbstständige Entscheidungen treffen können. Es gilt jedoch, sie entsprechend ihrem Alter soweit wie möglich bei allen Entscheidungen einzubeziehen.

Die Begleitung der Kinder und Jugendlichen im Transitionsprozess erfordert eine enge Zusammenarbeit der psychologischen Fachleute mit den Eltern, mit Kindergarten, Schule und den anderen Institutionen, in denen die Kinder und Jugendlichen sich bewegen, sowie mit den anderen an der Transition beteiligten Fachpersonen (Endokrinologie, Chirurgie usw.).

Im Verlauf des Transitionsprozesses sind bei Kindern und Jugendlichen vielfältige Absprachen mit den Lehrer*innen notwendig. Dies betrifft beispielsweise die Teilnahme an Klassenfahrten (schlafen diese Kinder im Zimmer der Mädchen oder der Jungen?), die Teilnahme am Sportunterricht (bez. Umkleiden und Duschen), das Aufsuchen von Toiletten, die in den Schulen im Allgemeinen nicht geschlechtsneutral, sondern für Mädchen und Jungen getrennt sind, usw.

Ein wichtiges Thema ist bei transidenten Kindern und Jugendlichen immer wieder auch die Frage, ob, wann und wo sie sich outen. Bei einer guten Zusammenarbeit von transidenten Kindern und Jugendlichen, ihren Eltern, der Schule und den psychologischen/​psychiatrischen Fachpersonen erleben diese Kinder im Allgemeinen kein schwerwiegendes Mobbing und auch keine Ausgrenzungen in der Schule. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die gemeinsame umsichtige Planung der Transitionsschritte.

Außerdem gilt es, mit den Eltern zusammen die Änderung des Vornamens und des Personenstandes zu planen, da die soziale Integration in der Schule und in anderen Bereichen der Öffentlichkeit wesentlich einfacher wird, wenn das äußere Erscheinungsbild der/des Jugendlichen mit ihrem/​seinem Vornamen und Personenstand übereinstimmt.

2 Zur speziellen körperlichen Situation von transidenten Kindern und Jugendlichen

Nicht bei allen Kindern und Jugendlichen, die von sich sagen, dass sie dem anderen Geschlecht angehören, persistiert diese Überzeugung bis zur Adoleszenz und bis ins Erwachsenenalter. Deshalb ist es wichtig, die Entscheidung über den Beginn einer hormonellen Behandlung erst im Alter von etwa 16 Jahren zu fällen.

Man gibt diesen Kindern unmittelbar vor Beginn oder bei Beginn der Pubertät pubertätsblockierende Mittel, um auf diese Weise Zeit zu gewinnen, bis das Kind älter geworden ist und selbst besser bei der Entscheidung über die weitere hormonelle Behandlung mitwirken kann. Der große Vorteil der Pubertätsblockade liegt darin, dass man den Kindern das Durchlaufen der körperlichen Pubertät erspart, die für sie im Allgemeinen, wie auch erwachsene trans* Personen rückblickend sagen, äußerst belastend ist. Im Alter von 16 Jahren kann dann mit der*dem Jugendlichen und ihren*seinen Eltern diskutiert werden, ob mit der Behandlung mit gegengeschlechtlichen Hormonen begonnen werden soll.

In jüngster Zeit ist in der Öffentlichkeit wiederholt Kritik an dieser Praxis geäußert worden. Ein Argument dabei lautet, Jugendliche seien durch Berichte in den Social Media sehr leicht beeinflussbar. Insbesondere Mädchen würden es als „Hype“ empfinden, trans* zu sein, und eine Transition anstreben. Dieses Argument wird jedoch von Fachleuten, die viel Erfahrung mit jugendlichen trans* Personen haben, als nicht zutreffend zurückgewiesen.

3 Quellenangaben

Preuss, Wilhelm F., 2016. Geschlechtsdysphorie, Transidentität und Transsexualität im Kindes- und Jugendalter. München: E. Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-497-02554-1 [Rezension bei socialnet]

Rauchfleisch, Udo, 2016. Transsexualität – Transidentität: Begutachtung, Begleitung, Therapie. 5. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-46270-6 [Rezension bei socialnet]

Rauchfleisch, Udo, 2019. Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz – Transidentität: Der schwierige Weg der Entpathologisierung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-40516-1 [Rezension bei socialnet]

Rauchfleisch, Udo, 2021. Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsentwicklungen im Kindes- und Jugendalter. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-039210-6 [Rezension bei socialnet]

4 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Klinische Psychologie Universität Basel, Psychoanalytiker (DPG, DGPT)/psychologischer Psychotherapeut in privater Praxis in Basel.
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Es gibt 10 Lexikonartikel von Udo Rauchfleisch.

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  1. 12.12.2022 Udo Rauchfleisch [aktuelle Fassung]
  2. 15.04.2019 Udo Rauchfleisch

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