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Verantwortungsgemeinschaft (Kinderschutz)

Prof. Dr. Hans-Jürgen Schimke

veröffentlicht am 13.06.2022

Verantwortungsgemeinschaft ist ein Schlüsselbegriff für ein kooperatives Verständnis von Kinderschutz. Im Vordergrund stehen dabei das Wohl und die Rechte der Kinder, zu deren Verwirklichung sich alle Beteiligten im Rahmen ihrer gesetzlich und fachlich definierten Rollen verpflichtet fühlen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Bedeutung
  3. 3 Kritik
  4. 4 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Im Kinderschutz wird das Zusammenwirken der unterschiedlichen Akteure vielfach mit dem Begriff der Verantwortungsgemeinschaft umschrieben. Danach üben vor allem die Institutionen der Jugendhilfe, der Familiengerichtsbarkeit, der Schulen, der Gesundheitshilfe, der Polizei und die in ihnen tätigen Personen das staatliche Wächteramt über das Kindeswohl aus Art. 6 Abs. 2 GG gemeinsam aus. Es besteht also eine gemeinsame Verantwortung für den Schutz des Kindeswohls (Wiesner und Wapler 2022, Rn. 31 zu Anh. 2).

Der Begriff ist nicht juristisch als Funktionsbeschreibung der verschiedenen Beteiligten zu verstehen, sondern beschreibt eine gemeinsame Grundhaltung im Kinderschutz.

2 Bedeutung

Verantwortungsgemeinschaft bedeutet im Kern, dass trotz der unterschiedlichen Aufgaben und Befugnisse der Kooperationspartner niemand seine Verantwortung für ein Kind oder einen Jugendlichen auf den anderen abschieben kann.

Diese Verantwortung kann nicht von allen in jedem Teil des Hilfeprozesses gleichermaßen getragen werden, denn die unterschiedlichen Rollen und Befugnisse z.B. des Familiengerichts und des Jugendamts gegenüber den freien Trägern der Jugendhilfe bringen auch unterschiedliche Verantwortung in den Abläufen mit sich. Andererseits kann sich aber auch keiner der Beteiligten der Verantwortung für ein Kind mit dem Argument entziehen, er habe die jeweils andere Institution eingeschaltet („nach einer Meldung an das Jugendamt bin ich raus“), solange die Hilfebeziehung des Kindes zur Institution noch anhält.

Aus dieser Betrachtung der Verantwortungsgemeinschaft ergeben sich wichtige, für alle Beteiligten gültige Voraussetzungen für jede Kooperation im Kinderschutz: Das Handeln aller Beteiligten muss von einer Haltung gegenseitiger Akzeptanz und gegenseitigen Vertrauens geprägt sein. Dazu gehört die Wertschätzung aller Hilfebeziehungen und in jeder Institution der ernsthafte Versuch, die eigenen Mittel zur Hilfeleistung auszuschöpfen, vor allem durch intensives Werben um die Annahme von Hilfe bei den Familien.

Jede Institution sollte eine qualifizierte Fachberatung zur Prozessbegleitung zur Verfügung haben und die Weitergabe von Informationen nicht als Meldung mit Verantwortungsabgabe betrachten, sondern als Mitteilung unter Aufrechterhaltung der gemeinsamen Verantwortung (Discher und Schimke 2011, S. 13).

3 Kritik

In der Jugendhilfe wird die Vorstellung einer Verantwortungsgemeinschaft im Kinderschutz in allgemeiner Form unter dem Aspekt kritisiert, dass damit ein „Verschiebebahnhof von Verantwortlichkeiten“ (Mörsberger 2021, S. 99) verbunden sei, es entstehe statt klarer Verantwortlichkeiten eine Verantwortungsdiffusion.

In besonderer Weise problematisiert wird der Begriff bei der Kooperation zwischen Familiengericht und Jugendhilfe.

Grundsätzlich haben viele Richterinnen und Richter große Schwierigkeiten mit der Vorstellung einer Verantwortungsgemeinschaft im Kinderschutz. Sie sehen hier eine unzulässige Rollenvermischung („Sozialpädagogisierung der Justiz“) und einen Verstoß gegen die richterliche Unabhängigkeit und Pflicht zur Neutralität.

In der Jugendhilfe wird zum Teil befürchtet, dass eine zu enge Kooperation von Familiengericht und Jugendamt zu einem „Schulterschluss“ führe, der eine zu häufige und zu frühe Intervention in die Autonomie der Familien fördere (Hansbauer, Merchel und Schone 2020, S. 278).

Der Kritik wird entgegengehalten, dass sie die Bedingungen der Kooperation in der Verantwortungsgemeinschaft unzutreffend einschätze. Richtig verstanden setze die gemeinschaftliche Verantwortung für ein Kind geklärte Rollen zwischen den Institutionen und qualifizierte Verfahren der Kooperation voraus (Discher und Schimke 2011, S. 13).

4 Quellenangaben

Discher, Britta und Hans-Jürgen Schimke, 2011. Die Rolle der insoweit erfahrenen Fachkraft nach § 8a Abs. 2 SGB VIII in einem kooperativen Kinderschutz. In: ZKJ – Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe. 6(1), S. 12–16. ISSN 1861-6631

Hansbauer, Peter, Joachim Merchel und Reinhold Schone, 2020. Kinder- und Jugendhilfe. Stuttgart: Kohlhammer Verlag. ISBN 978-3-17-033503-5 [Rezension bei socialnet]

Mörsberger, Thomas, 2021. Kreuzworträtsel oder Mikado? – Teil 1. In: ZKJ – Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe. 16(3), S. 95–99. ISSN 1861-6631

Wiesner, Reinhard und Friederike Wapler, 2022. SGB VIII, Kinder- und Jugendhilfe: Kommentar. 6. Auflage. München: Verlag C.H. Beck. ISBN 978-3-406-75040-3

Verfasst von
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schimke
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Zitiervorschlag
Schimke, Hans-Jürgen, 2022. Verantwortungsgemeinschaft (Kinderschutz) [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 13.06.2022 [Zugriff am: 25.06.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Verantwortungsgemeinschaft-Kinderschutz

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