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Transnationale Soziale Arbeit

Prof.in Dr.in Bettina Diwersy, Prof. Dr. Stefan Köngeter

veröffentlicht am 13.05.2026

Abkürzung: TSA

Englisch: transnational social work

Transnationale Soziale Arbeit bezeichnet eine Perspektive der Sozialen Arbeit, die grenzüberschreitende Lebenslagen, Unterstützungsbedarfe und Ressourcen in den Blick nimmt und dabei die Spannung zwischen transnationalen Lebenswirklichkeiten von Adressat:innen und den überwiegend nationalstaatlich gerahmten Strukturen professionellen Handelns reflexiv bearbeitet.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Soziale Arbeit im transnationalen Kontext
    1. 2.1 Entstehung des transnationalen Diskurses innerhalb Sozialer Arbeit
    2. 2.2 Theoretische Zugänge
      1. 2.2.1 Erste Erkenntnisse
      2. 2.2.2 Analyse transnationaler Phänomene
      3. 2.2.3 Konzeptualisierungen Transnationaler Sozialer Arbeit
      4. 2.2.4 Professionstheoretische Perspektiven
      5. 2.2.5 Transnationales Wissen
    3. 2.3 Handlungsfelder im transnationalen Kontext
      1. 2.3.1 Transnationale Care-Arbeit
      2. 2.3.2 Transnationale Erziehungshilfen
    4. 2.4 Bedeutung für Wissenschaft und Praxis
  3. 3 Ausblick: Soziale Arbeit als transnationales Projekt
  4. 4 Quellenangaben
  5. 5 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Soziale Arbeit ist in vielfältiger Weise von transnationalen Entwicklungen betroffen: Soziale Problemlagen, Unterstützungsbedarfe und Ressourcen entstehen und organisieren sich zunehmend grenzüberschreitend, während professionelle Zuständigkeiten und institutionelle Strukturen weiterhin überwiegend nationalstaatlich gerahmt sind.

Soziale Arbeit und Transnationalität stehen daher in einem Spannungsverhältnis: Einerseits ist Soziale Arbeit historisch und strukturell eng mit dem Wohlfahrtsstaat, nationalem Recht und territorialen Zuständigkeiten verbunden. Andererseits begegnet sie in nahezu all ihren Handlungsfeldern Adressat:innen, deren Lebensführung Bezüge zu mehreren Nationalstaaten aufweist. Transnationalität ist daher kein Randphänomen, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, der alle Handlungsfelder Sozialer Arbeit durchdringt.

2 Soziale Arbeit im transnationalen Kontext

Professionelle Soziale Arbeit ist historisch eng mit dem Aufbau und der Institutionalisierung moderner westlicher Wohlfahrtsstaaten im 20. Jahrhundert verbunden. Bis heute bestimmen nationale Sozialpolitiken, Gesetze und bürokratische Strukturen Handlungsrahmen und ‑aufträge der Profession. Soziale Arbeit wird daher oft als eine im Kern wohlfahrtsstaatlich konstituierte Profession beschrieben. Zugleich ist Soziale Arbeit als Profession und Disziplin durch zahlreiche grenzüberschreitende Prozesse geprägt. Neben internationalen weist sie dabei auch transnationale Dimensionen auf.

2.1 Entstehung des transnationalen Diskurses innerhalb Sozialer Arbeit

Seit etwa zwei Jahrzehnten haben sich die Begriffe „Transnationalität“ und „Transnationalisierung“ innerhalb des deutschsprachigen Diskurses zu Sozialer Arbeit etabliert. Ausgehend von den Erkenntnissen der Transnational Studies, hat sich Transnationalität dabei als wichtige Analyseperspektive für die Profession und die Disziplin herausgebildet. Ausgangspunkt sind Prozesse der Globalisierung und Europäisierung sowie die Zunahme von Mobilität und Migration, aber auch die wachsende Kritik am nationalstaatlichen Containerdenken in der Sozialen Arbeit und damit verbundene Professionalisierungsdebatten.

Die transnationale Perspektive sensibilisiert dafür, dass die Lebensrealitäten vieler Adressat:innen nationale Grenzen überschreiten und soziale Problemlagen, die in den Zuständigkeitsbereich Sozialer Arbeit fallen, nicht mehr allein innerhalb nationaler Grenzen verstehbar und bearbeitbar sind. Innerhalb der Sozialen Arbeit hat dies zu einem verstärkten Nachdenken über ihre vordergründig nationalstaatliche Ordnung und die Ausgestaltung sozialer Dienstleistungen geführt.

2.2 Theoretische Zugänge

Als eine der ersten im deutschsprachigen Raum stellen Homfeldt, Schröer und Schweppe (2008) fest, dass transnationale Prozesse konstitutiver Teil Sozialer Arbeit sind (a.a.O., S. 7). Dabei ist Transnationalität in der Sozialen Arbeit nicht als neu auftretendes Phänomen zu verstehen, sondern als zusätzliche analytische Dimension und kritische Reflexionsfolie.

Bereits die Analyse der Entstehungsgeschichte Sozialer Arbeit zeigt, dass diese durch vielfältige transnationale Verflechtungen geprägt ist. So hat transnational zirkulierendes Wissen in Form von Ideen, Konzepten und Methoden maßgeblich zur Entstehung und Weiterentwicklung der Profession beigetragen (An, Chambon und Köngeter 2016, S. 236 ff.). Die Hauptexpansionsphase Sozialer Arbeit in der Bundesrepublik Deutschland war hingegen von einer systematischen Nichtbeachtung transnationaler Entwicklungen geprägt, sodass diese bei der theoretischen und praktischen Weiterentwicklung Sozialer Arbeit im deutschsprachigen Raum lange keine Rolle spielen (Homfeldt, Schröer und Schweppe 2006, S. 8).

2.2.1 Erste Erkenntnisse

Eines der ersten Handlungsfelder Sozialer Arbeit, in dem über transnationale Lebensrealitäten von Adressat:innen nachgedacht wird, ist das der Migration. Bis weit in die 1990er und 2000er-Jahre waren die deutsche Migrationspolitik und auch weite Teile Sozialer Arbeit vom Assimilations- und später dem Integrationsparadigma geprägt, die beide normativ an der vorgestellten Mehrheitsgesellschaft orientiert sind. Die soziologischen Forschungen zu transnationaler Migration führten zu einer grundlegenden Kritik an diesen Paradigmen. Kritisiert wurde zum einen das sog. Container-Raumkonzept, das Migration als unidirektionale Bewegung zwischen Nationalstaaten versteht (Pries 1999, S. 383 ff.). Zum anderen wurde die bis dahin vorherrschende defizitorientierte Perspektive auf (Trans-)Migrant:innen kritisch hinterfragt. Transnationale Migrationsprozesse und die Lebenssituation von Transmigrant:innen wurden fortan zu Ausgangspunkten für verschiedene theoretische und konzeptuelle Überlegungen.

Einige Autor:innen knüpfen an die seit den 1980er-Jahren bestehenden Überlegungen zur interkulturellen Pädagogik an. So entwickelt Mecheril (2016) mit dem Konzept der Migrationspädagogik einen reflexiven, macht‑ und differenzkritischen Gegenentwurf zu integrationspädagogischen Konzepten. Auf wissenschaftlicher Ebene werden diese konzeptuellen Überlegungen zum Empowerment von Transmigrant:innen durch Forschungen zur Herstellung von Handlungsfähigkeit (Agency) ergänzt.

Richteten sich diese ersten Überlegungen noch vorwiegend auf Transmigrant:innen, setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass sämtliche Adressat:innen-Gruppen im Feld der Sozialen Arbeit, unabhängig von eigener physischer Mobilität, von transnationalen Entwicklungen betroffen und in transnationale Bezüge eingebunden sind (Mau 2010, S. 45 ff.) und damit alle Handlungsfelder von transnationalen Entwicklungen durchdrungen sind (Schröer und Schweppe 2013).

2.2.2 Analyse transnationaler Phänomene

Seither werden verschiedene transnationale Phänomene im Zusammenhang mit Sozialer Arbeit untersucht. Im Mittelpunkt stehen transnationale Alltagswelten und Formen transnationaler sozialer Unterstützung, über familiäre Netzwerke und transnationale Communities ebenso wie über transnationale Organisationen (TNGOs).

Individuelle Erfahrungen, Ressourcen, Brüche und Bewältigungsstrategien können über transnationale Biografiearbeit (Schmitt 2018) zugänglich gemacht werden. Die Lebensgeschichte von Adressat:innen wird dabei systematisch in Beratungs-, Bildungs‑ oder Unterstützungsprozesse miteinbezogen. Der Ansatz richtet sich gegen ein verengtes Biografieverständnis, das (im-)materielle Grenzüberschreitungen als Bruch deutet und rückt stattdessen die transnationalen Bezüge von Lebensgeschichten in den Mittelpunkt.

Transnationale soziale Formationen lassen sich mit der transnationalen sozialen Netzwerkanalyse analysieren. Sie erfasst Transnationalität über die Beziehungen zwischen Akteur:innen und erschließt so soziale Strukturbildungen, die sich nationalstaatlichen Kategorien entziehen. Für die Soziale Arbeit ist sie ein wichtiges Instrument zur Analyse von Ressourcen, Unterstützungsstrukturen und sozialer Einbettung fernab staatlich institutionalisierter Hilfestrukturen (Herz und Olivier-Mensah 2012).

Aus raumtheoretischer Perspektive wird das Verhältnis von Sozialraumorientierung und Transnationalität diskutiert. Sozialraumorientierung geht davon aus, dass Soziale Arbeit vor Ort in lokalen Bezügen stattfindet. Transnationalität hingegen verweist auf Nationalgrenzen überschreitende Handlungszusammenhänge. Lokalität ist dabei nicht als Gegensatz zu Transnationalität zu verstehen, vielmehr spannen sich transnationale Verflechtungen ausgehend von lokalen Bezügen auf. Es besteht demnach ein Wechselverhältnis zwischen Transnationalität und Lokalität (Homfeldt, Schröer und Schweppe 2006, S. 8).

Transnationalität wird zudem aus einer Ungleichheitsperspektive betrachtet. Forschungen zu sozialer Ungleichheit zeigen, dass transnationale Lebensweisen ressourcenabhängig entstehen. Transnationalität ist damit nicht nur ein Mobilitätsphänomen, sondern Ausdruck sozialer Positionierung und damit eine Ungleichheitsdimension moderner Gesellschaften. Der Zugang zu transnationalen Netzwerken hängt nicht nur von Aufenthalts‑ und Mobilitätsrechten ab, sondern auch von Bildungsstand sowie ökonomischem und sozialem Kapital. Hochqualifizierte und ökonomisch privilegierte Gruppen sind beispielsweise häufiger in grenzüberschreitende Netzwerke eingebunden (Berger und Weiß 2008). Auf wirtschaftlicher und politischer Ebene ist Transnationalität eingebettet in globale Arbeitsmärkte, ungleiche Staatsbürgerschaftsregime, Migrationspolitiken und postkoloniale Machtverhältnisse (Lutz und Amelina 2017).

Ausgehend hiervon nennen Homfeldt, Schröer und Schweppe (2008, S. 10 ff.) vier Aspekte einer von transnationalen Prozessen durchdrungenen Sozialen Arbeit:

  1. Veränderung von Zugehörigkeiten und Loyalitäten von Transmigrant:innen mit verstärkter Orientierung an familialen Bindungen und transnationalen Netzwerken.
  2. Herausbildung neuer Formen sozialer Unterstützung, insbesondere finanzieller Rücküberweisungen an Familienangehörige sowie netzwerkbasierter Solidaritätsstrukturen.
  3. Entstehung neuer zivilgesellschaftlicher Organisationsformen in transnationalen NGOs.
  4. Entwicklung neuer Legitimationsgrundlagen sozialer und politischer Rechte jenseits nationalstaatlicher wohlfahrtsstaatlicher Ansprüche.

Dies verdeutlicht, dass transnationale Prozesse, die Soziale Arbeit mitbestimmen, auf verschiedenen Ebenen verortet sind. Neben individuellen Lebensentwürfen spielen auch organisationale und institutionelle Rahmenbedingungen eine Rolle. Transnationalität wird damit zum Querschnittsthema, das besondere Anforderungen an Soziale Arbeit stellt.

2.2.3 Konzeptualisierungen Transnationaler Sozialer Arbeit

Homfeldt, Schröer und Schweppe (2008) fordern vor diesem Hintergrund eine „transnationale Öffnung“ Sozialer Arbeit. Ausgangspunkt ist die grundsätzliche Transnationalisierung von Lebenswelten. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Handlungsfähigkeit in transnationalen Alltagswelten hergestellt wird. Diese Herstellung von Handlungsfähigkeit wird als „Grenzarbeit“ beschrieben: Sie umfasst nicht nur das Überschreiten territorialer Grenzen, sondern auch das Aushandeln und Verflechten unterschiedlicher sozialer, rechtlicher, kultureller und biografischer Bezugssysteme. Akteur:innen wie Familien, Communities und professionelle Dienste moderieren dabei Inkompatibilitäten zwischen verschiedenen Systemen und produzieren neue Formen sozialer Beziehungen, Wissensbestände und Unterstützungsstrukturen. Transnationalität wird damit zum konstitutiven Element sozialer Dienstleistungen und gesellschaftlicher Ordnungen (a.a.O., S. 249 ff.).

Furman, Negi und Salvador (2010) konzeptualisieren mit der „Transnational Social Work Practice“ einen eigenständigen praxisorientierten Zugang. Diese definieren sie als

„aufstrebendes Praxisfeld, das (a) darauf ausgerichtet ist, transnationalen Bevölkerungsgruppen zu dienen, (b) über die Grenzen von Nationalstaaten hinweg tätig ist, sei es physisch oder durch neue Technologien und (c) über komplexe transnationale Probleme und Dilemmata informiert und diese angeht“ (a.a.O., S. 8).

Sie plädieren dafür, Soziale Arbeit konzeptionell und praktisch zu transnationalisieren. Transnationale Praxis bedeutet für sie, individuelle Lebenslagen mit meso‑ und makrostrukturellen Bedingungen wie Migrationspolitik, globalen Ungleichheiten und internationalen Rechtsregimen zu verbinden. Soziale Arbeit soll demnach sowohl fallbezogen handeln als auch strukturelle Zusammenhänge reflektieren und gegebenenfalls politisch adressieren. Transnationale Soziale Arbeit stellt nach diesem Verständnis eine global verantwortliche und kontextreflexive Praxis dar, die die Entwicklung neuer Lösungsstrategien und neue Kooperationsformen zwischen Sozialarbeitenden erfordert (a.a.O., S. 9).

Hierzu entwickeln Furman und Kolleg:innen das aus dem US-amerikanischen Raum stammende Wraparound-Modell weiter, dessen Grundidee im Aufbau eines koordinierten Unterstützungsnetzwerks besteht. Auf transnationale Kontexte übertragen organisieren sie koordinierte und ressourcenorientierte Unterstützung, bei der informelle Unterstützungsleistungen mit formellen sozialen Diensten auf verschiedenen Ebenen und über nationalstaatliche Grenzen hinweg systematisch in die Fallarbeit einbezogen werden (Furman et al. 2008, S. 499 ff.).

Transnationale Bezüge in der Sozialen Arbeit führen dabei regelmäßig die begrenzte Reichweite staatlicher Hilfesysteme und deren nationale Zentrierung vor Augen. Werden Nationalgrenzen überschritten, werden nicht nur regelmäßig grenzüberschreitende Kooperationen erforderlich, nicht selten kommt es auch zu rechtlichen Schwierigkeiten und Unklarheiten. Damit stellt sich grundsätzlich die Frage, welche Anforderungen Transnationalität an Soziale Arbeit als Profession stellt.

2.2.4 Professionstheoretische Perspektiven

Transnationalität fordert eine Neubestimmung professioneller Zuständigkeiten, ethischer Grundlagen und Handlungsspielräume. Für eine transnationale Soziale Arbeit stellen sich vor allem folgende Fragen:

  • Wie kann Soziale Arbeit mit transnationalen Fällen umgehen?
  • Wie verändert Transnationalität die Organisation Sozialer Arbeit?
  • Welche neuen Professionalisierungsanforderungen entstehen?

Hierzu liegen bislang erst wenige Arbeiten vor. Agrawal (2016) entwirft einen integrierten theoretischen Rahmen, in dem er Fragen von Mobilität, globaler Ungleichheit und internationaler Sozialpolitik mit professionellem Handeln verbindet. Er geht davon aus, dass soziale Probleme zunehmend global verflochten sind, Migration, Armut und soziale Exklusion transnationale Ursachen haben und nationale Wohlfahrtsstaaten hierauf keine hinreichende Antwort mehr bieten. Daher sei es erforderlich, soziale Rechte jenseits nationaler Zugehörigkeit einzufordern, vulnerable Gruppen in globalen Machtverhältnissen zu schützen und strukturelle Ungleichheiten zu adressieren. Theoretisch bezieht sich Agrawal auf den Capability-Approach und den Empowerment-Ansatz und hebt die Verbindung von individueller Fallarbeit, community‑ und netzwerkbezogener Arbeit sowie internationaler Politik‑ und Advocacy-Arbeit hervor (a.a.O., S. 26 ff.). Transnationale Soziale Arbeit soll demnach konkrete Unterstützung mit globaler Strukturreflexion verbinden. Für ihn ist transnationale Soziale Arbeit keine Spezialisierung, sondern eine notwendige Weiterentwicklung der Profession unter Bedingungen globaler Interdependenz (a.a.O., S. 30 f.).

Anknüpfend an Agrawal findet in grenzüberschreitenden Handlungskontexten Sozialer Arbeit häufig die analytische Differenzierung von Micro, Meso und Macro Social Work Practice Verwendung.

Micro Social Work Practice bezeichnet die direkte Fallarbeit mit Einzelpersonen, Familien und Gruppen in lokalen Kontexten. Sie zielt auf Beratung, emotionale Unterstützung, Ressourcenvermittlung und Krisenintervention. Meso Social Work Practice liegt zwischen Mikro‑ und Makroebene: Fachkräfte arbeiten ebenfalls im direkten Kontakt, richten ihre Angebote jedoch an größere Bevölkerungsgruppen oder Gemeinwesen, häufig mit präventivem Charakter. Macro Social Work Practice ist im Kontext nationalstaatenübergreifender Sozialpolitik angesiedelt und befasst sich mit umfassenden, grenzüberschreitenden sozialen Problemen wie Armut oder Krieg. Sie umfasst u.a. Programmentwicklung, Interessenvertretung, Politikanalyse sowie Forschung und richtet sich primär an Organisationen, Gemeinschaften und politische Ebenen (Brandell 2017).

Als normativer Reflexionsrahmen transnationaler Sozialer Arbeit werden häufig Menschenrechte vorgeschlagen. So orientiert sich die „Transnational Social Work Practice“ von Furman, Negi und Salvador (2010) stark an menschenrechtlichen Prinzipien. Auch Agrawal (2016) versteht transnationale Soziale Arbeit als menschenrechtsorientierte, global kontextualisierte und politisch verantwortliche Praxis. Positionen wie das Konzept der „Human Rights-based Social Work“ von Ife (2022) oder die machtkritische Anti-Oppressive Practice von Dominelli (2002) beziehen sich ebenfalls auf Menschenrechte, um strukturelle Ungleichheiten zu thematisieren und Machtasymmetrien zu reflektieren.

Der menschenrechtliche Bezug wird auch in der Global Definition of Social Work (IFSW und IASSW 2014) angeführt. Allerdings stellt Midgley (2001, S. 30 f.) fest, dass über die normativen Bezüge grenzüberschreitender Sozialer Arbeit alles andere als Einigkeit herrscht. Dies betrifft, wie Healy (2007) feststellt, insbesondere die Frage der Universalität von Werten Sozialer Arbeit. Zwar werden Menschenrechten als universelle, geteilte Wertebasis angenommen, sie sind jedoch mit dem westlichen Leitbild des Liberalismus verknüpft, was die Frage aufwirft, inwiefern sie von nicht-westlichen Ländern, Kulturen und Gesellschaften geteilt werden. Das Verhältnis von Universalismus und Relativismus verweist auf eine Besonderheit von Wissen und dessen Übersetzung.

2.2.5 Transnationales Wissen

Der Geltungsanspruch von Wissen ist zwar prinzipiell nicht räumlich eingrenzbar – Wissensansprüche werden aber immer an konkreten Orten in bestimmten Entstehungskontexten erhoben (Engel und Köngeter 2014, S. 244). In anderen als ihren Entstehungskontexten werden sie immer legitimierungsbedürftig: Wissensansprüche aus westlichen Industrienationen sind nicht ohne Weiteres auf andere Kontexte übertragbar, sondern müssen erst übersetzt werden.

Das Übersetzungserfordernis verweist auf die Kritik am methodologischen Nationalismus, der – wie Köngeter (2009) zeigt – nicht nur bei theoretischen soziologischen Fragestellungen, sondern auch in Handlungswissenschaften anzutreffen ist. In der Sozialen Arbeit in Deutschland äußert er sich darin, dass

„in die Wissensproduktion Problemdefinitionen, Kategorienschemata und Lösungsansätze einfließen, die wesentlich durch national‑ und wohlfahrtsstaatlich orientierte Institutionen und Organisationen beeinflusst wird“ (a.a.O., S. 353 f.).

Dies kann zur Folge haben, dass Überlegungen zu transnationalen Phänomenen in der Sozialen Arbeit zwar nicht auf den eigenen nationalen Kontext bezogen werden, die hieraus abgeleiteten Prinzipien aber auf der eigenen wohlfahrtsstaatlichen Ebene verbleiben. Diese Gefahr besteht auch bei einer „transnationalen Öffnung“ sozialer Dienste.

2.3 Handlungsfelder im transnationalen Kontext

In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um Transnationalität und Soziale Arbeit hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass sämtliche Handlungsfelder transnationalen Einflüssen ausgesetzt sind. So geht McNutt (2010) davon aus, dass „every form of social work practice is, in reality, transnational practice“ (a.a.O., S. 186). Obgleich sich transnationale Bezüge in allen Zuständigkeitsbereichen Sozialer Arbeit zeigen, stellen sich je nach Handlungsfeld unterschiedliche Handlungserfordernisse und Herausforderungen. Nachfolgend werden beispielhaft zwei transnationale Handlungsfelder vorgestellt.

2.3.1 Transnationale Care-Arbeit

Care bezeichnet sämtliche Formen der Fürsorge und Versorgung über den gesamten Lebensverlauf hinweg – in bezahlter und unbezahlter Form. Dazu zählen personenbezogene Hilfen in besonderen Lebenslagen, Maßnahmen zur Wiederherstellung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie Formen emotionaler Zuwendung im Rahmen von Beziehungsgestaltung und sozialer Unterstützung (Brückner 2008, S. 168). Care-Tätigkeiten sind eng mit Geschlechterordnungen verknüpft: Bis heute werden sie überwiegend von Frauen geleistet, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich, und sind häufig gering entlohnt und gesellschaftlich wenig wertgeschätzt. Dies ist Ausdruck des jeweils vorherrschenden Care-Regimes. Care-Regime umfassen institutionelle Arrangements, kulturelle Leitbilder, Geschlechterordnungen, rechtliche Regelungen und wohlfahrtsstaatliche Strukturen, die Care-Arbeit organisieren (Brückner 2015).

Seit geraumer Zeit entstehen in vielen postindustriellen Gesellschaften im Zuge des demografischen Wandels und veränderter Erwerbsarbeitsmuster Care-Defizite. Diese Versorgungslücken begünstigen Care-Migration. Vorwiegend Frauen aus ärmeren Ländern migrieren in reichere Länder, um dort bezahlte Care-Arbeit im öffentlichen Sektor oder in Privathaushalten zu leisten. Sie hinterlassen in ihrem Herkunftsland selbst eine Care-Lücke, die wiederum durch Care-Migration aus noch ärmeren Ländern geschlossen wird. So bilden sich die sog. Global Care Chains (Hochschild 2001). In jüngeren Publikationen wird von transnationaler Care-Zirkulation gesprochen, um die wechselseitigen transnationalen Beziehungen der Care-Migrant:innen hervorzuheben (Baldassar und Merla 2014). Ein Beispiel hierfür ist die „transnationale Mutterschaft“ (Lutz 2007).

Die Arbeitsbedingungen der Care-Migrant:innen sind meist schlecht. Viele Tätigkeiten finden im Niedriglohnsektor statt; insbesondere in Privathaushalten handelt es sich mitunter um irreguläre Beschäftigungsverhältnisse (Shinozaki 2013). Zugleich sind transnationale Care-Migrant:innen häufig Teil transnationaler Communitys oder Mitglied in feministischen Netzwerken. Die transnationale Bewegung „Care Revolution“ als Teil der internationalen Care-Debatte, die auch von Wissenschaftler:innen unterstützt wird, setzt sich für bessere Arbeits‑ und Lebensbedingungen und eine gerechtere Verteilung von Care-Arbeit ein (Winker 2014).

Care-Migration ist nicht nur eine individuelle Mobilitätsentscheidung, sondern Ausdruck globaler Ungleichheiten, wohlfahrtsstaatlicher Care-Regime und transnationaler Care-Kulturen in globalisierten Austauschbeziehungen. Dies stellt Soziale Arbeit vor komplexe Herausforderungen: Es geht nicht nur darum, lokale Unterstützungsangebote bereitzustellen, sondern auch darum, strukturelle Bedingungen sowie soziale und politische Rechte zu verbessern.

Auf lokaler Ebene umfassen Handlungsmöglichkeiten Sozialer Arbeit Beratung, Aufklärung über Rechte und alltagspraktische Unterstützung sowie Empowerment-Strategien und öffentliche Sichtbarmachung der Situation von Care-Migrant:innen. Transnationales Community Organizing kann kollektive Handlungsfähigkeit stärken und auf den Abbau politischer, ökonomischer und sozialer Benachteiligung hinwirken (Homfeldt und Schmitt 2013, S. 103).

Gleichzeitig stößt Soziale Arbeit hier an strukturelle Grenzen, da soziale Rechte an Staatsbürgerschaft und reguläre Erwerbsarbeit gebunden sind. In der Care-Debatte werden daher alternative Konzepte wie „Global Citizenship“ oder „Global-Care-Citizenship“ diskutiert, die Rechte nicht an nationale Zugehörigkeiten binden (Apitzsch 2010, S. 117 f.). Hieran kann Soziale Arbeit anknüpfen. Zugleich bedarf es internationaler arbeitsrechtlicher Standards und besserer Kontrollen, um Ausbeutung etwa im Bereich der Live-In-Arbeit zu verhindern (ILO 2024). Auch hierfür kann sich Soziale Arbeit über Advocacy‑ und Policy-Arbeit einsetzen. Schließlich braucht es einen Ausbau transnationaler Forschung, um transnationale Care-Zusammenhänge, soziale Ungleichheiten und alternative Organisationsformen von Care besser zu verstehen.

2.3.2 Transnationale Erziehungshilfen

Die Hilfen zur Erziehung stellen einen der Kernbereiche der Kinder‑ und Jugendhilfe dar. Sie adressieren erzieherische Problemlagen, die weder innerhalb der Familie noch durch unterstützende Institutionen wie Kindertagesstätten oder Schulen ausreichend bewältigt werden können. Geregelt sind die Erziehungshilfen in den §§ 27 ff. SGB VIII. Sie reichen von ambulanten Formen wie die sozialpädagogische Familienhilfe bis hin zu stationären Formen wie eine Unterbringung in Pflegefamilien oder Wohngruppen. Ziel ist stets die (Wieder-)Herstellung der Erziehungsfähigkeit der Eltern, auch wenn eine Unterbringung von Kindern außerhalb der Herkunftsfamilie erfolgt (Moch 2018, S. 634 f.). Eine Besonderheit dieses Handlungsfeldes besteht darin, dass zwar innerfamiliäre Probleme der Erziehung und Sorge im Fokus stehen, diese aber meist im Zusammenhang mit einer Akkumulation weiterer Probleme wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Sucht entstehen, die in den Aufgabenbereich anderer Hilfesysteme fallen (a.a.O., S. 632 f.).

Die Erziehungshilfen unterliegen vergleichsweise ausgeprägten sozialstaatlichen Vorgaben und sind durch vielfältige Kontrollmechanismen geprägt, vor allem, weil sie nicht selten mit Fragen des Kinderschutzes verbunden sind. Hierzu gab es in den vergangenen Jahren verschiedene gesetzliche Novellierungen wie das Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG) oder das Kinder‑ und Jugendstärkungsgesetz (KJSG). Diese Entwicklungen begünstigen, dass sich für das Handlungsfeld konstitutive Diskurse, etwa zu Kinderschutz, Kooperation und Vernetzung oder Adressat:innenorientierung, auf den nationalen Rahmen beziehen.

In Bezug auf Falleinschätzungen hat dies den verstärkten Rückgriff auf typisierende Erklärungsmuster und standardisierte Prozesse der Risikobewertung und Fallarbeit zur Folge (Witte et al. 2019). Hierbei kommen nationalstaatlich konnotierte Kategorien der Problemsicht in besonderer Weise zum Tragen, da sie ein vermeintlich schnelles und sicheres Fallverstehen ermöglichen. Diese Typenkategorien blenden jedoch grenzüberschreitende Phänomene aus: Ihrer institutionellen Ausgestaltung liegt die Vorstellung der räumlich anwesenden Familie zugrunde, und eine nationalgrenzenüberschreitende Organisation von Erziehungshilfen ist rechtlich nur in Ausnahmefällen vorgesehen.

Demgegenüber stehen transnationale Lebensrealitäten von Adressat:innen. Fachkräfte haben es regelmäßig mit transnationalen Aktivitäten von Familien zu tun. Auch die grenzüberschreitende Organisation von Hilfeverläufen in den Erziehungshilfen stellt insbesondere in europäischen Grenzregionen keine Seltenheit dar (Balzani et al. 2015). Abgesehen von einigen wenigen internationalen Übereinkommen wie der Brüssel IIb-Verordnung fehlen hierfür rechtliche Vorgaben und verbindliche Vorgehensweisen. Ausländische Hilfesysteme sind anders institutionalisiert und organisiert, worauf Fachkräfte in ihrem Studium noch nicht immer systematisch vorbereitet werden. Auch die Dienste und Einrichtungen, die diese sozialen Dienstleistungen vollbringen, sind in ihrer Organisation nicht auf die transnationale Erbringung von Erziehungshilfen ausgelegt.

Daher kommt es in der transnationalen professionellen Praxis immer wieder zu Unklarheiten oder Konflikten. Für die betroffenen Familien besteht damit die Gefahr von Schutzlücken und Brüchen in den Hilfeverläufen. Für Fachkräfte geht transnationale Fallarbeit nicht selten mit Überforderung einher, da ihnen bei vielen Entscheidungen aufgrund fehlender organisationaler Ressourcen die nötige Unterstützung fehlt (Sievers und Bienentreu 2006). Zugleich bergen die zahlreichen nationalen Handlungsvorgaben und Regulierungen die Gefahr, dass transnationale soziale Unterstützungspotenziale privater Netzwerke der Adressat:innen, insbesondere wenn die entsprechenden Akteur:innen nicht vor Ort sind, übersehen werden und ein Vorgehen nach nationalen Routinen stattfindet. Bislang liegen allerdings nur wenige empirische Erkenntnisse vor (Diwersy 2024).

Auf der Ebene der Fallarbeit braucht es eine Anerkennung transnationaler Realitäten, und damit entsprechende Freiräume bei der Ausgestaltung von Erziehungshilfen. In einigen Grenzregionen Deutschlands gibt es bereits erste transnationale Trägerschaften, die eine solche organisationale Flexibilisierung ermöglichen (Wendelin 2013, S. 40 ff.). Nicht zuletzt sind spezifischere internationale Regulierungen nötig, die Mehrfachzuständigkeiten oder Zuständigkeitslücken verhindern. Um transnationale Erziehungshilfen künftig entlang der Lebensrealitäten der Adressat:innen auszugestalten, ist auch hier der Ausbau transnationaler Forschung zentral.

2.4 Bedeutung für Wissenschaft und Praxis

Transnationalität ist für Soziale Arbeit als Profession und Disziplin eine wichtige Analyse‑ und Handlungsperspektive, weil sie konkrete Lebens‑ und Bewältigungslagen jenseits nationalstaatlicher Logiken sichtbar macht und damit auch die Eingebundenheit Sozialer Arbeit in diese Rahmung.

Die transnationale Perspektive verändert, wie Soziale Arbeit soziale Probleme versteht: Soziale Problemlagen werden nicht mehr nur innerhalb eines Staates analysiert, sondern als Teil globaler Verflechtungen. Damit rücken auch globale Ungleichheitsverhältnisse, Machtasymmetrien und postkoloniale Kontinuitäten in den Blick. Dies erfordert eine Weiterentwicklung von Theorien, Forschungsmethoden und Begriffen jenseits nationaler Bezugsrahmen sowie eine Reflexion darüber, wo und wie Wissen Sozialer Arbeit mit welchen Geltungsansprüchen entsteht und wie es in andere Kontexte übersetzt wird (Köngeter 2022).

Die transnationale Perspektive erweitert auch das professionelle Handlungsspektrum. Transnationale Soziale Arbeit bezieht transnationale Netzwerke mit ein, stößt grenzüberschreitende Kooperation an, legt rechtliche Mehrfachordnungen und Statusfragen offen, stößt menschenrechtsorientierte Argumentation in rechtlich unsicheren Konstellationen an und leistet politische Advocacy-Arbeit gegen strukturelle Benachteiligungen. Professionelles Handeln wird dadurch komplexer, mehrperspektivischer und stärker strukturreflexiv (Diwersy 2024).

Die Anerkennung transnationaler Realitäten und Bezüge Sozialer Arbeit beeinflusst auch die professionelle Haltung: Sie sensibilisiert für Grenzziehungen, Mehrfachzugehörigkeiten und hybride Identitäten und fördert die Reflexion eigener nationaler Selbstverständlichkeiten und Machtpositionen. Die ethisch-normative Grundhaltung transnationaler Sozialer Arbeit basiert auf einer differenzanerkennenden, machtsensiblen und menschenrechtsbasierten Grundorientierung und rückt soziale Gerechtigkeit auch jenseits nationaler Zugehörigkeit in den Fokus. Sie sensibilisiert Fachkräfte dafür, Teil einer globalen Profession zu sein, und fordert Sozialarbeitende dazu auf, soziale Gerechtigkeit und Solidarität über nationale Grenzen hinaus mitzudenken (Köngeter 2022; Diwersy 2024).

3 Ausblick: Soziale Arbeit als transnationales Projekt

Die Entstehung professionalisierter Sozialer Arbeit ist eng mit dem Wohlfahrtsstaat verwoben; sie muss insofern als „sozialpolitisches Projekt“ aufgefasst werden. Durch die Brille des methodologischen Nationalismus erscheint sie als national gerahmte, einheitliche Profession. Dabei ist Soziale Arbeit selbst innerhalb nationaler Grenzen kein homogenes Gebilde, sondern zeichnet sich durch ein hohes Maß an Binnendifferenzierung aus (Thole 2012, S. 23).

Ein Blick über den nationalen Tellerrand zeigt zudem, dass Soziale Arbeit seit ihrer Entstehung durch internationale und transnationale Bezüge in Form von Ideenaustauschen und Reformbewegungen geprägt ist. Als vielschichtiges Feld vereint sie unterschiedliche nationale und grenzüberschreitende Perspektiven und muss ihre Wissensbestände, Aufträge und Handlungsformen immer wieder neu an gesellschaftliche Bedingungen ausrichten. Insofern kann sie als „Bewegungsprofession“ (Köngeter 2022, S. 43) verstanden werden: Sie reagiert auf gesellschaftliche Veränderungen, nimmt Impulse sozialer Bewegungen auf und verbindet Praxis, Wissenschaft und politische Reform.

Solidarität, das gegenseitige Einstehen füreinander, bildet hierfür eine wichtige Grundlage. Mit dem Ausbau von Wohlfahrtsstaaten wird Solidarität zunehmend rechtlich organisiert. Gleichzeitig kann diese Institutionalisierung dazu führen, dass Solidarität weniger als persönliche oder gesellschaftliche Verantwortung erlebt wird.

Köngeter (2022) schlägt deshalb vor, Soziale Arbeit auch als „transnationales Projekt“ zu verstehen. „Trans“ meint hier eine kritische Bearbeitung nationaler Grenzziehungen und ihrer Effekte. Eine transnationale Perspektive fragt daher, wie nationale Grenzen soziale Ungleichheiten herstellen oder verstärken und wie Soziale Arbeit diese kritisch reflektieren und bearbeiten kann. Anknüpfend an Young (1990) wird Solidarität als entgrenzende, transformative Praxis gefasst, die Differenzen überbrückt und zugleich anerkennt. Dabei lassen sich drei Ebenen transnationaler Grenzbearbeitung unterscheiden (Good Gingrich und Köngeter 2017):

  1. within – innerhalb von Nationalstaaten: Anerkennung von Vielfalt und transnationalen Lebensbezügen der Bevölkerung.
  2. across – über Grenzen hinweg: Analyse globaler Macht‑ und Ungleichheitsverhältnisse, z.B. bei transnationaler Care-Arbeit.
  3. in-between – zwischen Staaten: Unterstützung von Menschen, die keinen gesicherten rechtlichen Status haben und deshalb zwischen staatlichen Ordnungen stehen.

Soziale Arbeit als transnationales Projekt bedeutet somit, Solidarität und Sozialpolitik über nationale Grenzen hinaus zu denken und soziale Gerechtigkeit in einer global vernetzten Welt zu fördern (Köngeter 2022, S. 48 ff.).

4 Quellenangaben

Agrawal, Arvind Kumar, 2016. Towards an integrated theoretical framework for transnational social work. In: Beatrix Schwarzer, Ursula Kämmerer-Rütten, Alexandra Schleyer-Lindemann und Yafang Wang, Hrsg. Transnational Social Work and Social Welfare: Challenges for the social work Profession. New York: Routledge, S. 24–33. ISBN 978-1-138-91278-6 [Rezension bei socialnet]

An, Sofia, Adrienne Chambon und Stefan Köngeter, 2016. Transnational Histories of Social Work and Social Welfare – An introduction. In: Transnational Social Review. 6(3), S. 236–241. ISSN 2193-1674

Apitzsch, Ursula, 2010. Care, Migration, and Gender Order. In: Ursula Apitzsch und Marianne Schmidbaur, Hrsg. Care und Migration. Opladen: Barbara Budrich, S. 113–125. ISBN 978-3-86649-326-1 [Rezension bei socialnet]

Baldassar, Loretta und Laura Merla, Hrsg., 2014. Transnational Families, Migration and the Circulation of Care. New York: Routledge. ISBN 978-0-415-62673-6

Balzani, Bernard, Jean-Luc Deshayes, Marc Gillet, Jeanne Meyer und Jaques Rihoux, 2015. Protéger l’Enfant Par-Delà Les Frontières. Nancy: Presses Universitaires de Nancy. ISBN 978-2-8143-0222-8

Berger, Peter A. und Anja Weiß, Hrsg., 2008. Transnationalisierung sozialer Ungleichheit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-531-15207-3

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Verfasst von
Prof.in Dr.in Bettina Diwersy
Technische Hochschule Aschaffenburg
Professorin für Soziale Arbeit
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Prof. Dr. Stefan Köngeter
Universität Hamburg
Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Schul- und Grundschulpädagogik, Sozialpädagogik sowie Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung (EW 2)
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ORCID: https://orcid.org/0000-0003-2207-0221

Es gibt 3 Lexikonartikel von Bettina Diwersy.
Es gibt 1 Lexikonartikel von Stefan Köngeter.

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