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Videografie

Prof. Dr. Jörg Dinkelaker

veröffentlicht am 10.01.2022

Weitere Schreibweise: Videographie

Ähnlicher Begriff: Videointeraktionsanalyse

Videografie bezeichnet eine Methode zur detaillierten Analyse des sicht- und hörbaren Geschehens in sozialen Situationen zu Forschungs- oder Ausbildungszwecken.

Überblick

  1. 1 Grundlegende Vorgehensweise
  2. 2 Reversible Selektivität als besonderes Merkmal der videografischen Analyse
  3. 3 Einsatz videografischer Verfahren in Ausbildung und Praxisreflexion
  4. 4 Gegenstände videografischer Forschung in der Erziehungswissenschaft
  5. 5 Analyseverfahren
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise

1 Grundlegende Vorgehensweise

Die interessierenden Abläufe werden mit audiovisuellen Aufnahmegeräten dokumentiert und die Aufnahmen dann im Nachhinein systematisch ausgewertet. Im Unterschied zur Videoanalyse wird in videografischen Verfahren das Video in erster Linie als Mittel zur Erforschung des auf ihm dokumentierten Geschehens verwendet. Die Analyse des Videos selbst (Perspektive, Kameraführung, ggf. Schnitt und Vertonung) steht nicht im Vordergrund und dient lediglich der Reflexion des eigenen methodischen Vorgehens.

2 Reversible Selektivität als besonderes Merkmal der videografischen Analyse

Eine Besonderheit videografischer Analysen besteht darin, dass mit audiovisuellen Aufzeichnungen prinzipiell immer mehr Aspekte des Geschehens dokumentiert werden, als für die Analyse jemals relevant werden können. Obwohl Videoaufnahmen das Geschehen immer nur ausschnitthaft dokumentieren können – von einem bestimmten Standort aus, in einer bestimmten Blickrichtung, mit einem größeren oder kleineren Brennwinkel – entsteht in jeder Aufnahme ein nicht-reduzierbarer Überschuss an Beobachtungsmöglichkeiten, sodass eine selektive Auswertung des Datenmaterials unumgänglich wird. Die Frage, woran sich die Selektivität der Datenauswertung orientiert, ist daher das methodische Grundproblem, das es bei jeder videografischen Untersuchung zu bearbeiten gilt. Während sich standardisierende Beobachtungsverfahren am Ideal einer eindeutigen und vorgängigen Festlegung der Beobachtungskriterien orientieren, ist bei rekonstruktiven Verfahren das Ideal leitend, dass die Beobachtung sich an den Selektivitätskriterien orientiert, die die am beobachteten Geschehen selbst Beteiligten an die Situation anlegen (Dinkelaker 2016, 2017). Da durch die Auswertung des Datenmaterials die Überkomplexität der Ausgangsdaten nicht verloren geht, wird es im Zuge videografischer Analysen auch möglich, ein und dieselbe Situation mehrmals zu betrachten, und dabei auf jeweils Unterschiedliches zu achten. Dieses Phänomen einer „reversiblen“ Selektivität stellt sich beim mehrmaligen Betrachten eines Ausschnitts bereits ganz von selbst ein, weil den Betrachtenden immer wieder Neues auffallen kann. Es lässt sich darüber hinaus auch systematisch nutzen, wenn derselbe Ausschnitt vor dem Hintergrund unterschiedlicher theoretischer Beobachtungszugänge betrachtet wird. So lässt sich triangulieren, was unterschiedliche Theorien oder Sichtweisen zur Analyse bestimmter Situationen beitragen können. Darüber hinaus lassen sich unterschiedliche Aspekte des Geschehens zunächst isoliert voneinander betrachten, sodass systematisch das Verhältnis dieser Aspekte zueinander untersucht werden kann. So kann bspw. das Verhältnis von verbaler und nonverbaler Kommunikation in einer bestimmten Situation in den Blick genommen werden (Kade und Nolda 2007) oder es können die Bezugnahmen unterschiedlicher Beteiligter auf die Situationen zueinander ins Verhältnis gesetzt werden (Danby und Baker 2000; Dinkelaker 2010).

3 Einsatz videografischer Verfahren in Ausbildung und Praxisreflexion

Neben dem Einsatz videografischer Verfahren zu Forschungszwecken, wird Videografie zunehmend auch für die Ausbildung von Beobachtungs- und Reflexionsfähigkeiten pädagogischer Handelnder und zur Ermöglichung einer vertieften, praxisbegleitenden Reflexion eingesetzt (zur Frühpädagogik König, Kühn und Pollert 2014; zur Erwachsenenbildung Digel und Schrader 2013). In Gesprächen über videografierte pädagogische Situationen wird es aufgrund des oben beschriebenen Phänomens der reversiblen Selektivität möglich, verschiedene Sichtweisen auf das Geschehen zu artikulieren und zueinander ins Verhältnis zu setzen. So werden implizite Perspektiven der an der Auswertung beteiligten Personen explizierbar, theoretische Sichtweisen auf pädagogische Situationen können anschaulich konkretisiert und in ihren jeweiligen Leistungen zur Erschließung des komplexen Geschehens erfahrbar gemacht werden. Darüber hinaus können auch spezifische Beobachtungsweisen gezielt vermittelt und eingeübt werden.

4 Gegenstände videografischer Forschung in der Erziehungswissenschaft

In der Erziehungswissenschaft sind üblicherweise natürliche, also nicht eigens für die Aufnahme inszenierte Interaktionssituationen Gegenstand der Analyse. Eine große Bandbreite unterschiedlicher pädagogischer Handlungsfelder wird hierbei mittlerweile in den Blick genommen. Dazu gehören z.B. Interaktionen in Kindertagesstätten (König 2009), schulischer Unterricht (Schluß und Jehle 2013; Rabenstein und Proske 2018), Pausensituationen in der Schule (Wagner-Willi 2005), sportpädagogische Maßnahmen (z.B. Erhorn 2017), Kurse der Erwachsenenbildung oder Fortbildungsveranstaltungen (Kade et al. 2014). Weil mit Videoaufnahmen insbesondere auch das sichtbare Geschehen unter die Lupe genommen werden kann, stehen häufig Fragen der räumlichen Situierung, der nonverbalen Interaktion, der Aufführung sozialer Praktiken, der körperlichen Koordination oder der wechselseitigen Wahrnehmung im Vordergrund der Analyse (Dinkelaker 2020).

5 Analyseverfahren

Die Bandbreite möglicher Verfahren zur Analyse videografischer Aufnahmen ist groß (Dinkelaker und Herrle 2009; Rauin, Engartner und Herrle 2016; Moritz und Corsten 2018). Prinzipiell kann zwischen kategoriengeleiteten und rekonstruktiven Verfahren unterschieden werden. Als Leitunterscheidung bei kategoriengeleiteten Verfahren dient die Differenz zwischen hoch- und niedrig-inferenten Beobachtungsweisen (Seidel und Prenzel 2010). In hoch-inferenten Beobachtungsweisen spielen Interpretationen und Einschätzungen der Beobachtenden eine große Bedeutung bei der Zuordnung von Ereignissen zu bestimmten Kategorien. Bei niedrig-inferenten Verfahren wird dagegen versucht, Einzelereignisse eindeutig zu definieren und ihr Auftreten zu dokumentieren. Rekonstruktive Verfahren sind daraufhin ausgerichtet, die sich im Video dokumentierten situativen Ordnungen herauszuarbeiten, in denen den zu beobachtenden Einzelereignissen eine Bedeutung zukommt (Herrle und Dinkelaker 2016). Während es in der sogenannten Segmentierungsanalyse darum geht, den beobachten Gesamtablauf eines Interaktionsverlaufs in unterschiedliche Segmente zu gliedern, in denen jeweils ein anderes Prinzip der Koordination der Geschehensbeteiligten in ihren Äußerungen und Wahrnehmungsweisen wirksam wird, wird die Sequenzanalyse eingesetzt, um den sequenziellen Aufbau von Bedeutungen in der strukturierten Abfolge einzelner Äußerungen zu erschließen.

6 Quellenangaben

Danby, Susan und Caroly D. Baker, 2000. Unravelling the Fabric of Social Order in Block Area. In: Stephen K. Hester und David Francis, Hrsg. Local Educational Order: Ethnomethodological Studies of Knowledge in Action. Amsterdam: Benjamins, S. 91–140. ISBN 978-90-272-5088-9

Digel, Sabine und Josef Schrader, 2013. Diagnostizieren und Handeln von Lehrkräften: Lernen aus Videofällen in Hochschule und Erwachsenenbildung. Bielefeld: Bertelsmann, S. 7–23. ISBN 978-3-7639-5300-4

Dinkelaker, Jörg, 2010. Simultane Sequenzialität: Zur Verschränkung von Aktivitätssträngen in Lehr-Lernveranstaltungen und zu ihrer Analyse. In: Michael Corsten, Melanie Krug und Christine Moritz, Hrsg. Videographie praktizieren. Wiesbaden: Springer VS, S. 91–117. ISBN 978-3-531-17648-2

Dinkelaker, Jörg, 2016. Datengewinnung und -formate in der videobasierten Unterrichtsforschung. In: Udo Rauin, Matthias Herrle und Tim Engartner, Hrsg. Videoanalysen in der Unterrichtsforschung: Methodische Vorgehensweisen und aktuelle Anwendungsbeispiele. Weinheim: Beltz Juventa, S. 50–75. ISBN 978-3-7799-3300-7

Dinkelaker, Jörg, 2017. Reversible Selektivität. Zur videobasierten Rekonstruktion pädagogischer Interaktionen. In: Martin Heinrich und Andreas Wernet, Hrsg. Rekonstruktive Bildungsforschung – Zugänge und Methoden. Wiesbaden: Springer VS, S. 141–158. ISBN 978-3-658-18006-5

Dinkelaker, Jörg, 2020. Potentiale und Erträge der Theorieentwicklung durch erziehungswissenschaftliche Videographie. In: Michael Corsten, Melanie Pie und/Sabrina Zourelidis, Hrsg. Qualitative Videoanalyse in Schule und Unterricht. Weinheim: Beltz Juventa, S. 18–38. ISBN 978-3-7799-6159-8

Dinkelaker, Jörg und Matthias Herrle, 2009. Erziehungswissenschaftliche Videographie: Eine Einführung. Wiesbaden: VS-Verlag. ISBN 978-3-531-16863-0 [Rezension bei socialnet]

Erhorn, Jan, 2017. Räumliche (An-)Ordnungen im Sportunterricht. Potentiale einer räumlich akzentuierten Sportunterrichtsforschung. In: Zeitschrift für sportpädagogische Forschung. 5(2), S. 47–66. ISSN 2196-5218

Herrle, Matthias und Jörg Dinkelaker, 2016. Qualitative Analyseverfahren in der videobasierten Unterrichtsforschung. In: Udo Rauin, Matthias Herrle und Tim Engartner, Hrsg. Videoanalysen in der Unterrichtsforschung: Methodische Vorgehensweisen und aktuelle Anwendungsbeispiele. Weinheim: Beltz Juventa, S. 76–129. ISBN 978-3-7799-3300-7

Kade, Jochen und Sigrid Nolda, 2007. Das Bild als Kommentar und Irritation: Zur Analyse von Kursen der Erwachsenenbildung/​Weiterbildung auf der Basis von Videodokumentationen. In: Barbara Friebertshäuser, Heide von Felden und Burkhard Schäffer, Hrsg. Bild und Text: Methoden und Methodologien visueller Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Opladen: Budrich, S. 159–177. ISBN 978-3-86649-101-4 [Rezension bei socialnet]

Kade, Jochen, Sigrid Nolda, Jörg Dinkelaker und Matthias Herrle, 2014. Videographische Kursforschung: Empirie des Lehrens und Lernens Erwachsener. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-023929-6

König, Anke, 2009. Interaktionsprozesse zwischen ErzieherInnen und Kindern: Eine Videostudie aus dem Kindergartenalltag. Wiesbaden: VS Verlag. ISBN 978-3-531-16134-1 [Rezension bei socialnet]

König, Anke, Corinna Kühn und Janine Pollert, 2014. Lernen anhand der Video-Fall-Methode. Möglichkeiten und Grenzen neuer didaktischer Herausforderungen in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. In: Irene Pieper, Peter Frei, Katrin Hauenschild und Barbara Schmidt-Thieme, Hrsg. Was der Fall ist: Beiträge zur Fallarbeit in Bildungsforschung, Lehrerbildung und frühpädagogischen Ausbildungs- du Berfufsfeldern. Wiesbaden: Springer VS, S. 259–275. ISBN 978-3-531-19760-9

Moritz, Christine und Michael Corsten, Hrsg., 2018. Handbuch Qualitative Videoanalyse. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-15893-4

Rabenstein, Kerstin und Matthias Proske, Hrsg., 2018. Kompendium qualitative Unterrichtsforschung: Unterricht beobachten – beschreiben – rekonstruieren. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. ISBN 978-3-7815-2215-2

Rauin, Udo, Matthias Herrle und Tim Engartner, Hrsg., 2016. Videoanalysen in der Unterrichtsforschung: Methodische Vorgehensweisen und aktuelle Anwendungsbeispiele. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3300-7

Schluß, Henning und May Jehle, 2013. Videodokumentation von Unterricht: Zugänge zu einer neuen Quellengattung der Unterrichtsforschung. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-02499-4

Seidel, Tina und Manfred Prenzel, 2010. Beobachtungsverfahren: Vom Datenmaterial zur Datenanalyse. In: Heinz Holling und Bernhard Schmitz, Hrsg. Handbuch Statistik, Methoden und Evaluation. Göttingen: Hogrefe, S. 139–152. ISBN 978-3-8017-1848-0

Wagner-Willi, Monika, 2005. Kinder-Rituale zwischen Vorder- und Hinterbühne – Der Übergang von der Pause zum Unterricht. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-531-14283-8

7 Literaturhinweise

Dinkelaker, Jörg und Matthias Herrle, 2009. Erziehungswissenschaftliche Videographie: Eine Einführung. Wiesbaden: VS-Verlag. ISBN 978-3-531-16863-0 [Rezension bei socialnet]

Moritz, Christine und Michael Corsten, Hrsg., 2018. Handbuch Qualitative Videoanalyse. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-15893-4

Rauin, Udo, Matthias Herrle und Tim Engartner, Hrsg., 2016. Videoanalysen in der Unterrichtsforschung: Methodische Vorgehensweisen und aktuelle Anwendungsbeispiele. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3300-7

Verfasst von
Prof. Dr. Jörg Dinkelaker
Professur für Erwachsenenbildung/berufliche Weiterbildung
Arbeitsbereich Erwachsenenbildung/Weiterbildung
Institut für Pädagogik
Philosophische Fakultät III: Erziehungswissenschaften
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
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Zitiervorschlag
Dinkelaker, Jörg, 2022. Videografie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 10.01.2022 [Zugriff am: 04.07.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Videografie

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