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Visuomotorik

Dr. Henning Rosenkötter

veröffentlicht am 17.02.2022

Englisch: eye-hand coordination

Geltungsbereich: Der Beitrag behandelt in erster Linie die Visuomotorik von Kindern.

Mit Visuomotorik werden die Handbewegungen bezeichnet, die von den Augen und durch die visuelle Wahrnehmung gesteuert werden (Augen-Hand-Koordination).

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Beschreibung von Hand- und Visuomotorik
  3. 3 Funktionen der Handmotorik
  4. 4 Entwicklung der Hand- und Visuomotorik
  5. 5 Händigkeit
  6. 6 Beobachtung und Testverfahren für Kinder
  7. 7 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Der Artikel beschreibt die motorischen Leistungen der Hand, deren Differenzierung in Visuo- und Grafomotorik und ihre Entwicklung bei Kindern. Schließlich geht er auf die Händigkeit und auf Beobachtungskriterien und Testverfahren bei Kindern ein.

2 Beschreibung von Hand- und Visuomotorik

Zur Handmotorik gehören Bewegungen mit beiden Händen sowie die Bewegungen der Handgelenke und der Finger. Als Handgeschicklichkeit wird die Koordination der Bewegungen zur geschickten Manipulation von Gegenständen und zur Nutzung für alltägliche Objekt- und Umweltmanipulation bezeichnet (Bös und Ulmer 2003, Martzog 2014). Das Zusammenspiel der Koordination von Augen und Händen nennt man visuomotorische Koordination. An der Handmotorik ist auch das System der taktil-kinästhetischen Wahrnehmung (Tasten, Fühlen, Kontrolle der Position) beteiligt. Unter Grafomotorik wird der Gebrauch von Pinsel und Stiften, in erster Linie zum Malen und Schreiben verstanden. Im Schulalter bedeutet Grafomotorik die Koordination der Schreibbewegungen. Voraussetzung für eine gute grafomotorische Koordination sind die Beherrschung der Handmotorik, auch der visuellen Steuerung (Visuomotorik) und der taktil-kinästhetischen Steuerung.

Grundlagen für die Handgeschicklichkeit sind folgende Teilfunktionen:

  • Präzision der Koordination, 
  • Ausdauer, 
  • Muskelanspannung (Tonus) in Ruhe und in Bewegung, 
  • Kraft (auch Ausdauer der Kraft, Maximalkraft und Schnellkraft), 
  • Schnelligkeit von Bewegungsaktion und -reaktion, 
  • Beweglichkeit.

Weitere grundlegende Fertigkeiten sind:

  • die Sitzhaltung, 
  • die Kontrolle der Rumpfmuskulatur, 
  • die Abstützung auf einer Unterlage, 
  • das Zusammenspiel von Schulter, 
  • Arm und Hand 
  • und die Zusammenarbeit der beiden Hände.

Die Rückkopplungsschleife zwischen Wahrnehmung und Motorik umfasst die Kooperation zwischen den Sinneszellen für Berührung, Druck und Muskelkraft (taktile Sensorik) und den Reizaufnahme im visuellen System (visuelle Sensorik), die Verarbeitung in den Wahrnehmungssystemen, die Zusammenarbeit zwischen dem sensorischen und dem motorischen System und die Planung und Durchführung der motorischen Aktivitäten.

3 Funktionen der Handmotorik

Handmotorische Tätigkeiten umfassen unterschiedliche Funktionen und Ziele:

  • die unmittelbare Haltung oder Bewegung (z.B. zeigen, umblättern, aufdrehen),
  • den Körperkontakt mit sich und anderen (z.B. jemanden drücken, die Hand geben, durch die Haare fahren, hinter dem Ohr kratzen)
  • den Gebrauch von Werkzeugen (z.B. kämmen, malen, schrauben).

Zwei Funktionen sind herausragend:

  1. die Gegenbewegung (Opposition) zwischen Daumen und Zeigefinger und damit die Fähigkeit, einen Gegenstand zwischen der Zeigefinger- und der Daumenspitze zu ergreifen und zu halten.
  2. die Drehbewegungen (Rotation) der Hand und der Finger, die ein Abdrehen von Zweigen und Früchten, das Öffnen eines Schlosses oder eines Drehverschlusses und das Drehen eines Stiftes in der Hand erlauben.

Zu den Bewegungen, die erst spät (meist ab dem dritten Lebensjahr) erlernt werden, gehören die Handlungen mit kleinen Gegenständen in der Hand (In-Hand-Manipulation) (Schönthaler 2013). Damit werden Bewegungen erfasst, mit denen Gegenstände (kleine Kugeln, Münzen) von der Handfläche zu den Fingern verschieben werden, das Nachgreifen (bei Kartenspielen) und das Quer-Verschieben der Finger (beim Prüfen einer Oberfläche, z.B. von Stoff).

Schließlich gibt es das Zusammenspiel zwischen Handmotorik und Körpermotorik, z.B. beim Reichen und Zeigen, beim Tragen oder Loslassen, bei beidhändigen Tätigkeiten, beim Ballspiel, bei der Nutzung von Werkzeugen, bei Alltagshandlungen wie waschen, kämmen, an- und ausziehen, bei Drehbewegungen oder bei Armbewegungen, die durch das Sehen kontrolliert sind und eine Ausrichtung von Kopf und Rumpf benötigen.

4 Entwicklung der Hand- und Visuomotorik

Die wesentlichen Muster der Hand- und Visuomotorik lernen Kinder in den ersten drei Lebensjahren. Die Reifung der Handmotorik schreitet von der Handmitte zu den Fingerspitzen fort. Wird die Greifbewegung visuell gesteuert, spricht man vom aktiven Greifen. Wenn die Bewegungsmuster automatisiert wurde, ist die visuelle Kontrolle nicht mehr oder nur zu Beginn der Bewegung notwendig.

Die Grafomotorik ist ein Spezialfall der Visuomotorik: eine gerichtete und bewusst gesteuerte Handbewegung mit einem Mal- oder Schreibwerkzeug (Pinsel, Stift, Füller). Streng genommen beginnt die Grafomotorik schon vor dem Gebrauch von Pinsel, Stift und anderen Malgeräten, dann nämlich, wenn die ganze Hand oder ein Finger als „Malwerkzeug“ eingesetzt werden. Das Erlernen der Grafomotorik ist in hohem Maße von der sozialen und kulturellen Umgebung abhängig. Nicht jedem Kind stehen ab dem Ende des ersten Lebensjahres Malstifte und Papier zur Verfügung. Dann jedoch lernen die meisten Kinder die Grundlagen der Grafomotorik im Alter von zwei bis vier Jahren.

Entwicklungsschritte des Greifens im Säuglingsalter:

  • Faustgriff: Greifen mit der Handfläche
  • Scherengriff: Greifen mit gestreckten Fingern und gestrecktem Daumen
  • Pinzettengriff: Daumen und gestrecktem Zeigefinger
  • Spitzgriff: Kuppe des Daumens mit Kuppe des gebeugten Zeigefingers

Entwicklungsschritte der Grafomotorik

  • Spuren und Schmieren (8-16 Monate)
  • Kritzeln (12-36 Monate)
  • Kreisschluss (3;0-3;6 Jahre)
  • Kopffüßler (3;6-5 Jahre)
  • Frühe Schemaphase (ab 4 Jahre): grafische Grundformen wie Kreis, Rechteck (4,0-4;6 Jahre), Dreieck (5;0-5;6 Jahre), Basisstrich in einer Zeichnung
  • Erste Schemaphase (5-8 Jahre): Größenverhältnisse der Objektteile nähern sich der Realität, neue Grundmuster (Schrägkreuz, Viereck, Quadrat, Raute, Wellen- und U-Formen, Zickzacklinien, Schleifenlinien) werden eingebaut und sind Grundlage für erste Druckbuchstaben, differenziertere Darstellung in der Zeichnung
  • Zweite Schemaphase (7-12 Jahre): Proportionen, Dimensionen, Perspektiven, Darstellung von Bewegung, räumliche Darstellung. Differenziertheit ist abhängig von Begabung, Motivation, kulturellem und ökonomischem Hintergrund.

5 Händigkeit

Lateralisation (Seitigkeit) ist die anatomische oder die funktionelle Spezialisierung und Dominanz einer Hirnregion gegenüber der gegenseitig gleichen Region. Solche funktionalen Asymmetrien gibt es in der Motorik, der Sensorik sowie in der visuellen und der auditiven Verarbeitung. Die Lateralisation ist in der Evolution entstanden und überwiegend genetisch und hormonell determiniert, selten durch Hirnschädigung und Erkrankung verursacht.

Die Dominanz einer Hand (Händigkeit) ist ein Funktionskontinuum, bei dem 3–6 % aller Menschen eindeutig linkshändig und 60–70 % eindeutig rechtshändig sind, die übrigen aber gewisse Funktionen bevorzugt mit links oder rechts verrichten, also mehr oder weniger funktionell beidhändig sind. Am Ende des dritten Lebensjahrs haben sich die meisten Kinder für eine dominante Hand entschieden. Mit dieser Arbeitshand verrichten sie die meisten Handlungen, die andere Hand fungiert als Haltehand.

Linkshändigkeit beeinträchtigt keine kognitiven Funktionen, aber Linkshänder brauchen in der Visuo- und Grafomotorik spezielle Bedingungen: eine besondere Sitzposition beim Schreiben (rechts vom Papier), eine besondere Stifthaltung (mit allen Fingern, Steilstellung des Stifts, umfahrende Bewegungsmuster) und besondere Materialien (z.B. Linkshänder-Schere, Tintenroller, Schreibunterlage, Schäler, Öffner, Musikinstrumente).

6 Beobachtung und Testverfahren für Kinder

Die Beobachtung der Visuomotorik und Grafomotorik bei Kindern richtet sich auf:

  • Bewegungsabläufe der Finger, der Hand, des Handgelenks und des Unterarms sowie assoziierte Bewegungen des Oberarms und des Rumpfs
  • Druck der Finger und der Unterarmmuskulatur
  • Dauer und Intensität des Haltens und des Loslassens
  • Zielgenauigkeit der Bewegung
  • Flüssigkeit der Bewegung
  • Stifthaltung

Tests zur Prüfung der Visuomotorik und der Händigkeit:

  • Developmental Test of Visual Perception (DTVP-2)
  • Frostigs Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung (FEW-2)
  • Punktiertest für Kinder (PTK)
  • Motorische Leistungsserie im Wiener Determinationstest
  • Handpräferenztest (HAPT 4–6)
  • Hand-Dominanz-Test (H-D-T)

7 Quellenangaben

Bös, Klaus und Jeffery Ulmer, 2003. Motorische Entwicklung im Kindesalter. Monatsschrift für Kinderheilkunde, 151. 14–21

Groschwald, Anne, Henning Rosenkötter und Dagmar Schuh, 2018. Handmotorik von Kindern. Freiburg: Herder. ISBN 978-3-451-37942-0

Martzog, Philipp, 2015. Feinmotorische Fähigkeiten und kognitive Fähigkeiten bei Kindern im Vorschulalter. Marburg: Tectum. ISBN 978-3-8288-3573-3

Rosenkötter, Henning, 2021. Motorik und Wahrnehmung im Kindesalter. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-036236-9 [Rezension bei socialnet]

Schönthaler, Erna, Hrsg. 2020. Grafomotorik und Händigkeit. 2. Auflage. Stuttgart: Thieme. ISBN 978-3-132-42844-7

Verfasst von
Dr. Henning Rosenkötter
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Zitiervorschlag
Rosenkötter, Henning, 2022. Visuomotorik [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 17.02.2022 [Zugriff am: 30.06.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Visuomotorik

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