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Vaerting, Mathilde

Sarah Elisabeth Ganss

veröffentlicht am 24.06.2026

Weitere Schreibweise: Mathilde Themis Vaerting

Amtlicher Name: Maria Johanna Mathilde Vaerting

GND: 119074923

* 10.01.1884 in Messingen

06.05.1977 in Schönau im Schwarzwald

Aussprache: das ‚e‘ ist ein Dehnungs-E, das ‚v‘ wird wie ein ‚f‘ ausgesprochen [ˈfaːɐtɪŋ]

Universitätsarchiv Jena
Abbildung 1: Mathilde Vaerting (Universitätsarchiv Jena)

Mathilde Vaerting wurde 1923 als erste Frau in Deutschland als Professorin an eine Universität berufen. Sie forschte an der Schnittstelle von Psychologie, Pädagogik sowie Soziologie und interessierte sich für Macht‑ und Ungleichheitsverhältnisse, beispielsweise im deutschen Schulsystem.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Lebenslauf
    1. 2.1 Kindheit
    2. 2.2 Studium
    3. 2.3 Professur
    4. 2.4 Zeit des Nationalsozialismus
    5. 2.5 Späte Jahre
  3. 3 Lebenswerk
    1. 3.1 Erste Forschungsarbeiten
    2. 3.2 Habilitation
    3. 3.3 Zeit der Professur
    4. 3.4 Spätwerk
  4. 4 Wirkungsgeschichte
    1. 4.1 Erste Rezeption in den 1920er‑ bis 1940er-Jahren
    2. 4.2 Zeit der Vergessenheit
    3. 4.3 Wiederentdeckung
  5. 5 Aktuelle Bedeutung, Würdigung und Kritik
    1. 5.1 Perspektive der Historischen Bildungsforschung
    2. 5.2 Perspektive der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung
  6. 6 Werksverzeichnis (Auszug)
  7. 7 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Die promovierte Psychologin Mathilde Vaerting wurde als erste Professorin Deutschlands an eine Universität berufen und hatte von 1923 bis 1933 den Lehrstuhl für Pädagogik an der Universität Jena inne. Sie interessierte sich für die Erforschung von Macht und Ungleichheit – besonders von Frauen und Männern – in der Gesellschaft, die Verschränkung verschiedener Differenzkategorien und die Auswirkungen von Diskriminierung (z.B. auf die Leistungen von Mädchen im Schulsystem) sowie den Beitrag der (Sexual-)Psychologie zur Persistenz von geschlechtsbezogenen Vorurteilen. Heute können ihre Arbeitsschwerpunkte als intersektional und interdisziplinär beschrieben werden. Sie sind an den Schnittstellen von Psychologie, Erziehungswissenschaft, Soziologie und Wissenschaftskritik angesiedelt.

2 Lebenslauf

2.1 Kindheit

Maria Johanna Mathilde Vaerting wird 1884 in eine kinderreiche Familie (zehn Kinder, davon acht Mädchen) in Messingen (Emsland) geboren. Sie erhält, wie auch ihre Schwestern, eine für die damalige Zeit umfassende und ausführliche Schulbildung.

2.2 Studium

Mathilde Vaerting studiert, wie ihre Schwester Marie, von 1907 bis 1911 Naturwissenschaften, Mathematik und Philosophie, unter anderem an den Universitäten Bonn, Gießen, Marburg, München und Münster.

Sie legt die Oberlehrerinnenprüfung ab und wird 1911 mit einer Schrift zu „Otto Willmanns und Benno Erdmanns Apperceptionsbegriff im Vergleich zu dem von Herbart“ in Bonn promoviert. 1912 erlangt sie die Höhere Lehrbefähigung und zieht im Anschluss nach Berlin, wo sie unter anderem mit ihrer Schwester Marie, einer promovierten Mathematikerin, zusammenlebt und als Lehrerin an einem Mädchenlyzeum arbeitet.

Vielseitig interessiert, besucht sie Lehrveranstaltungen in weiteren Fächern (bspw. in Medizin und Anthropologie). Durch ihre Tätigkeit als Lehrerin befasst sie sich intensiv mit didaktischen Fragestellungen, besonders der Mathematik und der Naturwissenschaften, und kritisiert vorherrschende Methoden.

2.3 Professur

Ihre Habilitationsschrift „Neubegründung der vergleichenden Psychologie der Geschlechter“ wird 1919 von der Universität Berlin abgelehnt – nicht zuletzt wegen Vorbehalten gegen das Forschungsgebiet, ihre Forschungsmethodik und auch ihr Geschlecht – Frauen werden erst ein Jahr später zur Habilitation zugelassen. Trotzdem wird sie, nicht habilitiert, 1923 auf Initiative des Thüringer Volksbildungsministers Max Greil im Rahmen einer umfassenden Reform des Thüringer Schulwesens an die Universität Jena als „ordentlicher Professor für Pädagogik“ berufen – zur gleichen Zeit wie der Reformpädagoge und Begründer der sogenannten „Jenaplan-Pädagogik“ Peter Petersen.

Die Leitung der Universität sieht darin einen Eingriff in ihre Autonomie, erst recht, da hier erstmals eine Frau einen Lehrstuhl an einer Universität besetzt. Kollegen sprechen ihr die fachliche Eignung ab, sowohl aufgrund von Vorurteilen gegen sie und ihr Geschlecht als auch wegen ihres Arbeitsgebiets und ihrer Forschungsinteressen. Der Zoologe und spätere Dekan Ludwig Plate, der sich unter anderem öffentlich antisemitisch und misogyn positioniert, veröffentlicht sogar eine Schmähschrift mit dem Titel „Feminismus unter dem Deckmantel der Wissenschaft“ gegen sie.

Ihr Kollege Peter Petersen sieht sich hingegen weitaus weniger behelligt, obwohl auch er nicht durch die Universitätsleitung, sondern durch Greil berufen worden ist. Ein Beispiel für die Versuche, Vaerting ihre Arbeit in Jena zu verleiden und ihr aktiv Steine in den Weg zu legen, ist die fehlende monetäre Unterstützung für einen Umzug von Berlin nach Jena. Sie wohnt hauptsächlich in Pensionen in Jena oder pendelt, was sie privat wie professionell beeinträchtigt.

2.4 Zeit des Nationalsozialismus

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und im Zuge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verliert Vaerting trotz Protesten ihrerseits ihre Professur und wird vom Hochschuldienst ausgeschlossen. Sie wohnt wieder dauerhaft in Berlin. Ein Ausreiseverbot verhindert, dass sie Rufe an Universitäten in den Niederlanden oder in den USA annehmen kann. Ein Publikationsverbot unterbindet zudem das Fortführen ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

2.5 Späte Jahre

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt ihr die Rückkehr an eine Universität, sei es in die Pädagogik oder die Soziologie, verwehrt. Sie zieht nach Darmstadt, wo sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Dr. Edwin Elmerich arbeitet und publiziert. Später ziehen beide gemeinsam in den Schwarzwald. Inhaltlich wendet sie sich vermehrt der Staatssoziologie zu, gründet das kurzlebige „Internationale Institut für Politik und Staatssoziologie“ und gibt zwischen 1953/1954 und 1971 die „Zeitschrift für Staatssoziologie“ heraus. An der Universität und in der Wissenschaft kann sie dennoch nie wieder Fuß fassen. Vaerting stirbt am 6. Mai 1977 in Schönau im Schwarzwald.

3 Lebenswerk

Vaertings Forschungsinteressen sind vielfältig. Ein Thema durchzieht jedoch ihr Werk: das Interesse am (impliziten) Wirken von Macht‑ und Herrschaftsbeziehungen, insbesondere zwischen den Geschlechtern, in der Gesellschaft, im Wissenschaftsbetrieb und in der Schule.

3.1 Erste Forschungsarbeiten

Ihre frühen Forschungsarbeiten sind geprägt von ihrer persönlichen Lehrerfahrung an einer Mädchenschule und befassen sich mit traditionellen Unterrichtsmethoden und Didaktik. Beispielsweise argumentiert sie gegen das reine Memorieren als bloße Fleißarbeit ohne kritischen Denkimpuls. Sie arbeitet zu Lehr-Lern-Strategien, besonders im mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht. Sie schlägt eine Brücke zur Psychologie und zu der damals noch nicht existenten Disziplin der Geschlechterforschung, indem sie untersucht, inwieweit geschlechtsbezogene Vorurteile die schulische Leistungsbeurteilung verzerren.

Berühmt geworden ist Vaertings Aussage: „Begabung ist an kein Geschlecht gebunden“.

Sie argumentiert, dass das biologische Geschlecht für Intelligenz und Leistung nicht von Belang ist und dies auch nicht sein sollte: Mädchen sind in den naturwissenschaftlichen Bereichen den Jungen und ihren Leistungen nicht naturgegeben unterlegen. Unterschiede entstehen vielmehr durch gesellschaftliche Machtverhältnisse und Rollenbilder. Eigenschaften, die als typisch männlich oder weiblich gelten, sind demnach nicht angeboren, sondern entstehen aus den bestehenden, wirkmächtigen Herrschaftsstrukturen und werden durch diese verstärkt. Vaertings Forschung bringt auf diese Weise pädagogische, psychologische und soziologische Perspektiven zusammen und ermöglicht neue Forschungszugänge.

Kurzzeitig setzt Vaerting sich während des Ersten Weltkriegs mit Fragen der Eugenik und Weiter-/Höherentwicklung der Menschheit auseinander. Diese Ansätze verfolgt sie in ihren späteren Schriften jedoch nicht konsequent weiter.

3.2 Habilitation

Aus ihrem Interesse am Zusammenwirken von Wissenschaft und Gesellschaft entsteht auch ihre Habilitation zum Thema „Neubegründung der vergleichenden Psychologie der Geschlechter“. Vaerting hat diese Schrift später unter den Titeln „Die weibliche Eigenart im Männerstaat und die männliche Eigenart im Frauenstaat“ (1921) und „Wahrheit und Irrtum in der Geschlechterpsychologie“ (1923) veröffentlicht. Beide stellen gemeinsam mit ihren Überlegungen zu „Psychologie der Masse“ ihre bekanntesten Schriften und ein Novum im Bereich der Geschlechterpsychologie und Sexologie dar.

In den zwei Bänden untersucht sie Macht und Herrschaft in gesellschaftlichen Verhältnissen und privaten Beziehungen, beschäftigt sich mit dem Matriarchat und schreibt über weibliche Sexualität. Zudem widmet sich Vaerting der Frage, inwieweit die empirische Psychologie zur Festigung von Geschlechterstereotypen beiträgt. Die Psychologie würde aus ihrer Sicht zur „Helferin“ von patriarchalen Strukturen. Sie argumentiert, dass es keine Geschlechtsspezifika gäbe, sondern geschlechtsspezifische Rollenerwartungen Ausdruck der jeweiligen gesellschaftlichen Position seien.

3.3 Zeit der Professur

Vaerting wendet sich, besonders während ihrer Zeit als Professorin in Jena, der Pädagogik zu. Mit einem – in heutigen Worten – soziologischen und interdisziplinären Ansatz arbeitet sie zur Ideologiekritik, zu den Auswirkungen von Differenzkategorien wie Klasse, Geschlecht und Alter in der Schule und in anderen Erziehungsverhältnissen sowie zur Funktion von Lernen in Gruppen.

Sie kritisiert zudem die Vorstellung eines natürlichen Geschlechtscharakters sowie die daraus abgeleiteten Ungleichheiten und Vorurteile und erarbeitet, welche gesellschaftlichen Auswirkungen die Ungleichbehandlung haben kann.

Es entstehen die bekannten Schriften „Die Macht der Massen“ und „Die Macht der Massen in der Erziehung“. In diesen Schriften untersucht Vaerting, inwieweit Pädagogik ungleiche Herrschaftssysteme unterstützt beziehungsweise Macht sich in pädagogischen Relationen zeigt und welche Implikationen daraus folgen. Sie verarbeitet zudem ihre eigenen Erfahrungen als Professorin in Jena, so zum Beispiel ihre Verspottung als „Zwangsprofessor“ im Kollegium.

Noch bevor das Wort „intersektional“ Einzug in den Forschungsbetrieb hält, schreibt sie über die sogenannte „Mehrfachbeherrschung“ von beispielsweise Mädchen aus der Arbeiterschicht und die Wirkungen dieser Herrschaftsverhältnisse im Schulsystem hinsichtlich Benotung, Werdegang oder Charakterbeurteilung.

Vaerting setzt sich konsequent für Chancengleichheit und die Reformierung des Lehrbetriebs ein. Sie formuliert eine pädagogische Theorie an der Schnittstelle zu Soziologie und Psychologie, die – in heutigen Worten – diskriminierungssensibel auf die Gleichberechtigung insbesondere zwischen den Geschlechtern ausgerichtet ist. Dabei streitet sie nicht für ein Matriarchat, das sie nur als Umkehrung des Patriarchats und damit als ebenso schädlich betrachtet. Sie hat zum Ziel, neue Wege zu beschreiten und Veränderungen anzustoßen, beispielsweise durch eine koedukative Erziehung.

3.4 Spätwerk

Zum Ende ihres Wirkens beschäftigt sich Vaerting mit politischer Theorie und Soziologie. Sie gründet ein Institut und gibt eine Zeitschrift heraus, die sich beide mit Staatssoziologie befassen. Ihre Überlegungen dazu, wie ein Staat aussehen kann, was er zu leisten vermag und wie sein Verhältnis zur Gesellschaft sowie den Staatsbürger:innen gestaltet sein sollte, sind auch geprägt durch ihre Erfahrungen im Kaiserreich, während der Weimarer Republik und besonders unter der nationalsozialistischen Diktatur.

Vaerting publiziert zu einer Bandbreite an Themen:

  • Entwicklung zur Gleichberechtigung
  • Status und Rolle der Jugend
  • Macht und Ohnmacht des Menschen gegenüber dem Staat, staatliche Eingriffe und Steuerung
  • Ehe und Familie
  • Pädagogik im Staatswesen

4 Wirkungsgeschichte

4.1 Erste Rezeption in den 1920er‑ bis 1940er-Jahren

Vaertings Werk wird in den 1920er‑ bis 1930er-, vereinzelt auch in den 1940er-Jahren, rezipiert und besprochen – besonders in Zeitschriften (darunter auch englischsprachige wie das „American Journal of Sociology“). Die Auseinandersetzung ist primär positiv und hebt den innovativen, interdisziplinären Blick auf Gesellschaft, Geschlechterverhältnisse, Rollenerwartungen und Machtasymmetrien hervor.

Ihr Werk, vor allem „Die Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib“ und „Soziologie und Psychologie der Macht“, erfährt Aufmerksamkeit in linksliberalen, emanzipatorischen Kreisen, vereinzelt sogar international. Auch in reformpädagogischen Kreisen werden ihre Ideen zu Lehr-Lern-Strategien, Koedukation und (Un-)Gleichheit im Schulsystem aufgenommen, obgleich sie sich selbst nicht explizit als Reformpädagogin betrachtet.

Ein besonders enger professioneller wie privater Austausch besteht mit der renommierten Soziologin Dr. Hanna Meuter, ebenfalls einer Pionierin ihres Fachs, die Vaertings (pädagogisches) Werk positiv bespricht und die Innovation heraushebt.

4.2 Zeit der Vergessenheit

Nach ihrer Entlassung aus der Universität und besonders aufgrund des Publikationsverbots wird es ruhig um Vaerting. Nur wenige Sekundärtexte erscheinen zu ihren Überlegungen oder rezipieren ihre Theorien. Dies liegt zum Teil auch an einer stärker geisteswissenschaftlichen Ausrichtung der Pädagogik nach 1945: Vaertings Verknüpfung von Soziologie, Psychologie und Pädagogik, ihr Fokus auf Macht und Ungleichheit sowie ihre Betrachtung von Pädagogik und Gesellschaft sind ihrer Zeit voraus.

Die zweite Welle der Frauenbewegung im Zuge der 68er-Bewegungen nimmt Versatzstücke ihres Denkens auf. Beispielsweise kursiert ein so genannter „Frauenraubdruck“ von „Frauenstaat und Männerstaat“ des Frauenzentrums Berlin. Eine breite fachliche Rezeption und Würdigung erfolgt jedoch nicht.

4.3 Wiederentdeckung

Ab Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre kommt es zu einer Wiederentdeckung von Person und Werk. Dies ist besonders den Arbeiten von Prof. Dr. Margret Kraul (Erziehungswissenschaft) und Prof. Dr. Theresa Wobbe (Soziologie) zu verdanken. Beide erforschen sowohl die Person Vaerting und ihren Lebensweg als auch ihre theoretischen Ansätze innerfachlich und interdisziplinär.

Aktuell werden Vaerting und ihr Denken sowohl in der Erziehungswissenschaft und Pädagogik als auch in der Soziologie stärker rezipiert und es wird an ihre Theorien angeknüpft. Dies geschieht besonders in den Subdisziplinen, die sich mit den Wirkungen und Mechanismen von Differenzkategorien auf Gesellschaft und Bildungsprozesse beschäftigen. Dennoch bleibt Vaerting, auch in einer differenzsensiblen und intersektionalen Forschung, weiterhin eine Unbekannte: Ihre Pionierleistungen hinsichtlich der Analyse, Interpretation und Benennung der Mehrfachbeherrschung sowie ihr Einsatz für Gleichberechtigung und Chancengleichheit als pädagogische wie gesellschaftliche Aufgabe werden wenig gewürdigt.

5 Aktuelle Bedeutung, Würdigung und Kritik

Die Beschäftigung mit Mathilde Vaerting und ihrem Werk kann aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven erfolgen:

  • der Didaktik
  • der Pädagogischen Psychologie
  • der Unterrichtsforschung
  • den Lehr-Lern-Theorien
  • der Soziologie
  • der politischen Theorie
  • der Geschlechterpsychologie

5.1 Perspektive der Historischen Bildungsforschung

Aus der Perspektive der Historischen Bildungsforschung ist Vaertings Leben und Wirken als erste Professorin an einer Volluniversität als Beispiel für Karrierewege in der Wissenschaft lohnenswert zu betrachten.

Ähnlich wie andere Vorreiterinnen, beispielsweise die Soziologin Dr. Hanna Meuter (der ebenfalls eine universitäre Karriere verwehrt wurde), ist sie noch nicht in den Kanon der (pädagogischen) „Klassikerinnen“ aufgenommen worden und ihr Werk sowie Wirken sind außerhalb eines kleinen Kreises (noch) unbekannt. Zu Vaertings Biografie wurde bereits viel gearbeitet. Die Durchsicht und Systematisierung ihres Gesamtwerkes, inklusive der staatssoziologischen Überlegungen, die zudem nicht alle frei zugänglich sind, stehen aber noch aus.

5.2 Perspektive der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung

Vaerting und ihr Denken sind zudem aus einer Perspektive der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung relevant: Nicht nur ihre Biografie ist hier von Belang, sondern besonders ihre innovativen Überlegungen zu Geschlecht als Differenzkategorie in der Bildung und in der Gesellschaft.

Ihre Überlegungen können als Vorläufer späterer Ansätze der Geschlechterforschung sowie der feministischen Pädagogik betrachtet werden, beispielsweise ihre Beschäftigung mit der Mehrfachbeherrschung. Zu untersuchen wäre, an welchen Punkten sich die Mechanismen ihrer Theorie der Mehrfachbeherrschung von denen der intersektionalen Ansätze (z.B. von Kimberlé Crenshaw) unterscheiden.

Zudem zeigt ihre Arbeit aus heutiger Sicht, wie wichtig die Analyse gesellschaftlicher Bedingungen für das Verständnis von Bildung und Erziehung ist. Vaertings Perspektive ist auch für heutige Debatten über Chancengleichheit, Geschlechterrollen, Bildungsgerechtigkeit und die Rolle von Pädagogik für gesellschaftliche Veränderungen relevant.

Seit 2019 gibt es den „frauenORT Mathilde Vaerting“ in Messingen (Niedersachsen), welcher mit Ausstellungen, einem Radweg sowie diversen kulturellen Aktivitäten und Publikationen an Vaerting erinnert. 2023 wird zudem im Universitätshauptgebäude der Universität Jena eine Gedenkplakette für Mathilde Vaerting enthüllt – in direkter Nachbarschaft zu der von Rowena Morse, der ersten Promovendin (1904) dort.

6 Werksverzeichnis (Auszug)

  • 1911: Otto Willmanns und Benno Erdmanns Apperceptionsbegriff im Vergleich zu dem von Herbart. Bonn: Ludwig, Dissertationsschrift.
  • 1913: Die Vernichtung der Intelligenz durch Gedächtnisarbeit. München: Reinhardt.
  • 1913: Das günstigste elterliche Zeugungsalter für die geistigen Fähigkeiten der Nachkommen. Würzburg: Kabitzsch.
  • 1916: Wie ersetzt Deutschland am schnellsten die Kriegsverluste durch gesunden Nachwuchs? München: Verlag der Aerztlichen Rundschau Otto Gmelin (Der Arzt als Erzieher 38).
  • 1917: Ängstlichkeit oder Vorsicht? In: Frauenbildung. Zeitschrift für die gesamten Interessen des weiblichen Unterrichtswesens 16/11, S. 303–307.
  • 1917: Der Männermangel nach dem Kriege: Seine Gefahren und seine Bekämpfung. München: Verlag der Aerztlichen Rundschau Otto Gmelin (Der Arzt als Erzieher 40).
  • 1920: Die fremden Sprachen in der neuen deutschen Schule. Leipzig: Klinkhardt.
  • 1921: Neue Wege im mathematischen Unterricht, zugleich eine Anleitung zur Förderung und Auslese mathematischer und technischer Begabungen. Berlin: Schwetschke.
  • 1921/1923: Die Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib. Band 1 (1921): Die weibliche Eigenart im Männerstaat und die männliche Eigenart im Frauenstaat. Band 2 (1923): Wahrheit und Irrtum in der Geschlechterpsychologie. Karlsruhe i. B.: Braun.
  • 1922: Physiologische Ursachen geistiger Höchstleistungen bei Mann und Weib. Bonn: Marcus & Weber (Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung 4/1).
  • 1923: The Dominant Sex. A Study in The Sociology of Sex Differentiation. Zusammen mit Mathias Vaerting (ein Pseudonym ihres Geburtsnamens), aus dem Deutschen übersetzt von Eden und Cedar Paul. London: George Allen and Unwin Ltd.
  • 1928/1929: Soziologie und Psychologie der Macht. Band 1 (1928): Die Macht der Massen. Band 2 (1929): Die Macht der Massen in der Erziehung. Berlin-Friedenau: Pfeiffer.
  • 1931: Lehrer und Schüler. Ihr gegenseitiges Verhalten als Grundlage der Charaktererziehung. Leipzig: Barth.
  • 1932: Das Verhältnis der Geschlechter und seine Bedeutung für das politische Gleichgewicht. In: Müller, Oscar (Hg.): Krisis. Ein politisches Manifest. Weimar: Erich Liechtenstein, S. 296–306.
  • 1950: Europa und Amerika. Der Entwicklungsweg des Staates zum Überstaat. Göttingen: Musterschmidt.
  • 1952: Die Frau in unserer Zeit. Darmstadt-Eberstadt: Themis.
  • 1952: Machtzuwachs des Staates: Untergang des Menschen. Göttingen: Musterschmidt.
  • 1953/1954–1971: Zeitschrift für Staatssoziologie. Freiburg im Breisgau: Themis.
  • 1954: Der zweite Weg zum Kommunismus: Grundprobleme des politischen Katholizismus. Darmstadt-Eberstadt: Themis.
  • 1955: Hochkonjunktur des Staates, Krise der freien Wirtschaft. Zusammen mit Edwin Elmerich. Darmstadt-Eberstadt: Themis.
  • 1956: Unverstandene Jugend. Zusammen mit Edwin Elmerich. Darmstadt-Eberstadt: Themis.
  • 1956: Der Einbruch des Staates in die Familie. Zusammen mit Edwin Elmerich. Darmstadt-Eberstadt: Themis.
  • 1961: Die Ernährungskatastrophe in der Massengesellschaft. Darmstadt-Eberstadt: Themis.
  • 1970: Die Frau 1970. Politik ohne Frau – Frau ohne Politik. Freiburg: Themis.

7 Quellenangaben

Bartuschka, Marc und Christian Faludi, 2023. Mathilde Vaerting. Die ungewollte Wissenschaftlerin. In: Christian Faludi, Hrsg. Mathilde Vaerting (1884–1977): Die erste ordentliche Professorin an einer deutschen Universität. Weimar: GEDG, S. 6–25. ISBN 978-3-949903-11-3

Berner, Esther und Susann Hofbauer, 2023. Mathilde Vaerting (1884–1977) und ihr (unzeitgemäßer) Beitrag zu Pädagogik und Macht. In: Historia scholastica. 9(1), S. 99–122. ISSN 1804-4913

Borst, Eva, 2013. Mathilde Vaerting (1884–1977). „Die Macht ist die Todfeindin der Freiheit“. Machtsoziologische Perspektiven auf pädagogisches Handeln. In: Sven Kluge und Eva Borst, Hrsg. Verdrängte Klassiker und Klassikerinnen der Pädagogik. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S. 160–177. ISBN 978-3-8340-1258-6

Engels, Isabell, 2026. Mathilde Vaerting [online]. Die erste Universitätsprofessorin in Deutschland – Von Beginn an scharfer Gegenwind. Wien: Österreichischer Rundfunk [Zugriff am: 11.03.2026]. Verfügbar unter: https://sound.orf.at/collection/2/136594/​mathilde-vaerting

Ganss, Sarah, 2025. Gleichberechtigung als pädagogisches Motiv nach Mathilde Vaerting: Impulse für die Bildung und das lebenslange Lernen. In: Pädagogische Rundschau [online]. 79(1), S. 41–55 [Zugriff am: 11.03.2026]. ISSN 0030-9273. Verfügbar unter: https://www.peterlang.com/document/​1562037

Gliboff, Sander, 2018. Sex and the Scientific Author: M. Vaerting and the Matilda Effect in Early Twentieth-Century Germany. In: Gender & History. 30(2), S. 490–510. ISSN 0953-5233

Gregor, Joris A., Peter Schulz und Janos Schwab, 2020. Geschlechtlichkeit. In: Hartmut Rosa und Jörg Oberthür et al., Hrsg. Gesellschaftstheorie. München: UVK, S. 89–123. ISBN 978-3-8252-5244-1 [Rezension bei socialnet]

Kottebernds, Maria, Franz Kottebernds und Hans-Gerd Jöhring, 2014. Mathilde Vaerting und ihre Familie: Eine Hofgeschichte aus Messingen. Schlotheim: Erdenberger. ISBN 978-3-00-045684-8

Kraul, Margret, 1987. Geschlechtscharakter und Pädagogik: Mathilde Vaerting (1884–1977). In: Zeitschrift für Pädagogik. 33(4), S. 475–489. ISSN 0044-3247

Kraul, Margret, 1996. Mathilde Vaerting (1884–1977). In: Elke Kleinau und Christine Mayer, Hrsg. Erziehung und Bildung des weiblichen Geschlechts: Eine kommentierte Quellensammlung zur Bildungs‑ und Berufsbildungsgeschichte von Mädchen und Frauen, Bd. 1. Weinheim: Deutscher Studienverlag, S. 181–189. ISBN 978-3-89271-637-2

Kraul, Margret, 1999. Jenas erste Professorin: Mathilde Vaerting: Leben und Werk im Kreuzfeuer der Geschlechterproblematik. In: Gisela Horn, Hrsg. Die Töchter der Alma mater Jenensis: Neunzig Jahre Frauenstudium an der Universität von Jena. Rudolstadt: Hain, S. 91–112. ISBN 978-3-930215-75-1

Kraul, Margret, 2000. Was ist und wer gehört zur Erziehungswissenschaft? Über Mitspieler und Ausgegrenzte: Das Beispiel Mathilde Vaerting. In: Christel Adick, Margret Kraul und Lothar Wigger, Hrsg. Was ist Erziehungswissenschaft? Festschrift für Peter Menck. Donauwörth: Auer, S. 127–147. ISBN 978-3-403-03472-8

Kraul, Margret, 2004. Klassikerinnen. In: Edith Glaser, Dorle Klika und Annedore Prengel, Hrsg. Handbuch Gender und Erziehungswissenschaften. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 337–347. ISBN 978-3-7815-1323-5

Kraul, Margret, 2016. Mathilde Vaerting. In: Samuel Salzborn, Hrsg. Klassiker der Sozialwissenschaften: 100 Schlüsselwerke im Portrait. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS, S. 87–90. ISBN 978-3-658-13212-5

Meuter, Hanna, 1932. Erziehung zum Mitmenschen: Das Erziehungswerk Mathilde Vaertings. Berlin-Friedenau: Pfeiffer

Naumann, Tine, 2001. Mathilde Vaerting – Stieftochter der Alma mater Jenensis: Ein ungeliebter Querkopf in der Saalestadt. In: Gisela Horn, Hrsg. Entwurf und Wirklichkeit: Frauen in Jena 1900 bis 1933. Rudolstadt: Hain, S. 245–266. ISBN 978-3-89807-022-5

Stiebritz, Anne, 2025. Mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung auch für Mädchen! Eine Rekonstruktion anhand ausgewählter Schriften Mathilde Vaertings. In: Pädagogische Rundschau [online]. 79(1), S. 29–40 [Zugriff am: 11.03.2026]. ISSN 0030-9273. Verfügbar unter: https://www.peterlang.com/document/​1562036

Toppe, Sabine, 2008. Zum Umgang mit der Naturalisierung des Sozialen im Bildungssystem: Macht und Ungleichheit in den Schriften Mathilde Vaertings. In: Karl-Siegbert Rehberg, Hrsg. Die Natur der Gesellschaft: Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Frankfurt am Main: Campus, S. 1514–1527. ISBN 978-3-593-38440-5

Werth, Gerda, 2023. Neue Wege im mathematischen Unterricht: Auf den Spuren Mathilde Vaertings. Wiesbaden: Springer Fachmedien. ISBN 978-3-658-42444-2

Wobbe, Theresa, 1991. Mathilde Vaerting (1884–1977): Eine Intellektuelle im Koordinatensystem dieses Jahrhundert. In: Carsten Klingemann, Michael Neumann, Karl-Siegbert Rehberg, Ilja Srubar und Erhard Stölting, Hrsg. Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1991. Opladen: Leske + Budrich, S. 27–67. ISBN 978-3-8100-0950-0

Wobbe, Theresa, 1994. Mathilde Vaerting (1884–1977): „Es kommt alles auf den Unterschied an (…) der Unterschied ist Grundelement der Macht“. In: Barbara Hahn, Hrsg. Frauen in den Kulturwissenschaften: Von Lou Andreas-Salomé bis Hannah Arendt. München: Beck, S. 123–135. ISBN 978-3-406-37433-3

Wobbe, Theresa, 1998. Mathilde Vaerting (1884–1977): Die Macht des Unterschieds. In: Claudia Honegger und Theresa Wobbe, Hrsg. Frauen in der Soziologie: Neun Portraits. München: Beck, S. 178–202. ISBN 978-3-406-39298-6

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