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Verhaltensbeobachtung

Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz

veröffentlicht am 28.10.2022

Englisch: behavioral observation

Die systematische Verhaltensbeobachtung dient in pädagogischen, psychologischen und medizinischen Berufen der Informationsgewinnung, liefert damit die Basis für die Kooperation mit den Klient*innen und die Planung des Unterstützungsprozesses. Gleichzeitig wird sie als Forschungsmethode in den Humanwissenschaften eingesetzt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Einführung
  3. 3 Basisprozess und Gegenstand der Beobachtung
  4. 4 Formen der Beobachtung
  5. 5 Ziele der Verhaltensbeobachtung
  6. 6 Formen der systematischen Verhaltensbeobachtung
  7. 7 Fehlerquellen in der Personenwahrnehmung
  8. 8 Handlungsstrategien zur Reduktion der Beobachtungsfehler
  9. 9 Quellenangaben
  10. 10 Weiterführende Literatur

1 Zusammenfassung

Ausgangspunkt jeder Beobachtung bildet die Wahrnehmung, d.h. die Reizaufnahme, -verarbeitung und -weiterleitung durch die Sinnesorgane. Die alltägliche Gelegenheitsbeobachtung als eher zufällige, unsystematische und wenig geplante Wahrnehmung ist dabei von der systematischen Verhaltensbeobachtung zu unterscheiden.

Die systematische Verhaltensbeobachtung stellt eine geplante und zielgerichtete Sammlung von Informationen über das äußerlich sichtbare Verhalten einer Person bzw. Personengruppe in ausgewählten Situationen dar. Ausgangspunkte sind dabei eine Fragestellung, die Planung des Beobachtungsprozesses (u.a. Gegenstand, Beobachter*innenrolle, Situationsmerkmale, Dauer), die zielgerichtete Dokumentation der Informationen und die Interpretation der Daten.

2 Einführung

Können wir unseren Beobachtungen und den dadurch gewonnenen Eindrücken trauen? Wie überprüfen wir unsere Beobachtung und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen? Welche Beobachtungsfehler gibt es und wie lassen sich diese reduzieren?

Was ist der Unterschied zwischen einer alltäglichen Gelegenheitsbeobachtung und der Beobachtung in der professionellen Praxis sozialer Berufe?

In zahlreichen Kontexten gibt es keine Alternative zur Beobachtung als Mittel der Informationsgewinnung, so beispielsweise bei der Beobachtung von kindlichem Verhalten, im schulischen Alltag, von sozialen Situationen in der Gruppeninteraktion und im öffentlichen Raum. Neben dem Erkenntnisgewinn dient uns die Beobachtung manchmal auch zur Überprüfung bzw. Absicherung unserer Eindrücke, beispielsweise wenn wir den rein sprachlich-verbalen Äußerungen im Gespräch nicht trauen.

3 Basisprozess und Gegenstand der Beobachtung

Basisprozess jeder Verhaltensbeobachtung bildet die Wahrnehmung (Goldstein 2015). Dabei handelt es sich um einen Vorgang der Verarbeitung unterschiedlicher Reizmodalitäten (optisch, akustisch, taktil, olfaktorisch). Im Prozess der Reizaufnahmen, -verarbeitung und -weiterleitung entsteht ein inneres Abbild der äußeren Umwelt, Grundlage unserer Beschreibung und Bewertung der Situation. Für die Verhaltensbeobachtung spielen die visuelle und die akustische Wahrnehmung eine zentrale Rolle. Dabei findet nach der Simulation der Sinnesorgane die Reizverarbeitung und -weiterleitung zum Nervensystem statt (Bottom-Up-Prozesse; Wendt 2014, S. 177).

Neben dieser ersten Stufe der Empfindung gibt es die zweite Stufe des Organisierens von Sinnesreizen (z.B. Unterscheidung von Figur und Hintergrund) und die dritte Stufe des Identifizierens und Einordnens (z.B. Zuordnen zu Gegenstandsklassen, Begriffen). Die letzten beiden Stufen werden als höhere kognitive Funktionen dem zentralen Nervensystem zugeordnet. Um die Sinneseindrücke zu organisieren (z.B. ein Objekt von seinem Kontext zu unterscheiden) und einen Sinneseindruck zu versprachlichen (beispielsweise ein Objekt zu bezeichnen), ist ein Vergleich der Sinneseindrücke mit Gedächtnisinhalten (z.B. Vergleich mit Prototypen von Objekten) notwendig. Dieser Teil des Erkenntnisprozesses setzt Erfahrungswissen und sprachliche Kompetenz voraus (Top-Down-Prozesse; Wendt 2015, S. 182).

Insofern ließe sich provokativ sagen, dass die Beschreibung eines komplexeren Interaktionsgeschehens weniger über den Gegenstand, sondern mehr über den Beobachter bzw. die Beobachterin und die Beschaffenheit seines/​ihres kognitiven Systems aussagt (zu selbstreferenziellen Prozessen der Wahrnehmung s. auch Willke 2006). Eine Wahrnehmung ist in diesem Sinne nicht als Abbild der quasi objektiven Realität zu sehen, sondern stellt eine subjektive Konstruktion der Wahrnehmungsinhalte bzw. -prozesse einer Person dar (s. Konstruktivismus).

Gegenstand der Verhaltensbeobachtung ist die Beschreibung des konkreten Handelns in seinen zeitlichen Abläufen, räumlichen und personalen Zusammenhängen sowie dinglichen und sozialen Gegebenheiten. Dies kann das direkte Beobachten von handelnden Personen oder die Betrachtung von Dokumenten darüber sein (z.B. in Videoaufzeichnungen). Van Ophuysen, Bloh und Gehrau (2017, S. 12) verweisen darauf, dass durch die Beobachtung nur äußerlich mit den Sinnen oder mithilfe von Apparaten (z.B. Kamera) dokumentierbare Prozesse im Unterschied zu innerpsychischen Vorgängen (u.a. Denken, Fühlen, Erinnern, Wahrnehmen) erfasst werden können. Die Formen der Beobachtung lassen sich anhand der Regeln unterscheiden, die für die Ausgestaltung der jeweiligen Beobachtung aufgestellt werden (Stemmler und Margraf-Stiksrud 2015, S. 38 ff.).

4 Formen der Beobachtung

Bei der Beobachtung ist die Selbst- und die Fremdbeobachtung zu unterscheiden. In den Anfängen psychologischer Forschung bildete die Introspektion als Form der Selbstbeobachtung eine wichtige Quelle von Erkenntnis über das Erleben und Verhalten (z.B. die Dokumentation der Träume bei Sigmund Freud). Diese Methode genügte mit dem weiteren Fortschritt der wissenschaftlichen Psychologie und ihren Methoden immer weniger den wissenschaftlichen Kriterien (zu den Begriffen Objektivität, Reliabilität und Validität s. Martin und Wawrinowski 2014, S. 37 ff.; Schmidt-Atzert und Amelang 2018, S. 129 ff.) und wurde durch experimentelle Untersuchungsformen und psychologische Tests ersetzt.

In der pädagogischen und psychologischen Praxis hat die Selbstbeobachtung jedoch weiterhin einen wichtigen Stellenwert für die Selbstreflexion, beispielsweise die Reflexion der bei der Fachkraft durch die Klient*innenarbeit ausgelösten Emotionen (s. Supervision). Im Folgenden beschäftigt sich der Beitrag mit der Fremdbeobachtung, d.h. der Beobachtung von außerhalb der beobachtenden Person liegenden sozialen Prozessen der Interaktion und des Verhaltens von Personen in verschiedenen Kontexten.

Gelegenheitsbeobachtung und systematische Verhaltensbeobachtung gilt es zu unterscheiden. In der Gelegenheitsbeobachtung, auch als Alltagsbeobachtung oder unstrukturierte Beobachtung bezeichnet, fehlt das planvolle und zielgerichtete Initiieren, Durchführen und reflektierte Überprüfen von Beobachtungsprozessen. Darüber hinaus findet zumeist keine Dokumentation bzw. Protokollierung der Ereignisse statt. Dennoch kommt der Gelegenheitsbeobachtung eine zentrale Bedeutung für die Orientierung und Verhaltenssteuerung im Alltag zu. Sie liefert häufig Anhaltspunkte für die Überprüfung von Vorannahmen (z.B. der Einschätzung anderer Menschen, sozialer Situationen), die weitere Analyse von Handlungszusammenhängen und die Interpretation der Zusammenhänge (im Sinne der Hypothesenbildung in der Forschung). Aufgrund ihrer geringen Planung und Zielgerichtetheit können bei der Gelegenheitsbeobachtung zahlreiche (unbewusste) Einflussfaktoren wirken, die zu Wahrnehmungsfehlern und Verfälschungen führen (Stemmler und Margraf-Stiksrud 2015, S. 63 ff.; s. auch unten: Fehlerquellen der Personenwahrnehmung).

Als systematische oder strukturierte Verhaltensbeobachtung ist die im beruflichen Kontext eingesetzte „zielgerichtete und methodisch kontrollierte Wahrnehmung von Objekten, Ereignissen und Prozessen“ zu bezeichnen (Huber 2020, S. 277). Die Beobachtungen finden dabei auf Grundlage des konkreten Erkenntnisinteresses (z.B. diagnostische Fragestellung), der Berufsrolle (z.B. als Psycholog*in), der allgemeinen institutionellen Zielsetzung (z.B. Auftrag der Schulpsychologie) und des beruflichen Selbstverständnisses (z.B. berufsethischer Kodex) statt. Jede Beobachtung ist auf den Beobachtungsgegenstand im Sinne einer Person-in-Situation Konstellation zu richten und schließt dabei auch gesellschaftliche Anforderungen und Normen ein (Reichenbach und Thiemann 2013, S. 82).

5 Ziele der Verhaltensbeobachtung

Ziel der Beobachtung von Verhalten ist im Allgemeinen die Gewinnung von Informationen über die zu beobachtende Person bzw. Personengruppe sowie die physische und soziale Umwelt. Im Alltag dient sie der Orientierung, Situationseinschätzung, Handlungsplanung und Überprüfung eigener Annahmen über die Umwelt. Bei der systematischen Verhaltensbeobachtung kommt die Überprüfung und die Reflexion über die aus der Verhaltensbeobachtung gewonnen Informationen, Erkenntnisse und Situationseinschätzungen sowie den Beobachtungsprozess selbst hinzu (Meta-Analyse).

Die professionelle Anwendung der Verhaltensbeobachtung findet sich im Forschungskontext und im Praxisfeld von zahlreichen Berufen, insbesondere im Kontext der Erbringung personenzentrierter Dienstleistungen. Dies umfasst zahlreiche Berufsfelder im pädagogischen, psychologischen und medizinischen Kontext.

Bei den Forschungsmethoden ist die systematische Verhaltensbeobachtung von der wissenschaftlichen Inhaltsanalyse abzugrenzen, die neben den Handlungsdaten auch andere Dokumentationsformen (z.B. Medien, Interviewtexte) zum Ziel des Erkenntnisgewinns auswertet (Van Ophuysen, Bloh und Gehrau 2017, S. 19; Gössl 2020, S. 55 ff.).

In pädagogischen, psychologischen und medizinischen Praxisfeldern werden mit der systematischen Verhaltensbeobachtung verschiedene Ziele verfolgt. Besonderen Stellenwert hat die Verhaltensbeobachtung beispielsweise in Kindertagesstätten und der heilpädagogischen Arbeit mit Kindern, da Kinder noch nicht differenziert über ihr körperliches und psychisches Befinden, ihre Bedürfnisse, Interessen u.a. Auskunft geben können (Knauf 2019; Beudels, Haderlein und Herzog 2012). Da sie nur z.T. bereits sprachlich auskunftsfähig sind, gilt es für die Mitarbeitenden, die notwendigen Informationen über die Verhaltensbeobachtung zu erschließen. In Analogie dazu findet sich in der Grundschule und in den weiterführenden Schulen der Einsatz von Verhaltensbeobachtung im Kontext des Leistungs- und Sozialverhaltens (Boer und Reh 2012; Viernickel und Völkl 2022).

Die systematische Verhaltensbeobachtung bildet im Bereich der Diagnostik neben Tests und dem Gespräch eine Basismethode. So werden bei Arbeitsproben, bei der Durchführung von Tests begleitend Verhaltensinformationen erhoben und im diagnostischen Gespräch wird das sprachbegleitende Verhalten erfasst und zur Interpretation der Informationen herangezogen (Stemmler und Margraf-Stiksrud 2015; Schmidt-Atzert und Amelang 2018).

Im beraterischen und therapeutischen Kontext dient die systematische Verhaltensbeobachtung (neben seiner diagnostischen Funktion) dazu, das eigene und das Verhalten der Klient*innen zu verstehen und den Beratungsprozess zu gestalten. So gilt es, die für die Klient*innen bedeutsamen emotionalen und sinnerfüllenden Inhalte in den Interaktionsabläufen zu identifizieren, in Ergänzung der Selbstbeschreibung der Person emotionales Erleben, Motive, Wünsche zu erfassen und diese kontinuierlich in das eigene Interaktionsverhalten einzubeziehen (Rausch, Hinz und Wagner 2008; Schwing und Fryzer 2018, S. 21 ff.).

In der beruflichen Selbstreflexion hat die Verhaltensbeobachtung ihre Funktion beispielsweise als Basis der Rückmeldung über das Arbeits- und Sozialverhalten in der Ausbildung durch die Anleiter*in, in der Reflexion von Teamprozessen sowie in der kollegialen Beratung und Supervision professioneller Helfer*innen (Hamburger und Mertens 2017).

6 Formen der systematischen Verhaltensbeobachtung

Die Gestaltung der systematischen Verhaltensbeobachtung leitet sich aus den Zielen, den Aufträgen an die Fachkraft, der Beobachter*innenrolle, aus dem Beobachtungsgegenstand (z.B. motorische, soziale oder sprachliche Kompetenzen), der Beobachtungssituation (Setting), aus der (zeitlichen) Ressource der Beobachter*in (Zeitdauer der Beobachtung) und dem Lebenskontext der Klient*innen ab. Zur Systematik liegen verschiedene Einteilungen vor (Stemmler und Margraf-Stiksrud 2015, S. 22 ff.; Schmidt-Atzert und Amelang 2018, S. 310 ff.). Im Folgenden soll exemplarisch auf die Unterscheidung zwischen

  • aktiv-teilnehmender, passiv-teilnehmender und nicht-teilnehmender Beobachtung,
  • natürlicher vs. künstlicher Beobachtung,
  • Ereignisstichprobe vs. Zeitstichprobe,
  • standardisierte vs. nicht-standardisierte Verhaltensbeobachtung

eingegangen werden.

Die aktiv-teilnehmende Beobachtung findet sich beispielsweise in Spiel- und Lernsituationen. Die Beobachter*in nimmt dabei aktiv am Spielgeschehen teil und kann so Verhaltensimpulse geben, um die Reaktion der anderen Person/en darauf kennenzulernen (z.B. neue Spiel- bzw. Kooperationsidee). Demgegenüber ist bei einer passiv-teilnehmenden Beobachtung – die beobachtende Person ist im Raum anwesend – die unmittelbare Aufzeichnung des Verhaltens möglich (geringerer Gedächtnisverlust) und das Verhalten wird nicht durch mögliche Interventionen der Beobachter*in beeinflusst.

Allerdings kann der Einfluss der Beobachter*in letztlich nur bei einer verdeckten Beobachtung ausgeschaltet werden, da bereits die reine Anwesenheit einer Person, z.B. im Schulraum, einen Einfluss auf das Schüler*innenverhalten haben kann (z.B. Effekte der sozialen Erwünschtheit, s. auch unter Fehler in der Verhaltensbeobachtung). Nicht-teilnehmende Beobachtung ist nur als verdeckte Beobachtung möglich. Diese werfen allerdings berufsethische Fragen auf und sind nur in ganz seltenen Fällen (z.B. zur Gefahrenabwehr, Vereitlung einer Straftat) legitim anwendbar. In Forschungskontexten ist es ethisch vertretbar, nach der Versuchsdurchführung das Einverständnis einzuholen und bei Ablehnung dann die Aufzeichnungen zu löschen (zu forschungsethischen Fragen s. Van Ophuysen, Bloh und Gehrau 2017, S. 60 ff.).

Die Verhaltensbeobachtung kann sich etwa auf das Kennenlernen der konkreten Lebenssituation der Klient*innen richten. Dann würde die natürliche Verhaltensbeobachtung beispielsweise in der Wohnung oder das Spielverhalten im Kinderzimmer verlässliche Informationen liefern. Verhaltensbeobachtung während eines psychologischen Experiments, eines Tests oder einer vorgegebenen Interaktionsaufgabe (z.B. bei der Erfassung der Mutter-Kind-Bindung; Grossmann und Grossmann 2011) wären Beispiele für künstliche Verhaltensbeobachtungen. Diese haben den Vorteil der Vergleichbarkeit und der zeitökonomischen Herstellung von für die fachliche Beurteilung relevanten Situationen.

Auf die Analyse relevanter Verhaltensausschnitte zielt die Ereignisstichprobe, d.h. für die Verhaltensbeobachtung (beispielsweise des kooperativen Spielverhaltens in einer Kindergruppe) werden relevante Situationen ausgewählt. So arbeitet das Video-Home-Training Marte Meo, entwickelt von Maria Arts, bei der Reflexion des Erziehungsverhaltens der Eltern gezielt mit erfolgreichen Interaktionssequenzen zwischen Eltern und Kind, um einen ressourcenorientierten Blick auf die Eltern zu stärken (Bünder, Siringhaus-Bünder und Helfer 2015). Demgegenüber gibt eine Zeitstichprobe eine feste Erfassungszeit vor, d.h. es wird z.B. in einer Gruppeninteraktion die Anfangs-/Begrüßungs- und die Abschluss-/​Verabschiedungssequenz betrachtet. Eine Zeitstichprobe verkürzt ökonomisch die Beobachtungszeit und lässt auch Beobachtungsausschnitte zu, die bei einer Ereignisstichprobe nicht beobachtet worden wären.

Die Qualität der Verhaltensbeobachtung hängt wesentlich von der Art der Dokumentation der Beobachtungsdaten und deren genaue Vorabplanung ab. Für die Beobachtungsarbeit werden insofern spezielle Dokumentationsbögen verwendet. Die Unterscheidung zwischen standardisierten und nicht-standardisierten Beobachtungsverfahren stellt lediglich das Extrem einer großen Vielzahl von Dokumentationsmethoden und -instrumenten dar. Wie die Dokumentationsbögen zu gestalten sind, hängt von der Fragestellung, dem Beobachtungsziel und dem Beobachtungsgegenstand ab (Greve und Wentura 1997, S. 114 ff.).

So würde für eine allgemeine Verkehrszählung an einer Straße die Anzahl und die Art der Fahrzeuge ausreichen. Analog könnte die Mitarbeit in einer Schulklasse quantifiziert werden. Wesentlicher Nachteil von reinen „Strichlisten“ ist jedoch, dass der zeitliche Verlauf des auftretenden Verhaltens nicht erfasst wird. Sollte dies von Bedeutung sein (z.B. die Aufmerksamkeit und Motivation im Verlauf einer Schulstunde) müsste dies mit erhoben werden. Demgegenüber wäre zur Erfassung des Erlebens und Verhaltens in einer spieltherapeutischen Situation ein sehr viel differenzierter Beobachtungsbogen anzuwenden, der neben dem Verhalten emotionale und interaktive Aspekte erfasst.

Daneben werden Rating-Verfahren eingesetzt. Dies sind jedoch keine direkten Instrumente der Verhaltensbeobachtung, sondern sie fassen einen Gesamteindruck der urteilenden Person über die Person zusammen. Sie werden beispielsweise bei einem Einstellungsgespräch eingesetzt, um die Eindrücke der Mitglieder der Bewerbungskommission zu erfassen. Insofern handelt es sich hierbei um zeitökonomische Fragebögen zur zusammenfassenden Erhebung von Gesprächseindrücken. Aufgrund zahlreicher Einflüsse der Personenwahrnehmung hat dieses Verfahren jedoch eine geringe Objektivität (Stemmler und Margraf-Stiksrud 2015, S. 46 ff.).

7 Fehlerquellen in der Personenwahrnehmung

In der Personenwahrnehmung müssen zahlreiche Fehlerquellen berücksichtigt werden. Relevante Teilprozesse der Personenwahrnehmung sind nach Martin und Wawrinowski (2014; S. 18 ff.):

  1. Die Selektion (Auswahl)
    Menschen wählen aktiv aus dem Reizangebot aus (2. Selektion), das ursprünglich zugelassen wurde (1. Selektion). Je nach Ausprägung dieser Bedingungen bzw. Merkmale sind die Reizzuwendung (Reizschwelle) und der Bewusstheitsgrad (Sensitivität) unterschiedlich.
  2. Organisation der Wahrnehmungsaspekte
    Hier findet das Zusammenfügen von Einzelheiten und Ausschnitte zu einem sinnvollen Ganzen statt. In dieser Phase werden auch unvollständige Informationen ergänzt und so entsteht ein Gesamtbild (z.B. bei Prozessen der Formwahrnehmung).
  3. Akzentuierung (Betonung)
    Die Erwartungshaltung der beobachtenden Person aufgrund ihrer persönlichen Bedürfnisse und Einstellungen führt zur Betonung einzelner Beobachtungsausschnitte bzw. Sichtweisen. Dadurch werden andere mögliche Alternativen vernachlässigt (z.B. störendes Verhalten bei sonst angepassten, lieben Kindern wird „übersehen“).
  4. Fixation (Verfestigung, Festhalten)
    Erwartungen werden durch Wahrnehmungseindrücke verstärkt (z.B. eine Erzieherin entdeckt immer wieder „aggressives“ Verhalten bei bestimmten Kindern, die auch vorher auffielen). Flexibilität, Spontaneität und Toleranz im Beobachtungsverhalten sind herabgesetzt. Die Erkennbarkeitsschwelle für neue, andersartige und den Ausgangserwartungen widersprechende Reize ist vergleichsweise hoch. Im Prozess der Urteilsbildung kommt es zur Generalisierung, d.h. ein in einer Situation beobachtetes Verhalten wird situationsübergreifend und zeitstabil als gültig angesehen. Es wird auf die Ebene von Persönlichkeitseigenschaften transformiert und so kommuniziert.

Greve und Wentura (1997, S. 56 ff.) systematisieren zentrale Fehlerquellen in der Verhaltensbeobachtung. Die Autoren beschreiben drei Gruppen von Beobachtungsfehlern:

  1. Fehler, die beim Beobachter bzw. bei der Beobachterin liegen,
  2. Fehler, die in der Beobachtungssituation begründet sind,
  3. Fehler, die in den äußeren Bedingungen verursacht werden.

Zu 1: Hierzu gehören wahrnehmungsbedingte Fehler (z.B. der Einfluss vorhergehender Informationen und dadurch ausgelöste Erwartungshaltungen, Projektionen, Fehler aufgrund emotionaler Beteiligung), Interpretationsfehler (z.B. die Tendenz zur Mitte), erinnerungsbedingte Fehler (z.B. aufgrund der Grenzen der Gedächtniskapazität) und wiedergabebedingte Fehler (z.B. aufgrund sprachlicher Ungenauigkeiten). Insbesondere die zeitlichen und prozessbezogenen Überschneidungen zwischen Wahrnehmung, Deutung und Erinnerung stellen eine besondere Herausforderung für die Verhaltensbeobachtung dar (Grewe und Wentura 1997, S. 60 ff.; Gössl 2020, S. 47 f.).

Zu 2: Fehler verursacht durch die Beobachtungssituation können im Beobachtungssystem liegen, d.h. ein unter- oder überkomplexes System zur Erfassung der relevanten Aspekte in der Beobachtungssituation. Hier gilt es, ein dem Gegenstand angemessenes Beobachtungssystem zu verwenden. So liegt z.B. aus der Bindungsforschung der Fremde-Situations-Test (bestehend aus 7 Einzelschritten) vor, der – von Mary Ainsworth entwickelt – eine wissenschaftlich fundierte Beurteilung der Qualität der Mutter-Kind-Bindung zulässt (Grossmann und Grossmann 2011). Verlässt man sich demgegenüber ausschließlich auf die spontanen Beobachtungen der Mutter-Kind-Interaktion bei einem Hausbesuch, dann würde sehr wahrscheinlich eine fehlerhafte bzw. lückenhafte Einschätzung erfolgen. Genauso kann eine fehlende Routine bei der Anwendung eines Dokumentationsbogens Messfehler erzeugen.

Zu 3: Hierzu sind ungünstige äußere Bedingungen (z.B. Störgeräusche aus der Umgebung, Fehler in der Filmaufzeichnung, schlechte Lichtverhältnisse) zu rechnen. Letztlich ist dabei die Gestaltung der Beobachtungssituation zu berücksichtigen und im Vorfeld die Frage zu stellen, in welcher Situation das zu beobachtende Verhalten am besten von äußeren Einflüssen abgeschirmt zu beobachten ist.

8 Handlungsstrategien zur Reduktion der Beobachtungsfehler

Die genannten Fehler in der Verhaltensbeobachtung lassen sich reduzieren durch:

  1. die Schulung der Beobachter*innen in der Durchführung der Verhaltensbeobachtung und in der Handhabung der Auswertungsinstrumente,
  2. die genaue Definition des Beobachtungsgegenstandes und der -einheit in Abgrenzung zu verwandten Begriffen/​Konzepten,
  3. die möglichst einfache und benutzerfreundliche Gestaltung des Beobachtungsschemas und des Erfassungsinstruments,
  4. die gemeinschaftliche Durchführung und Auswertung der Verhaltensbeobachtung (Mehr-Augen-Prinzip; Intersubjektivität),
  5. die Reflexion eigener Erwartungen bzw. Stimmungen vor und während der Verhaltensbeobachtung,
  6. die gemeinschaftliche Reflexion der Praxis der Beobachtung und die Weiterentwicklung der Beobachtungsinstrumente,
  7. den Einsatz weiterer Methoden in der Forschung, beispielsweise von Tests, Interviews und der Dokumentenanalyse (Mixed Methods Design) (Stemmler und Margraf-Stiksrud 2015, S. 65 f.; auch Beudels, Haderlein und Herzog 2012, S. 32 ff.).

Aufgrund der Herausforderungen und Fehlerquellen im Kontext der Verhaltensbeobachtung gilt es, die Methode im Kontext der Ausbildung bzw. des Studiums kennenzulernen und an ausgewählten Praxisbeispielen zu üben. Dies empfiehlt Verhaltensbeobachtung auch als integralen Bestandteil der Einarbeitung von Mitarbeiter*innen in pädagogischen, psychologischen und medizinischen Praxisfeldern.

9 Quellenangaben

Beudels, Wolfgang, Ralf Haderlein und Sylvia Herzog, Hrsg., 2012. Handbuch Beobachtungsverfahren in Kindertageseinrichtungen. Dortmund: Borgmann. ISBN 978-3-938187-62-3 [Rezension bei socialnet]

Boer, Heike de und Sabine Reh, 2012. Beobachtung in der Schule – Beobachtung Lernen. Wiesbaden: VS-Verlag. ISBN 978-3-531-17761-8

Bünder, Peter, Annegret Siringhaus-Bünder und Angela Helfer, 2015. Lehrbuch der Marte-Meo-Methode: Entwicklungsförderung mit Videounterstützung. 4. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-647-40468-4

Goldstein, Bruce E, 2015. Wahrnehmungspsychologie: Der Grundkurs. 9. Auflage. Berlin: Springer. ISBN 978-3-642-55073-7

Gössl, Martin, 2020. Die Methode der Beobachtung in der Sozialen Arbeit. Baden-Baden: Tectum. ISBN 978-3-8288-4483-4

Greve, Werner und Dirk Wentura, 1997. Wissenschaftliche Beobachtung: Eine Einführung. 2. korrigierte Auflage. Weinheim: Psychologie Verlags Union. ISBN 978-3-621-27360-2

Grossmann, Klaus E. und Karin Grossmann, 2011. Bindung und menschliche Entwicklung: John Bowlby, Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-608-94936-0 [Rezension bei socialnet]

Hamburger, Andreas und Wolfgang Mertens, Hrsg., 2017. Supervision: Konzepte und Anwendungen. Band 1. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-029338-0 [Rezension bei socialnet]

Huber, Oswald, 2020. Beobachtung. In: Wirtz, Markus A., Hrsg. Dorsch: Lexikon der Psychologie. 19. überarb. Auflage. Bern: Hogrefe, S. 276–277. ISBN 978-3-456-85914-9

Knauf, Helen, 2019. Bildungsdokumentation in Kindertageseinrichtungen: Prozessorientierte Verfahren der Dokumentation von Bildung und Entwicklung. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-24100-1 [Rezension bei socialnet]

Martin, Ernst und Uwe Wawrinowski, 2014. Beobachtungslehre: Theorie und Praxis reflektierter Beobachtung. 6. Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-1965-0

Ophuysen, van Stefanie, Bea Bloj und Volker Gehrau, 2017. Die Beobachtung als Methode in der Erziehungswissenschaft. Konstanz: UKV Verlagsgesellschaft. ISBN 978-3-8252-4862-8

Rausch, Adly, Arnold Hinz und Rudi F. Wagner, 2008. Modul Beratungspsychologie. München: Klinkhardt/UTB. ISBN 978-3-8252-3072-2

Reichenbach, Christina und Helge Thiemann, 2013. Lehrbuch diagnostischer Grundlagen der Heil- und Sonderpädagogik. Dortmund: Verlag Modernes Lernen. ISBN 978-3-8080-0847-8

Schmidt-Atzert, Lothar und Manfred Amelang, 2018. Psychologische Diagnostik. 5. Auflage. Berlin: Springer. ISBN 978-3-662-58054-7

Schwing, Rainer und Andreas Fryzer, 2018. Systemisches Handwerk: Werkzeug für die Praxis. 9. Auflage. Göttingen: Vandehoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-45372-8 [Rezension bei socialnet]

Stemmler, Gerhard und Jutta Margraf-Stiksrud, 2015. Verhaltensbeobachtung. In: Gerhard Stemmler und Jutta Margraf-Stiksrud, Hrsg. Psychologische Diagnostik. Bern: Huber, S. 13–76. ISBN 978-3-456-85518-9 [Rezension bei socialnet]

Viernickel, Susanne und Petra Völkl, 2022. Beobachtung und dokumentieren im pädagogischen Alltag. Freiburg: Herder. ISBN 978-3-451-82517-0

Wendt, Mike, 2014. Allgemeine Psychologie: Wahrnehmung. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-2288-3

Willke, Helmut, 2006. Systemtheorie I: Eine Einführung in die Grundprobleme der Systemtheorie. 7. Auflage. München: Lucius & Lucius. ISBN 978-3-8282-0351-8

10 Literaturhinweise

Martin, Ernst und Uwe Wawrinowski, 2014. Beobachtungslehre: Theorie und Praxis reflektierter Beobachtung. 6. Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-1965-0

Reichenbach, Christina und Helge Thiemann, 2013. Lehrbuch diagnostischer Grundlagen der Heil- und Sonderpädagogik. Dortmund: Verlag Modernes Lernen. ISBN 978-3-8080-0847-8

Viernickel, Susanne und Petra Völkl, 2022. Beobachtung und dokumentieren im pädagogischen Alltag. Freiburg: Herder. ISBN 978-3-451-82517-0

Verfasst von
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Balz, Hans-Jürgen, 2022. Verhaltensbeobachtung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 28.10.2022 [Zugriff am: 28.01.2023]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/3342

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