socialnet Logo

Versorgungsforschung

Dr. rer. medic. Yvonne Marx

veröffentlicht am 17.12.2025

Englisch: health services research; healthcare research

Die Versorgungsforschung ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die Strukturen und Prozesse des Gesundheitssystems unter (sich ändernden) Alltagsbedingungen analysiert. Das Ziel besteht darin, die gesundheitspolitische Steuerung zu ermöglichen und Entscheidungen über Versorgungsleistungen auf aktueller wissenschaftlicher Basis zu treffen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Einordnung
    1. 2.1 Schwerpunkte
    2. 2.2 Angrenzende Forschungsdisziplinen
  3. 3 Grundlagen
    1. 3.1 Individual- und populationsbezogene Orientierung
    2. 3.2 Outcomeorientierung
    3. 3.3 Kontextbezug
    4. 3.4 Multidisziplinarität
  4. 4 Modelle und Methoden
    1. 4.1 Modelle
    2. 4.2 Methoden
    3. 4.3 Regelkreis der Versorgungsforschung
  5. 5 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Im Fokus der Versorgungsforschung steht die Analyse der Gesundheits- und Krankenversorgung des einzelnen Individuums sowie von Populationen unter alltäglichen Bedingungen. Zudem soll umfassendes und abgesichertes Wissen über die aktuelle Versorgungssituation des einzelnen Individuums und der Bevölkerung generiert werden, um eine bestmögliche Versorgung der Bevölkerung im Krankheitsfall sowie den Schutz vor Gesundheitsrisiken sicherzustellen (Pfaff et al. 2024, S. 3; BMG 2025, Berg und Hoffmann 2025, S. 8).

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Beschreibung von Vorgängen und Wechselwirkungen mittels angemessener Theorien und Methoden sowie dem Erkennen und Deuten kausaler Zusammenhänge. Auf dieser Grundlage erfolgt die Entwicklung von Vorschlägen zur Optimierung der Versorgung sowie die evaluative Begleitung, beispielsweise komplexer Interventionen (Berg und Hoffmann 2025, S. 7; Pfaff et al. 2022, S. 84). So sollen u.a. Unter-, Über- und Fehlversorgungen identifiziert, zukünftige Bedarfe abgeschätzt sowie Lösungen für die Herausforderungen der Gesundheitssysteme entwickelt werden (Berg und Hoffmann 2025, S. 7).

2 Einordnung

Ausgehend von der anfänglichen Definition des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung (DNVF, gegründet 2006) wurde eine Erweiterung des Forschungsfeldes der Versorgungsforschung vorgenommen. Die zentralen Elemente dieser Erweiterung umfassen insbesondere die thematischen Schwerpunkte und die angrenzenden Forschungsdisziplinen.

2.1 Schwerpunkte

Die Versorgungsforschung ist ein junges, interdisziplinäres Forschungsfeld, das sich mit der Gestaltung, Struktur und den Auswirkungen der Kranken- und Gesundheitsversorgung im alltäglichen Setting auseinandersetzt. Ausgehend von der Patient:innen- und der Populationsperspektive werden komplexe Kontextbedingungen und Versorgungsstrukturen, -schwerpunkte und -prozesse untersucht, um die Qualität und Effizienz der Versorgung zu verbessern. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Beschreibung von Ergebnissen auf der Ebene der Alltagsversorgung sowie der Evaluation komplexer Interventionen zur Verbesserung der Versorgung (Schrappe und Pfaff 2017, S. 690; Pfaff et al. 2024, S. 8).

2.2 Angrenzende Forschungsdisziplinen

Es lassen sich häufig überlappende Forschungsthemen zu anderen (Forschungs-)Disziplinen beobachten, wobei oftmals eine ähnliche, zum Teil auch identische Methodik Anwendung findet. Exemplarisch aufzuführen sind:

Eine präzise Abgrenzung ist mitunter schwer zu realisieren. Vielmehr bestehen teilweise günstige Synergien mit diesen und weiteren Disziplinen sowie mit der klinischen Forschung. Der interdisziplinäre Ansatz erweist sich als außerordentlich vorteilhaft (Berg und Hoffmann 2025, S. 8).

3 Grundlagen

Im Zentrum der grundlagenorientierten Versorgungsforschung steht die Erfassung und das Verständnis der vielfältigen Wechselwirkungen zwischen den Komponenten des Versorgungssystems (Pfaff et al. 2024, S. 8). Der anwendungsorientierte Ansatz der Versorgungsforschung fokussiert sich auf die (Weiter-)Entwicklung, Evaluation und Implementierung neuer Versorgungskonzepte. Kennzeichnend für die Versorgungsforschung ist der Einbezug spezifischer Grundlagen, die in den folgenden Abschnitten dargestellt werden (Pfaff et al. 2024, S. 8).

3.1 Individual- und populationsbezogene Orientierung

Der Fokus der Versorgungsforschung liegt auf Fragestellungen, die sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten orientieren bzw. patientenrelevante Probleme und Prozesse adressieren. Somit ist eine frühzeitige Einbindung von Patientenvertreter:innen unabdingbar (BMFTR 2025). Dabei werden sowohl einzelne Personen als auch die Population berücksichtigt. In Abgrenzung zu klinischen Studien, wird bei Studien zur Versorgungsforschung eine reale („alltägliche“) Abbildung einer Patient:innen- oder Bevölkerungsgruppe berücksichtigt (z.B. kein Ausschluss bei höherem Alter, Begleiterkrankungen) (Pfaff et al. 2024, S. 6; Berg und Hoffmann 2025).

3.2 Outcomeorientierung

Der Fokus liegt auf der Evaluation und Optimierung der Wirksamkeit und des Nutzens von Gesundheitsleistungen, wobei insbesondere die Perspektive der Patientinnen und Patienten berücksichtigt wird (Pfaff et al. 2024, S. 8). Dazu sind u.a. patientenberichtete Behandlungsergebnisse von Relevanz, z.B. die empfundene Lebensqualität (Patient Reported Outcomes Measures – PROMs). Zudem sind die Zufriedenheit mit der Behandlung, die empfundene Kontinuität, Präferenzen und Wünsche (Patient Reported Experience Measures – PREMs) von Bedeutung (Kingsley und Patel 2017; Casaca et al. 2023; Berg und Hoffmann 2025, S. 8).

3.3 Kontextbezug

Nach Erbringung des Wirksamkeitsnachweises (klinische Forschung) wird die Frage nach der Wirksamkeit in der Versorgungsforschung um den Kontextbezug (auch: Setting) ergänzt. Dies bedeutet, dass die Frage erörtert wird, in welcher Weise die Intervention bei wem wirkt und unter welchen (Kontext-)Faktoren eine bestmögliche Wirkung erzielt werden kann. Diese Erkenntnisse sind nach der Erprobung entscheidend für die Art der Implementierung in einem anderen Kontext sowie für eventuelle Anpassungen (Demirer et al. 2024, S. 19).

3.4 Multidisziplinarität

Ein Merkmal der Versorgungsforschung ist die integrierte Zusammenarbeit verschiedener Professionen oder Fachgruppen. Vielfältige Einflussfaktoren auf unterschiedlichen Ebenen können nur durch die Beteiligung aller Fachdisziplinen umfassend analysiert werden und nur durch die Beteiligung aller in der Versorgung tätigen Berufsgruppen adäquat verbessert werden (Schrappe und Pfaff 2016, S. 691; Neugebauer et al. 2018, S. 944).

4 Modelle und Methoden

Forschungsprozesse stellen einen zentralen Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis in der Versorgungsforschung dar. Um die gestellten Anforderungen zu erfüllen, sind eine sorgfältige Planung, eine systematische Vorgehensweise sowie eine kritische Reflexion erforderlich. Der Einsatz diverser Methoden und Techniken ermöglicht die Generierung neuer Erkenntnisse sowie die Erweiterung bestehender Wissensbestände (Strupp und Scholten 2024, S. 180).

4.1 Modelle

In der Versorgungsforschung werden Modelle als absichtliche Vereinfachung von Phänomenen oder Theorien, bzw. als Theorien mit eingeschränkter Erklärungsweite verstanden (Nilsen 2015, S. 2; Pfaff et al. 2024, S. 9).

Exemplarisch zu nennen ist hier das Throughput-Modell der Versorgungsforschung (Pfaff et al. 2024, S. 10), das die vier Variablen Input, Throughput, Output und Outcome unterscheidet. Der Input (z.B. Patient:innen, Personal, auch Ereignisse oder Veränderungen) gelangt in das Throughput-System (z.B. Arztpraxen, Kliniken). Im Versorgungssystem wird mittels des Inputs durch Transferprozesse (z.B. eine Behandlung) eine gewünschte Versorgungsleistung, z.B. eine Diagnose oder Therapie (Output) erstellt, die ein gewünschtes Versorgungsergebnis (Outcome) herbeiführen soll (z.B. Verbesserung der Lebensqualität, Verringerung von Schmerzen). Im erweiterten Modell wird ebenfalls u.a. die Möglichkeit einer Rückkopplung von Output und Outcome auf die Inputfaktoren, das Throughput bzw. Feedbackschleifen berücksichtigt (z.B. Wiedereinweisung ins Krankenhaus) (Pfaff et al. 2024, S. 10).

4.2 Methoden

In der Versorgungsforschung finden sowohl qualitative (z.B. Interviews) als auch quantitative (z.B. Auswertung von Krankenkassen- oder Registerdaten) Methoden Anwendung. Beide Verfahren haben Vor- und Nachteile, die Wahl des Vorgehens ist u.a. abhängig vom Forschungsgegenstand und der bisherigen Kenntnislage. Des Weiteren rücken auch „Mixed Methods“-Ansätze, die eine zielgerichtete Kombination verschiedener Methodenperspektiven beinhalten, zunehmend in den Fokus (Kelle 2022, S. 163; Pfaff et al. 2024, S. 11).

4.3 Regelkreis der Versorgungsforschung

Der Regelkreis der Versorgungsforschung beschreibt einen zyklischen Prozess. Am Anfang steht ein Versorgungsproblem oder eine Versorgungslücke, die aus der Versorgungspraxis oder durch Betroffene identifiziert wird. Auf dieser Grundlage wird eine Forschungsfrage formuliert, die den Forschungsprozess auslöst. Die daraus gewonnenen Schlussfolgerungen und Ergebnisse fließen anschließend in die Praxis ein und führen zu neuen Erkenntnissen für politische und operative Entscheidungen (z.B. Überarbeitung von Leitlinien, Änderung von Gesetzen, Aufnahme von Leistungen in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen).

Aus diesen Ergebnissen und Änderungen können wiederum neue Forschungsfragen entstehen oder weitere Forschung angestoßen werden.

Der Regelkreis findet sowohl in der qualitativen als auch in der quantitativen Forschung Anwendung (Pfaff et al. 2024, S. 13).

5 Quellenangaben

Berg, Neeltje van den und Wolfgang Hoffmann, 2025. Was ist Versorgungsforschung? In: Der Schmerz [online]. 39(1), S. 7–13 [Zugriff am: 19.09.2025]. ISSN 1432-2129. doi:10.1007/s00482-024-00843-9

Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), 2025. Versorgungsforschung [online]. Berlin: Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt [Zugriff am: 04.09.2025]. Verfügbar unter: https://www.gesundheitsforschung-bmftr.de/de/versorgungsforschung-9447.php

Bundesministerium für Gesundheit (BMG), 2025. Versorgungsforschung [online]. Berlin: Bundesministerium für Gesundheit, 18.08.2025 [Zugriff am: 10.09.2025]. Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/​begriffe-von-a-z/v/versorgungsforschung.html

Casaca, Pedro, Willemijn Schäfer, Anna Beatriz Nunes und Paulo Sousa, 2023. Using patient-reported outcome measures and patient-reported experience measures to elevate the quality of healthcare. In: International Journal for Quality in Health Care [online]. 35(4), S. 1–2 [Zugriff am: 20.09.2025]. ISSN 1464-3677. doi:10.1093/intqhc/​mzad098

Demirer, Ibrahim, Gisela Nellessen-Martens und Lena Ansmann, 2024. Kontext als impliziter und expliziter Gegenstand der Versorgungsforschung. In: Holger Pfaff, Edmund A. M. Neugebauer, Nicole Ernstmann, Martin Härter und Falk Hoffmann, Hrsg. Versorgungsforschung: Theorien – Methoden – Praxis. Wiesbaden, Heidelberg: Springer, S. 17–29. ISBN 978-3-658-42862-4

Kelle, Udo, 2022. Mixed Methods. In: Nina Baur und Jörg Blasius, Hrsg. Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 163–77. ISBN 978-3-658-37984-1

Kingsley, Charlotte und Sanjiv Patel, 2017. Patient-reported outcome measures and patient-reported experience measures. In: BJA Education [online]. 17(4), S. 137–44 [Zugriff am: 12.09.2025]. ISSN 2058-5357. doi:10.1093/bjaed/​mkw060

Neugebauer, Edmund A. M, Matthias Schrappe, Holger Pfaff und Gerd Glaeske, 2018. Versorgungsforschung: Definition, Gegenstand, Methodik und Perspektiven. In: Der Unfallchirurg [online]. 121(12), S. 940–8 [Zugriff am: 20.09.2025]. ISSN 2731-703X. doi:10.1007/s00113-018-0563-y

Nilsen, Per, 2015. Making sense of implementation theories, models and frameworks. In: Implementation Science [online]. 10(53), S. 1–3 [Zugriff am: 20.09.2025]. ISSN 1748-5908. doi:10.1186/s13012-015-0242-0

Pfaff, Holger, Lena Ansmann und Timo-Kolja Pförtner, 2022. Versorgungsforschung – Beiträge der Medizinsoziologie in Vergangenheit und Gegenwart. In: Johannes Siegrist, Ulrich Stößel und Alf Trojan, Hrsg. Medizinische Soziologie in Deutschland. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 83–114. ISBN 978-3-658-37691-8

Pfaff, Holger, Falk Hoffmann, Nicole Ernstmann, Martin Härter und Edmund A. M. Neugebauer, 2024. Was ist Versorgungsforschung? In: Holger Pfaff, Edmund A. M. Neugebauer, Nicole Ernstmann, Martin Härter und Falk Hoffmann, Hrsg. Versorgungsforschung: Theorien – Methoden – Praxis. Wiesbaden, Heidelberg: Springer, S. 3–15. ISBN 978-3-658-42862-4

Schrappe, Matthias und Holger Pfaff, 2016. Versorgungsforschung vor neuen Herausforderungen: Konsequenzen für Definition und Konzept. In: Gesundheitswesen [online]. 78(11), S. 689–94 [Zugriff am: 16.09.2025]. ISSN 1439-4421. doi:10.1055/s-0042-116230

Strupp, Julia und Nadine Scholten, 2024. Der Versorgungsforschungsprozess. In: Holger Pfaff, Edmund A. M. Neugebauer, Nicole Ernstmann, Martin Härter und Falk Hoffmann, Hrsg. Versorgungsforschung: Theorien – Methoden – Praxis. Wiesbaden: Springer, S. 171–81. ISBN 978-3-658-42862-4

Verfasst von
Dr. rer. medic. Yvonne Marx
Magdeburg
Mailformular

Es gibt 1 Lexikonartikel von Yvonne Marx.

Zitiervorschlag anzeigen

Rezensionen

Buchcover

Michael Görtler, Stefan Schäfer (Hrsg.): Politische Bildung in der Sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2025.
Rezension lesen   Buch bestellen

zu den socialnet Rezensionen

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Werden Sie Sponsor des socialnet Lexikons!

Profitieren Sie von hoher Sichtbarkeit in der Sozialwirtschaft, attraktiven Werberabatten und Imagegewinn durch CSR. Mit Ihrem Logo auf allen Lexikonseiten erreichen Sie monatlich rund 90.000 Fachkräfte und Entscheider:innen.
Mehr erfahren …