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Ungewissheit

Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf

veröffentlicht am 24.08.2025

Synonyme: Unsicherheit; Unklarheit

Gegenteil: Gewissheit

Englisch: uncertainty

Ungewissheit bezeichnet einen Zustand des Nicht-Wissens und Nicht-Wissen-Könnens. Ungewissheit kann Orientierungslosigkeit und Angst zur Folge haben, jedoch auch motivatorisch wirken und Kreativität befördern, wobei ein gewisses Maß an ihr konstitutiv für menschliches Handeln ist.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Differenzierte Betrachtung des Begriffs Ungewissheit
    1. 2.1 Epistemische Ungewissheit
    2. 2.2 Ontologische Ungewissheit
    3. 2.3 Technische Ungewissheit
    4. 2.4 Konsensungewissheit
  3. 3 Ungewissheit in unterschiedlichen Fachdisziplinen
    1. 3.1 Ungewissheit in der Pädagogik
    2. 3.2 Ungewissheit in der Psychologie
    3. 3.3 Ungewissheit in der Soziologie
    4. 3.4 Ungewissheit in der Religion
    5. 3.5 Ungewissheit in der Ethik
  4. 4 Unterscheidung zu verwandten Begriffen
    1. 4.1 Ambiguität vs. Ungewissheit
    2. 4.2 Ambivalenz vs. Ungewissheit
    3. 4.3 Unsicherheit vs. Ungewissheit
    4. 4.4 Risiko vs. Ungewissheit
  5. 5 Verbreitung von Ungewissheit
  6. 6 Potenzial von Ungewissheit
  7. 7 Umgang mit Ungewissheit
    1. 7.1 Umgang mit epistemischer Ungewissheit
    2. 7.2 Umgang mit ontologischer Ungewissheit
    3. 7.3 Umgang mit technischer Ungewissheit
    4. 7.4 Umgang mit Konsensungewissheit
  8. 8 Quellenangaben
  9. 9 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Unsicherheit kann als Negation von Gewissheit definiert werden. Gewissheit beschreibt das Empfinden von der Richtigkeit einer Annahme, die sich auf ein Wissen bezieht, das als unumstößlich gilt. Ungewissheit hingegen meint das Fehlen von Klarheit, Eindeutigkeit und definitivem Wissen. Spitzer beschreibt Ungewissheit als „eine Unklarheit über das, was kommt“ (Spitzer 2022, S. 233). Wagenknecht erklärt, Ungewissheit sei nicht auf Kognition oder Rationalität zu reduzieren (Wagenknecht 2023, S. 36 f.). Sie sei vielmehr „eine diffuse Empfindung, die von in Praktiken involvierten Praktiker:innen gelebt und gefühlt wird. Sie besitzt eine affektive Qualität, ohne sich einfach positiven oder negativen Gefühlen zuordnen zu lassen (Reckwitz 2016). Ungewissheit kann unangenehm sein oder aufregend. Sie entsteht, wenn Gewohntes Risse bekommt, Gewohnheiten nicht mehr greifen und gleichsam abrutschen“ (ebd.).

Bonnet et al. schildern, Ungewissheit werde heut vor allem „als Folge informationaler Unterbestimmtheiten (Nicht-Wissen) und operativer Bedingungen (Unsicherheit und Kontingenz) beobachtet“ (Bonnet et al. 2021, S. 4). Andererseits werde sie ebenso „als eine Folge der als spezifisch modern ausgewiesenen Steigerung von Möglichkeitshorizonten für das Welterleben von Individuen verstanden“ (ebd.). Auf Kontingenz als Ausgangspunkt von Ungewissheit geht auch Luhmann ein, der bezogen auf Unsicherheiten, die sich aus Interaktionen ergeben, erklärt: „Alles auf andere Menschen bezogene Erleben und Handeln ist darin doppelt kontingent, dass es nicht nur von mir, sondern auch vom anderen Menschen abhängt, den ich als ebenso frei und ebenso launisch wie mich selbst begreifen muss“ (Luhmann 1972, S. 62 f.).

Ungewissheit im menschlichen Handeln entsteht daraus, dass Menschen sich in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich verhalten können. Ihr Handeln kann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden, aber nie mit absoluter Sicherheit. Das erzeugt Ungewissheit, was kommen wird. In ähnlicher Weise schildert auch Thiele, die „Ungewissheit liegt in der Unbekanntheit der Zukunft, in dem prinzipiell unbestimmbaren Verhalten des jeweils Anderen, in der Ungewissheit der Kopplung der Operationen der Kommunikation(Thiele 2008, S. 105). Summa summarum ist Ungewissheit eine Situation, in der alles möglich und vieles im Unklaren liegt, „da noch keine Selektion von Möglichkeiten stattgefunden hat“ (Germanis 2001, S. 13).

2 Differenzierte Betrachtung des Begriffs Ungewissheit

Hinzke et al. definieren in Anlehnung an Wehling (2006) Ungewissheit als Nicht-Wissen bzw. Nicht-Wissen-Können hinsichtlich des Forschungsprozesses und -produkts (Hinzke et al. 2023, S. 75). Ihnen zufolge kann der Begriff in epistemische und ontologische Ungewissheit sowie in technische und Konsensungewissheit ausdifferenziert werden (a.a.O, S. 60).

2.1 Epistemische Ungewissheit

Epistemisch ist Ungewissheit, wenn sie aus einem Mangel an Wissen, Daten oder Verständnis entsteht. Das ist eine Unsicherheit, die auf erkenntnistheoretischen Gründen beruht – also darauf, dass etwas (noch) nicht gewusst oder nicht sicher gewusst werden kann (Bäcker 2021, S. 85 f.). Epistemische Ungewissheit entsteht, wenn Informationen fehlen, unsicher sind oder nicht eindeutig interpretiert werden können. Sie betrifft u.a. Prognosen, Modellierungen oder Diagnoseentscheidungen und ist z.B. in der Medizin, in der Klimawissenschaft, im Militär und in der Politik von Bedeutung.

Ein Praxisbeispiel epistemischer Ungewissheit ist ein Arzt, der bei einem seltenen Krankheitsbild nur auf wenige Fallstudien und unsichere Diagnosekriterien zurückgreifen kann. Dies erzeugt epistemische Ungewissheit über den besten Behandlungsweg.

Zu unterscheiden ist die epistemische von der aleatorischen Ungewissheit, die sich auf Zufälligkeit und statistisch nicht kontrollierbare Variabilität (z.B. beim Würfeln oder bei den Lottozahlen) bezieht. Epistemische Ungewissheit kann durch mehr Wissen reduziert werden, aleatorische nicht (Kiesel und Schmidt 2019; Schmid 2008, S. 41 ff.).

2.2 Ontologische Ungewissheit

Ontologische Ungewissheit rührt aus der grundsätzlichen Offenheit und Unbestimmtheit der Wirklichkeit, also der Tatsache, dass nie alles gewusst werden kann und die Zukunft nicht vollständig vorhersehbar ist (Lucke und Diez 2023, S. 303 ff.). Im menschlichen Zusammenleben resultiert ontologische Ungewissheit aus der Kontingenz menschlichen Handels. Als komplexe Wesen sind Menschen frei darin, sich in unterschiedlichen Kontexten zu unterschiedlichen Zeiten in Interaktion mit unterschiedlichen Personen unterschiedlich zu verhalten (Ramin 2022, S. 109 ff.). Jedwede Entscheidungen sind dabei mit Ungewissheit behaftet, da sich menschliches Verhalten nie mit absoluter Gewissheit vorhersagen lässt.

Menschliches Zusammenleben ist kontextabhängig, vorläufig oder mehrdeutig. Ambiguitätstoleranz und Risikokompetenz sind daher bedeutende Fähigkeiten in modernen Gesellschaften (Voss 2022, S. 23 ff.; Nida-Rümelin und Weidenfeld 2022; Jenny 2018). Kurzum ist ontologische Ungewissheit ein Wesensmerkmal der Realität in offenen, dynamischen und komplexen Systemen. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie sich Gesellschaften, Technologien oder politische Ordnungen langfristig entwickeln. Hinzu kommt, dass z.B. in der Ökologie, Wirtschaft oder auch in sozialen Beziehungen schon kleine Impulse große, nicht vorhersehbare Veränderungen auslösen können (Eriksson et al. 2005, S. 884).

2.3 Technische Ungewissheit

Technische Ungewissheit bezeichnet Unsicherheit, die sich aus fehlender oder unzureichender technischer Machbarkeit, Funktionalität oder Anwendungskenntnis ergibt (Böhle 2016, S. 8 ff.; Neumer 2016, S. 59 ff.). Mit ihr gehen Zweifel an der Verlässlichkeit, Umsetzbarkeit oder Wirkung technischer Lösungen einher. Sie tritt insbesondere bei der Entwicklung, Implementierung oder Nutzung neuer Technologien oder Verfahren auf. Technische Ungewissheit ist z.B. dann gegeben, wenn ungewiss ist, ob eine bestimmte Technologie wie geplant funktioniert oder überhaupt umsetzbar ist. Ein Beispiel dafür wäre ein neuer medizinischer Wirkstoff, der unter Laborbedingungen gewisse positive Wirkungen zeigt, bei dem jedoch unklar ist, ob der Wirkstoff sich in der Praxis in Kombination mit anderen Stoffen stabil, produzierbar (z.B. in Tablettenform) und sicher zu einem Medikament entwickeln lassen wird.

Gegeben ist technische Ungewissheit insbesondere bei innovativen disruptiven Technologien oder in frühen Entwicklungsphasen, wenn verlässliche Daten, Normen oder Vergleichswerte fehlen. Ein Beispiel dafür wäre die Einführung eines neuen KI-Systems in der Sozialverwaltung, bei dem ungewiss ist, wie es sich im konkreten Arbeitsalltag bewährt, da unklar ist, ob die Fachkräfte das Programm annehmen und damit zurechtkommen. Technische Unsicherheit entsteht u.a. auch daraus, dass in komplexen Systemen vieles vom Zusammenspiel technischer Komponenten abhängt. Versagt ein Teil, ist das gesamte System gefährdet.

Die Praxisrelevanz technischer Ungewissheit zeigt sich z.B. darin, dass diese bei der Einführung neuer Tools, Software oder Geräte berücksichtigt werden muss. Denn häufig treten Fehler in der digitalen Infrastruktur auf, die zu erheblichen Problemen und Unsicherheiten führen (Ecke 2024; Höhne 2024; Deutsches Ärzteblatt 2023). In der Sozialen Arbeit spielt technische Unsicherheit aktuell bei der Digitalisierung von Dienstleistungen (Beratung, Aktenverwaltung), bei Datenschutzfragen oder beim Einsatz von Online-Kommunikation eine Rolle (Nixdorf 2024, S. 16 f.).

2.4 Konsensungewissheit

Konsensungewissheit bezeichnet eine Form von Ungewissheit, die entsteht, wenn kein gesellschaftlicher, fachlicher oder politischer Konsens über eine Sachfrage, ein Problem oder eine Handlungsstrategie besteht (Schuster und Scheu 2023, S. 9). Typischerweise tritt diese dann auf, wenn verschiedene Akteur:innen unterschiedliche Überzeugungen vertreten. Ein Merkmal von Konsensungewissheit ist fehlende Einigkeit trotz vorhandener Informationen. Die Debatte um ein Verbot der AfD, die Diskussion um die Nutzung von Atomkraft oder die Frage nach den Auswirkungen des Klimawandels sind Beispiele für Konsensungewissheit. Konsensungewissheit resultiert nicht primär aus fehlendem Wissen, sondern aus divergenten Bewertungen bestehender Informationen. Sie ist ein Konstitutionsmerkmale pluralistischer Gesellschaften, in denen verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Weltbildern und Zielen agieren.

In gesellschaftlichen Debatten kann Konsensungewissheit zu Konflikten, Vertrauensverlust und Polarisierung führen, etwa in Fragen von Migration, Impfung oder Bildungspolitik. Beispiele für Konsensungewissheit finden sich in der Wissenschaft (divergierende Theorien oder Studienlagen führen zu uneinheitlichen Empfehlungen), in der Politik (unterschiedliche politische Lager haben oft kein gemeinsames Verständnis davon, was als Problem gilt oder wie es gelöst werden soll) oder auch in der Sozialen Arbeit (Uneinigkeit darüber, was ein Fall ist und wie er zu bearbeiten ist). Konsensungewissheit ist nicht durch mehr Wissen allein auflösbar. Ihre Bearbeitung erfordert dialogische, partizipative Aushandlungsprozesse.

3 Ungewissheit in unterschiedlichen Fachdisziplinen

Das Verständnis von Ungewissheit unterscheidet sich in den Disziplinen Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Religion und Ethik.

3.1 Ungewissheit in der Pädagogik

In der Pädagogik ist Ungewissheit verknüpft mit der Erfahrung von Unklarheit, Unvorhersehbarkeit und Unentscheidbarkeit im pädagogischen Handeln sowie generell in Bildungsprozessen (Kabel und Pollmanns 2021). Ungewissheit ist ein konstitutives Element pädagogischer Praxis, das aus der Offenheit von Bildung, der Einzigartigkeit von Lernenden sowie aus widersprüchlichen Anforderungen an pädagogisches Handeln resultiert (Combe 2018, S. 54 ff.). Eine mögliche Ursache pädagogischer Unsicherheit ist die individuelle Vielfalt der Lehrenden und Lernenden (unterschiedliche Biografie, Motivationen, Fähigkeiten, Kontexte etc.). Weitere Gründe sind die oft komplexen Beziehungsdynamiken in pädagogischen Settings (Interaktionen zwischen Lehrenden und Lernenden sind nicht vollständig steuerbar), möglicherweise ambivalente Rollenerwartungen (Pädagog:innen sollen gleichzeitig fördern und fordern, Nähe herstellen und Distanz wahren, unterstützen und bewerten) sowie potenziell widersprüchliche Rahmenbedingungen (Spannungen zwischen institutionellen Vorgaben, normativen Idealen und realen Handlungsmöglichkeiten). Hinzu kommt die grundsätzliche Offenheit von Bildung. Diese zielt nicht auf eindeutige Ergebnisse, sondern eröffnet Möglichkeitsräume. Der Erfolg pädagogischer Maßnahmen ist daher prinzipiell ungewiss (Gruschka 2018; Helsper 2005).

Luhmann und Schor (1982) sprechen diesbezüglich von einem Technologiedefizit der Pädagogik, das einhergeht mit didaktischer Unsicherheit (was ist das „richtige“ Vorgehen im Unterricht oder in der Lernbegleitung?), moralischer Unsicherheit (welche Werte sollen vermittelt werden? Wie geht man mit normativen Konflikten um?), Entscheidungsunsicherheit (wie reagiert man angemessen in einer konkreten, oft einmaligen pädagogischen Situation?) und Prognoseunsicherheit (welche langfristige Wirkung haben Interventionen oder Erziehungsmaßnahmen?).

Die damit korrespondierende Unsicherheit ist in der Pädagogik nicht nur unvermeidlich, sondern auch potenziell sinnstiftend. Sie eröffnet die Möglichkeit zu Offenheit, Aushandlung und Individualisierung. Pädagogische Professionalität zeigt sich nicht darin, Unsicherheit zu vermeiden, sondern darin, durch reflektiertes, verantwortliches und beziehungsorientiertes Handeln kompetent mit ihr umzugehen (Michalek 2018). Das setzt professionelles Urteilsvermögen, Ambiguitätstoleranz und einzelfallgerechtes Fallverstehen ohne Standardlösungen voraus.

3.2 Ungewissheit in der Psychologie

In der Psychologie spielt Ungewissheit eine Rolle, da sie das Denken, Fühlen und Verhalten von Menschen in vielen Lebensbereichen beeinflusst. Ungewissheit ist ein grundlegendes menschliches Erlebensmoment. Sie kann belasten, aber auch zur persönlichen Entwicklung beitragen. Der psychologische Umgang mit Ungewissheit hängt stark von individuellen Ressourcen, Erfahrungen und Weltbildern ab. Ziel psychologischer Arbeit ist es häufig nicht, Ungewissheit zu beseitigen, sondern die Kompetenz zu stärken, mit ihr leben und wachsen zu können. Ungewissheit bezieht sich aus psychologischer Sicht sowohl auf alltägliche Entscheidungen als auch auf existenzielle Fragen.

Ungewissheit ist verbunden mit emotionalen Reaktionen wie Angst, Stress oder Kontrollbedürfnis. Sie ist kein rein kognitives Problem, sondern eine emotionale und motivationale Herausforderung (Bartsch und Hüber 2004, S. 111 ff.). Menschen neigen dazu, Ungewissheit oftmals als bedrohlich zu empfinden (Kiesel 2011). Die Erwartung eines ungewissen negativen Ereignisses (z.B. Diagnose, Jobverlust) wirkt oft belastender ist als die Gewissheit über ein schlechtes Ergebnis. Ungewissheit schwächt das Gefühl, Situationen beeinflussen zu können. Besonders in chronischen oder existenziellen Unsicherheiten (z.B. Krankheit, Beziehungskrisen, globale Krisen) entsteht psychischer Druck.

Dass Menschen Entscheidungen unter Ungewissheit häufig irrational und risikoavers treffen, konnten Kahneman und Tversky (1979) zeigen. Um Ungewissheit zu verringern, greifen Menschen oft auf mentale Abkürzungen wie Heuristiken, Bauchgefühle, Schwarz-Weiß-Denken und Vorurteile zurück (Gigerenzer 2007, S. 10 ff.). Manche Menschen haben dabei eine besonders niedrige Toleranz für Mehrdeutigkeit. Sie reagieren mit rigidem Denken, Kontrolle oder Vermeidung, wohingegen Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz Ungewissheit besser ertragen können, da sie auch unter deren Erleben flexibel, zuversichtlich und lösungsorientiert bleiben.

Viele Menschen versuchen auch, Unsicherheit durch Wissen zu reduzieren. Manche entwickeln eine Haltung des Vertrauens in sich selbst, in andere oder in spirituelle Konzepte. Überdies kann Therapie Raum für den Umgang mit Ungewissheit bieten. Psychotherapie kann Klient:innen dabei helfen, mit Unsicherheit zu leben, ohne sie zwanghaft auflösen zu wollen. Damit das gelingen kann, müssen Psychotherapeut:innen mit diagnostischen Unsicherheiten umgehen und eine Balance zwischen Wissen und Offenheit wahren können.

3.3 Ungewissheit in der Soziologie

In der Soziologie gilt Ungewissheit als Strukturmerkmal gesellschaftlicher Wirklichkeit. In soziologischer Perspektive wird Unsicherheit durch Institutionen bearbeitet, durch Vertrauen kompensiert und durch soziale Praktiken stabilisiert (Schmid 2021, S. 40; Luhmann 2011, S. 7 ff.). Moderne Gesellschaften sind dadurch geprägt, dass sie mit wachsender Ungewissheit leben müssen. Gesellschaften sind komplexe, offene Systeme, in denen soziale Ordnung nie vollständig vorhersehbar oder stabil ist. Die Soziologie untersucht, wie Menschen, Gruppen und Institutionen mit Ungewissheit umgehen, sie strukturieren, bewältigen und (re)produzieren. Institutionen dienen durch komplexitätsreduzierende Rollen, Normen und Routinen der Stabilisierung von Ungewissheit. Sie machen ein gewisses Verhalten erwartbar, aber niemals sicher vorhersagbar (Lindenau und Stiehler 2024, S. 11 ff.).

In vormodernen Gesellschaften waren viele Lebensbereiche durch Traditionen geregelt. Die Modernisierung der Welt verändert das. Sie führt zu Enttraditionalisierung, die mit Unsicherheit einhergeht (Treibel 2006, S. 245 ff.). Beck (2020) konstatiert, die moderne Gesellschaft produziere systematisch Risiken, die unübersichtlich und nicht kontrollierbar seien, darunter z.B. Umweltkatastrophen, Finanzkrisen oder technologische Folgen. Die Gesellschaft müsste flexibel auf neue Entwicklungen reagieren, was alte Sicherheiten infrage stelle. Die Soziologie setzt sich somit auch mit Paradoxien der Unsicherheit und Unsicherheitsabsorption auseinander. Organisationen werden aufgebaut, um Abläufe zu ordnen und Unsicherheiten zu kontrollieren. Dies erzeugt aber zugleich neue Ungewissheiten, z.B. durch Intransparenz oder starre Routinen (Luhmann 2011, S. 123 ff.).

Wissenschaft und Technik dienen der Wissensproduktion zur Reduktion von Ungewissheit, machen aber auch deutlich, dass jedes Wissen vorläufig ist und falsifiziert werden könnte. Hinzu kommt, dass gewisse Handlungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in Reaktion auf Ungewissheit probat erscheinen, das zu einem anderen Zeitpunkt nicht mehr sein müssen, weil sich die Welt ständig verändert. Diese Veränderung erzeugt neue Ungewissheiten.

3.4 Ungewissheit in der Religion

Ungewissheit ist in der Religion ein Thema, das sich im individuellen Glauben, in religiösen Institutionen und in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen widerspiegelt. Religionen reagieren auf Unsicherheiten wie Tod, Leid, Schuld, Sinnfragen etc. und absorbieren diese gleichzeitig, indem sie Erklärungen dafür geben (Luhmann 2002, S. 110 f.). Religionen bieten Deutungen für das, was rational nicht erklärbar ist. Sie strukturieren durch Erzählungen, Rituale und Glaubenssysteme die Welt und reduzieren das Gefühl von Zufälligkeit. Damit geben Religionen Orientierung und Ordnung. Mit ihren Geboten und Traditionen erzeugen sie soziale Sicherheit wie auch ein Gefühl kollektiver Verbundenheit. Dadurch ist Religion eine kulturelle Strategie zur Bewältigung von Unsicherheit (Krech 2023, S. 27).

Trotz dieser strukturierenden und unsicherheitsabsorbierenden Funktion sind Religionen selbst nicht frei von Ungewissheiten. Heilige Schriften lassen sich unterschiedlich auslegen. Es gibt selten eindeutige Wahrheiten. Individuelle Gläubige erleben immer wieder innere Konflikte, Zweifel und Brüche im Vertrauen auf Gott, göttliche Gerechtigkeit oder Sinn. Überdies stellt die Koexistenz verschiedener Religionen und Glaubensformen die Exklusivität einzelner Wahrheiten infrage. Ferner stehen Religionen vor der Herausforderung, sich zu wandelnden Wissens- und Gesellschaftsformen zu positionieren, in denen religiöser Synkretismus immer mehr an Bedeutung gewinnt (Kurth 2008, S. 23 ff.; Nixdorf 2008).

Religion ist in spiritueller und institutioneller Form somit immer auch ein Raum, in dem Ambivalenz und Zweifel zugelassen wird, wo Glauben anstelle von Wissen ein bewusster Umgang mit Nichtwissen ist. So wird in vielen religiösen Traditionen (z.B. christlich-mystisch, buddhistisch) denn auch betont, dass das Göttliche letztlich nicht eindeutig erfassbar sei – und dass genau darin eine spirituelle Tiefe liege. Religion hat damit eine doppelte Funktion im Verhältnis zur Unsicherheit. Sie ist einerseits eine potenzielle Antwortgeberin in einer ungewissen Welt. Andererseits gibt sie gleichzeitig einen Raum, in dem Unsicherheit zugelassen, ausgehalten und gedeutet wird.

3.5 Ungewissheit in der Ethik

Ungewissheit gehört zur Ethik, weil moralisches Handeln selten auf vollständiger Sicherheit basiert. Die Ethik fordert eine reflektierte Haltung, die Zweifel als Ausdruck von Verantwortung, Lernfähigkeit und moralischer Reife versteht. Ethisch kompetent zu sein heißt nicht, immer sicher zu wissen, was richtig ist, sondern auch im Ungewissen verantwortungsvoll entscheiden zu können (Deutscher Caritasverband 2016). Ethik beschäftigt sich oft mit Situationen, in denen nicht klar ist, was das Richtige ist, in denen aber dennoch Handeln erforderlich ist. Sie ist häufig mit dilemmatischen Situationen konfrontiert, in denen die Folgen eines Handelns ungewiss sind, die moralischen Prinzipien in Konflikt stehen können, nicht immer alle Informationen vorliegen und unklar ist, wie sich andere Beteiligte verhalten werden.

Einige Beispiele für die Reflexion ethischer Fragen finden sich in der Medizin (bei einer Katastrophe mit begrenzten Ressourcen muss im Rahmen einer Triage entschieden werden, wer gerettet wird und wer nicht), in der Klimapolitik (inwieweit dürfen Kosten für klimapolitische Versäumnisse späteren Generationen auferlegt werden?), in der Sterbehilfe (kann aktive Sterbehilfe bei heftigem Leiden moralisch geboten sein?) oder auch in der Migration (sollen Schiffe zur Seenotrettung finanziert werden, obgleich das die Migration ohne Visum oder Aufenthaltstitel befördert?). Die Auseinandersetzung mit Ungewissheit findet sich in unterschiedlichen ethischen Theorien. Der Utilitarismus etwa bewertet Handlungen nach ihren Folgen. Diese aber sind oft ungewiss. Hier stellt sich die Frage, wie sich moralisch entscheiden lässt, wenn der Ausgang unbekannt ist (Liebert 2020).

In der deontologischen Ethik werden die Voraussetzungen des Handelns fokussiert. Sie stützt sich z.B. auf Prinzipien wie „du sollst nicht Lügen“ oder „du sollst Vater und Mutter ehren“. In diversen Fällen kann aber ungewiss sein, welches Prinzip Vorrang hat. Ein Beispiel wäre, wenn der Vater eine Straftat begangen hat und sein Sohn gegen ihn aussagen soll. Soll er seinen Vater verpfeifen oder ehren? In der Tugendethik wiederum stehen Charakter und Haltung im Fokus. Hier ist der Umgang mit Unsicherheit selbst ein ethisches Kriterium (Werner und Düwell 2013). Keine Ethik ist frei von Ungewissheit. Je nach Denkschule wird damit nur unterschiedlich umgegangen. Ethisch kompetent zu agieren umfasst, auch im Ungewissen verantwortungsvoll entscheiden zu können. Fachkräfte müssen unter Zeitdruck, mit unvollständigen Informationen und widersprüchlichen Erwartungen moralisch verantwortlich handeln (können). Wie das aussehen kann, wird in der jeweiligen Berufsethik reflektiert.

4 Unterscheidung zu verwandten Begriffen

Im alltäglichen Sprachgebrauch werden Begriffe, wie „Ambiguität“, „Ambivalenz“, „Unsicherheit“ und „Risiko“, teilweise synonym verwendet und vermischt.

4.1 Ambiguität vs. Ungewissheit

Ambiguität und Ungewissheit sind beides Begriffe, die sich mit Uneindeutigkeit beschäftigen, sie meinen jedoch verschiedene Arten von Nicht-Eindeutigkeit. Unter Ambiguität wird die Mehrdeutigkeit von Bedeutungen, Interpretationen oder Situationen verstanden. Das heißt, dass hinsichtlich der Gegebenheit, Situation, Information, Fragestellung etc. mehrere Deutungsmöglichkeiten nebeneinander existieren und unklar bleibt, welche davon „richtig“ ist. Im menschlichen Miteinander ergeben sich Ambiguitäten vor allem im Kontext von Sprache, Symbolik, Rollen, Identitäten oder kulturelle Codes, deren Deutungen vom Kontext, der Perspektive oder Interpretation abhängen.

Ungewissheit dagegen bezeichnet den Mangel an sicherem Wissen über einen Sachverhalt, eine Entscheidung oder die Zukunft. Wenn Ungewissheit herrscht, ist nicht klar, was passieren wird, wie etwas ausgeht oder wie es zu verstehen ist. Ambiguität verweist darauf, dass etwas mehrere Bedeutungen hat, wohingegen mit Ungewissheit einhergeht, dass nicht gewusst wird, was passieren wird oder was richtig ist. Beide Formen des Nicht-Wissens fordern psychische und soziale Kompetenzen im Umgang mit Komplexität. Ambiguität erfordert Interpretationsoffenheit, Ungewissheit erfordert Handlungsfähigkeit ohne Garantie. Die folgende Gegenüberstellung zeigt die Unterschiede beider Konzepte exemplarisch auf:

Tabelle 1: Unterscheidungsmerkmale von Ambiguität und Ungewissheit (eigene Darstellung)
Ambiguität Ungewissheit
Art des Nichtwissens Mehrere Bedeutungen sind möglich Unklarheit über Verlauf, Zustand oder Zukunft
Fokus Interpretation, Sinn Information, Entscheidung, Zukunft
Typische Fragen „Was bedeutet das?“ „Was wird passieren?“ „Was soll ich tun?“
Beispiel Eine Geste kann freundlich oder sarkastisch sein Ich weiß nicht, wie mein Gegenüber reagieren wird
Umgang Ambiguitätstoleranz (Aushalten von Mehrdeutigkeit) Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit unter Unsicherheit

4.2 Ambivalenz vs. Ungewissheit

Ambivalenz ist ebenfalls ein mit Ungewissheit verknüpfter Begriff. Beide Begriffe beschreiben Zustände der Uneindeutigkeit, meinen jedoch unterschiedliche Phänomene. Unter Ambivalenz lässt sich das gleichzeitige Nebeneinander widersprüchlicher Gefühle, Werte oder Bewertungen verstehen. Der Fokus liegt auf innerpsychischen oder sozialen Spannungen. Ambivalenz zeichnet sich dadurch aus, dass zwei (oder mehr) entgegengesetzte Tendenzen gleichzeitig bestehen und dadurch zu einem inneren Zwiespalt. Ambivalenz ist gegeben, wenn zwei Dinge gleichzeitig gelten, was bei vielen Menschen vor allem dann eine innere Spannung erzeugt, wenn die gegebenen Dinge zu einem Zielkonflikt oder einem moralischen Konflikt führen (Rigamonti 2023, S. 299 ff.; Sautermeister 2021).

Ein Beispiel für Ambivalenz ist etwa, wenn jemand sagt, er liebe seinen Job, dass dieser ihn aber auch überfordere. Ambivalenz kann sich auch durch gesellschaftlichen und technischen Fortschritt einstellen, wenn dieser Fortschritt z.B. als Entlastung aber ebenso als Bedrohung erlebt wird. Kurzum bezieht sich Ambivalenz auf die Gleichzeitigkeit von Gegensätzen, wohingegen Ungewissheit das Nichtwissen über den Zustand oder den Verlauf einer Sache meint. Ambivalenz wie auch Ungewissheit kann mit Reflexions- und Entscheidungskompetenz begegnet werden. Ambivalenz verlangt dabei den Umgang mit Widerspruch, Ungewissheit hingegen verlangt Umgang mit Nichtwissen. Die folgende Gegenüberstellung zeigt die Unterschiede beider Konzepte exemplarisch auf:

Tabelle 2: Unterscheidungsmerkmale von Ambivalenz und Ungewissheit (eigene Darstellung)
Ambivalenz Ungewissheit
Fokus Innere Widersprüche oder Gegensätze Fehlende Klarheit über Informationen oder Zukunft
Emotionale Qualität Zwiespalt, Spannung Unsicherheit, Sorge, Abwarten
Beispiel „Ich will gehen und bleiben“ „Ich weiß nicht, ob ich bleiben soll“
Lösung Integration, Aushalten von Gegensätzen Suche nach Information, Entscheidung, Vertrauen
Sozialer Kontext z.B. widersprüchliche Normen, Werte z.B. politische, ökonomische oder persönliche Offenheit

4.3 Unsicherheit vs. Ungewissheit

In der Psychologie und in der Literaturwissenschaft wird zwischen Unsicherheit und Ungewissheit oftmals dahingehend differenziert, als dass Unsicherheit als subjektives Gefühl der Instabilität oder Bedrohung bezeichnet wird, wohingegen Ungewissheit eine vom Subjekt unabhängige, objektive Offenheit einer Gegebenheit ohne klare Faktenlage meint (Ameln und Iwers 2021; Boeckelmann und Mildner 2011; Albach 1979). Beispielsweise kann sich ein Mensch trotz klarer Fakten subjektiv unsicher fühlen. Er kann eine Situation, die aufgrund ihrer hohen Komplexität objektiv betrachtet ungewiss ist, aber subjektiv durchaus ruhig akzeptieren, wenn er eine hohe Ambiguitätstoleranz aufweist. Überdies wird Unsicherheit oft emotional konnotiert (ich fühle mich unsicher), wohin mit Ungewissheit eher sachliche Gegebenheiten verknüpft sind (der Ausgang ist ungewiss).

Knight (1921) zufolge hängt die Unterscheidung zwischen Unsicherheit und Ungewissheit davon ab, ob mögliche Ereignisse bekannt und quantifizierbar sind. Unsicherheit ist ihm zufolge gegeben, wenn mögliche Resultate eines Handelns oder Ereignisses bekannt sind, aber deren Wahrscheinlichkeit unklar ist. In anderen Worten: Man weiß, dass ein Projekt scheitern kann, kennt aber keine Wahrscheinlichkeiten. Diesbezüglich herrscht Unsicherheit. Ungewissheit dagegen zeichnet aus, dass möglichen Ergebnisse selbst nicht bekannt oder nicht erfassbar ist. Ungewissheit meint, man weiß nicht einmal, was alles eintreten könnte (z.B. bei gesellschaftlichen Umbrüchen). Da die Unterscheidung von Unsicherheit und Ungewissheit aber nicht allen Menschen bekannt ist und da diverse Autor:innen die Begriffe synonym verwenden, überschneiden sich die Konzepte.

Eine weitere mögliche Unterscheidung zwischen Unsicherheit und Ungewissheit wurde in Februar 2002 durch den damaligen US-Verteidigungsminister Donald H. Rumsfeld (1932–2021) populär, als er in einer Pressekonferenz zwischen sicheren Unsicherheiten und unsicheren Unsicherheiten unterschied (Daase und Kessler 2007). In seiner populären Rede erklärte Rumsfeld: „There are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns – the ones we don't know we don't know“. Diese Unterscheidung ist allerdings keine Erfindung von Rumsfeld, sondern wurde bereits 1955 von Luft und Ingham als Grundlage für ihr Johari-Fenster (Luft 1982) in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt. Die folgende Matrix veranschaulicht die Unterscheidungen:

Tabelle 3: How to differenciate Known and Unknown Knowns/​Unknowns (in Anlehnung an Rumsfeld 2002)
Known Knowns
Was wir wissen, dass wir es wissen (z.B. Fakten und Regeln)
Known Unknowns
Was wir wissen, dass wir es nicht wissen (z.B. bekannte Risiken)
Unknown Knowns
Was wir nicht wissen, dass wir es wissen (z.B. unbewusstes Wissen)
Unknown Unknowns
Was wir nicht wissen, dass wir es nicht wissen (z.B. Krisen)

4.4 Risiko vs. Ungewissheit

Eine klare Unterscheidung zwischen Ungewissheit und Risiko findet vor allem in der Ökonomie, Soziologie und Entscheidungsforschung statt. Hier liegt der Unterschied darin, ob Wahrscheinlichkeiten für mögliche Ereignisse bekannt und berechenbar sind oder nicht. Ein Risiko ist gegeben, wenn eine Unsicherheit mit bekannten Wahrscheinlichkeiten einhergeht und wenn die möglichen Ereignisse identifizierbar sind (Gigerenzer 2019). Die Eintrittswahrscheinlichkeiten eines Risikos kann geschätzt oder berechnet werden. Ein Risiko ist somit quantifizierbar und damit „kontrollierbar“, Ungewissheit hingegen ist es nicht (Boeckelmann und Mildner 2011; Niehaus 2022, S. 28).

Beim Roulette ist das Verlustrisiko mathematisch ebenso berechenbar wie beim Lotto-Spielen. Aus der Unfallstatistik beispielsweise lässt sich ableiten, wie riskant es ist, Auto zu fahren. Weil das Risiko berechenbar ist, kann man sich gegen die Kosten von Unfällen versichern. Gegen Unsicherheit hingegen kann man sich auf dem Markt nicht versichern (Horn 2021, S. 54). Ungewissheit zeichnet aus, dass nicht klar ist, welche Ereignisse überhaupt eintreten könnten (Geramanis 2002, S. 92 ff.). Man weiß nicht nur nicht, ob etwas geschehen wird, sondern auch nicht, was geschehen könnte. Dies ist gegeben, wenn Eintrittswahrscheinlichkeiten nicht bestimmbar sind. Daher kann Ungewissheit als fundamentales Nichtwissen verstanden werden (Asselt und Renn 2011; Arven und Ortwin 2009). Die folgende Gegenüberstellung zeigt die Unterschiede beider Konzepte auf:

Tabelle 4: Unterscheidungsmerkmale von Risiko und Ungewissheit (eigene Darstellung)
Risiko Ungewissheit
Bekannte Alternativen Ja Nicht vollständig bekannt
Wahrscheinlichkeiten Berechenbar Nicht quantifizierbar
Entscheidungshilfe Modelle, Statistiken, Risikomanagement Intuition, Erfahrung, Szenarien, Urteilskraft
Beispiel Versicherungsprämie, Börsenschwankung Politische Krise, technologische Umbrüche
Steuerbarkeit Hoch (technisch/​finanziell handhabbar) Gering (fordert flexible, offene Strategien)

5 Verbreitung von Ungewissheit

„Wandel ist die einzige Konstante“ lautet eine Volksweisheit. Das betonen auch Lindenau und Stiehler: „Ungewissheit und Unsicherheit sind wohl die einzig verlässlichen Konstanten, die das menschliche Leben aufzuweisen hat“ (Lindenau und Stiehler 2024, S. 9). In der Philosophie spielt die Reflexion von Unsicherheit daher seit jeher eine bedeutende Rolle. Auch in den modernen Naturwissenschaften ist sie von Bedeutung und wird als konstitutives und produktives Element beschrieben (Lübcke und Heuckmann 2024, S. 59). Der Prozess des Forschens wie auch dessen Resultat bleiben unklar. Vieles, auch unerwartete Funde in Folge von Serendipität, sind ungewiss.

Die moderne Gesellschaft zeichnet sich durch einen ständigen Zuwachs an Informationen, Wahlmöglichkeiten und Veränderungen aus. Zeitgleich fallen Stützsysteme weg, verändern sich Werte und Traditionen, was neue Entwicklungsaufgaben mit sich bringt und Ungewissheit verstärken kann. Die Covid-19-Pandemie, der Klimawandel, der Wandel des Arbeitsmarktes, der demographische Wandel, die Umstellung auf erneuerbare Energien, der Krieg in der Ukraine, der Konflikt zwischen China und Taiwan, die Migration, die Zollpolitik der US-Regierung, die rasanten Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz und vieles mehr haben den Umgang mit Ungewissheit in den letzten Jahren in den Fokus der Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit gerückt (Lermer und Hudecek 2022, S. 9 ff.).

Die Publikationen der letzten Jahrzehnte decken fast alle wissenschaftlichen Disziplinen ab und zeigen damit, dass sowohl in der Pädagogik, Psychologie, Philosophie und Soziologie wie auch in Physik, Medizin, Wirtschafts-, Religions- und Rechtwissenschaften sowie in den Klima- und Ernährungswissenschaften die Auseinandersetzung mit Ungewissheit an Bedeutung gewinnt.

6 Potenzial von Ungewissheit

Ungewissheit wird von vielen Menschen als lästig erlebt. Das menschliche Bestreben ist zumeist, sie zu überkommen. Gerade darin liegt ein möglicher Nutzen der Ungewissheit, denn ohne sie gäbe es keinen Erkenntnisgewinn. Erst die Ungewissheit, das Nicht-Wissen, fungiert als motivationale Triebfeder des menschlichen Bedürfnisses, verstehen zu wollen, also Wissen zu erzeugen, wo vorher keines bestand. Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn profitiert dabei von Divergenz und Pluralität. Ungewissheit in Folge eines fehlenden Konsenses etwa „ist einer der aussagekräftigsten Indikatoren dafür, dass sich ein Forschungsgebiet in produktiver Dynamik befindet“ (Eilenberger 2021, S. 11).

Ungewissheit unterbricht den Gang der Dinge und zwingt zum Innehalten und Nachdenken. Damit kann sie das bewirken, dass Sachverhalte intensiv betrachtet und reflektiert werden, was dem Erkenntnisgewinn dienlich sein kann. Somit kann Ungewissheit auch ein Treiber von Kreativität sein: Man weiß nicht genau, was man tun soll und tut daher irgendwas, was ggf. eine Erkenntnis bringt, mit der man weiterarbeiten kann. Ungewissheit hat auch einen Nutzen, weil sie das Handeln wahrscheinlich macht, argumentiert auch Baecker (Baecker 2003, S. 57). Wir sind mit Ungewissheit konfrontiert, woraufhin man forscht, experimentiert und Dinge ausprobiert. So erzeugen wir Wissen, das dann wieder andere Menschen aufgreifen, verknüpfen und weiterdenken können.

Ungewissheit eröffnet immer auch Möglichkeitsräume(Liebau 2020, S. 5). Das Reflektieren von Möglichkeitsräumen verweist auf einen weiteren Nutzen, der mit dem Erleben von Ungewissheit einhergehen kann: Sie kann Menschen aufmerksam, achtsam und vorsichtig halten. Ungewissheit kann für mögliche Gefahren sensibilisieren, da sie dazu führen kann, dass Menschen sich intensiv Gedanken dazu machen, was alles schief gehen könnte und wo etwaige Gefahrenquellen liegen können. Dieser Aspekt des Aufgreifens von Ungewissheit ist in der Arbeit mit komplexen Systemen ebenso relevant wie im Militär, in der Sozialen Arbeit, in der medizinischen Versorgung und generell in High Reliability Organization.

Auf individueller Ebene gilt zudem, dass Ungewissheit Menschen zwar einerseits ängstigen oder gar lähmen kann, sie aber auch dazu führen kann, dass Menschen fokussierter und ausdauernder an sich arbeiten, dass sie aktiv(er) werden und sich empowern. Gerade weil Menschen ein Bedürfnis nach Sicherheit und Klarheit haben, kann Ungewissheit dazu führen, dass sie Arbeiten (an sich selbst oder an beruflichen Kontexten) intensiver angehen. In Folge der Volatilität der Welt ist die dadurch gewonnene vermeintliche Gewissheit mitunter zwar nicht wirklich gegeben, sondern allenfalls noch selbstsuggestiv, der davon ausgehende Effekt, der Glaube, selbstwirksam zu sein, Dinge bewerkstelligen zu können und dadurch mehr Klarheit und Sicherheit zu erlangen, kann aber ganz real sein (Schüßler 2022, S. 55 ff.).

7 Umgang mit Ungewissheit

Es gibt keine universelle, immer gültige Antwort darauf, wie sich mit Ungewissheit gut umgehen lässt. Mit Sicherheit gilt nur, dass es eines aktiven Sich-Auseinandersetzens damit wie auch die Bereitschaft bedarf, Entscheidungen zu treffen. Erfolgreich mit Ungewissheit umzugehen beinhaltet, Handlungsfähigkeit zu erhalten, Komplexität zu begrenzen, ohne sie zu stark zu vereinfachen und Entscheidungsüberlastung zu vermeiden. Nach Böhle ist es notwendig, „jenseits von Sicherheit und Risiken Ungewissheit neu in den Blick zu nehmen und Handlungsfähigkeit mit Ungewissheit zu entwickeln. Dies beinhaltet auch Ungewissheit nicht nur als Defizit zu sehen, sondern auch die Möglichkeit eines produktiven Umgangs mit Ungewissheit und die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten durch Ungewissheit in Betracht zu ziehen“ (Böhle 2016, S. 7). Je nachdem, um welche Art von Ungewissheit es sich handelt, kann das unterschiedlich aussehen.

7.1 Umgang mit epistemischer Ungewissheit

Epistemische Ungewissheit lässt sich zwar nicht durch Wissen gänzlich eliminieren, wohl aber reflektiert gestalten. Das zu tun erfordert intellektuelle Redlichkeit, methodische Vielfalt und Mut zur Anerkenntnis von Vorläufigkeit. Souverän mit epistemischer Ungewissheit umzugehen ist vor allem in Forschung und Entwicklung, aber auch in Therapie und Beratung wichtig. Eine adäquate Strategie zum konstruktiven Umgang mit epistemischer Ungewissheit kann sein, diese als normalen Zustand in komplexen Systemen zu begreifen. In der Wissenschaft ist es normal, Wissen als vorläufig, revisibel und potenziell falsifizierbar zu sehen. Unsicherheiten transparent zu benennen und anzuerkennen, dass wir vieles (noch) nicht wissen, ist eine sinnvolle Grundhaltung (Retzbach und Maier 2014).

Nichtwissen anzuerkennen erfordert Urteilsfähigkeit, Abwägung und Verantwortung. Eine ethische Reflexion dessen, was aus dem Handeln unter Unsicherheit folgen kann, ist ebenso wichtig wie eine solide Datenanalyse. Diesbezüglich hilfreich kann es sein, interdisziplinäre Perspektiven einzubinden, da komplexe Fragen von vielfältigen Zugängen profitieren. Sich dem Nicht-Wissen multiperspektivisch zu nähern, kann befördern, zu einer differenzierten Einschätzung zu gelangen. Des Weiteren bedarf es für einen souveränen Umgang mit Ungewissheit einer kritische Reflexion über die Art des (Nicht-)Wissens (empirisch, theoretisch, erfahrungsbasiert), dessen Qualität (gesichert, vorläufig, spekulativ) und den Kontext (für wen und wozu ist dieses Wissen relevant?).

Hilfreich im Umgang mit epistemischer Ungewissheit kann es ferner sein, Szenarien zu entwerfen. Wo keine klaren Vorhersagen möglich sind, helfen diese, verschiedene Entwicklungen zu durchdenken. Die Szenariotechnik kann helfen, Handlungsspielräume trotz Ungewissheit zu erweitern. Da Organisationen durch unvorhersehbare Umweltbedingungen, komplexe Aufgaben, Rollenkonflikte, widersprüchliche Anforderungen, und Informationslücken ständig mit Ungewissheiten konfrontiert sind, kann es zudem hilfreich sein, systematisch Puffer und Zwischeninstanzen (Organizational Slack) in Prozessen bereitzuhalten (Näslund 1964; Luhmann 2011, S. 183 ff.).

7.2 Umgang mit ontologischer Ungewissheit

Da ontologische Ungewissheit nicht aus fehlendem Wissen, sondern aus der grundsätzlichen Offenheit, Unbestimmtheit und Nicht-Vorhersehbarkeit der Welt entsteht, erfordert ein gekonnter Umgang mit ihr nicht etwa bessere Daten, sondern eine konstruktive Haltung gegenüber Nicht-Wissen. Der produktive Umgang mit ontologischer Ungewissheit verlangt flexibles Denken, geteilte Verantwortung und Vertrauen in dynamische Prozesse. In einer Welt des Wandels ist nicht Wissen der höchste Wert, sondern die Fähigkeit, mit Nichtwissen kreativ und verantwortlich umzugehen (Zeuch 2011, S. 99 ff.; Strulik 2011, S. 117 ff.). Nützlich für den Umgang mit ontologischer Ungewissheit kann es daher sein, sich bewusst zu machen, dass ontologische Ungewissheit nicht eliminierbar ist.

Dies anzuerkennen, statt Kontrolle erzeugen zu wollen, die letztlich scheitern muss, kann entlastend wirken (Brodbeck 2011, S. 30 ff.). Ebenfalls hilfreich ist es, mehrere mögliche Zukünfte zu antizipieren und in Politik, Bildung und Sozialer Arbeit Räume zu schaffen, um Ungewissheit gemeinsam zu thematisieren. Helfen kann ferner, eine Ethik der Vorläufigkeit zu kultivieren. Handeln unter ontologischer Ungewissheit braucht Verantwortung statt Gewissheit. Das verlangt das Anerkennen von Nichtwissen als Bestandteil moralischer Urteilsbildung. Im Umgang mit ontologischer Ungewissheit hilft es schließlich, mit Mehrdeutigkeit, Widersprüchen und Offenheit umgehen zu können.

7.3 Umgang mit technischer Ungewissheit

Auch bei technischer Ungewissheit gilt, dass sie sich nie vollständig vermeiden, wohl aber gestalten lässt (Deutscher Ethikrat 2023). Technischer Ungewissheit gut begegnen lässt sich in einer Kultur des Lernens, der Offenheit und der Kooperation. Der konstruktive Umgang damit zeichnet sich aus durch ein Denken in Möglichkeiten, Risiken und Chancen. Dabei hilft, Fehler systematisch als Lernquelle zu nutzen (Terhart und Zeuch 2011, S. 142 ff.). Sinnvoll für den konstruktiven Umgang mit technischer Ungewissheit kann neben einer positiven Fehlerkultur auch ein inkrementelles Herantasten an technische Innovationen sein (Beck 2021). Das beinhaltet Prototyping, Pilotprojekte und agiles Arbeiten, wie es in der Softwareentwicklung seit jeher die Norm ist.

Gerade wenn Ungewissheit herrscht, ist offene Kommunikation von Bedeutung. Fehlende Sicherheit darf nicht verschwiegen, sondern muss reflektiert kommuniziert werden, was Vertrauen schafft (Mertin et al. 2023). Je komplexer die technische Entwicklung, desto essenzieller ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Um die Funktionalitäten, den Nutzen und die potenziellen Risiken von innovativen Produkten und Dienstleistungen adäquat abschätzen zu können, ist es hilfreich, wenn technische Lösungen nicht nur von Ingenieur:innen erarbeitet werden, sondern wenn auch Ethiker:innen, Jurist:innen, Sozialwissenschaftler:innen und Anwender:innen eingebunden sind. Dadurch können Risiken ganzheitlich bewertet und Nebenwirkungen frühzeitig erkannt werden.

Mittels Risikoanalysen können Schwachstellen identifiziert werden, was Prävention ermöglicht und Resilienz fördern kann. Technikakzeptanz steigt in der Regel, wenn Menschen Systeme verstehen und mitgestalten können. Mehr Technikvertrauen und -kompetenz können durch gezielte Technik-Bildung und Schulungen gestärkt werden, wie das schon einige allgemeinbildende Schulen leisten, die Informatik in den Lehrplan aufgenommen haben. Ein weiterer Umgang mit technischer Ungewissheit ist die Entwicklung fehlertoleranter Systeme, Notfallstrategien, Backup-Systeme und Notabschaltungen.

7.4 Umgang mit Konsensungewissheit

Wer mit Konsensungewissheit umgehen kann, trägt dazu bei, Vielfalt produktiv zu gestalten. Ein konstruktiver Umgang mit Konsensungewissheit beinhaltet die Akzeptanz von Dissens als Normalfall (Reuter 2023). Nicht alle Konflikte lassen sich auflösen. Wo kein Konsens besteht, braucht es Diskurse, z.B. durch Debatten, Ethikforen und die strukturierte Beteiligung von Bürger:innen. Ein gelungenes Beispiel dafür ist das 2023 etablierte Forum „Nachhaltige Ernährung“, bei dem per Zufallsprinzip ausgewählte Bürger:innen im Austausch mit Fachexpert:innen Empfehlungen erarbeiteten (Deutscher Bundestag 2024). Das Ziel des konstruktiven Umgangs mit Konsensungewissheit kann nicht die Vereinheitlichung von Meinungen sein, sondern die Förderung von Transparenz bestehender Unterschiede und die Verständigung über sie. Das setzt die Bereitschaft zum Dialog und zum Perspektivenwechsel wie auch zur Klärung von Interessen, Werten und Deutungen voraus (Weißeno et al. 2010, S. 115).

Häufig basiert Uneinigkeit nicht auf Fakten, sondern auf unterschiedlichen Wertvorstellungen oder Problemanalysen. Eine konstruktive Frage im Umgang mit Konsensungewissheit ist daher, was für wen in welcher Lage bedeutsam ist. Wo kein Konsens möglich ist, können vorläufige oder lokale Lösungen helfen, Erfahrungen zu sammeln. Auch ohne Einigkeit über Inhalte kann Einigkeit über das „Wie“ entstehen, indem die Verfahren, nach denen diskutiert und entschieden wird, transparent gemacht werden. Ein respektvoller Umgang mit divergenten Meinungen und ein nachvollziehbarer Entscheidungsprozess sind von Bedeutung, um auch bei Ungewissheit und Nicht-Zustimmung zu gewissen Entscheidungen Akzeptanz zu erreichen.

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Verfasst von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Braunschweig.
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