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Traumatherapie

Mag. Dr. Matthias Knefel

veröffentlicht am 29.10.2021

Medizinischer Disclaimer: Herausgeber und AutorInnen haften nicht für die Richtigkeit der Angaben. Beiträge zu Gesundheitsthemen ersetzen keine ärztliche Beratung und richten sich nur an Fachleute.

Als Traumatherapie wird die Therapie bzw. psychologische Behandlung von Leidenszuständen und Beeinträchtigungen bezeichnet, die aufgrund des Erlebens eines psychischen Traumas auftreten.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Formen der Traumatherapie
    1. 2.1 Traumafokussierte Interventionen
    2. 2.2 Nicht-traumafokussierte Interventionen
    3. 2.3 Phasenbasierte und breitere Therapieansätze
  3. 3 Evidenz der Therapiemethoden
  4. 4 Andere Traumatherapie Methoden
  5. 5 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Traumatherapie behandelt Leidenszustände, die auf Ereignisse zurückgehen, die zumindest einige Monate zurückliegen. Innerhalb der ersten drei Monate nach dem traumatischen Ereignis kann man Intervention, die mittel- oder langfristige negative Folgen verhindern oder mildern sollen, als psychologische Frühintervention bezeichnen (Bengel et al. 2019). Traumatherapie hat zum Ziel, die Symptome der Traumafolgestörungen zu behandeln. Es existieren verschiedene traumatherapeutische Interventionen, die unterschiedlich gut empirisch abgesichert sind.

2 Formen der Traumatherapie

Verschiedene therapeutische Schulen haben verschiedene traumatherapeutische Behandlungen entwickelt. Entsprechend den psychotherapeutischen Hauptschulen kann man psychoanalytisch orientierte, verhaltenstherapeutische, gesprächspsychotherapeutische und systemische Ansätze unterscheiden, wobei auch weitere Zugänge bestehen, die nicht eindeutig einer Schule zuordenbar sind wie körperorientierte Verfahren (Seidler et al. 2019). Für Kinder und Jugendliche wurden eigene traumatherapeutische Methoden entwickelt bzw. Methoden aus der Erwachsenentherapie adaptiert (Rosner und Eilers 2019). Zusätzlich wird noch in traumafokussierte und nicht-traumafokussierte Interventionen unterschieden (Ehring et al. 2019). Eine Kombination von beiden kann im Rahmen von phasenbasierten oder breiteren therapeutischen Ansätzen umgesetzt werden.

2.1 Traumafokussierte Interventionen

Bei traumafokussierten Interventionen liegt der Fokus auf der Verarbeitung von Erinnerungen an das traumatische Ereignis und seiner Bedeutung. Die Reduktion der Symptomatik der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) steht im Mittelpunkt dieser Interventionen. Vor allem die traumafokussierte Verhaltenstherapie (TF-KVT) und Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) werden hierzu gezählt. TF-KVT basiert auf den Prinzipen der kognitiven Verhaltenstherapie. Erinnerungen an traumatische Ereignisse werden mit Hilfe von Techniken wie der imaginativen Exposition, narrativen Exposition, Exposition in vivo behandelt und kognitive Umstrukturierung kommt zum Einsatz, um traumabezogene Überzeugungen zu verändern (Wagner 2019). Bei EMDR wird die Traumaverarbeitung durch eine Rechts-Links-Stimulierung begleitet, die typischerweise in Form von Augenbewegungen durchgeführt wird. Dabei wird die Erinnerung an die traumatische Situation aktiviert und die Aufmerksamkeit zwischen Innen- und Außenwahrnehmung geteilt, wobei die Methode der freien Assoziation zum Einsatz kommt, um einen Integrationsprozess in Gang zu bringen (Schubbe und Gruyter 2019).

2.2 Nicht-traumafokussierte Interventionen

Bei nicht-traumafokussierten Interventionen handelt es sich um Ansätze, die nicht primär auf die Verarbeitung traumatischer Erinnerungen ausgerichtet sind, sondern mehr auf die Stabilisierung des allgemeinen psychischen Gesundheitszustandes abzielen. Dazu zählen Interventionen, die auf Emotionsregulation, Lösung aktueller Lebensprobleme oder Umgangsmöglichkeiten mit posttraumatischen Symptomen fokussieren.

2.3 Phasenbasierte und breitere Therapieansätze

Phasenbasierte Therapieansätze kombinieren traumafokussierte und nicht-traumafokussierte Interventionen. Typischerweise werden drei Phasen unterschieden: Stabilisierung, Exposition und Integration. In der Stabilisierungsphase werden Umgangsformen erlernt, um mit schwierigen Emotionen oder Spannungszuständen umgehen zu können. Auch zwischenmenschliche Kompetenzen können verbessert werden, um gute Beziehungen aufrecht erhalten zu können. In der Expositionsphase wird dann auf die beschriebenen traumafokussierten Interventionen zurückgegriffen um Erinnerungen an das traumatische Ereignis und seine Bedeutung zu behandeln. Schließlich wird in der Integrationsphase das Erlebte in die eigene Biografie eingebettet und Aspekte wie Trauer und Schuld bis hin zu Neuorientierung und Sinngebung rücken ins Zentrum der Behandlung.

Breitere Therapieansätze verfolgen als Ziel nicht nur die Reduktion von PTBS Symptomatik (Maercker 2019), sondern auch die Verbesserung der Symptome anderer psychischer Störungen wie Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen aber auch assoziierter Probleme wie negative Gefühle (Scham, Schuld, Ärger) und letztlich eine Integration. Häufig sind solche breiteren Ansätze im Rahmen von stationären Therapiekonzepten implementiert.

Auch Methoden der Traumapädagogik, die vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zum Einsatz kommen, können im weiten Sinn zu den breiteren Ansätzen gezählt werden und verbinden pädagogische Maßnahmen mit traumatherapeutischem Wissen.

3 Evidenz der Therapiemethoden

Die Behandlungsleitlinie für PTBS (S3 Leitlinie; Schäfer et al. 2019) empfiehlt traumafokussierte Psychotherapie als Behandlung erster Wahl, die jeder Person mit PTBS angeboten werden soll. Zur Behandlung der Komplexen PTBS sollte eine Kombination aus traumafokussierten Interventionen und Techniken zur Emotionsregulation und zur Verbesserung von Beziehungsstörungen im Sinne der Bearbeitung dysfunktionaler zwischenmenschlicher Muster erfolgen. Zu den in der S3 Leitlinie empfohlenen traumafokussierten Verfahren zählen:

  • PE – Prolongierte Exposition (Foa et al. 2014)
  • CPT – Kognitive Verarbeitungstherapie (König et al. 2012)
  • Kognitive Therapie nach Ehlers & Clark (Ehlers 1999)
  • NET – Narrative Expositionstherapie (Schauer et al. 2011)
  • Kombinationen aus expositionsbasierten und kognitiven Ansätzen (Maercker et al. 2006)
  • EMDR – Eye Movement Desensitization and Reprocessing (Shapiro 2017)

4 Andere Traumatherapie Methoden

Neben den genannten Therapieverfahren gibt es noch weitere, die aus den verschiedenen therapeutischen Schulen entstanden sind. Dazu zählen beispielsweise die psychodynamische Traumatherapie nach Horowitz, die Brief Ecclectic Therapy (BEP) und die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) bei den psychodynamischen Schulen (Wittmann und Horowitz 2019), humanistisch-existenzielle Ansätze (Gebler und Maercker 2007; Rosner und Henkel 2010) und körperbezogene Verfahren wie Somatic Experiencing (Levine 2020). Während psychodynamische Ansätze zwar weniger hohe Evidenzgrade aufweisen als die in der S3 Leitlinie empfohlenen Interventionen, sind hier grundsätzlich positive Forschungsbefunde vorhanden (z.B. Lampe et al. 2008). Bei anderen Verfahren fehlen empirische Evidenznachweise noch größtenteils.

5 Quellenangaben

Bengel, Jürgen, Katharina Becker-Nehring und Jennifer Hillebrecht, 2019. Psychologische Frühintervention. In: Andreas Maercker, Hrsg. Traumafolgestörungen. 5. Auflage. Berlin: Springer, S. 189–216. ISBN 978-3-662-58469-9

Ehlers, Anke, 1999. Posttraumatische Belastungsstörung. Göttingen: Hogrefe. Fortschritte der Psychotherapie: Bd. 8. ISBN 978-3-8017-0797-2

Ehring, Thomas, Arne Hofmann, Birgit Kleim, Peter Liebermann, Annett Lotzin, Andreas Maercker, Frank Neuner, Olaf Reddemann, Ingo Schäfer und Julia Schellong, 2019. Psychotherapeutische Behandlung. In: Ingo Schäfer, Ursula Gast, Arne Hofmann, Christine Knaevelsrud, Astrid Lampe, Peter Liebermann, Annett Lotzin, Andreas Maercker, Rita Rosner und Wolfgang Wöller, Hrsg. S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung. Berlin: Springer. ISBN 978-3-662-59782-8

Foa, Edna B., Elizabeth Ann Hembree und Barbara Olasov Rothbaum, 2014. Handbuch der prolongierten Exposition: Eine Anleitung für Therapeuten – Basiskonzepte und Anwendung. Lichtenau/​Westfalen: Probst. ISBN 978-3-944476-09-4

Gebler, Florian A., und Andreas Maercker, 2007. Expressives Schreiben und Existentialität bei der Bewältigung traumatischer Erlebnisse: Eine erste Interventionsstudie. In: Trauma & Gewalt [online]. 1(4), S. 264–272 [Zugriff am: 21.10.2021]. ISSN 1863-7167. Verfügbar unter: https://www.researchgate.net/publication/​281216853

König, Julia, Patricia A. Resick, Regina Karl und Rita Rosner, 2012. Posttraumatische Belastungsstörung: Ein Manual zur Cognitive-Processing Therapy. Göttingen: Hogrefe. Therapeutische Praxis. ISBN 978-3-8017-2419-1

Lampe, Astrid, Horst Mitmannsgruber, Ursula Gast, Gerhard Schüssler und Luise Reddemann, 2008. Therapieevaluation der Psychodynamisch Traumatherapie (PITT) im stationären Setting. In: Neuropsychiatrie. 22(3), S. 189–197. ISSN 0948-6259

Levine, Peter A., 2020. Trauma und Gedächtnis: Die Spuren unserer Erinnerung in Körper und Gehirn – Wie wir traumatische Erfahrungen verstehen und verarbeiten 3. Auflage. München: Kösel. ISBN 978-3-466-34619-6

Maercker, Andreas, 2019. Systematik und Wirksamkeit der Therapiemethoden. In: Andreas Maercker, Hrsg. Traumafolgestörungen. 5. Auflage. Berlin: Springer, S. 217–227. ISBN 978-3-662-58469-9

Maercker, Andreas, Tanja Zöllner, Hans Menning, Sirko Rabe und Anke Karl, 2006. Dresden PTSD treatment study: Randomized controlled trial of motor vehicle accident survivors. BMC Psychiatry [online]. 6(1), 29 [Zugriff am: 21.10.2021]. ISSN 1471-244X. Verfügbar unter: doi:10.1186/1471-244X-6-29

Rosner, Rita und Rebekka Eilers, 2019. Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Kindern und Jugendlichen. In: Günter H. Seidler, Harald J. Freyberger, Heide Glaesmer und Silke Birgitta Gahleitner, Hrsg. Handbuch der Psychotraumatologie. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 984–992. ISBN 978-3-608-96258-1 [Rezension bei socialnet]

Rosner, Rita und Christine Henkel, 2010. Die Gestalttherapie in der Psychotraumatologie: Charakteristika und Wirksamkeit gestalttherapeutischer Interventionen bei Posttraumatischen Belastungsstörungen. In: Trauma & Gewalt. 4(4), S. 294–303. ISSN 1863-7167

Schäfer, Ingo, Ursula Gast, Arne Hofmann, Christine Knaevelsrud, Astrid Lampe, Peter Liebermann, Annett Lotzin, Andreas Maercker, Rita Rosner und Wolfgang Wöller, Hrsg., 2019. S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung [online]. Berlin: Springer [Zugriff am: 21.10.2021]. PDF e-Book. ISBN 978-3-662-59783-5. Verfügbar unter: doi:10.1007/978-3-662-59783-5

Schauer, Maggie, Thomas Elbert und Frank Neuner, 2011. Narrative exposure therapy: A short-term treatment for traumatic stress disorders. 2. Auflage. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-0-88937-388-4

Schubbe, Oliver und Thomas Gruyter, 2019. EMDR. In: Günter H. Seidler, Harald J. Freyberger, Heide Glaesmer und Silke Birgitta Gahleitner, Hrsg. Handbuch der Psychotraumatologie. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 836–847. ISBN 978-3-608-96258-1 [Rezension bei socialnet]

Seidler, Günter H., Harald J. Freyberger, Heide Glaesmer und Silke Birgitta Gahleitner, Hrsg., 2019. Handbuch der Psychotraumatologie. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-608-96258-1 [Rezension bei socialnet]

Shapiro, Francine, 2017. Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy, Third Edition: Basic Principles, Protocols, and Procedures. New York: Guilford Publications. ISBN 978-1-4625-3276-6

Wagner, Frank, 2019. Die kognitive Verhaltenstherapie. In Günter H. Seidler, Harald J. Freyberger, Heide Glaesmer und Silke Birgitta Gahleitner, Hrsg. Handbuch der Psychotraumatologie. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 825–835. ISBN 978-3-608-96258-1 [Rezension bei socialnet]

Wittmann, Lutz und Mardi J. Horowitz, 2019. Psychodynamische Behandlung von Menschen mit Traumafolgestörungen. In: Andreas Maercker, Hrsg. Traumafolgestörungen. 5. Auflage. Berlin: Springer, S. 229–248. ISBN 978-3-662-58469-9

Verfasst von
Mag. Dr. Matthias Knefel
MSc, Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut
Univ. Ass. Postdoc
Universität Wien, Fakultät für Psychologie, Arbeitsgruppe Psychotraumatologie
Landesklinikum Baden, Abteilung für Innere Medizin, Station für Internistische Psychosomatik und Gastroenterologie
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Matthias Knefel.

Zitiervorschlag
Knefel, Matthias, 2021. Traumatherapie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 29.10.2021 [Zugriff am: 02.07.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Traumatherapie

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