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Transnationalismus

Prof.in Dr.in Bettina Diwersy

veröffentlicht am 13.05.2026

Ähnliche Begriffe: Transnationalität; Supranationalität

Etymologie: lat. trans hinüber; lat. natio Volk, Herkunft

Englisch: transnationalism

Transnationalismus bezeichnet in den Sozial‑ und Kulturwissenschaften ein Forschungsparadigma, das grenzüberschreitende soziale, ökonomische, politische und kulturelle Verflechtungen untersucht und dabei nationale Grenzen nicht als selbstverständliche Analyserahmen voraussetzt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Begriffsgeschichte
  3. 3 Zentrale Positionen und Forschungsfelder
  4. 4 Kritik
  5. 5 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Im Zentrum des Konzepts steht die Annahme, dass soziale Beziehungen, Zugehörigkeiten und Handlungen nicht auf einen einzelnen Nationalstaat beschränkt sind, sondern sich häufig gleichzeitig auf mehrere Länder beziehen und mitunter quer zu nationalstaatlichen Grenzen und Regulierungen verlaufen. Entstanden insbesondere in der Migrationsforschung als Reaktion auf nationalstaatlich geprägte Modelle von Migration und Integration, richtet der Begriff den Blick damit auf soziale Räume, Netzwerke und Praktiken, die nationale Grenzen überschreiten, ohne dass Nationalstaaten vollständig an Bedeutung verlieren.

2 Begriffsgeschichte

Das Konzept des Transnationalismus entstand in den 1990er-Jahren im Kontext der Migrationsforschung und der Sozialanthropologie. Es entwickelte sich als Kritik an älteren Modellen, die Migration vor allem als einmalige Bewegung von einem Herkunftsland in ein Aufnahmeland verstanden und davon ausgingen, dass Migrant:innen sich langfristig in nur eine Gesellschaft integrieren.

Forschungen zeigten jedoch, dass viele Migrant:innen dauerhafte Beziehungen zu mehreren Ländern gleichzeitig aufrechterhalten, etwa durch Familienkontakte, Geldtransfers (remittances), politische Beteiligung oder regelmäßige materielle und immaterielle Mobilität. Wichtige Impulse kamen insbesondere von den US-amerikanischen Ethnolog:innen Nina Glick Schiller, Linda Basch und Cristina Blanc-Szanton (1992). Sie wandten sich gegen die damals dominierende Vorstellung von Migration als unidirektionalem, punktuellem Ereignis und zeigten, dass grenzüberschreitende Verflechtungen fester Bestandteil migrantischer Lebenswelten sind. Dieses Phänomen bezeichneten sie als „transnationalism“ (dt. Transnationalismus) (ebd.). Später wurde das Konzept erweitert und auch auf transnationale soziale Räume, globale Netzwerke, Diaspora-Gemeinschaften sowie digitale Kommunikationsformen bezogen, ein Forschungsfeld, das heute als Transnational Studies bekannt ist.

3 Zentrale Positionen und Forschungsfelder

Innerhalb der Transnationalismusforschung lassen sich drei theoretische Grundperspektiven unterscheiden. Ein erster Zugang versteht Transnationalismus vor allem als soziale Praxis. Im Mittelpunkt stehen alltägliche grenzüberschreitende Aktivitäten wie Kommunikation, Geldtransfers, Mobilität oder die Organisation von Familie über mehrere Länder hinweg. Diese Perspektive ist besonders in der Migrationsforschung verbreitet (z.B. Levitt 2001).

Ein zweiter Zugang begreift Transnationalismus als sozialen Raum. Menschen, Gruppen und Institutionen sind danach in Beziehungen eingebunden, die sich nicht auf ein bestimmtes Territorium beschränken. Solche transnationalen sozialen Räume verbinden mehrere Orte und Staaten miteinander und erzeugen neue Formen von Zugehörigkeit (z.B. Pries 2008; Faist, Fauser und Reisenauer 2011).

Weitere Ansätze betonen die Bedeutung von Netzwerken, Zirkulation und globalen Verflechtungen. Im Vordergrund stehen dabei Diaspora-Gemeinschaften, globale Kommunikationsformen oder digitale Medien, die transnationale Beziehungen erleichtern und stabilisieren. Transnationalismus wird hier als Teil umfassender Globalisierungsprozesse verstanden (z.B. Appadurai 1996; Vertovec 2003).

Was die unterschiedlichen Ansätze der Transnationalismusforschung verbindet, ist ihre Kritik am methodologischen Nationalismus. Sie zeigen, dass soziale Beziehungen, Identitäten und politische Prozesse häufig über nationale Grenzen hinausreichen. Nationalstaaten bleiben zwar bedeutsam, werden jedoch nicht mehr als alleiniger Bezugsrahmen sozialer Wirklichkeit betrachtet. Während der Transnationalität eher gegenstandsbezogen ist und konkrete grenzüberschreitende Phänomene bezeichnet, sind Transnationalismusansätze stärker begriffs‑ und theoriebezogen.

Typische Forschungsfelder sind:

  • Migration und Diaspora
  • Transnationale Familien
  • Care-Arbeit und globale Sorgeketten
  • Religion
  • Politische Mobilisierung
  • Medien und digitale Kommunikation
  • Wirtschaft und Arbeitsmigration

4 Kritik

Transnationalismusansätze haben wichtige Impulse für die Sozial‑ und Kulturwissenschaften geliefert, sind jedoch nicht unumstritten. Kritisch wird vor allem angemerkt, dass manche Positionen die Bedeutung von Nationalstaaten unterschätzen und grenzüberschreitende Mobilität zu stark in den Vordergrund stellen. Tatsächlich bleiben staatliche Grenzen, Aufenthaltsrechte und nationale Institutionen für viele Menschen zentral.

Zudem verfügen nicht alle Personen über gleiche Möglichkeiten, transnational zu handeln. Aufenthaltsstatus, ökonomische Ressourcen oder restriktive Grenzregime begrenzen häufig die Teilhabe an transnationalen Netzwerken und Praktiken.

Schließlich wird auch auf die begriffliche Unschärfe hingewiesen: „Transnationalismus“ wird in unterschiedlichen Forschungsfeldern sehr verschieden verwendet wird (u.a. Waldinger und Fitzgerald 2004)

5 Quellenangaben

Appadurai, Arjun, 1996. Modernity at Large. Minneapolis: University of Minnesota Press. ISBN 978-0-8166-2793-6

Faist, Thomas, Margit Fauser und Eveline Reisenauer, 2011. Perspektiven der Migrationsforschung: Vom Transnationalismus zur Transnationalität. In: Soziale Welt. 62(2), S. 203–220. ISSN 2942-3414

Glick Schiller, Nina, Linda Basch und Cristina Blanc-Szanton, 1992. Transnationalism: A New Analytic Framework for Understanding Migration. In: Nina Glick Schiller, Linda Basch und Cristina Szanton Blanc, Hrsg. Towards a Transnational Perspective on Migration. New York: New York Academy of Science, S. 1–24. ISBN 978-0-89766-704-3

Levitt, Peggy, 2001. Transnational Migration. Taking Stock and Future Directions. In: Global Networks. 1(3), S. 195–216. ISSN 1470-2266

Pries, Ludger, 2008. Die Transnationalisierung der sozialen Welt. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-12521-2

Vertovec, Steven, 2003. Migration and other Modes of Transnationalism: Towards Conceptual Cross-Fertilization. In: International Migration Review. 37(3), S. 641–665. ISSN 0197-9183

Waldinger, Roger und David Fitzgerald, 2004. Transnationalism in Question. In: American Journal of Sociology. 109(5), S. 1177–1195. ISSN 0002-9602

Verfasst von
Prof.in Dr.in Bettina Diwersy
Technische Hochschule Aschaffenburg
Professorin für Soziale Arbeit
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